03.04.2019

Themenreihe Karriere

Autor*in

Veronika Schuster
ist ausgebildete Kunsthistorikerin und Kulturmanagerin. Sie hat mehr als 10 Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Co-Kuratorin für verschiedene Ausstellungsprojekte und Kultureinrichtungen (u.a. Museum Georg Schäfer, Klassik Stiftung Weimar, Marion Ermer Stiftung) gearbeitet. Nebenbei arbeitet sie als Lektorin und Projektleiterin für unterschiedliche Publikationsformate.
Markus Muffler
studierte Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre. Er war international als Investment-Banker bei verschiedenen Geldinstituten tätig, bevor er selbstständig Projekte im Musikbereich umsetzte und unter anderem die Plattform Between the Beats gründete. Seit 2011 ist er CEO und Künstlerischer Leiter des Burghofs in Lörrach und des Stimmen-Festivals. 
Quereinstieg in die Kultur

Vom Investmentbanker zum Kulturschaffenden

QuereinsteigerInnen brechen mit ihrem bisherigen Berufsweg, um etwas völlig Neues zu machen. Warum tun sie das? Haben sie überhaupt das Know-how für die neue Aufgabe? Oder ist es nur seltsam, weil wir unsere Schublade nicht verlassen möchten? Nicht ohne Grund sind QuereinsteigerInnen in vielen Branchen heiß begehrt. Es geht um den frischen Wind. Wir haben mit Markus Muffler über seinen ungewöhnlichen Werdegang gesprochen.
KMN: Lieber Herr Muffler, wie fanden Sie den Weg von dem Beruf des Bankers in den Arbeitsmarkt Kultur? Was war Ihr Antrieb? 
 
Markus Muffler: Nach meinem Studium habe ich lange als Investmentbanker in Frankfurt und London gearbeitet. Ich habe meinen Beruf gerne ausgeübt, aber irgendwann kam der Moment, an dem ich aufhören wollte. Die Gründe waren unterschiedlicher Art und es ließe sich ausufernd darüber philosophieren. Letztlich habe ich eine längere Auszeit genommen und mich selbst danach befragt, wofür mein Herz schlägt. Ich bin ein wirklich großer Musikliebhaber. Und ich hatte Lust, mein eigenes Projekt zu verwirklichen. So habe ich die Plattform "Between the Beats" für Liebhaber von Musik abseits des Mainstreams gegründet. Heute agiert es als Indie-LabProjekt, das auch ein jährliches Festival veranstaltet. Ich wurde dann von den Verantwortlichen des Burghofs zum Bewerbungsprozedere eingeladen, in dem es um die Nachfolge des Geschäftsführers ging. Die Gespräche waren sehr angenehm und hatten keinen Anstrich von städtisch-verwaltend. Das Angebot und die Struktur einer GmbH ermöglichten es, meine Musikkenntnisse, mein Wissen als Wirtschaftswissenschaftler und meine Kompetenzen als Teamleiter einzubringen. Und das war der Ausschlag für meine Zusage. Ohne die Struktur und den Freiraum, so zu arbeiten wie ich mir das vorstelle, hätte ich den Job nicht angetreten. Aber es spielten natürlich auch die Neugierde und die Begeisterung eine Rolle. So eine Möglichkeit bekommt man nur einmal. Und ich habe es bisher keinen Moment bereut. 
 
KMN: Der Kulturbetrieb betont immer gerne, etwas Besonderes in seinen Strukturen, Prozessen, seinem Antrieb zu sein. Waren die Strukturen für Sie etwas völlig Neues und anderes? 
 
MM: Das ist eine gute Frage. Der Kulturbetrieb ist sicher etwas Besonderes. Aber manchmal hat es auch einen Selbstzweck, das so zu formulieren. Denn so meint man, sich gewissen Dingen nicht stellen zu müssen. Erlauben Sie mir, etwas auszuholen, um zu zeigen, warum mich eher eine gewisse Grundhaltung im deutschen Kulturbetrieb als die Strukturen irritiert haben: Durch meinen Berufsweg bin ich durchaus angelsächsisch und nordamerikanisch geprägt. Dort erreicht die öffentliche Förderung bei Weitem nicht das deutsche Niveau. Ich will das weder negativ noch positiv bewerten. Aber wenn man von etwas durch und durch überzeugt ist, dann muss man in diesen Ländern aktiv Mittel und Wege finden, die Idee zu realisieren. Die Kulturschaffenden in diesen "merkantilisch" geprägten Gesellschaften sind dabei unheimlich kreativ und innovativ, treiben Veränderungen voran. In Deutschland neigt man dazu, die staatliche Sorgfalt und Fürsorge immer wieder in Anspruch zu nehmen, mit dem sich selbsttragenden Grund, Kultur zu machen. Verstehen Sie mich richtig: Das deutsche System ist eine seltene Errungenschaft. Denn wir können und dürfen so vieles realisieren, das ist im Vergleich zu anderen Ländern wirklich paradiesisch und einzigartig. Nur es würde manchem in der Kulturszene gut tun, sich dessen bewusst zu sein. Das war eine Sache, an die ich mich gewöhnen musste. Ebenso die sture Einstellung, weil man aufgefordert wird, sich mit den eigenen Inhalten und Angeboten mit Blick auf eine gewisse Publikumsfreundlichkeit auseinanderzusetzen, könnten daraus nur blasse Events und langweiliges Einerlei erwachsen, war und ist mir fremd. Alle Genres bieten Qualität und es ist die Pflicht der angestellten Kulturschaffenden, das als Prämisse ihrer Arbeit zu sehen. So machen wir das hier im Burghof und werden darin von vielen Seiten unterstützt. 
 
KMN: Denken Sie, dass Sie an der einen oder anderen Stelle durch Ihren vorherigen Beruf eine andere Sicht auf den Kulturbetrieb haben? Sind Sie manchmal noch der Banker? 
 
MM: Egal, welches Programm wir planen, was wir künstlerisch erreichen möchten: Es muss sich am Ende wirtschaftlich rechnen. Wenn wir in einen für uns wichtigen Künstler oder eine Veranstaltungsreihe mehr Geld investieren, müssen wir sehen, wie wir das mit anderen Angeboten quer finanzieren können. Da bin ich ganz Banker und Musikliebhaber in einer Person. Wir sind mit unserer Arbeit in einem Gastspielhaus keine Künstler, die die Kunst und Kultur verändern. Aber wir haben die Idee, das Grundkonzept, das Team, um Kunst und Publikum zusammenzubringen und das mit hoher Qualität. Unsere Vorstellungen von musikalischem Anspruch auf der einen Seite und den Geschmack des Publikums auf der anderen Seite in Einklang zu bringen, sehen wir als unsere Aufgabe. 
 
KMN: Wurde Ihnen aufgrund Ihrer "beruflichen Herkunft" im Kulturbetrieb Skepsis entgegen gebracht? 
 
MM: Der Mut mich für diesen Posten auszuwählen, war nicht selbstverständlich. Die Skepsis habe ich durchaus gespürt. Aber sind wir ehrlich: Was man bei jedem Studium lernt, egal welches das ist, ist das Denken. In Deutschland gibt es einfach immer noch zu viele Schubladen. In anderen Ländern ist es selbstverständlich möglich, als Theologe der Vorstand eines Tech-Start-ups zu werden. Hier: kaum vorstellbar. Warum sollte ein Jurist oder ein Volkswirtschaftler nicht dieselbe Liebe, Leidenschaft und Know-how für Kunst und Kultur haben? Galeristen sind auch nur Broker, mit dem Zusatz gute Kunst zu erkennen. Der Umkehrschluss ist ebenso möglich. Und da soll jeder den Mut haben, sich nicht auf sein ursprüngliches Studium und den damit "offiziellen" Karrierewegen beschränken zu lassen. Und manchmal ist das, was man mit Liebe macht, besser als das, was jeder sogenannte Profi macht. 
 
KMN: In diesem Sinne, ohne eine Definition vorzugeben: Was macht für Sie ein/e KulturmanagerIn aus? 
 
MM: Ich mag diesen Begriff nicht. Das Wort ManagerInnen impliziert ein Arbeiten unter dem Aspekt der Rendite. Das ist etwa bei großen kommerziellen Labels möglich, sicher. Will man reich werden, kann man das dort tun. Aber im klassischen Kulturbetrieb ist das kaum möglich und sollte es auch nicht sein. Ich mag daher die Begriffe des Kulturverantwortlichen und Kulturschaffenden lieber. 
 
KMM: Was schätzen Sie an Ihrer Arbeit und der Kulturbranche besonders? 
 
MM: Gleich als Erstes: Ich bin sehr zufrieden und stolz auf mein Team. Ich habe wirklich kreative und motivierte Menschen um mich herum. Zweitens habe ich bei meiner Aufgabe die Möglichkeit Teil von kreativen und künstlerischen Prozessen zu sein, das macht einfach nur Spaß. Sich damit zu beschäftigen, was einen derart am Herzen liegt und das einem großen Publikum zu vermitteln, ist einfach wunderbar. 
 
KMN: Aber was ist denn mit den Schattenseiten. Gibt es auch manchmal Frustrationen, Konflikte, die Sie vielleicht so bis dato nicht kannten? 
 
MM: Oh ja. Wenn Sie aus der freien Wirtschaft kommen, zudem aus einer der härtesten Branchen, und dann in einen Betrieb wechseln, der in der öffentlichen Hand liegt, muss man sich an so etwas wie öffentliche Verwaltung, Gremien oder die unterschiedlichen lokalen Öffentlichkeiten gewöhnen. In meiner Position und mit meiner Arbeit bin ich Teil des öffentlichen Lebens geworden. Ich werde beobachtet und ganz genau unter die Lupe genommen. Man muss sich viel mehr dafür rechtfertigen, warum man was auf welche Weise tut und man muss sich mit den vielen Meinungen und "Geschmäckern" auseinandersetzen. Kunst ist immer auch Geschmackssache und hier - ich werde nun sehr badisch - wollen eben alle mitschwätze. Wie ich damit umgehen kann, musste ich erst lernen.
 
 
Dieses Interview erschien zuerst im Kultur Management Network Magazin "Arbeitsmarkt Kultur".
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