05.07.2012

Autor*in

Wolf Lotter
Kommentar

Kulturbetrieb 0.0

Noch vor den Buchautoren des Kulturinfarkt luden wir im Januarmagazin zu einem weitaus radikaleren Gedankenspiel ein. Wie sähe die Kultur nach der Stunde 0 aus? Hier der Kommentar von Wolf Lotter.

Richtig kluge Fragen erkennt man schon daran, dass es gleich empörte Leute gibt, die gar keine Antwort hören wollen, weil sie davon leben, dass alles so bleibt, wie es ist und das sind bei uns, hierzulande, immer die meisten gewesen. Wie lautet die gute Frage? Wie sähe die Kultur aus, wenn wir alles auf Null stellen würden?

Das ist eine bedrohliche Frage, nicht nur für die im Kulturbereich Festangestellten, also die bei der Diagnose Veränderungsallergie üblichen Verdächtigen. Es sind auch die Kulturschaffenden, die Produzenten, die das Gruseln kriegen. Dabei ist Kunst nichts anderes als Veränderung. Sie kennt keine Kontinuität, nur Transformation. Wer diesen Weg verlassen hat, sieht über- all nur Untergang, Verfall, Katastrophe. Die deutsche Seele scheint sich über Untergänge mehr zu freuen als über Anfänge. Beides aber gehört zusammen. Die Lust am Untergang ist die Vorfreude auf den Neubeginn. Nullstunden sind das Produkt kreativer Zerstörungen, also ein Ende, dem ein unternehmerischer Anfang innewohnt.

Die Renaissance ist das Produkt der großen Pest, die zur Mitte des 14. Jahrhunderts in Europa mindestens 25 Millionen Menschen tötete, mehr als ein Drittel aller Menschen, die damals hier lebten. In Florenz überlebte nur jeder fünfte Bürger. Das war schrecklich. Andererseits floss unglaublich viel Geld und Besitz in die Hände der überlebenden Erben. Weil alte Privilegien und Pfründe mit den Toten in der Pestgrube landeten, gab es neue gesellschaftliche und soziale Chancen. Die einen mussten neu anfangen. Die anderen durften und konnten es. Ein bisschen Pest ist immer.

Als 1918 die alte Hohenzollern-Monarchie zusammenklappte, gab es an allen Ecken und Enden Kultur-Unternehmer. Geld vom Staat gab es selten. Dafür aber unzählige autonome und selbstständige Künstler, die versuchten, was auf die Bretter zu stellen. Das war eine fruchtbare Zeit. Bis die Nazi-Staatskultur alles zermalmte. Eine der Perversionen der Nazi-Kultur bestand in der Idée Fixe, dass Kultur Kontinuität schaffen und Beständigkeit ausdrücken müsse. Diese Kultur war so, wie sich viele heute die Welt wünschen, nämlich veränderungsfrei und risikolos. Das ist eine barbarische Welt. Denn wer etwas konservieren will, muss es vorher töten.

Die Stunde Null nach 1945 gebar eine kritische, konstruktiv zweifelnde, selbstständige und selbstbewusste Künstlergeneration. Ihr verdanken wir die wesentlichen Impulse der letzten Jahrzehnte. Doch sie wurde träge, dogmatisch und tauschte, spätestens seit den 70er Jahren, staatliche Almosen gegen ihre Autonomie. Diese Staatskultur ist pseudokritisch. Sie ist eine Kultur des politischen und bürgerlichen Establishments. Sie verbreitet die Selbstgerechtigkeit des neuen Biedermeiers, der vorne Wutbürger ist und hinten den Manufactum Katalog stecken hat. Im Hass auf Veränderung und Andere zeigt sich der Kern: Er ist braun.

Das deutsche Regietheater beispielsweise redet und handelt von nichts anderem als von Katastrophen. Warum nicht mal eine Katastrophe für das Regietheater selbst? Was wäre wenn nicht nur das Publikum, sondern auch die Subventionen ausblieben? Wenn man mit seiner Gesinnung, die man auf neudeutsch irrtümlich "Haltung" nennt, nicht mehr weiterkäme? Was wäre dann? Ginge die Welt unter?

Und wie sähe die neue Welt aus?

Würde Literatur wieder Geschichten erzählen oder weiterhin vorwiegend um Befindlichkeiten und Gesinnungen herummäandern? Wäre das Theater ein Ort des Lachens und des Weinens, aber nicht länger eines der trostlosen Verzweiflung? Würden Menschen aufhören, Musik zu machen, zu tanzen, zu hören, zu singen? Würden uns die Geschichten ausgehen? Würde denn kein Bild mehr gemalt? Gäbe es nach der Stunde Null keine Kultur mehr? Doch, es gäbe endlich wieder eine Kultur, die den Namen verdient, nämlich eine, deren Ziel nicht die selbstreferenzielle Bürokratie ist, sondern die eigene Transformation. Es geht nicht darum, die Kultur zu "schützen", sondern sie zu verändern. "Kultur verhindert die Überlegung, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte", sagte Niklas Luhmann. Das Gewohnte lässt sich besser überwinden, wenn man Kultur als Selbständigkeit denkt. Wenn Künstler für die Ökonomie sind und nicht gegen sie, und sich nicht an das klammern, was von Gestern ist. Eine lebendige Kultur ist unternehmerische Kultur, ist eine risikofreudige und gegen den Mainstream denkende Kultur. Eine, die sich abschafft, damit sie ihren Zweck erfüllt. Bei allem anderen kommt Nichts, Null, heraus.

Wolf Lotter ist Journalist und Autor, schreibt die Leitartikel von brand eins und Bücher, etwa "Die Kreative Revolution", erschienen 2009 bei Murmann. www.wolflotter.de

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