06.05.2019

Themenreihe Zukunft der Arbeit

Autor*in

Christian Djeffal
studierte Jura in München und London und wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin promoviert. Er ist assoziierter Forscher am Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft, wo er das Projekt "Digitale öffentliche Verwaltung" leiitet, und Gastforscher am Institute for Technology, Society and Law der Universität Zürich. Im Juli 2019 folgt er einem Ruf auf die Professur Law, Science, and Technology an der Technischen Universität München.
Künstliche Intelligenz in öffentlichen Kultureinrichtungen

Bleibt alles anders?

Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, KI-Systeme erobern den Alltag und finden zunehmend auch Anklang in Kunst und Kultur. Aber was bedeutet das für die Arbeit in jenen Kultureinrichtungen, die den Strukturen der öffentlichen Verwaltung unterworfen sind?
Künstliche Intelligenz macht gerade in der Kunst Karriere. Die Feuilletons berichten regelmäßig über Experimente, Installationen und Projekte, die KünstlerInnen mit, durch oder gegen künstliche Intelligenz machen. Christie’s versteigert ein von KI produziertes Bild, SammlerInnen sind hinter "Künstlicher Kunst" her, die andernorts kritisch reflektiert wird. Solche Objekte werden auch gern auf Fachkonferenzen in Wirtschaft und Verwaltung gezeigt. Viel weniger Beachtung findet dagegen die Frage, wie KI in naher Zukunft unseren Arbeitsalltag ändern wird. Das gilt insbesondere für die öffentliche Verwaltung auch im kulturellen Bereich. Nach dem aktuellen Stand der Technik in Wissenschaft und Forschung sind bedeutende Änderungen möglich, die viele Bereiche verändern könnten. Wie könnte also die Zukunft von ManagerInnen im Kulturbereich aussehen? Und welche Fragen sind hierfür zu klären? Dieser Beitrag soll einen kurzen Überblick und einige Anregung zum Nachdenken geben, er basiert auf einem Gutachten zu künstlicher Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung für das Nationale E-Government Kompetenzzentrum.
 
Was heißt KI eigentlich?
 
Technologien der künstlichen Intelligenz haben unterschiedliche Mütter und Väter, der Begriff wurde jedenfalls erstmals in einem Drittmittelantrag von vier Wissenschaftlern an die Rockefeller Stiftung im Jahr 1955 verwandt. Sie schrieben: "Die Studie soll auf der Grundlage der Vermutung durchgeführt werden, dass jeder Aspekt des Lernens oder jedes andere Merkmal der Intelligenz prinzipiell so genau beschrieben werden kann, dass eine Maschine zur Simulation hergestellt werden kann. Es wird versucht herauszufinden, wie man Maschinen dazu bringen kann, Sprache zu benutzen, Abstraktionen und Konzepte zu bilden, Arten von Problemen zu lösen, die heute dem Menschen vorbehalten sind, und sich selbst zu verbessern."
 
Künstliche Intelligenz bezeichnet ein Forschungsfeld, das nach der selbstständigen Lösung komplexer Probleme durch technische Systeme fragt. Der Begriff bezieht sich also nicht nur auf eine bestimmte, sondern viele Technologien, wie maschinelles Lernen durch neuronale Netze oder Entscheidungsbäume. 
 
Der Begriff künstliche Intelligenz schließt dabei weder bestimmte Technologien aus, noch werden bestimmte Zwecke vorausgesetzt. Aus Eisen kann man Schwerter und Pflugscharen machen, KI ermöglicht Killer- und auch Assistenzroboter. Wichtig ist dabei, dass KI nicht nur zur Automation eingesetzt werden kann, also um den Menschen zu ersetzen. Die Augmentation von Menschen kann ebenfalls ihr Zweck sein. Dabei geht es um Mensch-Maschine-Interaktionen, die die Fähigkeiten des Menschen erweitern. Manche KI-Technologien trainieren sich selbst, andere basieren auf der Auswertung von Millionen von Datensätzen, etwa künstliche neuronale Netze, die solange auf bestimmte Aufgaben trainiert werden, bis sie selbst ein Modell zu deren Lösung finden. Diese können z.B. bestimmte Objekte auf Bildern erkennen, Sprache oder Handschrift maschinenlesbar machen und vieles mehr. 
 
Unternehmen setzen bereits erste Assistenten ein, die selbstständig Telefongespräche zur Terminvereinbarung führen können. Das ist ein Beispiel für den künftigen Einsatz von KI im Büroumfeld. Andere KI-Funktionen wie etwa Spracherkennung zur Umsetzung in Text werden bereits breitflächig eingesetzt, auch auf dem Feld der Übersetzung hat sich in den vergangenen Jahren Einiges getan.
 
KI im Kulturmanagement
 
Ein mögliches Einsatzfeld ist das Risikomanagement, insbesondere bei der Finanzprüfung. Die Finanzministerien setzen beispielsweise für die Prüfung von Steuererklärungen bereits das System Veranlagung 2.0 ein. Auch im Kulturbereich ist es gut vorstellbar, dass Risikomanagementsysteme sowohl Nachweise zur Mittelverwendung als auch deren Prüfung unterstützen. Solche Systeme leben in besonderem Maße vom Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine, denn auch maschinelle Meldungen müssen von verständigen Sachbearbeitern geprüft und die Funktionalität des Systems selbst regelmäßig überwacht werden. 
 
Zudem werden KI-Systeme insbesondere in den Bereichen Werbung und Marketing für Prognoseentscheidungen eigensetzt. Auf der Grundlage von Daten kann versucht werden, Vorhersagen über das zukünftige Verhalten von Personen zu machen. Im Kulturbereich könnte etwa vorhergesagt werden, wie sich Publikumsströme auf bestimmte Wochentage verteilen. Ferner könnte kalkuliert werden, wie stark eine bestimmte Veranstaltung frequentiert werden wird. Dies lässt sich auch auf die digitale Kommunikation und die Passgenauigkeit von Content übertragen. 
 
Bei solchen Systemen ist zu beachten, dass sie immer anhand von Daten der Vergangenheit lernen und die Zukunft nicht endgültig vorhersagen können. Dennoch lässt sich aus Daten einiges über Präferenzen des Publikums lernen. Smarte Videosysteme sind bereits heute in der Lage, sowohl Gesichter als auch bestimmte soziale Situationen zu erkennen. Ein solches System schlägt beispielsweise bei bestimmten Handlungen wie etwa Handgemengen an und kann einen Mitarbeiter informieren. Solche Systeme könnten bei der Aufsicht über Exponate in Museen eingesetzt oder im Festivalbereich werden und hier menschliche Aufsicht ergänzen oder mitunter sogar teilweise ersetzen. Hierbei spielen datenschutzrechtliche Vorschriften eine besonders große Rolle.
 
Arbeitsplatzabbau? Selbst kreativ werden!
 
Wichtig ist prinzipiell, dass es keinen natürlichen Entwicklungspfad mit KI gibt. Das betrifft insbesondere das Thema Arbeitsplatzabbau. Es kann nicht von der Hand gewiesen werden, dass KI-Systeme in manchen Bereichen Menschen ersetzen können. Teilweise werden auch einzelne Fähigkeiten ersetzt, so dass Berufe nicht ganz verschwinden, der Bedarf allerdings sinkt. Auch in den Wirtschaftswissenschaften ist man sich nicht einig darüber, welche Effekte dies genau zeitigen wird. Grundsätzlich gilt aber: Bei ArbeitnehmerInnen, deren Aufgabengebiet hauptsächlich aus repetitiven Aufgaben besteht, sollte frühzeitig über Weiterqualifikationsmaßnahmen nachgedacht werden. Gleichzeitig werden sich neue Möglichkeiten für diejenigen ergeben, die sich mit KI-Technologien, Ihrer Handhabung und Bewertung auskennen. Auch im Kulturmanagement geht es dabei um die Veränderung von Tätigkeitsprofilen. Insbesondere in den Bereichen Buchhaltung, Controlling und Personalmanagement werden computergestützte Prozesse Aufgaben übernehmen. Bereits heute sind beispielsweise Risikomanagement- und Prüfsysteme für die Buchhaltung in Anwendung. Im Bereich des Personalmanagements werden bereits Systeme für die Bewerberauswahl und zur Vorsortierung von Bewerbungen genutzt. Grundlage hierfür sind in die KI eingespielte, individuell zugeschnittene, an die Bedürfnisse der jeweiligen Einrichtung wie an die Vorgaben des Trägers angepasste Tätigkeitsprofile. Da sich diese im Kulturmanagement stark unterscheiden, ist es schwer, hier allgemeine Aussagen zu treffen oder übergreifende Beschreibungen zu nutzen. 
 
Im Bereich von Prognosesystemen könnten sich in Zukunft interessante Fragen stellen, wenn etwa eine KI Zusammenhänge zwischen strategischen Entscheidungen und kommerziellem Erfolg herstellen kann. Gerade in solchen Konfliktlagen müssen KulturmangerInnen künftig ihre Querschnittskompetenz ausspielen und zwischen verschiedenen Entscheidungsrationalitäten abwägen. In dem Maße, in denen automatisierte Prozesse wichtiger werden, sollten diese deshalb auch Ausbildungsinhalt in den Studiengängen werden. 
 
Das Gesetz zur Modernisierung des Besteuerungsverfahrens zeigt, dass Effizienzsteigerungen in der öffentlichen Verwaltung auch zu anderen Zwecken genutzt werden können, beispielsweise der Serviceverbesserung. Dieses Gesetz erlaubt verschiedene Formen der Automatisierung. In der Gesetzesbegründung wurde ausdrücklich festgelegt, dass diese Maßnahmen nicht der Personaleinsparung dienen, sondern die Dienstleistungen für BürgerInnen verbessern sollen. Wenn personelle Ressourcen durch Automatisierung freiwerden, können die MitarbeiterInnen sich besser um komplexere Anliegen kümmern. So könnte Automatisierung zu mehr Menschlichkeit führen. Insbesondere aus der Perspektive von Interessensvertretern ist also wichtig, dass man im Falle von Einsparmöglichkeiten konkret formuliert, welche Zeitbedarfe für andere Aufgaben es gibt und welche Potentiale mit den freiwerdenden Ressourcen erschlossen werden können. 
 
Eine Perspektive, die in der öffentlichen Verwaltung stark unterschätzt wird, sind die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten. Auf unterschiedlichen Ebenen kann man versuchen, technische Möglichkeiten und Bedarfe zusammenzubringen. Ich selbst war über die Kreativität erstaunt, die die MitarbeiterInnen und Führungskräfte in meinen soziotechnischen Kreativitätsworkshops entfalten. Die ersten Ideen daraus stehen bereits vor der Umsetzung. Sowohl Universitäten als auch Unternehmen kommen hier als Partner in Betracht. 
 
Erfolge und Ideen sollen natürlich nicht davon ablenken, dass technische Systeme mit Sorgfalt und Umsicht gestaltet werden müssen. Das ist alles andere als einfach und braucht die Mitarbeit vieler Funktionen und Perspektiven. Und es gibt Aufgaben, die nach dem Stand der Technik und den Möglichkeiten besser beim Menschen aufgehoben sind. Auch wenn man sich gegen bestimmte Systeme entscheidet, darf das nicht davon ablenken, dass es viele interessante und gemeinwohlfördernde Einsatzmöglichkeiten von KI in der öffentlichen Verwaltung und darüber hinaus gibt.
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