15.11.2006

Autor*in

Eva Reussner
Rückblick "ICOM-Ceca-Konferenz" 2006

ICOM-Ceca-Konferenz in Rom

In der ersten Oktoberwoche 2006 brachte die diesjährige ICOM-Ceca-Konferenz in Rom ein an Museumspädagogik interessiertes Publikum zusammen zu der Frage, wie die vermittlungsorientierte Seiteder Museumsarbeit reflektiert, bewertet und neu durchdacht werden kann. Es war ein bedeutender Schritt, dass nun zum ersten Mal in der Konferenzreihe die Evaluation der museumspädagogischen Arbeit thematisiert wurde.
Das veranstaltende Committee for Education and Cultural Action ist eines der ältesten und größten Komitees von ICOM (International Council of Museums) und versteht sich als professionelle Interessensgruppe für Museumspädagogik. Die Konferenz mit einem Publikum von etwa 120 Personen war sehr international geprägt, von Teilnehmern aus Australien, Neuseeland und Taiwan über den afrikanischen Kontinent mit Nigeria und Togo hin zu Süd- und Nordamerika (Brasilien, Chile, Mexico, USA, Kanada) und natürlich Europa. Zum ersten Mal
 
war auch eine Delegation aus China vertreten, die einen seltenen Einblick in die chinesische Museumswelt gab. Gemäß der Philosophie von ICOM, in vier Weltsprachen präsent zu sein, wurden alle Beiträge simultan (!) ins Englische, Französische und Italienische übersetzt.
 
Gastgeber war die Università degli studi Roma Tre, und Hauptverantwortliche für die Organisation dieser Konferenz war Emma Nardi, Professorin am Zentrum für Museumsdidaktik der Fakultät für Bildungswissenschaften. Nardis Anliegen war es, die Bedeutung der Evaluation als Instrument zur kontinuierlichen
Verbesserung der Museumsarbeit herauszustellen. Sie stellte einen Mangel an Evaluation im Bereich der Museumspädagogik fest und konstatierte, dass diesbezüglich insbesondere im italienischen Kontext (noch) keine etablierten Vorgehensweisen existieren. Nardi betonte den iterativen Charakter der Evaluation anhand eines
Symbols: dem Uroborus, einer Schlange, die ihren Schwanz im Maul hat. Diese mythologische Schlange, die sich erstmals auf Tutenchamuns Sarkophag findet, wird hier positiv gedeutet im Sinne eines ständigen Zyklus der Erneuerung (die zweite Bedeutung des Symbols als Schlange des Chaos, die sich bedrohend um die geordnete Welt ringelt, blieb geflissentlich ungenannt). Um wirksam zu sein, bedürfe es geeigneter Formen der Evaluation, damit die Museumsarbeit kontinuierlich verbessert werden kann.
 
Leider gab es nur wenige Vorträge, die sich der Reflexion der Evaluationstätigkeit als solcher widmeten. Hier ist beispielsweise eine Studie hervorzuheben, die in Brasilien durchgeführt und von Adriana Mortara Almeida vorgestellt wurde. Sie berichtete von einer landesweiten Befragung von Museen darüber, ob sie museumspädagogische Aktivitäten durchführen, und ob und wie sie diese evaluieren. Dabei zeigte sich, dass der Großteil brasilianischer Museen museumspädagogische Aktivitäten durchführt, jedoch nur ein relativ geringer Anteil der Museen die vorhandenen Angebote auch evaluiert. Als Hauptgründe wurden ein Mangel an qualifiziertem Personal sowie mangelnde Kenntnisse über geeignete Methoden angegeben. Einen andereren interessanten Ansatz stellte Denise Studart vom Museu da Vida (Museum des Lebens) in Rio de Janeiro vor: eine Datenbank, die sowohl zur Registrierung von Informationen zu gebuchten Führungen und Programmen dient
als auch die Möglichkeit zur nachherigen Reflexion dieser Aktivitäten durch die jeweiligen Museumspädagogen integriert.
 
Colette Dufresne-Tassé, die derzeitige Ceca-Vorsitzende, betonte wie Emma Nardi die Rolle der Evaluation als Instrument zur Verbesserung und Weiterentwicklung. Dies gilt ihrer Ansicht nach auch für die abschließende erfolgsbeurteilende, die summative Evaluation, deren Funktion durchaus über die reine Bewertung einer Ausstellung oder eines Programms hinausgehen kann, indem sie übertragbares, weiterverwertbares Wissen
produziert. Wie sich dies in der konkreten Anwendung gestalten kann, stellte sie am Beispiel einer (fiktiven) Ausstellungsevaluation vor.
 
Zwei weitere Beiträge illustrierten dieses Bestreben, die Evaluation zu nutzen, um über eine konkret untersuchte Ausstellung hinaus Erkenntnisse zu gewinnen, die auf zukunftige Ausstellungen oder Aktivitäten übertragbar sind. Andrea Weltzel- Fairchild von der Concordia University zeigte auf, dass es nicht ausreicht, einzelne Elemente einer Ausstellung zu evaluieren, sondern diese in ihrer Gesamtstruktur und -dramaturgie betrachtet werden muss, da die einzelnen Stränge miteinander interagieren. Anne-Sophie Grassin vom Musée National des Civilisations de lEurope et de la Méditerranée in Paris untersuchte das Wechselspiel zwischen Objekt und Text in einer Ausstellung und zeigte auf, welche Typen von Texten dazu beitragen, dass Exponate von Besuchern besonders intensiv betrachtet werden.
 
Die Mehrzahl der Beiträge betrachtete spezifische museumspädagogische Aktivitäten und Zielgruppen als Gegenstand der Evaluation. So richtete sich der Blick insbesondere auf die junge Generation: Schüler, Teenager, Studenten. Entsprechend wurde auch die Zusammenarbeit von Museen mit Schulen und Universitäten als wichtigen Partnern thematisiert. Ein in diesem Zusammenhang besonders interessantes Projekt stellt die Zusammenarbeit des National Museum of American History in Washington mit dem Haus der Geschichte in Bonn dar. Beide Institutionen haben Zugang zur schwierigen Zielgruppe der Jugendlichen gesucht und dies mittels Jugendbeiräten in die Tat umgesetzt. Ein Beispiel aus Sao Paolo zeigte zudem, wie man Evaluation nutzen kann, um durch die Einbeziehung von Zielgruppen wie beispielsweise Lehrern vertiefte stabile Kontakte zu diesen aufzubauen.
 
Zu erwähnen sind außerdem diverse Beiträge zur Evaluation des Einsatzes neuer Medien im Museumskontext.
Lynda Kelly vom Australian Museum in Sydney untersuchte die Internet-Nutzungsgewohnheiten von Schulern und Lehrern sowie Voraussetzungen fr die Attraktivität und Bedienfreundlichkeit von bildungsbezogenen Webseiten, um das Museum in der Entwicklung von Web-Angeboten zu unterstutzen. Mit ähnlicher Zielsetzung
unterzog Minda Borun vom Franklin Institute in Philadelphia verchiedene Lernstile von Kindern und die jeweils bevorzugten Online-Lernaktivitäten einer näheren Betrachtung. Im Gegensatz zu diesen webbasierten Zugängen beschäftigte sich Wan-Chen Liu aus Taiwan mit Mobiltechnologie, und zwar dem Einsatz privater Mobiltelefone fr selbstgesteuerte Fhrungen, welche somit als Audioguide genutzt werden können.
 
Die Konferenz zeigte, dass gegenwärtig ein sehr unterschiedliches und oft diffuses Verständnis von Evaluation vorherrscht. Einige Teilnehmerhatten sich von der Konferenz Praxishilfen für den Einstieg in die Evaluation erhofft. Dazu hätten insbesondere die Hauptvorträge einen stärkeren Einführungscharakter haben müssen. Während bei einzelnen Beiträgen der Bezug zum Thema der Konferenz kaum erkennbar war, wurde bei einer
Reihe von Vorträgen leider nicht transparent gemacht, mit welchen Methoden man denn nun genau evaluiert hat, welche Maßstäbe dabei angelegt wurden und wie dies dazu beigetragen hat, die Museumsarbeit zu verbessern. Oftmals wurde ein generelles Gesamturteil benannt, jedoch wurden die Gründe für diese Beurteilung nicht verfolgt, aus denen man etwas für die weitere Museumsarbeit lernen könnte. Auch kam in den Diskussionen immer mal wieder zur Sprache, dass die Implementierung von Evaluation in der Museumsarbeit schwierig ist, doch diese wichtige Frage und mögliche Lösungsansätze sind leider nicht weiter verfolgt und diskutiert worden.
 
Vergleicht man die Konferenz zum Thema Evaluation mit Fachkonferenzen wie beispielsweise der jährlichen Visitor Studies Conference, so zeigt sich, dass in diesem Gebiet noch einiges Entwicklungspotenzial steckt. Es ist jedoch zu bedenken und als Verdienst der Konferenz zu sehen, dass das Thema hier nicht ausschließlich von einem Evaluations- Fachpublikum, sondern von einer breiten Zuhörerschaft aus dem Museumsfeld erörtert wurde.
Die Teilnehmerzahl wie auch die Anzahl und Breite an vorgestellten Studien zeichnen ein Bild davon, dass das Thema Evaluation stärker in das Bewusstsein und die Aktivitäten von Museen eingedrungen ist. Die Hauptbotschaft lautete: Evaluation nicht als ungeliebte Erfolgsbeurteilung, sondern als Chance zur Weiterentwicklung der Museumsarbeit sehen. An der Umsetzung dieser Idee gilt es nun weiter zu arbeiten.
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