03.09.2011

Autor*in

Michaela Moser
Meldung

Panic on the Streets of London

Teil 10 der Artikelserie Alternativen zum Verlust der Kulturpolitik": Über die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich und die proportional wachsende Notwendigkeit von Kulturarbeit.
Während der britische Premierminister weiterhin an seiner Interpretation eines Ausbruchs purer Kriminalität" und an einer Perspektive, die auf den moralischen Verfall bestimmter Gruppen fokussiert, festhält, herrscht bei der Mehrheit der nicht nur linken KommentatorInnen fast überraschende Übereinstimmung in der Analyse der tieferen Ursachen der Ereignisse in London und anderer britischen Städte: Die wachsenden sozialen Kluft in einem der zugleich reichsten und ökonomisch-ungleichsten Länder der Welt hat zu einer Vielzahl an Problemen geführt, die zuletzt in den Riots der letzten Wochen deutlich wurden.

Mehr noch und schon vor den Unruhen hat ein Schwenk konservativer Meinungsbildner hin zur erstaunlichen Zustimmung zu bislang als "links" eingeordneter Analysen und Verteilungsperspektiven eingesetzt.

Die dramatisch negativen Auswirkungen sozio-ökonomischer Ungleichheiten zu erkennen, sei eine Frage des "Common Sense", würde der renommierte britische Ungleichheitsforscher Richard Wilkinson diesen jüngsten Meinungsumschwung wohl als längst überfällig kommentieren.

Dass in der Folge der Ereignisse und Verhältnisse in Großbritannien darüber nachzudenken ist, wie Menschen ihr Zusammenleben zukünftig gestalten, hat mittlerweile auch David Cameron erkannt. Konkret gibt es hier viel zu tun, für politische Engagierte und KulturarbeiterInnen gleichermaßen. Mehr noch wird wie ich meine einmal mehr die Notwendigkeit, Politik auch als Arbeit an der Kultur zu verstehen, deutlich.

Wenn Kultur einer Definition der feministischen Denker_innen Andrea Günter, Antje Schrupp, Dorothee Markert und Ulrike Wagener folgend - als die Art und Weise gesehen wird, wie wir die existenziellen Momente des Daseins und damit auch die Erfindung, Herstellung und Verteilung bzw. den Austausch von materiellen und inmateriellen Gütern organisieren und wie Menschen Beziehungen untereinander leben (vgl. flugschrift), dann sind die britischen Krawalle, vielmehr aber noch der politische Umgang mit ihnen, auch als Problem von Beziehungslosigkeit und mangelnder Kultur-Arbeit zu verstehen.

In einem Beitrag für die britische Tageszeitung Independent hat Camila Batmanghelidjh von der NGO Kids-Company die wiederholten Angriffe auf die Würde von Jugendlichen in den betroffenen Gegenden und deren Gefühl, schon lange nichts mehr zu verlieren zu haben, eindrücklich beschrieben. Den Kinder und Jugendlichen in Tottenham und Co fehlten nicht nur die Perspektiven, nach der Schließung von Jugendzentren fehlten auch die letzten eigenen Räume und damit die Möglichkeit gemeinsame Aktivitäten und Projekte zu entwickeln, Respekt, Anerkennung und Zugehörigkeit zu erfahren.

Leute wie Camila kämpfen für ein Ende der Gettoisierung, NGOs wie die Kids-Company suchen nach Wegen, die Teilhabe jener zu stärken, die aktuell die geringsten Einflussmöglichkeiten haben. Im britischen "Guardian" erzählt eine Lehrerin aus Tottenham, dass die Hälfte ihrer Klasse erstmals im Rahmen einer Exkursion mit ihr am Trafalgar Square war. Wieviele der an den Unruhen beteiligten Menschen wohl jemals das Tate Modern besucht haben, frage ich mich bei der Lektüre.

Kulturarbeit geht aber weit über den Besuch von Museen, Sehenswürdigkeiten und Theaterstücke hinaus. Es geht darum, auf vielfältige Weise gemeinsam nach Wegen zu suchen, so etwas wie neue Beziehungs- und Formen des Zusammenlebens und wirksame Lösungsstrategien für wirtschaftliche, soziale, politischen und persönliche Probleme zu finden.

Dass hier zB mit (Forum-)Theaterarbeit Veränderungen auf allen Ebenen angestoßen werden können, hat auf dem Gebiet der österreichischen Sozialpolitik zuletzt das von der steirischen Kulturwerkstatt InterACT seit einigen Jahren in Kooperation mit der Armutskonferenz durchgeführte Forumtheaterprojekt "Kein Kies zum Kurven kratzen" gezeigt.

Dabei geht es nicht zuletzt auch darum, die Kluft der Ignoranz zwischen armutsbetroffener Bevölkerung und reichen EntscheidungsträgerInnen zu überwinden.

"Die haben keine Ahnung, wie es uns geht, die erzählen uns, dass wir als SozialhilfeempfängerInnen das System 'melken'. Was für ein Bullshit aus dem Mund von einem, der selbst mehr als 50.000 im Jahr verdient" meint die arbeitslose Londoner Universitätslektorin Trisha im Guardian und ist ganz erstaunt zu erfahren, dass der Gehalt des Premierministers sehr weit über 50.000 liegt.

Wer Statusdruck, Kriminalität, physische und psychische Krankheiten, und viele weiteren Probleme reduzieren und den Sinn für Gemeinwohl stärken möchte, muss zunächst kurzfristige Maßnahmen zur Reduzierung sozio-ökonomischer Ungleichheit treffen, wie etwas die Einführung von Vermögenssteuern auf der einen und sanktionslosen und qualitätvollen Sozialleistungen auf der anderen Seite.

Wer mittel- und langfristig soziale Polarisierung von vorne herein vermeiden möchte, muss in partizipative Prozesse für einen grundlegenden gesellschaftlichen Umbau investieren. An Ideen und Initiativen für entsprechende Kulturprojekte mangelt es nicht. An der Einsicht von EntscheidungsträgerInnen, deren Umsetzung kräftig und prioritär zu fördern, hoffentlich auch in Österreich nicht noch sehr viel länger.

Michaela Moser ist Sprecherin der Armutskonferenz, Co-Autorin von "Es reicht! Für alle! Wege aus der Armut" und empfiehlt zur weiteren Lektüre:

Equalitytrust (Daten und Analysen zu sozio-ökonomischer Ungleichheit in UK und weltweit);
Armutskonferenz (viele weitere deutschsprachige - Informationen zu Armut, Reichtum und sozialer Ungleichheit);
Flugschrift (1. Kapitel der 1999 publizierten Flugschrift "Liebe zur Freiheit, Hunger nach Sinn") und
The Guardian (vielfältige Kommentare und Perspektiven zu den UK Riots)
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