20.12.2012

Autor*in

Wolfgang Böhler
Kommentar

Die Zukunft der Urheberrechte

Es wird länger dauern und komplexer werden, das wachsende Problem der Rechtewahrung und verwertung kreativer Arbeit sinnvoll zu lösen. Ein grosses Hindernis: Viele hängen noch der Illusion nach, dank Tantiemen ein solides Auskommen zu finden. Es wäre besser, sich auf die Verteidigung der Rechte zurückzuziehen, die substantiell auch etwas bringen.
Herr Regener hat sich aufgeregt, und Acta scheint ad acta gelegt. «Ein Geschäftsmodell, das darauf beruht, dass diejenigen, die den Inhalt liefern, nichts bekommen, das ist scheisse» schimpfte der Musiker und Autor des Romans «Herr Lehmann» im Bayerischen Rundfunk. Der Kampf um eine gerechte Entgeltung von Künstlern und anderen Urhebern äussert sich unter anderem in den internationalen Wirren um das Anti-Produktpiraterie-Handelsabkommen Acta, das die EU nicht ratifizieren will. Es ist die Zeit der empörten Erklärungen, sei es des deutschen Manifestes «Wir sind die Urheber! Gegen den Diebstahl geistigen Eigentums», sei es der Mitglieder der Schweizer Rechteverwertungsgesellschaft Suisa oder der Leser der deutschen Postille Politik & Kultur («Zeichen setzen! Aufruf: Für kulturelle Vielfalt im Internet»).

Ein Netzwerk der Abgeltungen kultureller Leistungen und Wahrung von Urheberrechten, das sich im 20.Jahrhundert erfolgreich durchgesetzt hat, ist bereits wieder daran zu erodieren. Der Grund scheint offensichtlich: Es ist dank dem globalen Netz unerwartet einfach geworden, digitale Inhalte (und damit Musik, Filme, Fotografie und Texte) in Nullkommanichts über den ganzen Erdball weiter zu verteilen.

Das Internet ist allerdings bloss ein Teil des Problems. Die Einnahmen der Urheber sinken auch, weil heute (unter anderem als Folge der «Kultur für alle»- und «Jeder ein Künstler»-Bewegungen) ungleich viel mehr produziert und auf den Markt geworfen wird, als je zuvor. Lokale Künstler stehen heute überdies mehr denn je mit global agierenden in Konkurrenz. Zudem stellen Phänomene wie intermediale Kunstproduktionen und Möglichkeiten der Interaktion sachgerechte Abgeltungssysteme vor immer grössere Herausforderungen.

Eine wichtige Einsicht hat sich offenbar noch längst nicht überall durchgesetzt: Wir stehen vor grundsätzlichen Umwälzungen der Kunst- und Ideenproduktion und ihrer Rahmenbedingungen, die stürmischen technologischen Entwickungen sind noch stark im Fluss und wenig konsolidiert und machen vorschnelle Lösungen der Entlöhnungsfrage gleich wieder obsolet. Mit anderen Worten: Es wird lange dauern, bis auf die Herausforderung eine nachhaltige Antwort gefunden ist, wenn es eine solche überhaupt je geben wird.

In der ganzen Empörung scheinen nämlich einige zu vergessen, dass auch die bisherigen Systeme kaum Gerechtigkeit geschaffen haben: Noch nie sind die bedeutendsten Künstler (nach welcher Definition auch immer) automatisch die wohlhabendesten geworden. Immer haben Genies ein Leben lang gehungert und sich Schaumschläger eine goldene Nase verdient. Man mache sich nichts vor: Das wird immer so bleiben.

Es lohnt sich angesichts der Umwälzungen, einige Fragen zunächst einmal ganz grundsätzlich zu stellen: Welche fundamentalen Anforderungen muss ein künftiges System der Rechteverwertung erfüllen? Wie sollen Künstler ihr Leben gestalten können, um bei grösstmöglicher (materieller) Freiheit auf dem von ihnen gewünschten handwerklichen Niveau ihrer Arbeit nachgehen zu können? Was ist eine gerechte Abgeltung ihrer Leistungen, wenn diese da neu und ungewohnt gar nicht beurteilt werden können, weil die Kriterien dazu noch gar nicht definiert sind? Welche Rolle spielt dabei der Staat, welche private Akteure wie Verwertungsgesellschaften?

Kaum Globallösungen möglich

Die Sache ist komplex und je nach Kunstgattung unterschiedlich zu behandeln. Für Bildende Künstler etwa ist die Frage eines Folgerechts Thema, das ihnen in der EU (aber nicht in der Schweiz) einen Teil des Weiterverkaufserlöses ihrer Werke zugesteht. Die schreibende Zunft diskutiert Leistungsschutzrechte, die Weiterverwertungen von Texten in mehreren Medien regeln, Musiker müssen entscheiden können, was geschieht, wenn Ausschnitte aus ihren Werken gesampelt oder sonstwie zitiert werden und so weiter.

Es existieren überdies eine Vielfalt an Querverbindungen, die das Problem noch komplexer machen, zum Beispiel die Parallelen zum Patentrecht in der Wissenschaft oder die Frage, wie weit soziale Sicherheiten etwa Rentensysteme Teil einer Gesamtlösung der Rechteverwertung sein sollen. Können alle diese Fragen in einem Urheberrecht vereinheitlicht werden, das alle Kunstformen abdeckt? Oder müssen für Bildende Künste, Musik, Literatur und Bühnenkünste gesonderte Lösungen gefunden werden? Die sehr unterschiedliche Beschaffenheit der Kunstformen die einen etwa schaffen konkrete Objekte, andere bloss Ideen lässt vermuten, dass Individuallösungen sinnvoll und Globalsysteme unmöglich sind.

Ein weiterer Aspekt spielt ein wichtige Rolle: Die freie Distribution von Ideen und Informationen ist staatspolitisch, wirtschaftlich und sozial wünschbar. Eine Gesellschaft vitalisiert sich nicht zuletzt über den freien Ideenaustausch; soziale Gerechtigkeit und politische Chancengleicheit werden vom freien Informationsfluss entscheidend befördert.

Letzteres legt es nahe, Urheberrechtsschutz in einer Art Zweiklassen-System differenziert zu behandeln. Faktisch ist dies heute in den Künsten und der Wissenschaft bereits der Fall. Die Gleichbehandlung aller Urheber, ob sie nun mit ihren Rechten namhafte Beträge erwirtschaften oder bloss ein paar Franken, macht die Diskussion und die Wahrung der Rechte komplex und schwerfällig. Möglicherweise wäre es sinnvoller, sich auf die Verteidigung der materiellen Interessen derjenigen zurückzuziehen, die mit ihren Werken auch substantielles Einkommen generieren. Wie dies genau geschehen könnte, wäre zu diskutieren.

Bedrohungen der Eigenmarke

Viele Kunstschaffende realisieren überdies kaum, dass eine Bedrohung für ihre Arbeit nicht die fehlenden Einnahmen aus der Urheberrechte-Verwertung sind, sondern die Erosion ihrer «Marken», wenn ihr Werk frei verfügbar ist und damit kaum noch mit ihnen assoziiert wird. Dies gefährdet ihre Eigenvermarktung als Schöpfer eines Werkes ein Effekt, der langfristig gefährlicher ist als das Fehlen von Tantiemen-Einnahmen. Es beschädigt das Bild, das die Öffentlichkeit vom Künstler hat. Er ist nicht mehr Idol und Respektsperson, sondern wird zum Looser und Randständigen. Sein kreatives Verdienst wird nicht mehr wahrgenommen, Kreativität wird zum anonymen, herrenlosen Gut. Damit wird die indirekte Verwertung via Lehrtätigkeiten, physische Auftritte oder Beratungsdienste erheblich erschwert.

Wege zu finden, das eigene Schaffen mit der eigenen Person zu verbinden, scheinen fast wichtiger als direkte finanzielle Abgeltungen. Sie erst ermöglichen es nämlich auch weniger bekannten Künstlern, sich die weitaus lukrativeren Einnahmequellen der Nebenverwertungen zu erschliessen. Schriftsteller tun dies etwa durch Lesungen und Reden, Musiker mit Konzerten und so weiter.

Wichtig wäre dabei sicher, die Urheberrechte selber, wie dies heute ja auch der Fall ist, von Beginn weg zu garantieren, damit diese auch retrospektiv wahrgenommen werden können, wenn ein Werk lange kaum Beachtung findet und frei verfügbar bleibt, dann aber hohe Verbreitung findet. Dies kann etwa ein Musikstück betreffen, das auf einer Webseite frei verfügbar ist, kopiert oder gesampelt wird, dann aber kommerziell interessant wird.

Kreativität und Brotwerwerb im Gleichgewicht

Die Frage der Wahrung der Urheberrechte muss zusammen mit der Frage diskutiert werden, wie die grosse Masse an kreativ Tätigen, die den nachhaltigen Durchbruch als kulturelle Dienstleister nie schaffen und damit zum künstlerischen Prekariat gehören, eine Lebensgrundlage und Perspektiven im Alter erhalten können. Die Einnahmen aus Rechten sind dabei in den meisten Fällen praktisch bedeutungslos.

Berechnungen der Schweizer Urheberrechtsgesellschaft Swissperform haben ergeben, dass selbst etablierte Musiker kaum auf einen existenzsichernden Lohn kommen und die Urheberrechtseinnahmen dabei erst noch den kleinsten Anteil ausmachen. Es ist also dafür zu sorgen, dass Renten aus der Vielfalt der Nebeneinkünfte gespiesen werden können.

Heutzutage hängen viele noch der Illusion nach, mit Hilfe von Urheberrechten als Künstler ein Einkommen zu finden. Einige wenige werden dies tatsächlich schaffen und Apparate um sich haben, die ihre Rechte dezidiert und professionell wahrzunehmen in der Lage sind. Der Grossteil der Kreativen ist hingegen gut beraten, sich auf ein gutes Gleichgewicht zwischen kreativem Schaffen auf höchstem handwerklichen Niveau und dazu kompatiblem Broterwerb zu konzentrieren. Die Rolle des Staates sollte es sein, dazu geeignete Rahmenbedingungen und Infrastrukturen zu schaffen.

Ein Kommentar von Wolfgang Böhler, Chefredaktor Online-Magazin codexflores.ch
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