02.07.2012

Autor*in

Christian Holst
studierte Angewandte Kulturwissenschaften an der Universität Lüneburg und General Management an der Universität St. Gallen. Er war unter für das Oldenburgische Staatstheaters, die Stiftung Schweizer Jugendkarte und das Opernhaus Zürich tätig. Heute ist er Dozent und Researcher an der Zürcher Hochschule der Künste und verschiedenen Hochschulen. Holst ist Mitbegründer und Vorstandsmitglied der stARTconference und Mitorganisator des Hamburger stARTcamps.
Rückblick Partizipatives Storytelling 2012

Storytelling: Eine alte Kulturpraxis im Aufwind

Christian Holst besuchte für uns die Konferenz "Partizipatives Storytelling" am 12. Juni 2012 in Luzern.
 
Der Begriff «Storytelling» hat Konjunktur. Dabei beschreibt er eigentlich nur etwas, das Menschen seit jeher tun: Geschichten erzählen. Wird der englische Begriff im Deutschen benutzt, dann schwingt allerdings noch eine gezielte, professionelle Herangehensweise an das Geschichtenerzählen in der PR- und Kommunikationsarbeit mit. Auch das ist nicht unbedingt neu. Der Marlboro-Man etwa wird 2014 seinen 60. Geburtstag feiern. Neu ist allerdings der Aspekt der Partizipation der Adressaten. Diese sind nicht mehr nur Zuhörer, sondern werden zunehmend einbezogen wenn es darum geht, Geschichten weiter zu entwickeln und zu verbreiten. Die Möglichkeiten dafür sind nicht zuletzt durch das Social Web immens befeuert worden. Und gerade auch Kultureinrichtungen, deren Aufgabe es ist, einen riesigen Materialfundus an Geschichten zu verwalten und zu tradieren, bietet das partizipative Storytelling neue Möglichkeiten für ihre Arbeit.
 
Vor diesem Hintergrund trat am 12. Juni 2012 das kürzlich gegründete Center for Storytelling mit einer Konferenz zum Thema "Partizipatives Storytelling" erstmals an die Öffentlichkeit. Soviel vorweg: Die Premiere ist rundum gelungen.
 
Durch eine auf den ersten Blick recht bunte Auswahl an Sprechern wurde das Thema von verschiedensten Seiten beleuchtet: Mit Henry Jenkins gab ein profilierter Exerte zum Thema Storytelling eine theoretische Einführung. Er beschäftigte sich in seinem Vortrag damit, welche Voraussetzungen Geschichten erfüllen müssen, um partizipativ weitergetragen und weiterentwickelt zu werden. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte er, wie über möglichst niedrige inhaltlich und technische Barrieren sowie durch Wertschätzung des Publikums und kontinuierliche Interaktion eine neuartige, enge Beziehung aufgebaut werden kann. Dies bedingt auch, dass Dienstleistung und Marketing verschwimmen: Die Inhalte der Dienstleistung werden zum Gegenstand des Marketings, und das interaktive Marketing wirkt wiederum auf den Inhalt zurück.
 
Dorothea Martin steuerte die Perspektive einer Pionierin der Praxis bei. Sie erzählte von der Gründung ihres Verlags «Das Wilde Dutzend», der nicht nur Geschichten herausgibt, sondern zugleich Teil dieser Geschichten ist. Somit verschwimmen hier durch Storytelling die Grenzen und Übergänge zwischen Realität und Fiktion genauso wie die zwischen den einzelnen Medien, mittels derer die Geschichten erzählt werden.
 
Wolfgang Disch wiederum beschäftigte sich mit den Vorzügen des Storytellings für die Markenführung. Die Vorteile guter Unternehmens-Stories seien kaum überzubewerten: sie emotionalisieren und wirken im Gegensatz zum allgegenwärtigen Werbe-Sperrfeuer authentisch und unaufdringlich. Entscheidend sei allerdings, dass die Geschichte nicht mit anderen Unternehmen assoziiert wird, sondern etwas Einzigartiges, Unverwechselbares transportiert.
 
Der Theatermacher und Unternehmer Samuel Schwarz stellte das transmediale Projekt «Der Polder» vor. Im gleichnamigen Kinofilm geht es um die Lancierung eines revolutionären Computergames und das mysteriöse Verschwinden des Chefentwicklers. Das Game existiert nicht nur als Stoff des Films, sondern auch im «real life» als Erzählmedium des Projekts; über soziale Netzwerke und eine App wird das Publikum zudem an der Suche nach dem Chefentwickler beteiligt. Das Projekt ist ein praktisches Beispiel zu Jenkins Ausführungen, wie die Grenzen zwischen Inhalt und Marketing und damit auch zwischen Künstlern und Publikum sowie Produktion und Rezeption verschwimmen.
 
 
Dass partizipatives Storytelling auch ganz ohne digitale oder auch nur elektronische Medien funktionieren kann, zeigte Mark Riklin, der nach eigener Aussage weder Handy noch Facebook-Account besitzt. In der Meldestelle für Glücksmomente beispielsweise nimmt er alltägliche Geschichten über das Glück per Schreibmaschine auf. Später erscheinen diese Geschichte gesammelt als Buch. Auch die zahlreichen weiteren Projekte die Riklin vorstellte verfolgen das Ziel, Geschichten aufzuspüren und wieder zu verbreiten, um für Gespräche und Begegnung in einer zunehmend anonymen Lebenswelt zu sorgen.
 
Marcus Brown dagegen ließ keinen Zweifel daran, dass er sich vor allem in der Online-Welt zu Hause fühlt. Er zeigte, wie es gelingt, digitalen Charakteren Leben einzuhauchen, etwa seiner Figur Jack the Twitter. Diese machte es sich zur Aufgabe, jungen Londonern virtuell nachzustellen, die im Netz unbedacht Auskunft über ihr Privatleben gaben. Indem die Kunstfigur direkt auf Twitter-Nachrichten oder Blog-Einträge antwortet, gewinnt sie an Profil in der direkten Interaktion mit anderen Netzteilnehmern. Streamtelling nennt Brown das. Zugleich provoziert die Figur eine kritische Reflexion der Nutzungsgewohnheiten von digitalen Medien.
 
Als Veranstaltungsort für eine Konferenz zum Thema Storytelling war das Bourbaki in Luzern ideal gewählt. Denn es beherbergt eins von etwa 30 noch erhaltenen Panoramen, also perspektivischen 360°-Bilddarstellungen, die im 19. Jahrhunderten als Vorläufer des Kinos sehr beliebt waren. Zum Rahmenprogramm der Konferenz gehörte eine Führung durch das Bourbaki-Panorama, das die Entwaffnung der französischen Armee durch die Schweizer im Winter 1870/71 zeigt. Um den Besuch zu einem Erlebnis für alle Sinne werden zu lassen, wurden im 19. Jahrhundert auch Geräusche, Gerüche und haptische Eindrücke (etwa Wind) erzeugt. Mit diesem Ausflug in die Mediengeschichte wurde daher eindrucksvoll deutlich, dass transmediales Storytelling keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist.
 
Die Konferenz richtete sich nicht speziell an Kulturschaffende. Unter den Teilnehmern waren viele aus dem Bildungs-, dem PR-Sektor und anderen Bereichen vertreten. Deren Interesse an der Praxis des Storytellings zeigt jedoch den allgemeinen Bedeutungsaufschwung, den Kunst und Kultur derzeit in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft erfahren.
 
Dank Kulturtv sind übrigens alle Vorträge in hervorragender Qualität auf der Website des Centers for Storytelling dokumentiert.
 
Mehr zur Konferenz und ihren Inhalten finden Sie auch hier auf dem Portal sowie beim Center for Storytelling.
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