15.08.2016

Autor*in

Eva Göbel
verantwortet die Drittmittelakquise für den städtischen Eigenbetrieb „JenaKultur“. Zuvor arbeitete sie als Kulturmanagerin u.a. für die IBA Thüringen, als Redakteurin und Journalistin, unter anderem bei Kultur Management Network. Sie studierte Literatur, Kunst und Kultur in Göttingen, Paris und Jena.
Rückblick Soziokultur gestaltet Integration 2016

Wunsch oder Wirklichkeit Fördert Kultur Integration?

Soziokultur gestaltet Integration lautete der Titel eines Fachtags, den der Landesverband Soziokultur Sachsen am 31. Mai 2016 in Dresden veranstaltete. Ziel war es, den MitarbeiterInnen in soziokulturellen Einrichtungen praktische Hilfestellungen an die Hand zu geben, um Begegnungen zwischen MigrantInnen und Flüchtlingen und der Zivilgesellschaft zu fördern und so zu einer besseren Integration beizutragen.
Seit den 1970er Jahren versteht sich Soziokultur als Kulturarbeit mit starkem Gesellschaftsbezug, die das Alltagsleben von Menschen jeglicher Milieus mit Kunst und Kultur verbinden möchte. Fast die Hälfte aller soziokulturellen Zentren in Deutschland haben einen interkulturellen Schwerpunkt und arbeiten international. Nur folgerichtig ist es also, dass die Soziokultur die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen im Kontext der Flüchtlingskrise als ihr Handlungsfeld versteht. Auch wenn sich die Soziokultur bereits seit den siebziger Jahren für interkulturelle Methoden und Perspektiven geöffnet hat, so verlangt die aktuelle Situation doch nach einer gezielten Bedarfsermittlung, nach Professionalisierung und Weiterbildung der MitarbeiterInnen. Bei dieser Diagnose setzte der Fachtag in Dresden an, um einen ersten fachlichen Austausch unter AkteurInnen der soziokulturellen Szene, Flüchtlingen und MigrantInnen als auch PolitikerInnen zu ermöglichen.
 
Viel Raum für Praxisaustausch
 
Der Austausch wurde insbesondere durch klein gehaltene Themenrunden und Projektvorstellungen gewährleistet, die neben den Vorträgen und Grußworten viel Raum bekamen. Der Themenrahmen war sehr vielfältig: Es ging darum, wie MigrantInnen und Flüchtlingen einfache Deutschkenntnisse von ehrenamtlichen Lehrkräften vermittelt werden können, wie die Ehrenamtsarbeit besser koordiniert werden kann oder wie selbstorganisierte Migrantenorganisationen den Integrationsprozess unterstützen. Die interkulturelle Kinder- und Jugendarbeit war ebenso Thema wie Öffentlichkeitsstrategien für Einrichtungen, die mit Flüchtlingen arbeiten möchten. Das breite Themenfeld, die Nähe zur täglichen Arbeitspraxis und die Gespräche unter den TeilnehmerInnen sorgten für eine interessierte und lehrreiche, aber insbesondere menschliche Atmosphäre. Jede Projektrunde wurde von mindestens einer Person mit Migrationshintergrund unterstützt, so dass diese Perspektive immer im Mittelpunkt der Auseinandersetzung stand.

Soziokultur in Sachsen möchte Integration mitgestalten

Anne Pallas, Geschäftsführerin des Landesverbands Soziokultur Sachsen, betonte, dass die Soziokultur ihre Expertise und Aufgabe nicht nur in der Kulturarbeit mit Flüchtlingen sieht, sondern auch gesellschaftspolitische Bedingungen mitgestalten sollte, damit Integration gelingen kann. Dies war ein deutliches Signal an die Politik, die unter anderem durch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva-Maria Stange, und den sächsischen Ausländerbeauftragten Geert Mackenroth vertreten war. Die soziokulturellen Einrichtungen und Verbände müssten als Partner anerkannt werden und finanziell und strukturell gestärkt werden, so Pallas. Ihr Aufruf in Richtung Politik, Engagement nicht nur zu fordern, sondern auch zu fördern, erntete im Publikum viel Beifall.

Was ist interkulturelle Kulturarbeit?

Das Konzept, dass die Soziokultur in der praktischen Arbeit mit MigrantInnen anbieten kann, ist das der interkulturellen Kulturarbeit. Leider blieb die Diskussion über konkrete Anwendungen, Möglichkeiten und Grenzen dieses Konzepts oberflächlich. Als Vortragende war Prof. Dr. Caroline Robertson-von-Trotha geladen, die am Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft in Karlsruhe forscht. Sie stellte grundlegend klar, dass die Integration, wie wir sie jetzt kennen, eine Folgeerscheinung der Globalisierung ist, dass es viele verschiedene Ebenen der Integration gibt und diese dementsprechend gestaltet werden müssen (politisch-gesetzlich, kulturell-sozial, ökonomisch-strukturell, identifikatorisch). Die Soziokultur wirke auf der Ebene der kulturell-sozialen Integration und könne hier Begegnungen zwischen MigrantInnen und der Gesellschaft schaffen. Daran an schloss sich auch die Forderung nach einer ressortübergreifenden Integration. Konkret schlug Robertson-von-Trotha vor, in den soziokulturellen Einrichtungen interkulturelle Trainings für die MitarbeiterInnen anzubieten, um die kritische Wahrnehmung des Fremden und des Eigenen zu schulen. Zudem könne von den Einrichtungen ein Stadtquartiersmanagement ausgehen, das Begegnungen im gesamten öffentlichen Raum organisiert. Für das Ministerium für Integration, Kunst und Wissenschaft Baden-Württembergs hat die Wissenschaftlerin dafür die Broschüre Interkultur für alle publiziert, die als Hilfsmittel für die interkulturelle Kulturarbeit kostenlos genutzt werden kann.

Als Schwierigkeiten benannte Robertson-von-Trotha die religiösen Konflikte bzw. Konflikte zwischen Gläubigen und Nicht-Gläubigen und die Tatsache, dass muslimische Frauen oder Frauen aus anderen patriarchalischen Kulturen oftmals nicht zu kulturellen Angeboten kommen dürfen. Für diese Situationen hat die Kulturarbeit in Deutschland bisher keine Konzepte vorgelegt.

MigrantInnen als Partner bei der Integration

Bisher wenig öffentliche Beachtung haben migrantische Selbstorganisationen bekommen, die starke Partner bei der Integration sein können. In Sachsen gibt es bisher keine landesweiten Migrantenorganisation. Daher war das Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt eingeladen worden, um von seinen Erfahrungen und seiner Organisationsform zu berichten. Mamad Mohamad, Geschäftsführer und Mitbegründer der Organisation, die sich kurz LAMSA nennt, gestaltete zusammen mit Pastor Joshua Lupemba, der unter anderem den Typisch Deutsch e.V. in Berlin gegründet hat, eine Projektrunde. Das LAMSA vertritt die politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Interessen der Bevölkerung mit Migrationshintergrund auf Landesebene und versteht sich als legitimierter Gesprächspartner gegenüber der Landesregierung und allen relevanten Organisationen. Mitglieder sind gegenwärtig 64 Migrantenorganisationen sowie 15 Einzelpersonen mit Migrationshintergrund. Mamad Mohamad zufolge ist das LAMSA für viele MigrantInnen die erste Anlaufstelle, wenn sie in Sachsen-Anhalt ankommen. Hier finden sie Sprachmittler und Brückenbauer zur deutschen Gesellschaft. Durch Mundpropaganda innerhalb der migrantischen Communitys und in den Flüchtlingsunterkünften würden die meisten Menschen von selbst auf die Organisation aufmerksam. Mohamad betonte, dass die Migrantenorganisationen von den Kommunen und Ländern als strategische Partner anerkannt werden sollten, damit eine gewinnbringende Zusammenarbeit funktioniere. In dem Netzwerk arbeiten MigrantInnen, die Fachexperten für Traumatisierungen, für Kinder- und Jugendarbeit, sowie das Thema Arbeitsmarkt und Qualifizierung sind. Trotz des hohen Professionalisierungsgrades der MitarbeiterInnen und der Struktur arbeitet LAMSA zu 95 Prozent rein ehrenamtlich. Dieses Engagement gelte es wertzuschätzen und mit Vertrauen, einem partnerschaftlichen Umgang und den notwendigen Ressourcen zu bedenken, so Mamad Mohamad.

Einstimmigkeit statt Debatte

Was bei dem Fachtag fehlte, war ein kritischer Blick auf die Schwierigkeiten bei der interkulturellen Kulturarbeit. Gerade die Frage, wie religiöse Konflikte gelöst werden bzw. ob sie überhaupt in der Kulturarbeit thematisiert werden können, hätte in diesem Forum bestimmt spannende Diskussionen ergeben. Auch die Frage nach den Zugangsmöglichkeiten zu Kulturangeboten für beispielsweise muslimische Frauen, denen eine Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen zum Teil aufgrund ihrer Religion nicht möglich ist, wurde nicht aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Diese Fragen können Kulturorganisationen nicht alleine beantworten, sondern benötigen hier Unterstützung aus Disziplinen, die über Integration und Interkultur forschen, Ursachen und Wirkungen benennen und wissenschaftlich evaluieren. Die Frage, ob eine Geschlechtertrennung bei einigen Kulturangeboten langfristig zur Integration von muslimischen Frauen in eine nicht-geschlechtergetrennte Gesellschaft führt, ist viel zu wichtig und problematisch, als dass hier aufgrund von Spekulationen eine Strategie entwickelt werden sollte. Insgesamt stellt sich die Frage, in welchem Maße es die Aufgabe von Kultur ist und inwiefern sie tatsächlich die Möglichkeiten besitzt, die Integration von Flüchtlingen und MigrantInnen in der aktuellen Größenordnung zu fördern.
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