13.02.2014

Autor*in

Leonie Krutzinna
studierte Skandinavistik und Literaturwissenschaft an der Georg August-Universität Göttingen.
Konferenzen

Pränatal oder abgelebt? das vierte Hamburger Symposium The Art of Music Education über die Zukunft der klassischen Musik und der Konzerthäuser

Der Durchschnittsdeutsche hält am abendländischen Kulturgut fest. Für 88 % der Deutschen ist klassische Musik ein wichtiges kulturelles Erbe. Das fand die Körber-Stiftung durch eine von ihr in Auftrag gegebene repräsentative Umfrage heraus. Der Haken: Was in der Theorie gewollt, wird in der Praxis verschmäht. Denn nur jeder Fünfte hat im Jahr 2013 laut eigener Aussage ein klassisches Konzert besucht, 56 % der unter-30-Jährigen haben gar keinen Kontakt zu klassischer Musik. Keine Zeit, kein Interesse, zu teuer, zu elitär - das geben die Nicht-Besucher als Gründe an.
Klassische Musik als kulturelles Erbe?

Die Körber-Stiftung hat die Umfrage im Vorfeld der Fachtagung The Art of Music Education in Auftrag gegeben, um ein Stimmungsbild zu haben, inwiefern klassische Musik als kulturelles Erbe angesehen wird, so Kai-Michael Hartig gegenüber Kulturmanagement Network. Er ist Leiter des Bereichs Kultur der Körber-Stiftung und repräsentierte gemeinsam mit der Hamburger Elbphilharmonie und der European Concert Hall Organisation die gastgebenden Institutionen. Vom 22. bis 24. Januar 2014 kamen im Hamburger KörberForum zum vierten Mal rund 150 Fachkräfte aus der Musikvermittlung, aus Verlagen, Agenturen, Bildungsinstitutionen sowie aus Politik, Wissenschaft und Forschung zusammen.

Um nichts Geringeres als den ganzheitlichen Ansatz von Kultur und Tradition sollte es gehen, wie Klaus Wehmeier aus dem Vorstand der Körber-Stiftung zum Symposiumsauftakt verkündete. Und die Hamburger Kultursenatorin Barbara Kisseler pointierte: Das Bildungsbürgertum ist im Schwinden begriffen. Deshalb gelte es, neue Strategien zu entwickeln, wie das Publikum an komplexe Musik herangeführt werden könne. Mit anderen Worten heißt das: Das Publikum altert und nimmt die Konzerthäuser schlimmstenfalls mit ins Grab. Höchste Zeit also für einen Richtungswechsel und weil das Internet für vieles eine Lösung verspricht: Zeit für den Digital Turn, jetzt auch in der Musikvermittlung.

Zurückhaltende Begeisterung für Neue Medien

Mit Von App bis Xing Medien in der Musikvermittlung war deshalb der zweite Teil des Symposiums überschrieben. Trotz wohlwollend aufgenommener Best Practice Beispiele, etwa vom Royal Concertgebouw Amsterdam, das mit seinem Konzert-Live-Streaming-Konzept zwischen 500 und 5000 Zuschauer am Computerbildschirm erreicht, war die Begeisterung für den Einsatz Neuer Medien eher zurückhaltend.

Eine Skepsis an Facebook, Twitter und Tumblr als Allheilmittel gegen eine geringe Auslastung von Konzerthäusern mag dabei durchaus angemessen sein. Schließlich sind Soziale Medien keine Verkaufs-, sondern Kommunikationskanäle, dies wurde u.a. vom Social Media Strategist Christoph Müller-Girod verdeutlicht, der das digitale Marketing der Dortmunder Philharmoniker vorstellte. Die Social Media-Plattformen dienen der Partizipation des Publikums, gerade deshalb ist ihre Betreuung Chefsache und keine Praktikanten-Aufgabe, wie Müller-Girod betonte.

Audience Development, wie auch immer es organisiert und medial gestützt wird, ließ sich immerhin als konsensorientierten Lösungsvorschlag im Plenum dingfest machen, denn leere Konzerthäuser lassen sich nur durch Publikumszulauf vor der Schließung bewahren. Doch es reicht nicht, den Besucher als rein quantitatives Messinstrument heranzuziehen, um das kulturelle Gut an sich zu legitimieren. Es bleibt fraglich, ob sich in den einzelnen Häusern das Konzept der Publikumsentwicklung tatsächlich konsequent der Idee verpflichtet, dass Kultur für Menschen gemacht wird.

Am kulturellen Gut wird nicht gerüttelt

Dass am kulturellen Gut ungern gerüttelt wird, zeigte auch die Fragestellung als Diskussionsgrundlage im World Café: Wie lässt sich Relevanz für das kulturelle Erbe in Gegenwart und Zukunft schaffen? In diesen intimeren Diskussionsrunden herrschte eine grundsätzliche Dissonanz zwischen Stimmen, die sich an Terminologien wie Tradition, komplexe Inhalte oder Kanon klammern, um dem befürchteten Verfall des kulturellen Erbes entgegen zu wirken und solchen, die einen stärker gesellschafts- und kontextbezogenen Musikbegriff vertreten, der stärker vom Rezipienten aus gedacht wird.

Rezeptionsorientiert denken und arbeiten beispielsweise die Initiativen vom Cité de la musique in Paris oder das portugiesische Programm Access Culture. Mediation instead of education nennt Maria Vlachou, Kulturmanagerin und leitende Direktorin von Access Culture, ihren Ansatz. Im Cité de la musique werden Konzepte entwickelt, die in der Vermittlungsarbeit einen Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik, Partizipation und Integration legen, etwa durch das Projekt DEMOS - ein groß angelegtes schulisches Konzertprojekt.

Schwellenängste?

Neben einer integrativen Vermittlungsarbeit sind laut Hartig charismatische Vermittlerpersönlichkeiten gefragt, so seine Konsequenzen aus der Umfrage, um Schwellenängste abzubauen (...) und Begeisterung auch für komplexe Inhalte zu wecken. Aber wer bleibt eigentlich warum an der Schwelle stehen? Denn klassische Musik wird konsumiert, an anderer Stelle scheint diese Schwelle nicht so schwer zu nehmen zu sein: So tritt Lang Lang zusammen mit Metallica bei den Grammys 2014 auf und David Garrett scheint so populär wie Justin Bieber, ist ein Popstar und darf sich selbst als Schauspieler versuchen. Die New Yorker Met hat in der Saison 2011/12 alleine mit Kino-Übertragungen 11 Millionen Dollar eingenommen. Die Digitalisierung der Übertragungsmöglichkeiten, hochauflösender Sehgenuss, die neuen Sound-Technologien und der ungezwungenere Rahmen in einem bequemen Kinosessel machen neue Aufführungsräume und -erfahrungen möglich. Und selbst das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker im eigentlich klassischen Gewand wird nicht nur von ÖsterreicherInnnen gesehen, sondern in 73 Länder mit geschätzten 50 Millionen Zuschauern übertragen.

Ein besucherorientiertes Audience Development müsste an der Gesellschaft ansetzen, sich für die Probleme, Sorgen und Nöte der Menschen interessieren, um ihnen durch kulturelle Angebote neue Sichtweisen aufzuzeigen, sie zu bilden oder auch, um sie zu zerstreuen und zu unterhalten. Schließlich sind Konzerte nicht nur musikalische, sondern soziale Ereignisse. Oder, um es mit Umberto Eco zu sagen: Das Werk vollendet sich erst in seiner Rezeption. Zwar leisten Vermittlungskonzepte wie musikalische Früherziehung, Mitsingkonzerte, pränatale Musikförderung oder die Initiative Jedem Kind ein Instrument einen wichtigen Beitrag zur musikalischen Bildung. Doch trotz dieser vielen lobenswerten und sinnvollen Initiativen, wird viel zu oft das Pferd von hinten aufgezäumt und der so genannte Bildungskanon nicht infrage gestellt. Dabei bleibt der Werkbegriff hermetisch. Etwas Neues kann aber nur dann entstehen, wenn man sich von abgelebten Idealen trennt.
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