07.09.2015

Autor*in

Eva Göbel
verantwortet die Drittmittelakquise für den städtischen Eigenbetrieb „JenaKultur“. Zuvor arbeitete sie als Kulturmanagerin u.a. für die IBA Thüringen, als Redakteurin und Journalistin, unter anderem bei Kultur Management Network. Sie studierte Literatur, Kunst und Kultur in Göttingen, Paris und Jena.
Progressive Klassik und kluges Marketing

Wenn nicht fürs Publikum, für wen dann?

Als Violinduo The Twiolins bringen die Geschwister Marie-Luise und Christoph Dingler frischen Wind in die Klassik - und das nicht nur musikalisch. Ihren Traum, vom Musik machen leben zu können, verwirklichten sie auf ihre ganz eigene Art und Weise. Seit 2009 schreiben sie alle drei Jahre den Crossover Composition Award aus, bei dem junge KomponistInnen aus aller Welt ihre Stücke ins Rennen um den Publikumspreis schicken.
KMN: Liebe Frau Dingler, dieses Jahr riefen Sie erneut MusikerInnen zur Teilnahme am Crossover Composition Award (CCA) mit dem Motto Schreib den Superhit! auf. Warum dieser Slogan, der eher nach Deutschland sucht den Superstar klingt, als nach Kammermusik?

Marie-Luise Dingler: Wir haben den Slogan bereits für den ersten Wettbewerb 2009 bewusst in Anlehnung an Castingshows wie Superstar oder Supertalent gewählt, weil es solche Formate in der Klassik nicht gibt. Man kann über RTL sagen, was man möchte. Aber die Formate sind enorm erfolgreich und funktionieren, weil sie unterhaltsam sind und Spannung erzeugen. Wir haben uns damals gedacht: Die Klassik braucht genau so etwas! Das ist der Gedanke hinter dem Slogan. Den Wettbewerb haben wir gegründet, weil wir Musik für unser Geigen-Duo gesucht haben. Das entstand aus der Not heraus, da die zeitgenössische Neue Musik, die mitunter für uns geschrieben wurde, nicht unseren Vorstellungen entsprach. Es gibt zwar ganz tolle Neue Musik. Aber für zwei Geigen kann es schwierig werden, wenn es ins Geräuschhafte und Atonale übergeht. Aus der Alten Musik können wir ebenfalls wenige Stücke für unsere Besetzung spielen. Das Repertoire ist sehr klein und es gibt keine namhaften Komponisten keinen Mozart und keinen Brahms. Wir wollen aber auch heute Stücke spielen, die von einem Mozart der Jetzt-Zeit stammen könnten. Und wir brauchen eine gewisse Musikalität und Tonalität für die Geige.

KMN: Sie wollten ein ganz neues Repertoire für ihre Besetzung als Violinduo haben. Wie kamen Sie ausgerechnet darauf, einen Wettbewerb ins Leben zu rufen?

Marie-Luise Dingler: Uns ist bereits sehr früh aufgefallen, dass uns als Geigen-Duo nur ein begrenztes Repertoire zur Verfügung steht. Daher waren wir immer auf der Suche nach neuen Stücken und haben in Archiven und Bibliotheken geforscht. Viele dieser Fundstücke haben wir vor Publikum gespielt und dabei auf dessen Reaktionen geachtet. Das Feedback auf unser technisches Violinspiel war durchweg positiv. Aber uns hat der Wow!-Effekt gefehlt. Das war einer der Beweggründe für den Wettbewerb. Ein anderer lag darin, dass wir immer wieder in schwierige Situationen kamen, wenn wir Aufträge an Komponisten vergaben. Wenn uns ein Stück nicht gefällt, stehen wir vor der Bredouille, es doch aufführen zu müssen, obwohl wir nicht ganz dahinter stehen. Oder wir lassen es und verärgern damit den Komponisten. Ein Wettbewerb bietet die Möglichkeit, viele neue Kompositionen zu bekommen, ohne den Zwang, jede einzelne zur Aufführung bringen zu müssen. Für unser Publikum können wir die besten Stücke auswählen und es dann über die Gewinner des Finales selbst entscheiden lassen. Außerdem gehört das Format des Wettbewerbs zum Musiker-Alltag und ist den meisten bestens vertraut.

KMN: Sie nehmen Ihr Publikum sehr ernst. Schließlich sind es die ca. 400 BesucherInnen der Final-Show, die über die PreisträgerInnen abstimmen. Was würden Sie jemandem entgegen, der sagt, das Publikum besäße für diese Entscheidung nicht die nötig Expertise?


Marie-Luise Dingler: Die Einsendungen werden vorab von mir und meinem Bruder, sowie einer Fachjury gesichtet. Die Kompositionen, die ins Finale kommen, haben uns aus der Vielzahl der Einsendungen heraus überzeugt und sind demnach sehr hochwertig. Über diese Finalisten entscheidet dann das Publikum, für das wir letztendlich spielen. Ob das Publikum eine Expertise besitzt oder nicht, ist nicht wichtig. Wir sind gefordert, das Publikum auf unseren Konzerten zu begeistern. Ob wir am Ende Applaus bekommen, ob unsere CDs gekauft werden das entscheidet allein das Publikum. Sie sind unsere Nutzer. Wenn unsere Musik ihnen nicht gefällt, wäre der ganze Aufwand umsonst.

KMN: Auf die aktuelle Ausschreibung des CCA antworteten über 350 BewerberInnen aus 44 Nationen. Wie haben Sie es angestellt, so viele MusikerInnen über jegliche Distanzen hinweg anzusprechen?

Marie-Luise Dingler:
Wir haben uns auf die Bewerbung des Wettbewerbs gut vorbereitet und viel recherchiert. Wir haben zum Beispiel eine Liste aller Musikhochschulen weltweit erstellt. Viele Gruppen, Verbände, Gesellschaften und Personen, die Kontakt zu Komponisten herstellen können oder selbst welche sind, haben wir über das Internet ausfindig machen können. Zudem haben wir in den letzten Jahren viele persönliche Kontakte zu Komponisten aufgebaut. Aus all dem haben wir einen großen E-Mail-Verteiler erstellt, über den die Bewerbung des Wettbewerbs lief. Die Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben wir zusätzlich mit Flyern und Plakaten versorgt. Und wir haben regelmäßig auf Facebook Werbung für den Wettbewerb gemacht.

KMN: Sie haben einen YouTube-Account, sind auf Twitter unterwegs und Ihre Videos stehen auf Vimeo. Ist es für klassische MusikerInnen, die ihre Musik selbst vermarkten wollen, heutzutage ein Must-have, diese digitalen Kanäle zu bespielen?

Marie-Luise Dingler: Es ist auf jeden Fall wichtig, auf digitalen Kanälen und in Social Media präsent sein, gerade, wenn man langfristig jüngere Leute erreichen möchte. Zwar gibt es andere Musikrichtungen, wie das Pop-Genre, bei denen die digitalen Kanäle noch besser funktionieren und mehr Leute erreicht werden. Aber auch für die Klassik werden diese Kanäle immer wichtiger. Das merke ich zum Beispiel durch unserer Facebook-Seite, die von unserem Publikum gerne gelesen und verfolgt wird. Ich poste regelmäßig Inhalte darüber, wo wir spielen, ob wir auf Tour sind, und wie der Stand zum Wettbewerb ist. Bei Konzerten geben uns die Menschen oft die Rückmeldung, dass sie sich über unseren Facebook-Auftritt über uns informieren. Wir sehen aber in den Plattformen, die uns das Internet bietet, insbesondere die Möglichkeit zum Austausch mit unseren Zuhörern. Es sind sogar bereits Konzerte zustande gekommen, weil andere jungen Musikern und Kulturschaffenden über Facebook auf uns aufmerksam geworden sind und wir uns miteinander vernetzt haben.

KMN: Der Crossover Composition Award erreicht und vernetzt viele Musiker und Komponisten und wird jedes Mal noch internationaler. Was tun sie, damit die erlangte Reichweite und Internationalität nach dem Wettbewerb nicht verpuffen?

Marie-Luise Dingler: Wir haben eine Kooperation mit dem Musikverlag Peermusic classic aufgebaut, der die Preisträger unter Vertrag nimmt, falls sie nicht schon durch einen anderen Verlag vertreten werden. So profitieren unsere Preisträger neben dem Preisgeld davon, dass ihre Noten gedruckt werden und für andere Musiker international verfügbar sind. Wir beobachten, dass die Preisträger-Stücke gespielt werden und weiter Verbreitung finden. Als im letzten Jahr beim Jugendmusikwettbewerb Jugend musiziert wieder die Teilnahme als Violinduo möglich war, führten die Jugendlichen unsere Preisträger-Titel aus dem Jahr 2009 auf. Wir nehmen die Titel natürlich auch auf CD auf und spielen sie in unserem Konzert-Repertoire. Das alles gibt dem Wettbewerb eine große Nachhaltigkeit.

KMN: Ihre musikalische Konstellation Kammermusik für zwei Geigen ist in der klassischen Musiklandschaft etwas Besonderes. Ist es wichtig, sich als MusikerIn eine Nische zu suchen, um sich auf dem Musikmarkt etablieren zu können?

Marie-Luise Dingler:
In der Klassik kann eine Nische dabei helfen, sich auf dem Markt zu behaupten. Das hängt auch damit zusammen, dass die gängigen Besetzungen, wie Streichquartett oder Klaviertrio, bereits mit großen Namen besetzt sind. Für noch unbekannte Künstler ist es sehr schwierig, sich gegen diese Konkurrenz zu behaupten und zu etablieren. Das heißt aber nicht, dass es einfach ist, sobald man eine Nische gefunden hat. Unsere Nische war und bleibt sehr schwierig zu vermitteln, gerade bei Veranstaltern. Am Anfang hören wir immer: Zwei Geigen, das klingt doch nach nichts. Das dauerte so lange, bis die Veranstalter uns eine Chance gaben und merkten, dass wir anderen Besetzungen musikalisch in Nichts nachstehen. Wir haben auch in unserer Nische mit Vorurteilen zu kämpfen. Ich glaube, es ist eigentlich egal, ob ein Künstler etwas Etabliertes macht, oder ob er etwas völlig Neues ausprobiert: Man muss immer kämpfen und einen langen Atem haben, bis man seine Qualität bewiesen hat und schließlich wahr- und ernst genommen wird.

KMN: Wie schätzen Sie den Musikmarkt ein: Gibt es einen Markt für progressive Klassik?

Marie-Luise Dingler: Das Publikum ist sehr hungrig nach Neuer Musik. Das zeigen auch die Erfolge der wenigen Musiker, die in einer ähnlichen Nische wie wir spielen. Das New Ideas Chamber Orchestra, das seinen Musikstil ebenfalls progressive Klassik nennt, ist sehr erfolgreich mit seinem Programm, tourt seit Jahren weltweit und wird viel gebucht. Noch vor unserer Zeit gab es bereits Spark - die klassische Band, die schon seit Jahren auf dem Markt etabliert ist. Trotzdem bleiben die Veranstalter misstrauisch und trauen sich keine Experimente, aus Angst, das Publikum könne wegbleiben. Sie setzten wegen des Kostendrucks lieber auf Altbewährtes. Da wir aber immer wieder merken, dass das Publikum tatsächlich offen für Neues ist, werden sich auch die Veranstalter in Zukunft darauf einstellen.

KMN: Den PreisträgerInnen winkt ein Preisgeld von insgesamt 11.000 . Auch sonst ist die Ausrichtung eines solchen Wettbewerbs mit weiteren Kosten verbunden. Wie finanzieren Sie das?

Marie-Luise Dingler: Wir finanzieren den Wettbewerb hauptsächlich mithilfe von Sponsoren. Bei uns hat es sehr gut funktioniert, vor Ort nach regionalen, und auch kleineren Unterstützern zu suchen. Zusätzliche Einnahmen generieren wir aus dem Verkauf von Anzeigen auf unserer Internetpräsenz und in unseren Print-Produkten, sowie von Programmheften und CDs. Zudem haben wir einen Förderverein, den wir vor Jahren gegründet haben und immer weiter aufbauen.

KMN: Wie viel Zeit und Raum nehmen die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, das strategische Marketing und die Suche nach Sponsoren neben Ihrer Musik ein? Kann man beides, also die Kunst und das Vermitteln der Kunst, überhaupt voneinander trennen?

Marie-Luise Dingler: Beides unter einen Hut zu bringen bedeutet für uns einen straffen Zeitplan und wenig Freizeit. Allerdings werden wir bei der Organisation des Wettbewerbs immer professioneller, so dass manche Vorgänge immer weniger Zeit einnehmen. Dazu kommt, dass ich ein gewisses Talent dafür habe, mir Finanzierungsstrategien zu überlegen und Sponsoren zu finden. Es braucht eine Mischung aus gutem Konzept, Ausstrahlung und Persönlichkeit und einen starken Willen, um Unterstützer zu finden. Bei der Ausrichtung des Wettbewerbs kommt uns zugute, dass ich gerne organisiere und alles im Blick habe und mein Bruder eine hohe Affinität zu allem Technischen hat.
 
KMN: Was würden Sie KünstlerInnen raten, die Ihre Kunst selbst vermarkten möchten?
 
Marie-Luise Dingler: Sie sollten mutig sein, keine Angst haben, aus ihren Proberäumen rausgehen, sich dem Publikum zeigen, Dinge in Angriff nehmen und einfach machen. Sie sollten, so oft es möglich ist, öffentlich spielen. Der Internet-Auftritt und die Facebook-Seite müssen nicht von Anfang an perfekt sein, auch hier sollte man einfach loslegen und keine Angst vor Fehlern haben. Man darf sich seinen Mut nicht rauben lassen. Erst, wenn man seinen eigenen Weg findet, kann man schöne Dinge hervorbringen!
 
KMN: Liebe Frau Dingler, wir bedanken uns bei Ihnen für das Gespräch!
 
Das Finale des 3. Crossover Composition Awards findet am 25. September 2015 im Reiss-Engelhorn Museum in Mannheim statt. Dort werden die sechs besten Werke von The Twiolins präsentiert, die zuvor von einer Fachjury aus den Bewerbungen ausgewählt wurden.
 
Hier finden Sie weitere Informationen zu The Twiolins und dem Crossover Composition Award.
 
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