24.09.2018

Themenreihe Karriere

Autor*in

Ina Roß
ist Kulturmanagerin mit den Schwerpunkten PR und Marketing. Sie arbeitete für Kultur- und Kunstinstitutionen in Deutschland und Europa, war künstlerische Mitarbeiterin und Dozentin für Kulturmanagement an der Akademie der Darstellenden Künste Ernst Busch in Berlin und Gastdozentin an der Jamia Millia Islamia in Neu Delhi. Seit 2015 lebt sie in New Delhi, wo sie Kunstmanagement an der National School of Drama (NSD) unterrichtet und über indische Museumsbesucher forscht.
Leander Wattig
ist Eventkonzepter und Publisher bei ORBANISM sowie freier Berater und Vortragsredner. Sein Schwerpunkt ist Live-Marketing fürs Publishing, für Medien und Kultur. Daneben engagiert er sich als Dozent an der Humboldt-Universität zu Berlin und als Vorstandsmitglied der Theodor Fontane-Gesellschaft. Ausgezeichnet ist er als Fellow des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes.
Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Kultur-Karrieren

Keine Angst vor dem Außergewöhnlichen Teil I

Karriere ist ein großes Wort, gerade im Kulturbereich mit all seinen Unsicherheiten. Doch so etwas wie eine typische Laufbahn gibt es in der Kultur nicht. Vielmehr führen gerade individuelle Berufswege oft zum Erfolg. Wie diese aussehen können, zeigt unsere Interviewreihe mit karriere-mutigen Kulturschaffenden. Los geht's mit Ina Ross und Leander Wattig.
Ina Roß hat als Kulturmanagerin in großen deutschen Kultureinrichtungen begonnen und sich dann immer weiter weg von ihrer Heimat bewegt. Heute lehrt sie Kulturmanagement in Indien.
 
Was war dein Traumberuf als du ein Kind warst?
 
Ina Roß: Als Kind wollte ich gern Schriftstellerin werden. Wobei mir nicht klar war, dass das vor allem Schreiben bedeutet. Meine damals entstandenen Bücher hatten pro Seite einen, maximal zwei Sätze, der Rest war dann Zeichnung. Vor allem Trolle hatten es mir angetan. Dieses Verhältnis von Text und Illustration habe ich später in meinem ersten Buch „Wie überlebe ich als Künstler?“ beibehalten. Auch da bekam jeder Textabschnitt eine Illustration. Nur die Trolle sind irgendwo unterwegs verloren gegangen...
 
Wie verlief dein bisheriger beruflicher Werdegang? Würdest du ihn als außergewöhnlich bezeichnen?
 
IR: Man denkt normalerweise: In der Jugend ist man risikobereit und je älter man wird, desto mehr schätzt man sichere Verhältnisse. Bei mir war das umgekehrt. Als ich angefangen habe, als Kulturmanagerin zu arbeiten, war ich eher ängstlich und wollte nur in großen Kulturbetrieben arbeiten. Individuell oder originell zu sein, stand auf meiner Prioritätenliste relativ weit unten, auch noch in der Anfangszeit als Lehrende. Mit zunehmenden Alter bin ich mutiger und eigensinniger geworden. Als meine KollegInnen anfingen, sich um AbteilungsleiterInnen- oder DirektorInnenstellen zu bemühen, wollte ich raus aus den gebahnten Wegen. Als Dozentin nach Neu-Delhi zu gehen war ein Ausdruck davon. Eine neue Kultur, andere institutionelle Strukturen, komplett andere Inhalte. Sich hier zu behaupten, hat mich tatsächlich an eigene Grenzen gebracht und sie erweitert. Aber man muss ehrlich sein und wissen, dass man auch scheitern kann.
 
Eine andere Besonderheit ist vielleicht, dass ich immer Vielseitigkeit vorgezogen habe im Vergleich mit Hochspezialisierung. Ich lasse mich heute von meiner Neugier leiten und habe keine Angst mehr, diesem Impuls zu folgen. Ich finde es einen der schönsten Aspekte unseres Berufes, dass man immer wieder vor Unbekanntem steht und sich einarbeiten und zurechtfinden muss. Ich arbeite nun seit sieben Jahren an Hochschulen für Darstellende Kunst, erst in Deutschland und nun in Indien. Aber als es darum ging, welches Thema ich für meine Dissertation wähle, habe ich mich für eine Arbeit über Museumspublikum entschieden – einfach, weil das Fallbeispiel, das ich gefunden hatte, so spannend und ergiebig war.
 
Wie strategisch hast du deine Karriere geplant? Hattest du an bestimmten Punkten Zweifel, oder sind unvorhergesehene Dinge geschehen? Wie bist du damit umgegangen?
 
IR: Während ich in einer internationalen Architektur- und Kulturstiftung arbeitete, regte mich eine Professorin an, mich für eine Dozentur für Kulturmanagement in einem Puppenspiel-Studiengang zu bewerben. Das lag so total außerhalb meines Gesichtskreises, dass ich mir nicht einmal die Ausschreibung angesehen hätte, wenn sie nicht so hartnäckig gewesen wäre. Aber genau diese Stelle hat mir dann nicht nur enorm viel Spaß gemacht; ausgerechnet da habe ich auch die Voraussetzungen erworben, mit denen ich heute in Indien unterrichten kann. Mit all meinen genauen Vorstellungen, was zu mir und meiner beruflichen Biographie passen würde, hätte ich diese Riesenchance beinahe verpasst. Also, Pläne sind gut, manchmal kann man aber selbst gar nicht so gut planen, wie das Leben zu einem sein kann. Heute plane ich den nächsten Schritt oder versuche es zumindest, aber nicht den übernächsten.
 
Welche Tipps oder Ratschläge würdest du anderen KulturmangerInnen für eine Karriere im Kulturbetrieb mitgeben?
 
IR: Ich würde allen raten, sehr früh mit praktischer Arbeit anzufangen. Unser Beruf kann nur bis zu einem bestimmten, begrenzten Grad im Seminarraum gelernt werden. Obwohl auch uns die große Akademisierungswelle erfasst hat, bleiben wir doch im Kern Handwerker. Reflektierte Handwerker, bei denen Fertigkeiten mindestens genauso wichtig sind wie Wissen. Unser Erfolg hängt letztlich davon, ob man in den unterschiedlichsten Praxis-Situationen bestehen kann.
 
Als ich in Delhi anfing, hatte ich ein Gespräch mit dem Direktor der Theaterhochschule, und er sagte mir: Ina, wir haben hier nicht das Verhältnis zwischen Studierenden und Dozenten, wie Ihr es im Westen kennt. Wir haben ein Guru-System, wie es in Asien üblich ist. Was er meinte, war eine Art Ausbilder- und Vorbildersystem. Die Studierenden bekommen nicht nur Wissen beigebracht, sondern lernen ganzheitlich Fertigkeiten, berufliche Qualitäten und Lebenseinstellungen von ihren LehrerInnen. Ich würde jeder neuen KulturmangerIn raten, sich so einen „Guru“ aus der Praxis zu suchen und sich soviel von ihm oder ihr abzuschauen wie möglich.
 
 
 
Leander Wattig wollte immer etwas mit Büchern machen. Das macht er heute auch, aber nicht etwa in einem Verlag oder im Medienbereich - sondern als digitaler Netzwerker.
 
Was war dein Traumberuf als du ein Kind warst?
 
Leander Wattig: Einen richtigen Traumberuf wie Schaffner oder Baggerfahrer hatte ich nicht. Aber ich habe immer mit Faszination den Geschichten meines Opas gelauscht, der Buchhändler alter Schule war. Und bei ihm in den "Rosinenschrank" geluschert, wo die Ganzlederbände und die Bücher aus der Frühzeit standen. Außerdem gab es dort immer ein signiertes Begrüßungsbuch als Geschenk. So wurde ich unmerklich infiziert und habe mich letztlich für ein Buchstudium entschieden.
 
Wie verlief dein bisheriger beruflicher Werdegang? Würdest du ihn als außergewöhnlich bezeichnen?
 
LW: Außergewöhnlich ist ein großes Wort, aber gewöhnlich ist er vielleicht auch nicht. Schließlich habe ich mich direkt nach Abschluss meines Verlagswirtschaftsstudiums selbstständig gemacht und bin es noch. Im Studium kam das Wort Internet nicht so oft vor. Daher wollte ich mir dieses Feld selbst erschließen. Das habe ich dann als Blogger getan und nach gut einem Jahr war ich unter den 100 meistverlinkten in Deutschland. Zudem haben mich bei aller Liebe zum gedruckten Wort schon immer die Menschen am meisten interessiert und so bin ich erst beim Thema Social Media gelandet und mache inzwischen viel an der Schnittstelle Publishing und Events. Mittlerweile nenne ich mich Evenzkonzepter und Publisher. Mit ORBANISM baue ich dabei mein eigenes Baby auf, unter dessen Dachmarke sich alle Projekte, Marken und Formate sammeln. Mein Ziel war es immer, einen Weg zu finden, der mir selbst gemäß ist und perfekt auf mich passt, weil ich glaube, dass man dann am Ende im Leben zufriedener ist. Also lieber probieren und scheitern, als sicher zu spielen. Ich bin sehr glücklich, diesen Weg gegangen zu sein, und wachse jeden Tag weiter daran.
 
Wie strategisch hast du deine Karriere geplant? Hattest du an bestimmten Punkten Zweifel oder sind unvorhergesehene Dinge geschehen? Wie bist du damit umgegangen?
 
LW: Arbeitszeit ist Lebenszeit und das Leben ist kurz. Ich bin jetzt seit 11 Jahren selbstständiger Unternehmer und mache es eigentlich immer so: Ich überlege, was mich wirklich antreibt und begeistert, und dann überlege ich mir einen Weg, damit Geld zu verdienen. Über die Jahre hat das zu einem breiten Spektrum an Tätigkeiten geführt. Ich mache Beratung, Vorträge, Moderationen, Lehraufträge, Veranstaltungen - eigene und im Auftrag -, Redaktionsarbeit, PR, betreibe Vernetzungsformate, eine Jobbörse und andere Webseiten, bin im Vorstand eines Literaturvereins und manches mehr. Alles wird zusammengehalten von dem übergeordneten Interesse an Menschen und Begegnungen.
 
Ich plane also schon viel, aber man muss die Dinge dann auch einfach ausprobieren, um zu wissen, ob sie einen wirklich erfüllen. Bis man dann sein ureigenstes Ding gefunden hat, kommen natürlich öfter mal Zweifel auf, ob das alles so sinnvoll ist. Jeder Selbstständige kennt diese Panikmomente. Zum Glück lief es auftragsseitig immer gut, sodass der Druck nie zu groß wurde. Aber Zweifel sind normal und Fehlschläge auch. Unvorhergesehenes ist sowieso Standard und macht letztlich den Reiz der freien Tätigkeit aus. Es ist am Ende auch eine Typfrage, wie sehr die negativen Seiten einen belasten. Mich persönlich würde eher ein zu geregelter Ablauf stressen. Was letztlich immer hilft, ist ein gutes Netzwerk, um Erfahrungen auszutauschen und Aufträge zu bekommen. Egal, wie es läuft, daran sollte man stetig arbeiten und man sollte es fortwährend positiv aufladen. Stichwort Dankeschön-Ökonomie. Damit darf man nicht erst anfangen, wenn man darauf angewiesen ist.
 
Welche Tipps oder Ratschläge würdest du anderen KulturmangerInnen für eine Karriere im Kulturbetrieb mitgeben?
 
LW: Man sollte dafür brennen. Wenn Geld die Top-Priorität ist, dann gibt es geeignetere Berufswege. Ich liebe im Kulturbereich, dass dort so viele Überzeugungstäter und bunte Vögel rumlaufen. Gleichzeitig sollte man sich trotzdem auf ökonomisches Denken und technologischen Fortschritt stürzen und all das bestmöglich einbauen. Es ist schade, dass diese Dinge oft als Gegensatz empfunden werden. Wenn wir es nicht tun, dann kommen andere, denen die inhaltlichen Anliegen völlig egal sind, und dominieren das Feld. Was mir als Tipp sonst noch einfällt: eine gute Kaffeemaschine.
 
Die Interviews führte Kristin Oswald.