26.06.2015

Autor*in

Markus Mertens
Markus Mertens ist Freier Journalist und Autor mit den Tätigkeitsbereichen Kultur und Medien. Er studierte Geschichte und Germanistik mit dem Schwerpunkt Neuere deutsche Literatur und agiert als Teamleiter der NThusiasten Junge Freunde des Nationaltheater Mannheim.
Rückblick re:publica 2015

Der Blick ins Stroboskop. Die Netzkonferenz re:publica 2015 revisited

Eine Konferenz, die sich als philosophisches Ziel auf die Fahnen geschrieben hat, das fragile Gebäude namens Europa zu rekonstruieren (Finding Europe) was sollte das für eine Tagung sein, wenn nicht die re:publica? Dieser Schmelztiegel aus Netzaktivisten, Granden der Kulturszene und politisch vernetzten Wissenschaftlern war schon in den vergangenen Jahren immer wieder für offengelegte und heiß diskutierte Konfliktpunkte gut, vereinte er doch die schmale und agile kritische Masse jener Experten und Vordenker, die sich nicht nur in großen Worten verloren, sondern in der Lage waren, wirklich etwas zu bewegen. Ein wenig untergründig und mysteriös vielleicht, aber faktenorientiert, extrem professionalisiert und zumindest inmitten ihrer Milieus höchst wirkungsmächtig.
Ein behäbiger Riese
 
Das ist vielleicht das größte Problem, das die re:publica 2015 als Wachstumsschmerzen mit sich brachte: Sie hat an Größe gewonnen, gleichsam aber an (Durchschlags)-Kraft verloren. Fand 2007 die kompakte Menge von 700 engagierten Vordenkern drei Tage zusammen, um die Köpfe rauchen zu lassen, brüstet sich die neunte Auflage als Gesellschaftskonferenz mit über 7000 Gästen, 500 Stunden Programm und globaler Relevanz, die summa summarum als Festival der Superlative verkauft werden. Man könnte sagen: Die re:publica zu besuchen, ist ein Trend geworden, der als Massenphänomen en vogue ist, ohne noch wirklich viel zu bedeuten. Damit leidet zeitgleich der ideologische Output dieser Konferenz merklich. Es ist gerade einmal vier Jahre her, doch es wirkt in diesen Tagen bereits kilometerweit entfernt, dass Daniel Domscheit-Berg 2011 auf der re:publica die WikiLeaks-Alternative OpenLeaks vorstellte und im Jahr darauf EU-Digitalkommissarin Neelie Kroes verkündete, das Anti-Piraterie-Abkommen ACTA besäße in ihren Augen keine demokratische Legitimation. Das waren Augenblicke tatsächlicher historisch-politischer Relevanz, die von der Tagespresse ihrer Komplexität wegen zwar kaum diskutiert wurden, in der Netzgemeinde aber für gehörigen Wirbel sorgten. Von solchen Eckpunkten digitalpolitischer Entwicklung scheint die re:publica 2015 weit entfernt.
 
Größe, Macht, Beliebigkeit
 
Man kann dem Organisationsteam diese Entwicklung noch nicht einmal verübeln. Wer den Netflix CEO Reed Hastings für Millionen im Livestream präsentieren möchte, progressive Köpfe wie den Freiheitsaktivisten, Blogger und Journalisten Cory Doctorow und den Chef des MIT Centers for Civic Media, Ethan Zuckerman, auf der Bühne haben will, braucht eben den großen Zulauf. Man muss das nicht einmal verdammen das Organisationskomitee sollte sich nur klar darüber sein, was das öffentlichkeitspolitisch bedeutet. Denn wer Google, Daimler, Microsoft und dem ZDF in der Berliner STATION die Bühne bietet, wird zwar von den überregionalen Medien mit ausführlicher Berichterstattung bedacht, gibt sich aber gleichsam einem (auch ökonomischen) Einfluss zwischen Aufmerksamkeit und Manipulation mächtiger Konzerne preis, der so reizvoll wie gefährlich ist.
 
Auf dem Ausstellungsgelände formen fleißige Hände am Stand der GLS Bank niedliche Tiere und zeigen, dass dieses Geldhaus #mehrausgruenerknete macht, die #fashiontech-Subconference präsentiert zu Anwerbungspreisen tragbare LEDs für die Kleidung, kaum ein paar Meter weiter werkeln 3D-Drucker an selbst kreierten Modellen aus Glas, Stein und Holz, während Astronaut und Geophysiker Alexander Gerst von seiner Raummission auf der ISS berichtet. All das hat seine programmatische Berechtigung, einen gewissen Charme und modernen Witz wenn es denn als das verkauft würde, was es ist: PR. Doch die re:publica behauptet als Host dieser Stände eine übergeordnete Relevanz, und setzt mit diesem Vorgehen eine Marketingmaschine in Gang, deren Wirken weit über die reine Werbefunktion hinausgeht.
 
Die Schmach des gut Gemeinten
 
Wer deswegen nun behaupten will, die re:publica hätte 2015 zugunsten subtil inszenierter Show auf Inhalte verzichtet, der täuscht sich freilich heftig. Geradezu befreiend ehrlich wirkt es, wenn IBM das Eingeständnis eines E-Mail-Wahnsinns formuliert, als Gegenentwurf zu dieser Überforderung einen #NewWayToWork vorstellen will, und der viel zu klein gewählte Raum vor Teilnahmewilligen geradezu platzt. Untergründig und neu mutet es an, mit Lea Gscheidel, Virginie Gailing und Cori Moore über die Re.Designing Death-Bewegung zu diskutieren, die Sterbekultur neu definiert und einer persönlich ausgestalteten Bestattungsornamentik gegenüber öffnet. Und selbst wenn Moderator Jo Schück mit den beiden Damen von Pussy Riot hoffnungslos überfordert ist, muss doch zumindest der Versuch, politische Avantgarde mit Standardfragen wie Was it hard for you to be in jail? in den Griff zu kriegen, als Bemühung honoriert werden.
 
Nebenbei gibt es als Bonbon noch ein bisschen was für die Sinne. Die Augen staunen über die Visual Ventures-Projekte von BILD und UFA (Behind the Story) beziehungsweise der Welt und N24 (zum Thema Angst), die Zunge erfreut sich beim #bildungstrinken über historische Ausflüge in die Kultur des Barkeepings und die Ohren lauschen der Bohemian Rhapsody von Queen, die eine vernebelte Party-Menge beim Closing Event gemeinsam in einen spät gewordenen Donnerstagabend jault. Das ist angenehm, tut nicht weh und gefällt den Tausenden, die drei lange Tage nach Europa gesucht haben. Am Ende haben sie ein großes Schmunzeln gefunden, durften mit Idil Baydar bissig artikulierter Integrations-Comedy folgen, über heftig übertriebene Amazon-Produktrezensionen lachen und mit der Bloggerin Journelle das digitale Fremdgehen üben.
 
Zu Beginn der Konferenz hatte Ethan Zuckerman das menschlich-reaktive Empörungssystem als kaputt beschrieben, und kam auf die widerwillige Deutung, dass das auch gut so sei. Immerhin läge in dieser Erkenntnis die Möglichkeit, aus der fatalen Situation etwas zu machen. Proteste heute seien ja nicht von ungefähr größer, aber schwächer als je zuvor immerhin seien sie ideologisch oft mitnichten gefestigt, ohne klare Führung und ideelle Zukunftskonzepte, die für ihre Beendigung zu verhandeln wären. Die re:publica ist wie einer dieser Proteste. Er behauptet unglaublich viel, um etliches oft auch im Provokationsgestus anzudiskutieren, mit der Reißzwecke an die Pinnwand zu stecken, und genau dort verweilen zu lassen. Es wäre dieser Konferenz zu wünschen, dass sie zur jener straffen, konzisen Form der Anfangsjahre zurückfindet, ohne dabei den Reiz für die interessierte Masse zu verlieren. Denn so käme sie vielleicht stärker als jemals zuvor jenen agierenden Köpfen gleich, die als Anführer eines berechtigen Protests bis in die Hinterzimmer der Politik vordringen.
 
Zwischen Licht und Schatten
 
Eine Szene zum Abschluss: Tausende Smartphones fuchteln zu einer Langzeitbelichtung in der Luft herum und stellen mit #rp15lights einen neuen Weltrekord auf. Zehn Sekunden flackerndes Licht, dann wird es finster wie ein pulsierender Blick ins Stroboskop. Die Blendung hält an.
 
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