22.11.2018

Themenreihe Karriere

Autor*in

Agnes Wiesbauer-Lenz
leitet die Corporate Relations des Wiener Konzerthauses. Sie studierte Theaterwissenschaft und Betriebswirtschaft sowie postgradual Personal- und Organisationsentwicklung und war unter anderem kaufmännische Direktorin des Steirischen Herbstes sowie Leiterin des Personalbereichs im Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig (mumok) Wien.
Philipp Stanehl
ist kaufmännischer Geschäftsführer der Kunsthalle Karlsruhe, zuvor der Kulturstiftung Worpswede. Der ausgebildete Banker hat Betriebswirtschaftslehre und Kulturmanagement studiert. Zuvor war er bereits für die Internationalen Filmfestspiele in Berlin, die Stiftung Museum Kunstpalast in Düsseldorf und in der Unternehmensberatung publicplan in den Bereichen öffentliche Hand und Museum tätig.
Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Kultur-Karrieren

Keine Angst vor dem Außergewöhnlichen Teil IV

Die meisten Mitarbeiter*innen in Kultureinrichtungen verbindet die Liebe zur Kunst. Dass eine erfolgreiche Karriere auch bei einer späten oder wechselhaften Liebe klappt, zeigt der vierte Teil unserer Interviewreihe mit Agnes Wiesbauer-Lenz und Philipp Stanehl.
Agnes Wiesbauer-Lenz liebt berufliche Abwechslung. Auf eine Sparte oder einen einzelnen Aufgabenbereich wollte sie sich nie beschränken – und das hat ihrem Karriereweg in mehreren großen Kultureinrichtungen Österreichs keinen Abbruch getan.
 
Was war Ihr Traumberuf als Sie ein Kind waren?
 
Einen wirklichen Traumberuf hatte ich als Kind nicht. Ich habe mich immer für sehr vieles interessiert. Traumberuf war mir zu abstrakt, denke ich.
 
Wie verlief Ihr bisheriger beruflicher Werdegang? Würden Sie ihn als außergewöhnlich bezeichnen?
 
Was mir an meinen bisherigen beruflichen Stationen gefällt, ist die Vielfalt und ich würde mich wirklich als Allrounderin bezeichnen. Ich durfte schon viele verschiedene Kulturinstitutionen kennen lernen, was immer mit großen Lernkurven verbunden war, auch inhaltlich. Ich habe Theaterwissenschaft und Betriebswirtschaft studiert und war in dieser Zeit schon für unterschiedliche Kulturprojekte tätig. Danach habe ich bei einer Kunst- und Kommunikationsagentur gearbeitet und anschließend in den Museumsbereich gewechselt - das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig (mumok) Wien. Von dort aus kam ich zum Steirischen Herbst, einem internationalen Festival für zeitgenössische Kunst, und nun leite ich die Corporate Relations des Wiener Konzerthauses. Ich habe also von bildender und darstellender Kunst über Musik und Performance bis Literatur schon alles kennengelernt. Gerade diese inhaltliche Breite zeichnet die Kulturbranche aus und macht sie so spannend.
 
Wie strategisch haben Sie Ihre Karriere geplant? Hatten Sie an bestimmten Punkten Zweifel oder sind unvorhergesehene Dinge geschehen? Wie sind Sie damit umgegangen?
 
Ich wusste immer, dass ich gerne im Hintergrund eine organisatorische Tätigkeit im Kulturbereich ausüben möchte und nicht auf der Bühne stehen will. Trotz dieses Plans habe ich aber gelernt, dass man Karriere nur bedingt planen kann. Im Laufe der Jahre hängt auch vieles vom Glück ab, davon, ob man die richtigen Leute trifft, zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Und was die Zweifel betrifft: Die können im Laufe des Berufslebens immer auftreten. Da helfen nur eine ehrliche Innenschau und ein bewusstes Entscheiden für oder gegen die jeweilige Situation. Ständiges Hadern bringt meiner Meinung nach niemanden weiter. Aber ich hatte auch nie das Gefühl, vollkommen Fehl am Platz zu sein.
 
Welche Tipps oder Ratschläge würden Sie anderen KulturmangerInnen für eine Karriere im Kulturbetrieb mitgeben?
 
Man sollte sich sehr genau überlegen, wofür man tätig sein will und was man vorantreiben möchte. Ganz wichtig ist meiner Meinung nach der Rat von Personen, die schon lange in einem Berufsfeld tätig sind. Denn durch den Austausch bekommt man früh ein Gespür für den Beruf. Schließlich verbringt man sehr viel Zeit mit der Arbeit. Es ist daher sehr wichtig, zu wissen, worauf man sich einlässt.
 
 
 
An Philipp Stanehl ist ein Naturforscher verloren gegangen. Seinen Entdeckerdrang lebt er heute als Geschäftsführer aus und lüftet dabei immer neue Geheimnisse erfolgreicher Kultureinrichtungen.
 
Was war dein Traumberuf als du ein Kind warst?
 
Als Kind wollte ich Naturwissenschaftler werden. Meine Eltern hatten einen großen Garten und ich war fasziniert von diesem kleinen Kosmos. Meine Vorstellung, wie groß erst die Vielfalt erst auf der Welt sein musste, wenn dieser kleine Garten schon so viel zu bieten hatte, war enorm. Ich habe mich dann der Natur aber mehr mit Fantasie als mit wissenschaftlicher Methodik zugewandt. So habe ich quasi mit experimenteller Archäologie als Indianer im Zelt übernachtet oder Dinosaurier-Spuren auf der Straße mit abenteuerlichem Wissensdurst untersucht. Letztere waren übrigens lediglich außergewöhnlich starke Schlaglöcher auf einer maroden Nebenstraße. Bis heute ist mir die Neugier und die Kraft der Begeisterung erhalten geblieben und hilft mir als Haltung, auch mit herausfordernden beruflichen Situationen umzugehen.
 
Wie verlief dein bisheriger beruflicher Werdegang? Würdest du ihn als außergewöhnlich bezeichnen?
 
Ich interessiere mich für Spannungsverhältnisse, wie zum Beispiel die Verbindung von Struktur und Kreativität oder von Kultur und Ökonomie. Das zieht sich durch meinen beruflichen Werdegang wie ein roter Faden. Nach dem Abitur absolvierte ich eine Ausbildung zum Bankkaufmann und gründete zugleich eine Band. Als Gitarrist und Bandleader war ich sehr engagiert und fand es spannend, wie die planvolle Organisation im Vorfeld eines Auftritts die Voraussetzung für die freien und kreativen Momente auf der Bühne darstellte. Später habe ich mein Studium der Betriebswirtschaft mit praktischer Tätigkeit im Kulturbetrieb verwoben. Ich war als Kaufmann ein Exot in der Kultur, habe aber die Leidenschaft und das Interesse daran geteilt. Ich habe in der Praxis hautnah erlebt, wie professionelles Kulturmanagement die Basis für erfolgreiche kulturelle Projekte bilden kann. Dies hat mich motiviert, nach dem Studium weiter in der Kultur zu arbeiten – ich war als Berater in einer Düsseldorfer IT-Agentur für die Kulturkunden zuständig und habe dann parallel zu meiner Tätigkeit als Geschäftsführer der Künstlerkolonie Worpswede noch einen Master im Kulturmanagement abgeschlossen. So kann ich bis heute mein Know-How als Betriebswirt mit der Kulturbranche teilen und bekomme mein Know-Why dafür zurück.
 
Wie strategisch hast du deine Karriere geplant? Hattest du an bestimmten Punkten Zweifel oder sind unvorhergesehene Dinge geschehen? Wie bist du damit umgegangen?
 
Ich wusste für mich ab einem sehr frühen Punkt, dass ich einen motivierenden Wirkungszusammenhang brauche, und habe diesen im Kulturbereich gefunden. Grundsätzlich bin ich ein Mensch, der gerne plant und Strategien entwickelt, auch für meine berufliche Laufbahn. Gleichzeitig kamen jedoch immer wieder unerwartete Möglichkeiten oder Hindernisse auf mich zu. Als Chancen und Herausforderungen begriffen, haben diese Ereignisse meinen Weg nur bereichert. Es klingt ungewöhnlich selbstsicher, aber ehrlich gesagt: Zweifel hatte ich nie. Trotzdem habe ich mich kritisch mit meinem Umfeld auseinandergesetzt und meine Haltung reflektiert. Eine wichtige Orientierung gaben mir bei meinem Weg Menschen, die mich als Mentoren inspiriert und mir geholfen haben, ein eigenes Profil zu entwickeln.
 
Welche Tipps oder Ratschläge würdest du anderen KulturmangerInnen für eine Karriere im Kulturbetrieb mitgeben?
 
Obwohl die Praxis des Kulturmangements sehr generalistisch ist, hilft es doch, in der Ausbildung Schwerpunkte zu setzen, um ein eigenes Profil zu entwickeln und sich unterscheidbar zu machen. Die Frage ist, welche Kenntnisse man bereits aus dem Studium mitbringt und wie sich diese sinnvoll um weitere wichtige Fähigkeiten ergänzen lassen. Die Verzahnung von Theorie und Praxis ist dabei nicht nur für die eigene Motivation wichtig, sondern schafft sinnvolle Verbindungen für die eigene Vita. So empfiehlt sich, früh ein breites und aktives Netzwerk zu bilden, auf das man im Berufsalltag zurückgreifen kann und in das man auch Unterstützung zurückgibt.
 
Einen Tipp möchte ich noch mit Blick auf meine eigene Biographie geben: Nach meiner Zeit in Düsseldorf und vor meiner Zeit in Karlsruhe war ich drei Jahre in Worpswede als Geschäftsführer einer Stiftung tätig. Zwischen Bremen und Hamburg gelegen ist Worpswede ländlich geprägt doch zugleich bemerkenswert international vernetzt. Es lohnt also, sich nicht nur auf die großen Städte bei der Karriereplanung zu fixieren, sondern auch die vielfältigen kulturellen Institutionen und Projekte zwischen den Großstädten wahrnehmen und für sich als Optionen bewerten.
 
 
Die Interviews führte Kristin Oswald.