01.10.2018

Autor*in

Sören Uhle
ist ausgebildeter Diplom-Kaufmann. Von 2005 bis 2007 war er als Wirtschaftsförderer in Schleswig-Holstein tätig und anschließend bis 2011 als Manager des Stadtmarketings in der Chemnitzer Wirtschaftsförderung. Von 2012 bis 2015 arbeitete er als Geschäftsführer der kommunalen Wohnungsunternehmen in Borna bei Leipzig und ist seit 2016 der Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH.
Julia Jakob
studierte Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Weimar. Praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit bei unterschiedlichen Festivals und in verschiedenen Veranstaltungsbüros sowie als Agentin bei weim|art e. V.
Kulturmanagement bei #wirsindmehr

Das Unmögliche möglich machen

Dem Kulturbetrieb wird mitunter nachgesagt, eine langsam mahlende Mühle zu sein. Das #wirsindmehr-Konzert in Chemnitz am 03. September 2018 bewies allerdings das Gegenteil. Im Interview erklärt Sören Uhle, Geschäftsführer der Chemnitzer Wirtschaftsförderungs- und Entwicklungsgesellschaft mbH (CWE), welche Faktoren für das Gelingen dieser großen Kulturaktion notwendig waren, um ein deutliches Zeichen für mehr Miteinander zu setzen.
Kultur Management Network: Lieber Herr Uhle, Sie sind der Geschäftsführer der CWE. Was ist deren Aufgabe in Chemnitz?

Sören Uhle: Die CWE ist ganz allgemein für die Chemnitzer Wirtschaftsförderung zuständig. Dadurch, dass wir eine GmbH sind, haben wir im Vergleich zur Stadtverwaltung den großen Vorteil, dass wir wirtschaftlich tätig sein können. Das ist besonders wichtig, wenn es darum geht, Zahlungsströme zu organisieren. Dabei sind wir aber kein Wirtschaftsförderer im klassischen Sinne, sondern mehrere Schwerpunkte sind bei uns im Unternehmen vereint, wie etwa das Tourismus- und Stadtmarketing. Zu letzterem zählen beispielsweise die Organisation öffentlicher Konzerte am „Karl-Marx-Kopf“ gemeinsam mit dem Club Atomino sowie in diesem Jahr die Umsetzung des Stadtjubiläums „875 Jahre Chemnitz“. Wir sind also sehr breit aufgestellt und ein großer Netzwerkknoten der Stadt. Dadurch arbeiten wir immer wieder mit verschiedenen Behörden zusammen und kennen 90 Prozent der PlayerInnen der Stadt: beispielsweise das Ordnungsamt und dessen AkteurInnen, die Feuerwehr, die SanitäterInnen sowie die Polizei.

KMN: Neben diesen Beispielen war die CWE auch der Veranstalter des #wirsindmehr- Konzerts am 03. September 2018. Welche Aufgaben wurden dabei übernommen?

SU: Wir waren in der Vorbereitung dieser Großveranstaltung vor allem als Ansprechpartner für die Behörden zuständig und damit für das Ermöglichen des Konzerts. Dabei haben wir Infrastruktur geschaffen und alle notwendigen Genehmigungen eingeholt. Parallel dazu hat sich ein Netzwerk um Felix Brummer, dem Sänger von Kraftklub, um das Line-Up gekümmert und damit um alles, was mit der künstlerischen Darbietung zusammenhing. Diese Aufgabenteilung war auch in Anbetracht der Menge an Arbeit innerhalb der kurzen Zeit notwendig, sonst wäre das nicht zu schaffen gewesen.

KMN: Was muss bei der Anmeldung solcher Großveranstaltungen beachten? Welche AkteurInnen müssen hier zusammenarbeiten?

SU: Zunächst ging es um das Veranstaltungsformat. Wir entschieden uns, keine Demo zu machen und auch keine Versammlung anzumelden - sondern einfach eine Konzertveranstaltung. Das heißt, wir haben beim Ordnungsamt eine Genehmigung für eine Veranstaltung im öffentlichen Raum beantragt. Der zügigen Bearbeitung kam unser bereits angesprochenes Behörden-Netzwerk zugute, das wir von den anderen Veranstaltungen kennen, die wir durchführen. Mit diesem haben wir uns ab Mittwoch in regelmäßigen Runden, sogenannten Sicherheits- Beratungen zusammengefunden. Neben den Behörden wurden auch weitere AkteurInnen hinzugezogen: so zum Beispiel die Verkehrsbehörde wegen der Absperrungen sowie die CVAG als Anbieter des öffentlichen Nahverkehrs. Das war notwendig, um eine problemlose An- und Abreise der TeilnehmerInnen sicherzustellen - vor allem als wir ab Ende der Woche wussten, dass die Toten Hosen kommen und weiteres Publikum anziehen werden. Das haben wir dann immer sukzessive in die Planung mit aufgenommen. Ebenso waren diese Treffen notwendig, um alle Beteiligten in Echtzeit zu informieren.

KMN: Wie ging es dann weiter?

SU: Dann ging es darum, auf welchem Platz die Veranstaltung durchgeführt werden soll und wie dort eigentlich die Fluchtwege aussehen, um die den Veranstaltungsort gut bespielen zu können. Hier war besonders die Frage der geregelten und sicheren An- und Abreise wichtig. Weitere Punkte waren die Bereitstellung sanitärer Anlagen, die Verteilung der Stromanschlüsse, die Platzierung der Bühne sowie die Sicherheit aller Gäste. Ursprünglich war die Veranstaltung ja auch am Karl-Marx-Kopf geplant. Dort hätten wir 15.000 BesucherInnen gerade so unterbekommen, womit eine höhere Teilnehmerzahl aber unmöglich gewesen wäre, was wir auch bedenken mussten. Daraufhin haben wir uns zeitnah für den Parkplatz an der Johanniskirche entschieden, der viel mehr Leute fasst. Hierbei konnten auch noch die großen angrenzenden Straßen Augustusburger Straße und Bahnhofstraße als Zuschauerfläche genutzt werden. Zudem haben wir mit LED-Wänden gearbeitet, sodass wir eine gute Ausgangssituation hatten, um so viele TeilnehmerInnen unterzubringen und gleichzeitig den Druck auf die Bühne abzufedern. Der Bühnenbau musste außerdem an die jeweiligen Herausforderungen der verschiedenen Bands, wie Anzahl der Künstler und unterschiedliche Instrumente, angepasst werden. Diese kleinen Details spielen bei solchen Vorhaben eine wichtige Rolle und müssen alle austariert werden. Hier konnten wir uns auf das Künstlernetzwerk verlassen. Das war entscheidend.

KMN: Und dieses kurzfristige Umdisponieren des Veranstaltungsorts war kein Problem für die konkrete Orga vor Ort?

SU: Ja, denn alles, was diese Orga betraf, kam von den DienstleisterInnen, mit denen wir zum Teil seit Jahren zusammenarbeiten. So ein funktionierendes Netzwerk, das auf einer Art blindem Vertrauen basiert, braucht es in dem Moment, sodass man keine Grundsatzdebatten führen musste. Denn dafür hatten wir tatsächlich keine Zeit.

KMN: Wie bereitet man sich überhaupt auf so eine unvorhersehbare Besucherzahl vor? Ist Facebook hier eine verlässliche Quelle gewesen?

SU: Die Facebookveranstaltung haben wir natürlich beobachtet, analysiert und daraus eine Quote gebildet. Aus den „Interessierten“ sind dann am Wochenende kurz vor der Veranstaltung viele „Zusagen“ geworden, sodass Facebook auf jeden Fall ein wichtiges Tool war. Aber unter Umständen braucht es auch ein Gefühl für analoge Medien: Wie weit ist die Reichweite? Wie qualitativ ist das? Dafür mussten wir auch einschätzen, wie sich die BesucherInnen aus Chemnitz und Umgebung aktivieren lassen und daraus haben wir eine weitere Quote gebildet. Wir hatten dabei nie das Gefühl, dass es zu wenig werden könnten. Vor allem weil die mediale Wirkung des 27. August 2018 so heftig war, ging es uns darum, mit einem guten Statement eine Gegenbewegung zu provozieren. Diese wurde natürlich wesentlich über das Künstlernetzwerk Kraftklubs geschaffen.

KMN: Welche Hürden könnten bei solchen Großveranstaltungen besonders hoch sein? Und was könnte ein solches Vorhaben scheitern lassen?

SU: Das Thema Vernetzung halte ich für einen wichtigen Baustein, auf den wir glücklicherweise aufbauen konnten und das auch mussten. Ohne dieses gut ausgebaute, strukturierte und arbeitsfähige Netzwerk aus Akteuren unterschiedlicher Hintergründe, auf das wir spontan zurückgreifen konnten, wäre die Veranstaltung in diesem Ausmaß und innerhalb der kurzen Zeit nicht möglich gewesen. Zudem kam der entscheidende Impuls aus dem Künstlernetzwerk um Kraftklub selbst, ohne die dieses Line-up nie möglich geworden wäre.

Bei den externen Faktoren sehe ich in erster Linie das Wetter als eine Hürde. Dabei wäre Regen das kleinste Problem gewesen, aber Wind ist natürlich etwas, das man nie unterschätzen darf. Und das war auch am 03. September. bis zum letzten Moment eine Sollbruchstelle. Eine weitere Hürde ist die externe Sicherheitslage. Deswegen waren wir in einer permanenten Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden vor Ort: Gibt es eine neue Lage? Wie muss man das einschätzen?
Ebenso darf man externe Effekte nicht unterschätzen: Was ist, wenn am Wochenende vorher etwas passiert? Das kann man natürlich nur schwer planen.

KMN: Wie wurde das Ganze auf finanzieller Ebene angegangen?

SU: Wir haben das alles über Spenden organisiert und über Mittel aus der Wirtschaft. Das funktionierte natürlich nur vor dem Hintergrund, dass das Image der Stadt Chemnitz durch die mediale Berichterstattung der Aufmärsche vom 26. und 27. August 2018 stark gelitten hatte. Dazu kommt natürlich auch, dass wir als Wirtschaftsförderung wichtiger Netzwerkknoten in der Stadt sind, bei dem viele Dinge zusammenlaufen. Darüber hinaus hat sich auch die gesamte Kulturszene der Stadt engagiert, wodurch wir viele unmittelbare PartnerInnen hatten, die alles etwas zu dieser Veranstaltung beigetragen haben. Manchmal mit großen, manchmal mit kleinen Dingen.

KMN: Was erhoffen Sie sich von dieser Aktion in Puncto Nachhaltigkeit? Sind für die Zukunft weitere Maßnahmen geplant, die dazu beitragen sollen, dass Chemnitz an seine Entwicklung vor dem 26. August 2018 anknüpfen kann?

SU: Solche Maßnahmen sind jetzt natürlich besonders wichtig, denn durch diese Ereignisse am 26. und 27. August ist eine Zäsur entstanden. Das Allerwichtigste ist aber, welche Macht dieses Konzert hatte und hat - und das haben bisher die wenigsten realisiert, im Übrigen auch wir selbst noch nicht. Davon hat die Stadt unmittelbar profitiert. Dadurch, dass wir es in so kurzer Zeit geschafft haben, 65.000 Leute zusammen zu holen, haben wir auch die Grundlage für folgende Punkte gelegt: Chemnitz engagiert sich. Und zweitens schaffen wir demnach auch wichtige Impulse für eine Gegenbewegung, die für Weltoffenheit und ein friedliches Miteinander steht. Dadurch, dass wir auch viele BesucherInnen von außerhalb hatten, wurde dieses Bild auch nach außen getragen. Deren Solidarität mit uns schafft außerdem Zuversicht und Hoffnung, die wir brauchen, um solche Dinge weiter gestalten zu können.

Als erste Maßnahme nach dem 03. September haben wie in den vergangenen Montagen weitere Formate entwickelt und Konzerte mit jeweils drei bis vier Bands am Karl-Marx-Kopf gemacht, um Kunst und Kultur für ein Miteinander sprechen zu lassen in dieser Zeit. Dabei ging es uns nicht darum, diesen 03. September nochmal zu wiederholen. Sondern es ging vor allem um die Frage, wie der Alltag jetzt gestaltet werden kann. Diese Veranstaltungen wurden auch gut angenommen, sodass wir immer um die 2.000 TeilnehmerInnen hatten.

Ansonsten hat insbesondere diese erste Woche bis zum #wirsindmehr- Konzert natürlich noch einen unglaublichen Schulterschluss zwischen den AkteurInnen in Chemnitz selbst ausgelöst, die hier miteinander zusammengearbeitet haben. Davon werden wir die nächsten Jahre profitieren. Ansonsten kann ich an der Stelle nur nochmal Felix Brummer zitieren, der gesagt hat: "Natürlich ist solch ein Konzert nur eine Einmal- Aktion, die aber auch dafür Sorge tragen soll, dass jeder das Gefühl hat, nicht alleine zu sein." Das wird bleiben.
 
Das Interview führte Julia Jakob