14.01.2011

Autor*in

Elisabeth von Helldorff
begründete 2009 das in Leipzig ansässige Büro für Kulturprojekte "Schwarz+Weiss" und hat seitdem die Geschäftsleitung inne. Sie hat an der Universität Hildesheim Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studiert und war in dieser Zeit Stipendiatin der Stiftung der deutschen Wirtschaft. Zudem ist sie Zertifizierte Trainerin in Design Thinking (School of Design Thinking, Hasso-Plattner-Institut der Universität Potsdam).
Birthe Dierks
Rückblick "Symposium Auftakt Kulturpolitur" 2010

Innovative Kooperationen zwischen Kultur und Wirtschaft

Wenn Städte schrumpfen und Kassen sich leeren, schwindet auch oft der Mut, die Dinge neu anzugehen. Der Kreative jammert nicht (Wolf Lotter), und kreativ sind sowohl Unternehmer als auch Künstler. Beider Gestaltungswille ist gefragt.
Schwarz+Weiss, eine Kultur- und Unternehmensberatung aus Hildesheim, beschäftigt sich mit der Frage, wie kreative Allianzen zwischen Kultur und Wirtschaft entstehen, welchen Effekt sie auf ihre Umgebung haben und wie sich dadurch das Konzept des Kultursponsorings wandelt. Lässt sich die Gleichung Kultur + Wirtschaft = x lösen?
 
Auftakt Kulturpolitur Kultur und Wirtschaft neu denken. Ein Polierversuch mit vielen Fragezeichen
 
Was passiert, wenn Kultur und Wirtschaft gemeinsam agieren? Das ungleiche Paar hat Gemeinsamkeiten. Und: Beide können voneinander profitieren.
 
Zu dieser These initiierte Schwarz+Weiss das Symposium Auftakt Kulturpolitur Kultur und Wirtschaft neu denken, das am 18. und 19. November 2010 am Rendsburger Nordkolleg stattfand. Etwa 30 Teilnehmer aus Kultur, Wirtschaft und Politik trafen sich an der Akademie für kulturelle Bildung, um die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Kultur und Wirtschaft neu auszuloten. Spazierengehend wurde das Symposium eröffnet.
 
Der Leipziger Promenadologe Bertram Weisshaar zeigte, wie sich Altbekanntes neu betrachten lässt. Denn das war der Ausgangspunkt des Zusammentreffens. Dinge neu zu denken, auf andere Weise wahrzunehmen und zu überprüfen, ist schließlich auch die Voraussetzung dafür, die Gleichung Kultur + Wirtschaft = x nicht wie gewöhnlich mit Sponsoring zu beantworten. Zurück auf dem Gelände des Nordkollegs hielt Elisabeth von Helldorff einen Vortrag mit dem frechen Titel Kultursponsoring ist tot auf der Suche nach dem Dritten" und forderte dazu auf, die Variable auch als eine solche, also als veränderbar, zu sehen. Wenn schnöde Sponsoringmaßnahmen, die in Logo-Friedhöfen münden, ausgedient haben, muss es nicht das Ende sein. Betrachten wir es als Anfang.
 
Um dies auch erforschen zu können, ohne zunächst in eine Endlosdiskussion über den Kulturbegriff zu verfallen, brachte der Literatur- und Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Christian Schärf Licht ins Dunkel und kam in seinem erfrischenden Vortrag zu dem Schluss, dass eine Systementgrenzung erforderlich sei. Das Wir Kultur, ihr Wirtschaft-Denken" (oder anders herum) sei keineswegs förderlich für die Entwicklung neuer Kooperationsmöglichkeiten. Darüber, dass sich beide Partner auf Augenhöhe begegnen müssen, da sie beide unerlässliche Gesellschaftsakteure mit Veränderungskompetenz sind, waren sich alle einig. Eigene Entwürfe möglicher Kooperationsmodelle skizzierten die Teilnehmer im anschließenden Aktivpart. Auf Polierlappen wurden Wünsche formuliert, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Kultur und Wirtschaft ändern solle. Mithilfe der Brainwalk-Methode kursierten die Teilnehmer durch teils philosophische, teils pragmatische Diskussionen, deren Tenor trotz der vielfältigen Ansätze ein Umdenken forderte. Dabei sprach man dem Dreigestirn der Gesellschaft besonders große Bedeutung und ernst zu nehmende Verantwortung zu. Nicht Kultur und Wirtschaft allein, sondern beide gemeinsam mit der Politik stünden in der Pflicht, mit den Akteuren vor Ort die Zukunft eines Standortes zu bestimmen. Klar wurde, dass Handlungsbedarf besteht und dass neue Kooperationen wünschenswert und möglich sind. Zwar müssen dazu alte Denkmuster aufgebrochen und bestehende Barrieren überwunden werden, aber dass dies kein Zauberwerk ist, zeigte die große Einigkeit der aus den verschiedenen Sektoren stammenden Teilnehmer: Künstler, Kulturschaf fende, Unternehmer und Politiker waren sich zumindest im Mikrokosmos Kulturpolitur einig und hatten keinerlei Verständnisschwierigkeiten.
 
Eine Diskussionsrunde mit dem Kulturmanager und Blogger Christian Henner-Fehr, dem Ingenieur des Schiffbaus Lennart Pundt und dem Künstler Paul Huf gab Einblicke in funktionierende und synergetische Kooperationsmodelle. Lennart Pundt, der im Hamburger Hafen ein Projekt leitete, das Künstlern die Möglichkeit gab, die Arbeit von Unternehmern ästhetisch umzusetzen (www.kleineundgrossefische.de) und Paul Huf (www.paulhuf.de), der als Künstler in einer Unternehmensberatung tätig ist, forderten ein Aufeinanderzugehen, das auf Verstehen, Neugierde und Akzeptanz basiert und mit Vorurteilen bricht. Auch die Aufhebung der strengen Trennung zwischen den Systemen wurde heiß diskutiert und von Christian Henner-Fehr fundiert analysiert.
 
Den Abschluss bildete ein Vortrag von PD Dr. Oliver Flügel-Martinsen über Utopien und die Möglichkeiten des gemeinsamen Schaffens. In seiner rasanten und hervorragend konzipierten Rede ging es um die Idee des gemeinsamen und kreativen Tuns aller Stadtakteure in einer übergreifenden Austauschlogik und auch um den Mut, Dinge in Angriff zu nehmen. Gestaltung heißt, etwas freizusetzen, das eine Eigendynamik entwickelt und lässt sich demzufolge weder verordnen noch kontrollieren.
 
Nur wie geht man in Zeiten leerer Kassen und schwindender Bevölkerung diese Herausforderungen an?
 
Genau dieses "Wie" wird Thema der zweiten Kulturpolitur sein, die im Frühsommer 2011 wieder in Kooperation von Schwarz+Weiss und dem Nordkolleg Rendsburg stattfinden wird. Die Ergebnisse der ersten Kulturpolitur werden in einer Publikation festgehalten, die im Frühjahr 2011 erscheinen wird.
 
Kollaborative und kreative Allianzen sind das Ziel: Ein Beispielprojekt im oberschwäbischen Ehingen
 
 
"Menschen Technik Emotionen" ein Projekt der Liebherr-Werk Ehingen GmbH und der Chameleon Bewegung e.V. unter der Leitung von Schwarz+Weiss
 
Seit November 2010 treffen sich regelmäßig Mitarbeiter des Unternehmens und Mitglieder des Kulturvereins, um ihre erste eigene Ausstellung zu planen. Dazu entwerfen sie ein Konzept, nach dem sie gemeinsam durch die Produktionshallen ziehen und die Arbeitsplätze von über 2.000 Menschen künstlerisch dokumentieren. Von einem Fotografen erhalten sie Tipps zur Umsetzung und Bearbeitung, um schließlich in Eigenregie die Vernissage samt Vermittlungskonzept für Februar 2011 zu entwerfen.
 
An diesem Beispiel lässt sich beobachten, wie aus einem Arbeitsplatz ein Kunstwerk wird, aus einer fremden Firma ein Ort des Entdeckens und wie aus zwei ungleichen Gruppen ein starkes und homogenes Team wird. Die Teilnehmer des Projekts zeigen in diesen Wochen, dass sie ihre Stadt gemeinsam gestalten wollen und können bereits hervorragende Ergebnisse vorweisen.
 
Das Projekt in Ehingen ist langfristig angelegt und wird weitergeführt ein weiteres Städteprojekt wartet im hohen Norden, Kulturpolitur geht in die nächste Runde, Schwarz+Weiss geht in den kommenden Jahren auf Reisen und freut sich auf fröhliche Systementgrenzungen.
 
DIE AUTORINNEN
 
Elisabeth von Helldorff (geb. 1983) begründete Schwarz+Weiss 2009 und hat seit dem die Geschäftsleitung inne. Sie ist Studentin der Kulturwissenschaften und ästhetischen Praxis an der Universität Hildesheim und Stipendiatin der Stiftung der deutschen Wirtschaft.
 
Birthe Dierks (geb. 1983) ist Diplomkulturwissenschaftlerin. Auch sie hat Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis mit dem Schwerpunkt Kulturmanagement an der Universität Hildesheim studiert. Neben ihrer Arbeit als Kreativleiterin bei Schwarz+Weiss leitet sie Kulturprojekte im ländlichen Raum.
 
WEITERE INFORMATIONEN
 
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