10.01.2008

Themenreihe Festivalmanagement

Autor*in

Veronika Schuster
ist ausgebildete Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Sie hat mehr als 10 Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Co-Kuratorin für verschiedene Ausstellungsprojekte und Kultureinrichtungen (u.a. Museum Georg Schäfer, Klassik Stiftung Weimar, Marion Ermer Stiftung) gearbeitet. Nebenbei arbeitet sie als Lektorin und Projektleiterin für unterschiedliche Publikationsformate.
Festival als Marketinginstrument

Schokolade - Die besondere Marketingstrategie

Chili, Schwarzer Pfeffer, Curry, Lavendel, Zitronengras, Ingwer, Feige, Wasabi sind die ungewöhnlichen Zutaten, die einem immer häufiger beim Kauf einer Tafel Schokolade begegnen. - Die aktuelle Experimentierfreudigkeit der Chocolatiers ist unerschöpflich, die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt und die Probierfreudigkeit der Konsumenten unendlich. Schokolade, früher Kultgetränk der Azteken, von den spanischen Eroberern nach Europa gebracht und dort nur einer kleinen adeligen und sehr reichen Oberschicht vorbehalten, ist heute mehr denn je en vogue. In jeder Stadt kann man neu eröffnete Chocolaterien entdecken, Schokolade ist Bestandteil von Pflegeprodukten, Thema in unendlich vielen Büchern und immer mal wieder eines erfolgreichen Kinofilms. In Tübingen feierte man im Dezember 2007 bereits das zweite Mal das einzige deutsche Schokoladen-Festival. Und Schokoladenerzeugnisse sind die wichtigsten Träger der Deutschen Süßwarenindustrie, die jährlich über 900.000 Tonnen produziert und nahezu die Hälfte davon exportiert. Schokolade ist ein wichtiger Teil unserer Kultur geworden.
KMN: Warum ein Schokoladen-Festival in Tübingen? Was waren die Gründe für diese Initiative?

Hans-Peter Schwarz: Die Gründe für diese Initiative waren, dass der Handel- und Gewerbeverein Tübingen nach einer Möglichkeit gesucht hat, ein bundesweit einzigartiges Fest zu veranstalten, um möglichst viele Menschen nach Tübingen zu locken. Das Thema Schokolade passt nun wunderbar zur Vorweihnachtszeit und ist sehr positiv besetzt zudem gibt es in Deutschland kein vergleichbares Festival. Es gibt einige Museen zum Thema Schokolade, aber eben kein Festival. So haben wir begonnen, das Konzept zu entwickeln.

KMN: Sind Sie alleinige Veranstalter oder haben andere Einrichtungen, wie z.B. die Stadtverwaltung teilgenommen?

HPS: Der Handel- und Gewerbeverein Tübingen ist der Gesamt-Veranstalter. Es gibt aber viele engagierte und unterstützende Partner, so z.B. auch die Stadtverwaltung Tübingen.

KMN: Über den Verkaufseffekt hinaus: Wie wichtig war der Aspekt des Tourismus?

HPS: Das Festival ist eine Marketingstrategie. Es geht darum, den Tübinger Einzelhandel und die Gastronomie in der Vorweihnachtszeit zu stärken. Viele Städte in vergleichbarer Größe haben einen mehrwöchigen Weihnachtsmarkt Tübingen nicht. Wir haben nur einen mit einer sehr kurzen Laufzeit über drei Tage, der hauptsächlich von Vereinen und Ehrenämtlern organisiert und getragen wird. Er wird dadurch natürlich zu etwas besonderem, in diesem Jahr mit über 400 Ständen, ist aber einfach zu kurz. Viele Menschen suchen in der Adventszeit aber die weihnachtliche Atmosphäre. Wir wollten nicht den 100sten Abklatsch eines Weihnachtsmarktes veranstalten, sondern ein Festival, das die Menschen aus dem Umland in die Stadt holt. Das ist uns gelungen: Es sind in diesem Jahr Besucher aus ganz Deutschland und teilweise aus Europa angereist.

KMN: Es war also die Suche nach dem besonderen Etwas?

HPS: Ja und hinzu kam, dass unsere Partnerstadt in Italien - Perugia das größte Schokoladen-Festival der Welt, mit mehr als 1 Million Besuchern, hat und uns das natürlich etwas inspiriert hat.

KMN: Wie ist die Organisation für das Festival aufgebaut? Wie kamen beispielsweise die Kontakte zu den teilnehmenden Chocolatiers zustande?

HPS: Das Festival-Team besteht aus zwei Personen, die ehrenamtlich arbeiten. Ich bin im Hauptberuf Unternehmensberater, muss meine Kunden akquirieren und so bin ich auch bei der Organisation für das Festival vorgegangen. Wir haben das Konzept aufgestellt und zunächst nach Partnern vor Ort gesucht, angefangen beim Landestheater, über die Stadtverwaltung, den Hörfunk, dem Museum etc. Wir haben auf diesem Weg viele Partner gefunden, die mit eigenen Programmpunkten dieses Festival bereichern. Anschließend haben wir das Konzept festgeschrieben, eine Datenbank mit allen Chocolatiers, Schokoladefabriken Europas angelegt und diese angeschrieben.

KMN: Aus wie vielen Ländern haben Sie Teilnehmer begrüßen können?

HPS: Erzeuger von Schokolade war in diesem Jahr aus 8 oder 9 Ländern zu Gast. Durch die vielen Händler konnten wir allerdings Produkte aus allen Ländern der Welt präsentieren. Ein Schokoladen-Club bot Schokoladen aus 27 Ländern der Welt an.

KMN: Wie wird das Festival finanziert? Nur über Teilnehmergebühr oder auch durch Sponsoring?

HPS: Es wird einerseits über die Standgebühren der teilnehmenden Betriebe finanziert. Mit dieser Gebühr versuchen wir die Werbung und das Marketing zu stärken. Für das Beiprogramm haben wir Sponsoren gesucht, die uns finanziell unterstützen. Wir hatten dieses Jahr etwas kostspieligere Projekte: Wir hatten die Fernsehköche Sarah Wiener und Eckhard Witzigmann engagiert, die von Sponsorengeldern abgedeckt werden mussten. Der größte Kostenblock in diesem Jahr war das Beleuchtungskonzept, das wir umgesetzt hatten auch hierfür haben wir Sponsoren gesucht.

KMN: Wie können Sie den Erfolg des Festivals beschreiben?

HPS: Das Festival wird hervorragend angenommen. Wir hatten 120.000 Besucher an 6 Tagen eine phänomenale Zahl. Wir hatten Besucher aus ganz Europa. Ganze Reisegruppen sind mit Bussen angekommen. Die Direktorin aus dem Schokoladenmuseum in Köln war zu Besuch. Man merkt, wie positiv das Thema Schokolade besetzt ist. Und wir haben schon jetzt Anfragen aus ganz Europa nach dem nächsten Termin.

KMN: Das Thema Schokolade scheint ein besonderer Trend zu sein: Es eröffnen immer mehr Chocolaterien, es gibt zahlreiche Experimente mit Zutaten

HPS: Schokolade ist seit mehreren Jahren voll im Trend. Wir hatten zwar letztes Jahr unsere Premiere, planten das Projekt aber schon viel länger. Und wir denken, dass wir zum richtigen Zeitpunkt eingestiegen sind.

KMN: Hat der Erfolg des Festivals Saison unabhängig Auswirkungen auf das Image von Tübingen?

HPS:
Wenn wir beobachten, wie viele Fernseh- und Radiosendungen in letzter Zeit gelaufen sind, wie dick unsere Pressemappe ist, dann sind die Außenwirkungen gewaltig. Es gibt zahlreiche Menschen aus dem Baden-Württembergischen Raum, die wegen des Festivals zum ersten Mal Tübingen besucht haben. Und wir denken, dass viele Besucher des Festivals auch Tübingen schätzen gelernt haben und zu anderen Anlässen wieder kommen werden.

KMN: Herr Schwarz, ich bedanke mich für das Gespräch!
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