23.11.2018
Studie zur sozialen Lage von Künstler_innen in Österreich

Unverändert prekär

Rund 37 % der Kunstschaffenden in Österreich leben von einem Gesamteinkommen unter der Armutsgefährdungsschwelle. Dies zeigt eine neue Erhebung als Follow-Up zu der 2008 durchgeführten Studie zur sozialen Lage von Künstlerinnen und Künstlern in Österreich. Die zentralen Ergebnisse belegen zehn Jahre später: Es besteht nach wie vor akuter Handlungsbedarf.
Die Follow-up-Studie zur sozialen Lage von Künstler_innen wurde beauftragt und veröffentlicht von der Kunst- und Kultursektion im Bundeskanzleramt, durchgeführt von L&R Social Research und der Kulturdokumentation Österreich. Abgefragt und veröffentlicht wurden Daten und Zahlen zur individuellen Situation von Künstler_innen, nicht aber zu Strukturen im Feld oder Kulturarbeiter_innen in einem größeren Kontext. Erstmals mituntersucht wurde die soziale Lage von Kultur- und Kunstvermittler_innen.
 
Wenig überraschend fallen die Ergebnisse zur Einschätzung von Belastungen und der Lebensqualität aus. Als zentrale Probleme werden unsichere und unregelmäßige Einkommen sowie die schwierige soziale Absicherung, insbesondere im Alter und bei Erwerbslosigkeit, genannt. Für rund 50 % liegt das jährliche Nettoeinkommen aus künstlerischer Tätigkeit unverändert unter 5.000,- Euro. Und die Lücken in der sozialen Absicherung sind nach wie vor besorgniserregend weit verbreitet: 42% der befragten darstellenden Künstler_innen haben keine durchgehende Pensionsversicherung. Auch in der Krankenversicherung fehlt je nach Kunstsparte 5% bis 17% der Künstler_innen ein durchgehender Versicherungsschutz. Das subjektive Wohlbefinden rangiert dementsprechend auf einem niedrigen Niveau: Während ein Viertel der Gesamtbevölkerung ein hohes Maß an Lebensqualität empfindet, gibt mehr als die Hälfte der Kunstschaffenden an, ein niedriges Wohlbefinden zu haben.
 
Der Gender Pay Gap ist geschrumpft, aber weiterhin enorm groß. Vor zehn Jahren erzielten Künstlerinnen über 35% geringere Einkünfte aus künstlerischer Tätigkeit gegenüber ihren Kollegen. Nun sind es je nach künstlerischer Sparte zwischen 29,15% (Film) und 22,2% (Literatur). Das zumindest geringfügige Schließen der Einkommensschere hängt auch mit den vermehrten Anstrengungen aus dem Kunst- und Kulturbereich selbst zusammen. (Stellvertretend sei für den Film FC Gloria genannt). Bei den persönlichen Gesamteinkommen ist lediglich für die ausschließlich Selbstständigen ein deutlicherer Einkommensanstieg zu verzeichnen, während unselbstständig tätige Künstlerinnen und Künstler für den Vergleichszeitraum 2007/ 2017 ein Einkommensplus von nur 3% aufweisen. Überhaupt keine Veränderung im Gesamteinkommen zeigt sich bei der im Feld weit verbreiteten Kombination von selbstständiger und unselbstständiger Erwerbstätigkeit.
 
Nachhaltige Veränderungen waren aufgrund der weitgehend gleichbleibenden Rahmenbedingungen kaum zu erwarten – die als Reaktion auf die Studie 2008 durchgeführten Verbesserungsmaßnahmen konnten Problemlagen punktuell entschärften, waren jedoch nicht ausreichend, um grundlegende Verbesserungen zu bewirken. Umso dringender ist es, jetzt aktiv zu werden. Die Situation ist derart akut, dass sich auch Österreichs Kunstminister Blümel in einer ersten Reaktion veranlasst fühlt, über das aktuelle Regierungsprogramm hinaus Änderungsbedarf festzustellen und eine Arbeitsaufnahme anzukündigen.
 
Der Kulturrat Österreich ist der Zusammenschluss der Interessenvertretungen von Kunst-, Kultur- und Medienschaffenden. Gemeinsam vertreten diese IGs rund 5500 Einzelmitglieder, 39 Mitgliedsverbände und deren Mitglieder, 550 Kulturinitiativen sowie 14 freie Radios.
 
Petra Wetzel, unter Mitarbeit von Lisa Danzer (L&R Sozialforschung) Veronika Ratzenböck, Anja Lungstraß, Günther Landsteiner (österreichische kulturdokumentation): „Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittler/innen in Österreich“ 2018. Ein Update der Studie „Zur sozialen Lage der Künstler und Künstlerinnen in Österreich“ 2008.