04.07.2006

Autor*in

Veronika Schuster
ist ausgebildete Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Sie hat mehr als 10 Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Co-Kuratorin für verschiedene Ausstellungsprojekte und Kultureinrichtungen (u.a. Museum Georg Schäfer, Klassik Stiftung Weimar, Marion Ermer Stiftung) gearbeitet. Nebenbei arbeitet sie als Lektorin und Projektleiterin für unterschiedliche Publikationsformate.
Kultur mit Sport vereint

DFB-Kulturstiftung zur WM 2006

Das Kunst- und Kulturprogramm im Vorfeld zur Fifa-Weltmeisterschaft 2006 hat viel Aufmerksamkeit in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen erhalten und vielleicht auch zu Diskussionen um eine Beziehung von Kultur und Fußball geführt. Der Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung, Dr. Volker Bartsch, spricht in diesem Interview über die Initiative, über die Projekte und deren Erfolg, aber auch über Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit der Fifa und über das was von dem Programm bleiben wird.
Kulturmanagement Network: Herr Dr. Bartsch, wie sind Sie zur DFB-Kulturstiftung gekommen?

Dr. Volker Bartsch: Eigentlich durch Zufall. Ich habe nach dem Studium mehrere Tätigkeiten im Kultur-Medien-Bereich ausgeübt und bin nie ewig an irgendeiner Stelle stehen geblieben. Die Geschäftsführung der DFB-Kulturstiftung habe ich erhalten, da sich in einer gewissen Notlage der Aufsichtsratsvorsitzende meiner erinnerte und mich gefragt hat.

KMN: Warum eine DFB-Kulturstiftung und warum erstmals ein derart umfassendes Kulturprogramm zur WM? Was war die Hauptintention? Was sind Ziele der Kulturstiftung?

VB: Als Deutschland den Zuschlag für die WM bekommen hat, haben sich u.a. die Herren Schröder, Beckenbauer, Schily und Heller zusammengesetzt und überlegt, ob man nicht neben der Fußballweltmeisterschaft auch darauf hinweisen kann, dass dies ein Land mit einer sehr vielfältigen und interessanten Kultur ist. Zudem sollte mit einem solchen Programm die Vorfreude auf dieses Weltereignis geweckt werden. Diese Überlegungen endeten letztendlich in der Gründung eines kleinen Apparates, der DFB- Kulturstiftung, der das verwirklichen sollte.

KMN: Wie verliefen die Ausschreibung und die Auswahl der Projekte? Wer waren die Antragssteller? Nach welchen Kriterien wurde entschieden?

VB: Das gemeinsame Vorhaben des DFBs und der Bundesregierung hat sich sehr schnell in der Kulturszene herumgesprochen. Woraufhin sich mehr als 400 Institutionen, Personen, Künstler, Theater usw. mit Vorschlägen und Projekten beworben haben. Unser Aufsichtsrat hat dann mehrfach getagt und sich wirklich alles - was in diesem Büro vorbereitet wurde - angesehen. Der erste Gesichtspunkt der Entscheidungen war nach Qualitätskriterien. Dann spielten natürlich auch noch solche Fragen, wie regionale Streuung und eine möglichst breite Palette des Kulturangebotes eine Rolle.

KMN: Wie gestalten sich die finanziellen Strukturen der Kulturstiftung? 30 Millionen Euro kamen ja aus dem Erlös der Sondermünzen der Bundesregierung.

VB: Wir haben zusätzlich Sponsoren akquiriert, so dass objektiv etwas mehr als 30 Millionen zur Verfügung gestanden haben, und wir werden auch diese Summe unmittelbar in Kulturprojekte gesteckt haben.

KMN: Wie verlief die Organisation der vielen Projekte? Wie haben Sie diese unterstützt bzw. überblickt?

VB: Das ist alles sehr verschieden. Die Projekte sind im Prinzip autonom und vertraglich nicht an Weisungen gebunden. Zudem sind wir keine Durchführungsorganisation. Wir haben uns für bestimmte Projekte entschieden und eine bestimmte Summe zugewiesen. An dieses Budget müssen sie sich halten und ansonsten geben wir jede Unterstützung, die wir leisten können. Wir kooperieren mit so gut wie allen Projekten in äußerst produktiver und freundschaftlicher Form.

KMN: Also eine repräsentative Funktion der Stiftung?

VB: Nicht ganz. Wir organisieren z.B. am zweiten Juli ein großes Abschlusskonzert am Brandenburger Tor mit Ingo Metzmacher als Dirigenten und dem Deutschen Symphonieorchester: Ein großes Open-Air-Konzert mit freiem Eintritt, direkt dort wo die Fans sind. Wir schaffen dafür die Voraussetzungen mit der Arbeitsgemeinschaft, die diese Fanmeile betreibt. Wir verhandeln mit der Stadt, mit dem Bürgermeister. Das Orchester gibt die Bestimmungen für die Bühne vor, wir verhandeln mit der Arbeitgemeinschaft um die Vergrößerung der Bühne und um die benötigte Technik etc. Es läuft alles sehr zwanglos, völlig unkompliziert und am Ergebnis orientiert. Das ist ein Beispiel für eine sehr enge Zusammenarbeit. Andere Projekte melden lediglich die Fertigstellung und sprechen eine Einladung zur Premiere aus.

KMN: Diesen Projekten wird also völlig freie Hand gelassen, solange sie sich an den Vertrag halten?

VB: Richtig.

KMN: Wie sieht dabei die Erfolgsmessung aus?

VB: Erfolgsmessung ist bei Kunst und Kultur immer eine relative Angelegenheit. Wir verlangen keine bestimmten Zuschauerzahlen. Wir achten darauf, dass die von uns erwünschte Qualität wirklich eingehalten wird und sind damit zufrieden. Wir sammeln das Medienecho: Es gibt Projekte, die ganz großartig laufen und andere erfüllen nicht die Erwartungen oder Vorstellungen der Veranstalter.

KMN: Wie war die Ansprache der bisherigen Projekte? Wie viele Besucher insgesamt sind kurz vor Ende zu erwarten?

VB: Wir werden 2,5 Millionen Besucher bei unseren Veranstaltungen und Projekte haben. Das ist natürlich eine gewaltige Zahl, fast so viele wie in den Fußballstadien gewesen sein werden. Das hat damit zu tun, dass der Fußballglobus, der durch deutsche Städte getourt ist und nun auf dem Pariser Platz steht, hier seinen 1 Millionsten Besucher erwartet. Wir hatten noch einen kleinen Globus, der in Tokio, Zürich, Paris und Mailand mit interaktiven Möglichkeiten für die WM geworben hat und von 600.000 Leuten genutzt wurde. Also schon 1,6 Millionen. Zudem waren wir als Förderer an dem Riesenprojekt Sky-Arena in Frankfurt mit 500.000 Menschen beteiligt. Womit wir bei 2,1 Millionen Besuchern wären. Wir waren an dem Drei- Orchesterprojekt in München mit 20.000 Zuschauern als wesentlicher Förderer beteiligt. Und so kommen wir am Ende faktisch auf 2,5 Millionen Menschen.

KMN: Kennen Sie die Struktur der Besucher? Wie viele ausländische Besucher kamen? Oder gab es gerade bei den Ausstellungen und im Theater das übliche Publikum?

VB: Eine statistische Kontrolle und Erhebung haben wir nicht gemacht. Es ist so, dass bei den Ausstellungen schon eher die bekannten Besucher als die Fußballfans waren, ebenso bei den Theaterprojekten. Aber es sind auch ganz sicher eine Menge Leute, die sich vornehmlich für Fußball interessieren, angesprochen und zu einem Besuch der Kulturprojekte angeregt worden. Z.B. bei der Ausstellung "Rundlederwelten" im Martin-Gropius-Bau: Hier lag ein Gästebuch aus, das von sehr vielen Besuchern genutzt wurde. Fast durchgängig sehr interessierte Kommentare und auch manche mit "Fußball ist doch schöner als Kunst". Aber dem und anderen Indizien entnehmen wir, dass es eine erhebliche Menge an Leuten gegeben hat, die nicht selbstverständlich in Museen oder Konzerte gehen und das, vermittelt über das Medium Fußball, getan haben. Und das war ja auch das Ziel. Was die ausländischen Besucher anbelangt - die meisten unserer Projekt haben ganz bewusst vor der WM stattgefunden und daher sind Besucher aus dem Ausland nicht bewusst angereist. Wir haben auch Projekte, die im Ausland gelaufen sind und viele Besucher gezogen haben, besonders mit dem Goethe-Institut. Aber der Schwerpunkt lag schon hier im Lande.

KMN: Wie hat sich bei dem ganzen Kulturprogramm die Zusammenarbeit mit der Fifa gestaltet? Hatte sie Einfluss? Oder lief die Organisation unabhängig von ihr?

VB: Letzteres wäre gut gewesen. Aber man hatte am Anfang gesagt, dass es ein Kulturprogramm zur Fifa WM ist und mit der Fifa abgestimmt wird. Das hat dazu geführt, dass die Fifa ihre strikten Marketingregeln auch auf Kunst und Kultur in einem sehr strengen Sinne versucht hat anzuwenden. Es hat uns in vielen Punkten sehr geärgert und behindert. Im Großen und Ganzen haben wir es beide überlebt.

KMN: Welche konkreten Probleme entstanden bei der Zusammenarbeit?

VB: Wenn z.B. ein Theater ein Programmheft mit einem Beitrag von uns macht, und das traditionell von der öffentlichen Sparkasse gesponsert wird, erlaubt das die Fifa nicht, da die Sparkasse keiner unserer Förderer ist. Also oft bis ins Absurdeste getrieben. Ich übe hier auch etwas Selbstkritik, da wir uns eigentlich viel weniger um die Fifa hätten kümmern sollen, als wir es getan haben.

KMN: Welches Fazit ziehen sie neben dem faktischen Erfolg? Was konnte das Kulturprogramm im In- und Ausland kommunizieren?

VB: Das ist eine schwierige Frage. Herr Beckenbauer hat laut FAZ gesagt, dass auch Kunst und Kultur im Vorfeld zu der enorm guten Stimmung und Atmosphäre im Land beigetragen haben. Damit meint er nicht ausschließlich uns, da es auch sehr viele andere Aktivitäten in Städten und Gemeinden gibt, die irgendwie mit Fußball zu tun haben.

KMN: Hat Fußball also auch einen Einfluss auf die hiesige Kunst- und Kulturlandschaft ausgeübt?

VB: Ja. Wir waren bei weitem nicht die einzigen, die sich rund um die Fußball-WM etwas haben einfallen lassen. Das alles hat das Land und viele Menschen in Bewegung gesetzt, das Gefühl vermittelt, dass etwas ganz besonderes kommt und hat sicherlich zu einem kleinen Teil dazu beigetragen, das die WM jetzt so ist wie sie ist. Natürlich ist das wesentliche das Wetter, die überraschend gute Nationalmannschaft - das ist ganz klar. Aber irgendwo am Rande, im Vorfeld haben wir einen kleinen positiven Einfluss gehabt.

KMN: Wie haben Sie kommuniziert, dass es neben Fußball eine vielfältige Kunst- und Kulturlandschaft gibt?

VB: Wir haben das natürlich versucht und partiell ist uns das auch geglückt, z.B. mit der großen Kunstausstellung im Gropius-Bau. Da gab es das eine oder andere Medienecho im europäischen Ausland. In den USA dagegen interessiert sich kein Mensch für die Fußball-Weltmeisterschaft, geschweige denn für ein Kunst- und Kulturprogramm. Wir haben es geschafft, dass die Herald Tribune einen Artikel geschrieben hat. Die große Ausstellung mit Magnumfotos in allen Goetheinstituten hat sehr intensiv dafür geworben. Zu dieser gab es unendlich viel lokale Presse, vor allem in Südamerika.

KMN: Also konnte ein Verhältnis Fußball und Kultur eher im Inland kommuniziert werden?

VB: Ja, ganz eindeutig. Unsere Agentur hat hochgerechnet, dass jeder Deutsche ungefähr 36 Mal von uns gehört und gelesen haben muss. Wenn wir eine Meldung in der Bildzeitung hatten, sind das potentiell 12.000.000 Leser. Im Inland war und ist die Kommunikation sehr intensiv.

KMN: Würden Sie sagen, dass Kultur dem Fußball etwas bringt und umgekehrt? Das es da ein Verbindung gibt?

VB: Das ist die schwierigste aller Fragen, mit der wir uns von Anfang an plagen. Für die Feuilletonisten ist es noch relativ leicht, einen Zugang zu unserem kulturellen Anliegen zu finden. Für die Sportredakteure dagegen ist es ausgesprochen schwierig, sich darum zu kümmern, dass es z.B. ein Theaterstück über das Leben eines legendären Fußballers gibt. Es existiert kein Interesse, und eine Brücke zu schlagen, ist daher nicht ganz einfach. Im Übrigen, Philosophien, dass Fußball und Kultur etwas miteinander zu tun haben, davon gibt es tausend Varianten von "gar Nichts" bis zu "Fußball ist nichts anderes als ein Abbild des Lebens". Ich würde sagen, Fußball ist so einfach und so inhaltsleer, dass es sich als Projektions- und Inhaltsfläche für alles und jedes eignet und warum dann nicht auch für Kultur? So nüchtern würde ich das beschreiben.

KMN: Was bleibt von den Veranstaltungen, wurden Akzente und Anstöße über die WM hinaus gesetzt?

VB: Also ganz sicher insofern, dass dies das erste Programm dieser Art gewesen ist und wir stark vermuten, dass bei der Europameisterschaft in der Schweiz und in Österreich und auch zur nächsten WM in Südafrika etwas Ähnliches stattfinden wird - so gesehen beispielgebend. Inhaltlich ist es fast ein bisschen zu früh zu sagen, was davon bleiben wird. Es waren Kulturevents wie andere auch. Es waren schöne und interessante Projekte, die irgendwann zu Ende sind und andere kommen.

KMN: Was passiert mit der Kulturstiftung in der Zukunft?

VB: Wir gehen davon aus, dass der DFB, der ja einige Stiftungen - wie die Egidius-Braun-Stiftung u.ä. - die sich um soziale Belange kümmert, unterhält, diese Kulturstiftung erhalten wird. Er wird die Satzung ändern, sie allgemeiner definieren und wird sich überlegen, mit welchem Geld er sie nach der WM ausstatten kann. Die Stiftung wird es weiterhin geben, aber nicht annähernd in einer solchen Größenordnung wie jetzt.

KMN: Herr Dr. Bartsch, ich bedanke mich für das Gespräch!
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