08.07.2015
Re:publica 2015 zwischen Vision und Wirklichkeit

Die Gesellschaft, in der wir leben wollen

Für VertreterInnen des Kulturbetriebs sollte der re:publica-Besuch Pflichtprogramm sein. Denn die internationale Netzkonferenz bietet genau den richtigen Rahmen, um eben diesen zu sprengen. Hier trifft digitale Kultur auf Wissenschaft, Hacker, Aktivistinnen, Unternehmerinnen, NGOs, Journalisten und Marketing-Menschen. Die neunte Ausgabe vom 5. bis 7. Mai 2015 in Berlin forderte den eigenen Blickwinkel heraus und lenkte ihn auf Themen, von denen man vorher noch nichts wusste.
Der Mensch im Zentrum des Web 2.0

Die re:publica 2015 war so politisch wie nie zuvor. Viele Sessions und Gespräche kreisten um Fragen des gemeinsamen Gestaltens: Wie wollen wir leben? Wie wollen wir arbeiten? Wie muss das Internet von morgen aussehen, damit es nicht mehr Teil der Ausbeuter-Gesellschaft ist? Wie gehen wir mit Flüchtlingen um? Das Fragen nach dem Wie zeigt: Die Netzgemeinde ist selbstbewusst und weiß, dass sie gestalten will und kann. Sie will die EU mitgestalten und ihre Bedürfnisse und Visionen in die Demokratie einbringen. Da geht es um Themen wie Datensicherheit und Privatsphäre im Netz, Forderungen nach einer Neuregelung des Urheberrechts im digitalen Raum, die Möglichkeiten einer Kulturflatrate und vieles mehr. Soviel mutiges Richtungsdenken fehlt im deutschen Kulturbetrieb bisweilen komplett.

Das Trend-Barometer

Auch was aktuelle Themen in der Gesellschaft angeht, kann sich der Kulturbetrieb bei der re:publica viel abgucken. Ethan Zuckerman, Internet-Aktivist der ersten Stunde, spricht von der Generation Y als Generation Misstrauen, die vieles in Frage stellt, aber auch große (gesellschaftliche) Träume hat. Was macht Kultur aus diesem Statement? Wo sieht sie ihren Platz? Ideen und Handlungsoptionen für gesellschaftliches Miteinander und die Gestaltung von Räumen in den öffentlichen Gesprächskreis zu werfen, ist offensichtlich von der gegenwärtigen Generation gewollt. Die Realität im Kulturbetrieb hingegen sieht anders aus. In Museen vermisst man Ausstellungen über die Geschichte der Migration oder den Gedanken Europa. Auf der Netzkonferenz mit dem Titel Finding Europe hingegen war Frage und Lösungsansatz einer Internetgemeinde impliziert, die sich allen gesellschaftlichen Fragen stellt.

Digital ist real

Inzwischen sollte jedem/ jeder klar geworden sein digital ist real. Gesellschaftliche Fragestellungen, revolutionäre Bewegungen, alternative Communities, Proteste, all das formiert sich im Internet und gestaltet Wirklichkeit. Dass bei den SpeakerInnen so gut wie keine VertreterInnen aus der Kultur da waren, ist bezeichnend. Dabei war das Wort Interdisziplinarität groß geschrieben: Wissenschaft, Medien, Soziales Engagement, Wirtschaft, Lifestyle alles hatte seinen Raum. Schließlich beanspruchen diese Bereiche auch Raum im Netz. Der Kulturbetrieb ist da offensichtlich nicht sehr raumgreifend. Frank Rieger, Sprecher des Chaos Computer Club, bemängelte bei seiner Keynote, dass es von Seiten der Politik an gesellschaftlichen Utopien fehle. Das ist eine Chance für Kultur, Räume zu bieten, in denen Gesellschaft diese Utopien entwerfen kann.

Die Zukunftsstadt

In diesem Sinne und in Bezug auf den Titel des diesjährigen Wissenschaftsjahres des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wurde auf der re:publica gemeinsam mit allen TeilnehmerInnen an der Zukunftsstadt rumgeschraubt, modelliert, diskutiert. In zahlreichen Sessions setzen sich Forschungsinstitute und Unternehmen, aber auch studentische Startups, mit dem Wohnen, Leben und Arbeiten in der Zukunft auseinander. Die Diskussionen zeigten, dass die Menschen ihre Stadt zunehmend als erweitertes Wohnzimmer begreifen, als öffentliche Angelegenheit (res publica), die sie alle betrifft. Der Zugang zu Wissen, Ressourcen, und Kultur spielt für die Menschen in der Zukunft eine übergeordnete Rolle. Carlo Ratti vom Senseable City Lab zeigte in seinem Vortrag eindrucksvolle Beispiel, wie digitale Technologien in die Struktur einer Stadt implementiert werden können, um das Leben der Menschen noch lebenswerter zu gestalten, zum Beispiel durch Energieeinsparung, Datentransparenz und Klimaschutz. In den Sessions zur Zukunftsstadt wurde deutlich, dass Datentransparenz, #citizenscience (Durchführung von Projekten komplett mit BürgerInnen, also totale BürgerInnenbeteiligung) und #hackingthecity jetzt schon in Bezug auf institutionelles Handeln wichtig sind. Auch hier könnten Kultureinrichtungen mit intelligenten, noch unerprobten Formen der BürgerInnenbeteiligung und des Hineinwirkens der Kultur in den städtischen (und/oder ländlichen) Raum, zum Beispiel durch Leerstandsnutzungen und künsterlische Intervention, Zukunftszeichen setzen.

The User knows more

Partizipation war ohnehin eines der Schlagworte der re:publica. Auch hier ist die digitale Revolution Ausgangspunkt. Dadurch, dass fast alles Wissen im Netz auch Nicht-ExpertInnen zugänglich ist, ergeben sich neue Herausforderungen für die sogenannten ExpertInnen. Das zeigt sich zum Beispiel ganz deutlich im Journalismus bzw. der News-Berichterstattung. Juliane Leopold von Buzzfeed sprach darüber, wie Social Media den Journalismus nachhaltig verändert hat und die Redaktionen unter Druck setzt. Denn heutzutage wissen JournalistInnen nicht unbedingt mehr oder schneller etwas als Laien. Daher ist auch hier Transparenz das oberste Gebot. Das Credo muss sein: "Wir sagen, was wir wissen und fragen euch, was wir nicht wissen. Zudem gilt für den modernen, immersiven Journalismus, was auch für das Storytelling im Marketing oder von Kultureinrichtungen unerlässlich ist: Die Institution kann nicht mehr für die Menschen sprechen, sondern muss sie ihre eigenen Geschichten erzählen lassen, und dafür eine Plattform schaffen. Dabei ist es relativ unwichtig, wo und auf welchen Kanälen die Informationen von den UserInnen konsumiert werden. Kooperationen sind daher das Gebot der ersten Stunde. Hauptsache, der Content kommt an.

Marx, Engels und Co. lassen grüßen

Noch nie gab es auf einer Netzkonferenz soviel Kapitalismuskritik. Zukunftsforscher und Unternehmensberater Johannes Kleske sprach in einem Vortrag Mensch, Macht, Maschine. Wer bestimmt wie wir morgen arbeiten? darüber, dass die Gesellschaft gerade Veränderungen in der Arbeitswelt erlebt, die auf den ewig gleich bleibenden Grundsätzen aufbauen. Nicht die Digitalisierung sei das Übel, sondern sie Ausbeutung, die Menschen über sie an anderen Menschen verüben. Die sogenannte Sharing Economy verspricht zwar neue Arbeitsplätze, aber Kleske ist skeptisch: entweder teilt man, oder man macht Wirtschaft. Die Wissensgesellschaft hat inzwischen eine neue Form des Prekariats hervorgebracht: Bei den Global Playern wie Google und Facebook sind inzwischen Arbeitsplätze für Digitale Hausmeister entstanden, die den scheinbar automatisch generierten Datenschatz mit menschlicher Hand- und Kopfarbeit einpflegen. Diese Arbeit ist weitgehend unsichtbar, schlecht bezahlt und ohne jegliche Rechte. Im Prinzip hat sich also nichts verändert - Marx lässt grüßen. Kleske entließ einen Weckruf in die Menge: Es wird Zeit für eine neue, digitale Arbeiterbewegung.
 
Zeit für eine neue Bewegung

Zeit für eine neue Bewegung ist es allemal. Für den Kulturbetrieb bieten sich gesellschaftliche Handlungsfelder, die nach visionärer, alternativer und partizipativer Gestaltung rufen. Auf der re:publica kann man sich die Inspiration, den Austausch und den geistigen Input holen, die nötig sind, um das eigene Kultursüppchen zu verlassen und gemeinsam über den Tellerrand zu schauen.