14.10.2016

Autor*in

Christian Gries
Christian Gries ist Kunsthistoriker, Blogger und Medienentwickler. Er arbeitet seit 15 Jahren in der digitalen Kommunikation für Museen wie das Haus der Kunst, das Lenbachhaus und die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München. Er ist Gründungsmitglied der Kulturkonsorten und Mitinitiator bzw. -veranstalter der Tagung aufbruch. museen und web 2.0 und des stARTcamp München.
Kommentar

Von Communities und Blasen. Der Status quo von Twitter in der Kultur

Seit ungefähr 3 Jahren setzen sich deutsche Kultureinrichtungen mit Twitter auseinander, experimentieren mal mehr mal weniger erfolgreich mit den Möglichkeiten des sozialen Netzwerks, loten seine Potenziale und Schwierigkeiten aus. Heute, im Jahr 2015, hat Twitter seine Rolle und Wertigkeit gefunden. Und das im Positiven wie im Negativen.
Dieser Beitrag ist der dritte einer Reihe zu Online-Marketing im Kulturbereich.

Aufbruchsjahre

2013 und 2014 waren die großen Aufbruchsjahre von Twitter bei deutschen Kultureinrichtungen. Auf der einen Seite nahmen zahlreiche Museen und Theater erstmals (oder intensiver) den digitalen Spiralblock zur Hand und versuchten sich in den Disziplinen des Storytelling, der gegenseitigen Vernetzung und internationalen Communitypflege. Formate wie der Tweetup boomten und auf vielen Konferenzen wurden die Möglichkeiten und Perspektiven des Microblogging lebhaft diskutiert. Bundesweite Veranstaltungen, wie die erste deutsche Twitter-Theater-Woche (Dezember 2013), eröffneten sogar den Social-Media-kritischen Schauspielhäusern eine digitale Second-Stage und brachten TeilnehmerInnen aus dem Publikum dazu, die subjektiven Impressionen aus den Vorstellungen in einer Art Liveberichterstattung in Botschaften zu 140 Zeichen zu kondensieren. Über dem regulären Veranstaltungsprogramm der Institutionen formierte sich eine Meta-Ebene, die ganz im Sinne von Jean Paul nach dem Motiv Sprachkürze gibt Denkweite funktionierte.

Auch die Museen sahen sich zunehmend und im Kontext internationaler Formate wie der #MuseumWeek oder #Askacurator mit digital transportierten Anmerkungen zu Haus, Sammlungen und Geschichte konfrontiert. So mancher Kurator und manche Kuratorin fand sich, im Angesicht digitaler Sichtbarkeit und Reichweite, im Dialog mit einem ungewohnten Publikum wieder und wagte schon auch mal einen getwitterten Preview auf die nächste Ausstellung. Neue digitale Erzählstrukturen ermöglichten das Mitlesen bei Ausstellungsbesuchen in fremden Häusern, das empathische Nachempfinden von Stimmungen und Erlebnishorizonten auf Konzertveranstaltungen oder Opernbesuchen. Und so manchem Museumsguide dürfte bei der nachträglichen Lektüre der Tweets aus eigenen Führungen erstmals der Farbigkeit unterschiedlicher Auffassungshorizonte begegnet sein.

Verstetigung oder Resignation

Heute haben zahlreiche Kultureinrichtungen (vor allem in den Metropolen) Twitter entweder halbwegs verstetigt (leider vielfach ohne dabei wirklich an Personal- und Einsatzstrukturen gearbeitet zu haben) oder aufgegeben. Der Zauber des Neuen ist vielfach verflogen und einer vermeintlich realistischen Sicht auf die Möglichkeiten plattformbasierter Kommunikation und digitaler Eventformate gewichen.

Wirklich kreativ gearbeitet hat womöglich nur eine Handvoll deutschsprachiger Einrichtungen. In Institutionen wie dem Haus der Geschichte (Bonn) oder den Pinakotheken (München) haben sich partizipative Veranstaltungsformate etabliert, in anderen, wie dem Städel (Frankfurt) oder dem Residenztheater (München), hat der Dienst eine echte Verstetigung erfahren. Dabei werden die Social-Media-Veranstaltungen nur selten auf eine Plattform begrenzt und haben sinnvollerweise

immer die ganze digitale Community im Auge. Aus strategisch konzipierten Konstruktionen entstehen dann Mixformate wie der Community-Abend 200 Jahre Städel in Frankfurt, der jüngst die Jubiläumsfeierlichkeiten des Museums in den digitalen Raum verlängerte und Twitterer, Blogger oder Instagramer zusammenführte. Aber auch internationale Formate, wie die #Museumweek, haben letztes Jahr weltweit über 2.800 Museen zur Teilnahme gebracht und mit über 600.000 Tweets die Timeline geflutet.

Von der Community zur Blase: die vulgäre Unterhaltungskonkurrenz

In zahlreichen Einrichtungen hat Twitter mittlerweile eine definierte Rolle in der Besucherkommunikation zwischen Website, Blogs, Newsletter und den anderen Erscheinungsformen des Social Media gefunden. Die Dimension dieser Rolle steht sinnvollerweise in Relation zur Wertigkeit des Miccrobloggingdienstes in Deutschland bzw. dem eigenen Standort, den jeweiligen Zielgruppen und zu den Möglichkeiten bzw. der digitalen Kreativität der eigenen Institution. Da Twitter in Deutschland noch immer nicht im Mainstream angekommen ist und von vielen Verantwortlichen stellvertretend wie das gesamte digitale Getöse gerne einer vulgären Unterhaltungskonkurrenz zugerechnet wird, sind diese Zahlen eher stagnierend.

Da viele Institutionen Twitter zudem nur als Informationsschleuder und nicht für den kreativen Dialog auf Augenhöhe nutzen, wird sich diese Position auch nur unwesentlich ändern. Mitbestimmung und Partizipation scheinen unverändert als Parameter einer ungeliebten und unverstandenen Kommunikation. Das Zauberwort der Community wird dann gerne auch durch das Schimpfwort der Blase ersetzt. Letztere als Markierung einer ohnehin überschaubaren digitalen Community, die nomadenartig und selbstreflexiv im Netz bei allen Institutionen spiegelbildlich interagiert.

Auch wenn diese Community in großen Bereichen von kulturaffinem Publikum getragen wird und eine intensive Auseinandersetzung mit den Inhalten der Kultureinrichtungen bei deutlicher Reichweite im Netz pflegt, so ist die Gesamtentwicklung doch eher mühsam. Als textbasierte Intervention bzw. Improvisation auf ein Thema oder Objekt hätte Twitter deutlich mehr Potenzial, wird aber viel zu selten als didaktische oder partizipative Konstruktion der Vermittlungsarbeit in Betracht gezogen.

Wollte man also ein Fazit aus der Gesamtentwicklung ziehen, so wäre Twitter wohl ein schönes Modell, um die Partizipation in Kultureinrichtungen niederschwellig zu fassen und im Impuls voran zu treiben. Die Anzahl der Einrichtungen, die das in der Gegenwart aber erfolgreich und innovativ praktizieren, ist überschaubar. Viel Luft also, um es besser zu machen. Im Ranking der Wertigkeiten digitaler Plattformen in Deutschland markiert Facebook die absolute Spitze, während Twitter, je nach individuellem Engagement der Einrichtung, eher im Mittelfeld dümpelt und derzeit von Instagram massiv überholt wird. Die Social-Media-Benchmarking-Plattform Pluragraph nennt die Berliner Philharmoniker als Kultureinrichtung mit den meisten Social-Media-Kontakten: sie haben derzeit 771.317 Kontakte auf Facebook, aber nur 98.277 auf Twitter. Und leider bin ich mir sicher, dass der mit Abstand überwiegende Teil der Follower nicht aus Deutschland kommt.


Dieser Beitrag erschien zuerst im KM Sondermagazin Teilkultur
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