11.04.2018

Autor*in

Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Neuer Leitfaden Volontariat des Deutschen Museumsbundes

Fit für die Museumszukunft

Nach beinahe zehn Jahren hat der Deutsche Museumsbund eine Neufassung des Leitfadens wissenschaftliches Volontariat herausgegeben. Wir haben uns angeschaut, ob die neue Version den aktuellen Veränderungen gerecht wird und Museen wie Volontären die passenden Inhalte an die Hand gibt.
Wenn sich die Umwelt rasant verändert, ist es eine kluge Taktik, sich Rat bei denen zu holen, die sich mit der Veränderung auskennen. Im Fall von Museen liegt es nahe, die Ideen und Herangehensweisen der in den meisten Häusern vertretenen Volontäre dafür zu nutzen. 
 
Doch dabei ergeben sich zwei Probleme: Zum einen nimmt die Attraktivität von Museen und anderen Hochkultureinrichtungen als Arbeitgeber gerade bei jenem Nachwuchs rapide ab, der bereits über die dringend benötigten digitalen Kompetenzen verfügt. Zum anderen sollte jeder Volontär nicht nur auf aktuelle, sondern auch auf kommende Aufgabenbereiche vorbereitet werden. 
 
Mehr als billige Arbeitskräfte
 
Die Gewinnung von qualifiziertem Nachwuchs für die verschiedenen musealen Arbeitsbereiche ist für die Institutionen von zentraler Bedeutung. Dabei ist der Leitfaden für das wissenschaftliches Volontariat im Museum ein wichtiges Instrument für deren strategische Ausrichtung. Wir haben uns die Neufassung deshalb genau angeschaut. Und wir haben mit Ulrike Stottrop und Katharina Erbe gesprochen, beide Mitglieder der hinter der Neufassung stehenden Arbeitsgruppe, sowie mit den beiden Häusern, die das Goldene V 2018 für die beste Volontärsausbildung verliehen bekommen haben: dem Museum für Kommunikation Frankfurt und dem Jüdischen Museum Berlin.
 
Nach Aussage der Arbeitsgruppe war der Hauptgrund für die Neufassung des Leitfadens, dass sich mit der Einführung des Mindestlohngesetzes die arbeitsrechtliche Bewertung des Volontariats gewandelt hat. War dessen Status zuvor unklar, handelt es sich nun eindeutig um eine Ausbildung im Sinne eines anderen Vertragsverhältnisses nach dem Berufsbildungsgesetz. Entsprechend betont die Neufassung die mit dem Ausbildungscharakter einhergehenden Pflichten der Museen und ergänzt sie mit praxisorientierten Hilfestellungen, etwa hinsichtlich Betreuung, eines strukturierten Ausbildungsplans oder externen Weiterbildungen. 
 
Dies war dringend notwendig, denn diese Punkte wurden in der jährlichen Umfrage unter den Museumsvolontären bisher stets als größte Defizite genannt: Der Nachwuchs wird noch immer als günstiger Ersatz für volle Mitarbeiterstellen missbraucht, mit weniger als den empfohlenen 50% TVÖD E13 vergütet oder bekommt keine Elternzeit zugestanden. Zudem schreibt eine steigende Zahl an Kultureinrichtungen Volontariats- anstatt Praktikumsstellen aus, um den Mindestlohn zu umgehen. Bei einer Dauer von durchschnittlich sechs Monaten und ohne Ausbildungsplan ist dies jedoch äußerst kritisch zu bewerten. 
 
Inhaltliche Neuausrichtung
 
Ein weiteres Anliegen der Neufassung ist es, die Qualität der Volontariate zu verbessern, inhaltlich stärker Rücksicht auf neue Aufgaben im Museumsbereich zu nehmen und die Volontäre zu befähigen, ihr persönliches Profil zu schärfen, um auf dem Arbeitsmarkt zu bestehen. Doch spiegelt der neue Leitfaden dessen aktuellen Status quo auch wider?
 
Stellenausschreibungen von Museen gehören nach wie vor zu den häufigsten auf dem Kultur-Arbeitsmarkt. Dabei suchen auch größere Kultureinrichtungen zunehmend Spezialisten, während kleine Häuser und Projekte eher Allrounder brauchen. Nach den Aussagen der Arbeitsgruppe sollte jedes Volontariat primär die Institution Museum als Ganzes in Augenschein nehmen und den inhaltlichen Schwerpunkt dahinter zurückzustellen. Dieser Ansatz soll helfen, den Missbrauch von Volontärsstellen als Mitarbeiterersatz zu verringern. Dem aktuell hohen Bedarf an digitalen, managerialen bzw. administrativen Kompetenzen entsprechen zudem neue Schwerpunkte im Leitfaden. Sie spiegeln die aktuellen Entwicklungen im Museumsbereich wider, gehen auch auf strategische Aspekte ein und verdeutlichen, dass Kommunikation und Management immer mehr zur Querschnittsaufgabe werden. 
 
Attraktivität für junge Experten
 
Ein solches Ausbildungskonzept spricht auch anspruchsvolle und hochengagierte junge Bewerber mit den dringend benötigten Kompetenzen an. Doch sollte sich ein Museum nicht auf diesen ausruhen, sondern sie mittels zukunftsgerichteter Fortbildungen und einem individuellen Ausbildungsplan erweitern. Dies kommt nicht nur den Volontären und Volontärinnen zu Gute, sondern auch ihren Ausbildungsstätten, die so neue Konzepte kennen lernen und sich stärker vernetzen können, wie Ulrike Stottrop und Katharina Erbe betonen.
 
Wie wichtig es ist, ein attraktiver Ausbildungsort zu sein, betonen auch die beiden Gewinner-Häuser des Goldenen V 2018. Dr. Helmut Gold, Direktor des Museums für Kommunikation Frankfurt, erklärt, dass das Haus Volontariate spezifisch als Vorbereitung für spätere Führungsaufgaben in Museen gestaltet. Und Leonore Maier, Volontärsverantwortliche des Jüdischen Museum Berlin, betont, dass das Haus die Empfehlungen des Leitfadens und der Initiative Vorbildliches Volontariat als Mindeststandards sieht. Zusätzliche werden dem Nachwuchs im JMB Teilzeitmodelle für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein festes Fortbildungsbudget oder freigestellte Studientage geboten. Beide Museen betrachten Volontariate als Win-win-Situation. Da verwundert es kaum, dass die Frankfurter Volontäre ihr Haus für das Goldene V selbst nominiert haben und dass das Bewerberspektrum eine besonders hohe Qualität aufweist. 
 
Beide Häuser sind der Meinung, dass ihre Größe durchaus eine Rolle spielt, um eine gute Ausbildung zu gewährleisten, die möglichst viele Bereiche der Museumsarbeit abdeckt. Sie betonen aber auch, dass es vor allem auf die Einstellung des Hauses gegenüber den Volontären ankommt und auf den eigenen Anspruch, zeitgemäße Museumsarbeit zu vermitteln. Diese Rahmenbedingungen können und sollten auch kleine Häuser sicherstellen. Kann ein Haus diese Ansprüche nicht erfüllen und den Spagat zwischen AllrounderIn und SpezialistIn nicht schaffen, wie Leonore Maier es formuliert, sollte es womöglich besser keine Volontariate ausschreiben. Denn nach wie vor gibt es mehr Volontäre als Anschlussstellen und eine schlechte Ausbildung kann sich durchaus negativ auf die Chancen auf dem Arbeitsmarkt auswirken. 
 
Hochqualifiziert vs. wissenschaftlich
 
Neben den positiven Neuerungen hat die Neufassung des Leitfadens Volontariat auch einige Defizite, die aber die Gesamtsituation im Museumsbereich widerspiegeln. So ist sie auf Arbeitsbereiche ausgelegt anstatt auf spezielle Kompetenzen, die für die Zukunft der Museumsarbeit wichtig sein könnten etwa strategisches, unternehmerisches oder datenbezogenes Arbeiten. 
 
Zudem setzt der Leitfaden einen wissenschaftlichen Hochschulabschluss voraus, um die Qualität des Nachwuchses zu garantieren und der fortschreitenden Professionalisierung auch in den nicht-wissenschaftlichen Bereichen gerecht zu werden, wie die Arbeitsgruppe erklärt. Daraus ergeben sich jedoch zum einen Probleme hinsichtlich einer Diversifizierung der Personalstrukturen im Museum. Und zum anderen bleibt unklar, inwieweit beispielsweise ein geisteswissenschaftlicher Master professionellere Arbeit im Museumsmanagement garantiert. Zudem wird die Tatsache ignoriert, dass viele Stellen in öffentlichen Museen als nicht-wissenschaftlich bewertet und entsprechend niedriger eingruppiert werden. Immer mehr kommunale Träger setzen sogar nur einen Bachelor für Leitungspositionen in Museen voraus, um die Stelleninhaber geringer bezahlen zu können.
 
Fazit
 
Das Bewusstsein der Museen für die Bedeutung der Volontäre und die Verpflichtung ihnen gegenüber hat in vielen Häusern zugenommen. Dem trägt der neue Leitfaden für das wissenschaftliche Volontariat in Museen Rechnung. Auch Häusern und Volontären außerhalb des Museumsbereichs kann er helfen, rechtssicher zu agieren und Missbrauch zu vermeiden.
 
Auch wenn die Neufassung eine gute Basis für eine hochwertige Volontärsausbildung ist, bleiben einige Probleme bestehen. Um sie zu beheben, können öffentliche Museen den Leitfaden zur Argumentation für bessere Ausbildungsbedingungen gegenüber ihrem Träger verwenden und die bestehenden Freiräume kreativer nutzen. Ein Ansatz dafür wäre, den klassischen Karriereverlauf neu zu denken beispielsweise nicht-wissenschaftliche Volontariate bereits für Bachelor-Absolventen einzuführen, oder ein Volontariat nur dann als Einstieg auszuschreiben, wenn im Anschluss eine Mitarbeiterstelle frei wird.  
 
Insgesamt macht die Neufassung des Leitfadens stärker als bisher deutlich, dass ein Volontariat den Museumsnachwuchs bestmöglich auf die berufliche Laufbahn vorbereiten soll. Angesichts des Verschwimmens der klassischen Bildungs- und Karriereweg kann eine Einschränkung auf wissenschaftliche und museumsspezifische Qualifikationen dabei kontraproduktiv wirken. Auch die Museen benötigen zunehmend externe Kompetenzen und Blickwinkel. Dies aufzufangen und Volontäre wie Museen gleichermaßen fit für die Zukunft machen, ist sicher eine wichtige Aufgabe der Volontärsausbildung. Damit können auch kleine Häuser eine Win-Win-Situation erreichen, wie sie Frankfurt und Berlin bereits vorleben.
 
Die Neufassung des Leitfadens für das wissenschaftliche Volontariat im Museum kann man hier kostenfrei herunterladen.
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