02.11.2018

Themenreihe Karriere

Autor*in

Dirk Schütz
ist Geschäftsführer von Kultur Management Network und der Kulturpersonal GmbH. In den Bereichen Führung, Personalmanagement und Organisationsentwicklung arbeitet er als Berater, Coach und Trainer und unterrichtet als Dozent an Kulturmanagement-Studiengängen im deutschsprachigen Raum.
Orientierung für Neulinge im Kulturarbeitsmarkt

I did it my way

Wer im Arbeitsmarkt Kultur Fuß fassen möchte – sei es als BerufsanfängerIn oder QuereinsteigerIn - sieht sich einer übergroßen Anzahl an Szenarien und Möglichkeiten gegenüber. Wo setzt man da an? Wie findet man den richtigen Arbeitsbereich, die richtige Funktion und welche Verantwortlichkeiten und damit Karrieremöglichkeiten ergeben sich?
Eines gleich zu Anfang: Stützt man sich bei der Suche zuerst auf spezifische Berufsbilder, wird es schwer. Es gibt schlicht keine umfassende Übersicht oder Systematik, die hier helfen könnte. Einige Verbände haben versucht, für ihre Sparten einen Überblick zu geben. Dort findet man allerdings häufig die „klassischen“ Berufsbilder, die zum Teil bereits veraltet sind oder einen neuen Zuschnitt, weitere Aufgabenfelder oder mehr Schnittstellenkompetenzen erhalten haben. Die Firma Kulturpersonal hat im Zuge des Aufbaus ihrer Datenbank eine Systematik für Hunderte Berufsbilder in allen Sparten entwickelt, die diesem Artikel als Grundlage dienen soll.
 
Sparte und Trägerschaft meiner Wunschorganisation
 
Vielen Studierenden, Berufsein- und -umsteigerInnen hilft es, sich zunächst an der Kultursparte zu orientieren. Dabei hat jede Sparte ihre eigenen Besonderheiten, Berufsbilder und Produktionsbedingungen, ihre spezifischen Dienstleister und Zulieferer entlang der Produktions- und Wertschöpfungskette.
 
Den nächsten Anknüpfungspunkt für die eigene Entscheidung bietet die Frage nach der Trägerschaft der Organisation und deren Finanzierung. Zur Orientierung kann man das 3-Sektoren-Modell heranziehen, das folgende Sektoren mit jeweils eigenen Handlungs- und Funktionslogiken unterscheidet:
 
  • Öffentlich geförderter Sektor (Staat)
  • Intermediärer Sektor/ 3. Sektor (Gesellschaft)
  • Privater Sektor / Kultur- und Kreativwirtschaft (Markt)
Hier kann man sich die Fragen stellen, ob man eher einen öffentlichen Auftrag erfüllen bzw. einem öffentlichen Interesse dienen will und damit in Bundes-, Landes-, oder kommunalen Einrichtungen des öffentlich geförderten Sektors gut aufgehoben ist. Oder möchte man sich zivilgesellschaftlich engagieren, in einem (sozio-)kulturellen, gemeinnützigen Verein oder einer Stiftung und damit im Intermediären (oder 3.) Sektor? Oder will man sich erwerbswirtschaftlich betätigen, einer Gewinnabsicht folgen oder ist an einer größtenteils wirtschaftlichen Eigenständigkeit einer Organisation interessiert? Dann ist man im privaten Sektor der Kultur- und Kreativwirtschaft am besten aufgehoben.
 
Eigene Verortung in der Wertschöpfungs- bzw. Produktionskette
 
Nachdem man die Fragen nach Sparte, Trägerschaft und Sektor für sich geklärt hat, kann man einen Blick auf die jeweiligen Produktions- und Wertschöpfungsketten lenken. Hier bestimmen zum Teil schon das gewählte Studium oder der berufliche Werdegang eine Einordnung und man muss für sich klären, in welchem Bereich man konkret tätig sein will. Oder anders gesagt: Wie nah möchte und kann man an der künstlerischen Arbeit, dem schöpferischen Akt mitwirken oder will man eher in nachgeordneten Bereichen unterstützend, regulierend, fördernd oder steuernd tätig sein?
 
 
Es macht Sinn, sich mit den Strukturen und Besonderheiten der Sparten und Sektoren bzw. den Stellenprofilen und Organisationen der Wertschöpfungsketten und deren Anforderungen an spezifisches Fachwissen auseinanderzusetzen. So kann man besser einschätzen, wo man seine individuellen Stärken und Fachkenntnisse/Praxiserfahrungen einbringen kann.
 
 
Ein Blick auf die Wertschöpfungskette am Beispiel des Buchmarkts soll diesen Orientierungsbereich noch weiter verdeutlichen. Hier sieht man, wie vielfältig die Organisationen, Dienstleister und Förderer als künftige Arbeitgeber und damit auch entsprechende Berufsbilder entlang der Wertschöpfungskette sind. Hat man bspw. vertiefte Kenntnisse des Literaturbereichs und eine Leidenschaft für Literatur, ist man vielleicht in der Nähe des schöpferischen Aktes gut aufgehoben. Neben einem umfassenden literarischen Wissen sollte man den Buchmarkt sehr genau kennen. Als Agent sind juristische und betriebswirtschaftliche Kenntnisse hilfreich, denn Verträge zu prüfen steht an der Tagesordnung. Fühlt man sich eher der Verbandstätigkeit verpflichtet, sollte man neben juristischen Kenntnissen auch kommunikativ und mit einem Gespür für politische Entscheidungen und Entscheider sowie gesellschaftliche Strömungen ausgestattet, durchsetzungsstark und beziehungsorientiert sein. Diese Eigenschaften sind ebenso im Vertrieb gefragt, neben kaufmännischen und betriebswirtschaftlichen Kenntnissen und Erfahrungen. Wichtig in diesem Orientierungsbereich ist der Abgleich der für den jeweiligen Teil und die jeweilige Aufgabe in der Wertschöpfungskette gebrauchten Fähigkeiten mit den eigenen Erfahrungen und Interessen.
 
Funktionsbereiche und Karriereoptionen
 
Eine weitere Möglichkeit bietet die Orientierung an den Funktionsbereichen im Kulturbetrieb. Die Systematik von Kulturpersonal unterscheidet dabei die Funktionsbereiche:
 
  • Leitung
  • Programm
  • Produktion
  • Kommunikation
  • Administration
Fragen für die eigene Karrierestrategie könnten so u.a. sein: Will man perspektivisch Führungsaufgaben und die Gesamtverantwortung für die Leitung einer Organisation übernehmen? Oder möchte man für die künstlerische und programmatische Ausrichtung eines Hauses in der Dramaturgie, Kuration oder Programmentwicklung im Programmbereich verantwortlich sein? In diesem Bereich eröffnen sich auch Aufstiegsmöglichkeiten in die künstlerische Leitung, Direktion oder Intendanz. Sieht man sich eher im Produktionsbereich, der die künstlerische Arbeit organisatorisch, technisch oder logistisch unterstützt? Liegen der eigene Schwerpunkt und die eigenen Talente eher in der Vermittlung oder Vermarktung künstlerischer Leistungen oder in der Mittelbeschaffung und damit im Kommunikationsbereich einer Organisation? Oder sieht man seine Zukunft eher in den administrativen Tätigkeiten von Kulturorganisationen, steuert diese mit Zahlen, ist für die Finanzen und das Personal verantwortlich oder für den gesamten Verwaltungsbereich? Auch hier ergeben sich häufig Karrieremöglichkeiten in Richtung Direktion oder Geschäftsführung von Kulturorganisationen.
 
Der Abgleich mit der eigenen Berufsbiografie
 
Anhand der vorgestellten vier Orientierungsbereiche kann man schon frühzeitig die mögliche eigene berufliche Entwicklung reflektieren und entsprechende Studieninhalte, Praktika sowie Einstiegsszenarien in die Berufswelt auswählen. Diese Struktur hilft zudem bei der Einordnung der eigenen vorhandenen oder fehlenden beruflichen Erfahrungen und spezifischen Fachkenntnisse sowie der Planung von Weiterbildungen zur Verbesserung der eigenen Chancen im Bewerbermarkt. Dies gilt für Studierende wie QuereinsteigerInnen gleichermaßen.
 
Die Struktur hilft aber auch, Berufserfahrungen zu spezifizieren oder zu abstrahieren, wenn diese in einem sehr speziellen Umfeld gesammelt wurden, dessen Sprech nur Insider verstehen. BewerberInnnen mit Berufserfahrungen außerhalb des Kulturbereichs oder in einer anderen als der angestrebten Sparte müssen dann die eigene Biografie und Berufsstationen auf eine mögliche Anschlussfähigkeit zur angestrebten Stelle hinterfragen. Hier hilft es, die einzelnen Berufsstationen und Positionsbezeichnungen auf ihre wichtigsten Aufgabenbereiche hin detailliert zu untersuchen und herauszuarbeiten, welche (besonderen) Fähigkeiten, Verantwortungsbereiche und Know-how auf die zukünftige Stelle einzahlen. Um die eigene Erfahrungen für Branchenfremde nachvollziehbar darzulegen, helfen die Fragen: Hatte man Führungsverantwortung? (Auch VolontärInnen oder PraktikantInnen können Führungserfahrung gesammelt haben!) Hatte man Budgetverantwortung? Hat man diese Budgets nicht nur verwaltet, sondern auch konzipiert, strategisch eingesetzt, kontrolliert und evaluiert? Hat man strategisch und konzeptionell gearbeitet? Hat man sich Spezialkenntnisse angeeignet oder Spezialaufgaben erfüllt? Lassen sich aus den Berufserfahrungen Kompetenzfelder - zum Beispiel im Marketing, Fundraising oder in der Fördervereinsarbeit - herausarbeiten, die man in der Biografie gebündelt darstellen und damit besser lesbar machen kann? Lassen sich diese Erfahrungen auf andere Arbeitsgebiete übertragen? Welche Wirkung konnte man bei seinen Berufsstationen erzielen? Gibt es Erfolge, die man quantifizieren oder auch qualitativ darstellen kann? Usw.
 
Diesen Fragenkatalog könnte man noch vielfach erweitern. Und natürlich ist es nicht leicht, die eigene Biografie und die eigenen Erfahrungen zu reflektieren. Kommt man trotz dieser kleinen Anleitung nicht weiter, kann man auch eine fachliche Beratung oder ein Coaching in Anspruch nehmen, die die Reflexion und Entwicklung einer eigenen Bewerberstrategie unterstützen.