19.05.2014

Autor*in

Leonie Krutzinna
studierte Skandinavistik und Literaturwissenschaft an der Georg August-Universität Göttingen.
Rückblick Theater und Netz 2014

Das Twitter-Drama

Twittern im Theatersessel? Livestreams auf dem Sofa? Unter dem schlichten Titel Theater und Netz fragten nachtkritik.de und die Heinrich Böll Stiftung während ihrer gemeinsamen Konferenz am 3. und 4. Mai 2014 in Berlin, wie Bühne und Internet zusammengehen.
Die Diskussion um den Einsatz digitaler Technologien treibt nicht nur Theater um. Sie wird in allen Kulturbereichen geführt. Mit Unbehagen. Was soll das Smartphone im Theater? Brauchen wir Tweetups im Museum? Was hat man davon, einen QR-Code zu scannen?

Dabei bewegt uns weniger die Frage, was technisch möglich ist, als dass wir uns daran abstrampeln, ob das denn überhaupt nötig ist. Die Skepsis am Mehrwert schließt die Existenz eines Werts vorsichtshalber gleich aus. Als ließe sich die digitale Revolution noch aufhalten, klammern wir uns an unseren alten Kulturtechniken fest und mit ihnen an den Produkten, die sich über Jahre, Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte bewährt haben: am gedruckten Buch in der Buchhandlung, am Kunstobjekt im Museum. Wir streben nach dem Einzigartigen, Originären, Authentischen. Wer will schon Beliebigkeit, Epigonalität und Kopie?

Restaurative Schockstarre?

Zugegeben: Die Theaterleute gehören im Kulturbetrieb zu den Internetaffinsten. Wir Rezipienten sind es, die der Institution Theater mit restaurativer Schockstarre begegnen. Ein bisschen abendländisches Kulturgut darf es noch sein. Sonst könnten wir ja auch einfach fernsehen. Umso brisanter stellt sich die Frage, wie der Einsatz digitaler Medien nicht nur in der Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit das Image der Theater entstaubt, sondern sich auch in der Theaterpraxis behauptet. Um dies zu diskutieren, kamen in Berlin mehr als 100 Theaterschaffende zusammen.

Von Regisseur Simon Solberg wissen wir, dass der gute alte Botenbericht jetzt mithilfe des Twitter-Vogels überbracht wird. Immerhin schafft es das Internet auch in unser ikonographisches Lexikon. Aber kann Twitter nicht noch mehr? Nachtkritik-Redakteur Georg Kasch befragte dazu die Kulturkonsorten, das Theater Heilbronn und das Resi in München. Von Tweetups ist die Rede, dazu haben sich die Kulturkonsorten von der NASA inspirieren lassen. Wenn getwittert wird, was im Weltall passiert, dann kann man auch twittern, was im Museum gezeigt wird. Die Logik besticht zwar nicht auf den ersten Blick, Museums-Tweetups gehen aber trotzdem gut. Allerdings nur, wenn sie durchdacht geplant sind und in einer Nachlese münden, wenn sie moderiert werden und wenn sich ein einheitlicher Hashtag durchsetzt, also ein Kürzel, das, an den Tweet angehängt, der Verschlagwortung und Wiederauffindbarkeit der Twitter-Meldungen zu einem gemeinsamen Thema dient.

Um die Idee auch im Theater zu erproben, hatte Twitter Deutschland im Dezember 2013 die Twitter-Theater-Woche initiiert (nachzulesen unter #TTW13). Fünf Theater, über die Republik verstreut, versuchten, auf der Second Stage eine gute Figur zu machen. Besonders schillernd wusste Ingo Sawilla vom Münchner Residenztheater darüber zu berichten. Mit Jean Pauls Flegeljahren hatte man sogleich einen schlagkräftigen Prätext für die Kampagne: Sprachkürze gibt Denkweite. Würstelessend durften es sich die zuvor ausgewählten Twitter-Statisten dann in den Kulissen bequem machen.

Es menschelt im Internet

Was bleibt von so einem Event? Zum Beispiel lernt das Theater seine Zielgruppe kennen. Ausgerechnet im doch so anonymen World Wide Web. So bekommt die graue Masse nicht nur ein Gesicht (oder zumindest eine IP-Adresse), sondern die Twitterer holen den Text von der Bühne und knüpfen Rezeptionsschleifen am Beispiel des Resi einsehbar unter #flegel. Twitter funktioniert also auch inhaltlich, sobald den Datenmüllbergen von Befindlichkeitstweets eine Absage erteilt wird. Die reine Marketingfunktion des Mediums wird um eine rezeptionelle Dimension ergänzt.

Digitalisierung bedeutet für die kulturelle Praxis eine Aufwertung der Partizipation und Interaktion. Die User wollen Spuren hinterlassen, wollen sich persönlich austauschen, eigenen Gedanken und Meinungen Ausdruck verleihen. Das Konzept ist alt, neu ist nur der Anstrich, erklärt Torsten Panzer, einer der Keynote-Speaker: Word of Mouth die persönliche Empfehlung und Mundpropaganda werden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Es menschelt im Internet.

Im Kontext der Nussecke

Global vernetzt und doch heimelig. Um in der Datenschwemme nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren, braucht es also eine Insel im Hier und Jetzt. Auch am Münchner Resi setzte man während der Twitter-Themenwoche auf Realbezüge durch Offline-Faktoren, dafür backt Ingo schon mal bis tief in die Nacht Nussecken, wie er während des Twitter-Panels nicht müde wird zu betonen.

Früher haben wir alle um 20 Uhr den Fernseher angestellt, um die Tagesschau zu gucken. Wir haben uns dem Content unterworfen. Im Internet stehen nun Inhalt und Aufmerksamkeit in umgekehrtem Verhältnis zueinander. Wir liken, abonnieren, adden, um zu selektieren, worüber und von wem wir informiert werden wollen. Der Content bekommt einen riesigen Überbau, den Kontext.

Das erklärt uns im Panel Das Netz als Markt und Material auch SZ-Journalist Dirk von Gehlen, der mit einer Crowdfunding-Kampagne das Buch Eine neue Version ist verfügbar realisieren konnte. Kultur wird zur Software, heißt es da. Dinge werden geremixt, gesampelt. Entscheidend ist nicht das Original, sondern was wir assoziieren. Da bleibt eine Nussecke schon mal am eindrucksvollsten in Erinnerung.

Der Feind: das Urheberrecht


Die neue Kulturtechnik des Remix oder Mashups (wie ein anderes Buch von Dirk von Gehlen heißt) kommt dabei nicht ganz so unangestrengt daher wie es den Anschein erweckt. Das Zitieren, Verlinken, Sharen hat einen Feind: das Urheberrecht.

Ein Workshop zur rechtlichen Situation der Neuen Medien ist im Curriculum solcher Veranstaltungen wie Theater und Netz obligatorisch, genau wie die von Juristen gern gestellte Eisbrecherfrage zu Beginn, ob man schon mal eine Abmahnung bekommen habe. Es scheint cool zu sein, wenn eine Abmahnung ins Haus flattert. Das Stochern im Ameisenhaufen aus all den geschäftigen Facebookern, Twitterern, Pressespiegel-Abfotografierern beweist, dass überhaupt fleißige Ameisen da sind, die sich nämlich für die im Digitalzeitalter so wichtigen Kontexte interessieren. Allerdings zeigt die Gesetzeslage, dass sie mit ihrem gut gemeinten Aktionismus mit einem Bein im Knast stehen wie eine Teilnehmerin feststellt. Ganz so drastisch ist es unterdessen nicht. Eine Abmahnung soll vornehmlich daran erinnern, es mit den Bildrechten und den Zitierregeln genau zu nehmen.

Kultur darf Spaß machen

Das Theater ist im Web 2.0 engagiert bei der Sache: Dessau lässt eine Tweetfonie komponieren, das Berliner Gorki verlegt Effi Briest 2.0 auf Facebook und Stuttgart bringt Blogs auf die Bühne. Die Affinität zum Spiel kommt dem Theater sichtlich auch beim kreativen dramaturgischen Einsatz von Social Media zugute. Kultur darf Spaß machen, von dieser Auffassung können sich andere Sparten durchaus noch überzeugen, in denen die Anwendungen höchstens im Marketing berücksichtigt werden. Die QR-Codes hingegen könnte man tatsächlich abschaffen.

Link: Videoaufzeichnungen zu den Panels
 
Interview von Kulturmanagement Network mit Nikolaus Merck, einem der Gründer von Nachtkritik
 
Wenn Ihnen dieser Beitrag gefällt, können Sie unsere Redaktionsarbeit hier unterstützen: