26.03.2019

Autor*in

Natascha Häutle
arbeitet am Museum Würth, Künzelsau, wo sie im März 2019 ihr Volontariat abschloss. Sie studierte Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt Moderne und Zeitgenössische Kunst an den Universitäten Hildesheim und Lüneburg. 
Rückblick Bundesvolontariatstagung 2019

Multiperspektivität und strategische Digitalisierung

Auf die Frage, wie Museen auch im 21. Jahrhundert ihre Relevanz behaupten können, gibt es nach wie vor keine befriedigende Antwort. Umso wichtiger ist es, dass der Museumsnachwuchs darüber auf der diesjährigen Bundesvolontariatstagung in Düsseldorf diskutierte.
Deutschland ist als digitales Entwicklungsland verschrien. Doch schaut man in andere Länder, ist die Hoffnung groß, mit digitalen Tools auch hierzulande Museen endlich wieder anschlussfähig zu machen. Dass aber ein Facebook-Account keine Digitalisierungsstrategie ist und eine Museums-App kein Allheilmittel, zeigten eindrücklich die Vorträge und Workshops der diesjährigen Bundesvolontariatstagung. Unter dem Titel "Innovation, Digitalisierung, Modernisierung - wie sich unsere Museen verändern" fand diese von 7. bis 8. März 2019 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, dem Goethe Museum Düsseldorf und weiteren Museen statt. In Vorträgen und Workshops beleuchten die Referent*innen für die knapp 300 jungen Teilnehmer*innen die vielseitigen Aspekte der Institution Museum in Zeiten des sozialen und digitalen Wandels. 
 
Museen im Dienst der Gesellschaft
 
Einen umfassenden Ein- und Überblick bot der Keynote-Vortrag von Prof. Dr. Hans-Martin Hinz, der auf jahrzehntelange kulturpolitische Erfahrung zurückblicken kann und unter anderem von 2010 bis 2016 als Präsident dem International Council of Museums (ICOM) vorstand. In erster Linie, so Hinz, haben Museen heute eine Dienstleistungsfunktion für gesellschaftliche Entwicklung, von Aufklärung und Friedenserziehung über den Schutz des kulturellen Erbes oder den Nord-Süd-Dialog bis hin zu Inklusion und lebenslangem Lernen.
 
Diesen positiven Wirkbereichen stehen zwei Aspekte entgegen: Der eine ist die Kulturpolitik, die die formalen Bedingungen für gesellschaftspolitisch wirksame Museumsarbeit garantieren muss. Der zweite zielt auf die Institutionen selbst. Während Museen im 19. Jahrhundert einen großen Anteil am Selbstverständnis der Bürger*innen hatten und in den 1980er-Jahren entscheidende Stabilisationsfaktoren waren, seien sie heute zu passiv, ihr Selbstbild oftmals besser als die Realität. Selbstkritisch sollten sich also Museumsmitarbeiter*innen fragen, ob sie aktuelle Bedürfnisse und gesellschaftliche Themen rechtzeitig aufgreifen und aktiv angehen.
 
Eine Tagungsteilnehmerin merkte dazu an, dass jene Bereiche, in denen Museen nach ihrem eigenen Dafürhalten bereits Wirksamkeit zeigen, stark von den Institutionen und wenig von den Menschen her gedacht sind, denen sie dienen sollen. Zugleich zeigen aber Proteste wie beispielsweise im Kontext des Neubaus des Berliner Stadtschlosses, dass die lokale Bevölkerung sich mit ihren Museen durchaus und auch kritisch auseinandersetzt. Die Museen, so Hinz, weisen dies jedoch oft zurück und suchen vor allem museumspraktische Lösungen. 
 
Hinz‘ pragmatischer Ansatz kann dabei als Top-Down beschrieben werden: Kulturpolitik stellt die Bedingungen, in denen Museen im Dienst der Gesellschaftsentwicklung agieren können. Dafür muss sie von den Museen mit greifbaren Argumenten dafür sensibilisiert werden, was sie brauchen, um die neuen Aufgaben umsetzen zu können. Die junge Generation an Museumsfachleuten ist hingegen stärker geprägt von partizipativen Ansätzen, die sich teilweise auch in den Volontariatsprogrammen niederschlagen, etwa dem auf Vermittlung fokussierten Lab.Bode. 
 
Entsprechend begeistert wurde der Vortrag von Salma Jreige und Hussam Zahim Mohammed am zweiten Tag aufgenommen. Er führte von Hinz globaler kulturpolitischer Perspektive zu einem spezifischen, in Berlin verankerten Projekt, das jedoch nicht minder in globale Verhältnisse verflochten ist: Multaka, Treffpunkt Museum. An vier Berliner Museen führen seit 2015 syrische und irakische Geflüchtete auf Arabisch, Deutsch und Englisch durch die Ausstellungen. Grundlage ihrer Arbeit ist eine dialogische Herangehensweise, die das Museum als Treffpunkt und die Objekte als Ausgangspunkt nimmt. Die Museen, in denen die Veranstaltungen stattfinden, zeigen zum Teil Kulturschätze aus den Herkunftsländern der Guides und der Gäste. Daraus entwickeln sich Situationen, in denen auch vermeintliche Tabus, Persönliches ebenso wie Politisches verhandelt werden, die Migrationsgeschichten der Objekte, aber auch der Besucher*innen. 
 
Die vielgeforderte Multiperspektivität im Museum wird in diesem Projekt glaubwürdig eingelöst, hervorgerufen durch den Peer-to-Peer-Ansatz und die Offenheit für Themen, die sonst meist keinen Platz im Museum finden. Nachahmung ausdrücklich erwünscht!
 
Vom Haus aus - digitale und analoge Erneuerungsstrategien in Museen
 
Große Praxisnähe zeigte Dr. Christian Gries von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern. Nach ihm sollte der digitale Raum als Erweiterung des Museums gesehen werden. Dabei sind nicht nur museumseigene Angebote wie Blogs oder Apps zu beachten, sondern das komplexe Gefüge an Plattformen und Online-Angeboten, auf das die Nutzer*innen zugreifen können. Gries legt die Schritte dar, die Museen für eine digitale Strategie unternehmen müssen: Am Anfang stehen eine digitale Bestandsaufnahme sowie das Festlegen von Zielen und Verantwortlichkeiten. Darauf folgt, dass jedes Haus seine digitale Reputation beobachten und sich mit seiner Community beschäftigen muss, denn diese ist vorhanden, ob gewollt oder ungewollt. Erst dann können Maßnahmen unternommen werden, um die Sichtbarkeit im Netz zu erhöhen und digitale Angebote zur Verfügung zu stellen. Als weitere Schritte sieht Gries die Digitalisierung der Sammlung, das Überlegen über die Nachnutzung von Digitalisaten, aber auch digitale Ausstellungsformate. Multiperspektivität im Museum kann somit digital unterstützt werden. Die größte Gefahr hierbei sei, Digitalisierung als Allheilmittel zu sehen und alles, was nicht ins Kerngeschäft passt, dahin auszulagern, so Gries. Technikgetriebene Insellösungen seien oftmals das Resultat. Stattdessen sollten Museen auf Verstetigung, institutionelle Verankerung des Themas und Professionalisierung zu setzen. 
 
Mit seinen Ausführungen rannte Gries bei den Volontär*innen offene Türen ein. Viele von ihnen berichten, dass sie die einzigen im Haus sind, die sich mit Online-Kommunikation beschäftigen - und wenn sie gehen, geht auch das Know-how. Zwar mag dieser Bereich in Zeiten knapper Budgets wie ein zusätzlicher Klotz am Bein klingen, jedoch führt daran kein Weg vorbei. Oft sind es Mythen wie die Angst vor einem Shitstorm, die leicht entkräftet werden können, und einfache Tricks wie die "Digitalen 6 Minuten" als Jour Fixe, die das Anfangen erleichtern - und dann, so Gries, müssten weitere Maßnahmen auch nicht zwangsläufig umfangreich sein.
 
Einen eher theoretischen, humanistischen Ansatz proklamierte Prof. Dr. Christof Wingertszahn, Direktor des Goethe Museums Düsseldorf. Ausgehend von einem Zitat Johann Wolfgang von Goethes, in dem dieser das Museum "ein Unendliches in Bewegung" nennt, stellte er Überlegungen zur Modernisierung an. Entgegen dem heute oftmals gängigen Bild von Museen als "Sozialagenturen" stärkt er den aufklärerischen Gedanken der Autonomie der Kunst, die nicht "nur" oberflächlich nützlich ist. Mit diesem Selbstbewusstsein ist es notwendig, sich die Geschichte der eigenen Sammlung und Institution vor Augen zu führen, deren Stärken zu erkennen und die Relevanz der eigenen Inhalte für die Gegenwart aufzuzeigen. Bedeutsam bleibt ein Museum also folglich, indem es aktuelle Themen identifiziert und Bezüge zwischen den Zeiten deutlich macht. Wenn auch dieser Ansatz wenig neu erscheint, sollten ihn sich Museumsmitarbeiter*innen stets vor Augen halten, denn er kann im Denken innerhalb wissenschaftlicher Disziplingrenzen schnell verloren gehen.
 
Zu viel Verantwortung, zu wenig Geld - Arbeitsbedingungen im Volontariat
 
Neben den Fachvorträgen waren bei der Bundesvolontariatstagung die strukturellen Bedingungen des Volontariats zentrales und heiß diskutiertes Thema, untermauert durch die Evaluation der Befragung "Zur aktuellen Situation der Volontär*innen in Deutschland" 2018: Positiv zu bewerten ist, das mittlerweile beinahe 80% der Befragten ein Gehalt von 50% TvöD 13 erhalten. Ein Ausbildungscurriculum, wie im Leitfaden für das wissenschaftliche Volontariat des Deutschen Museumsbundes gefordert, wird jedoch nur von einem guten Viertel der Häuser umgesetzt. Das Volontariat entwickelt sich, so Noll, theoretisch immer mehr zu einem Ausbildungsverhältnis, praktisch arbeiten die Volontär*innen aber nach wie vor sehr stark eigenverantwortlich. Dies seien starke Anzeichen für ein Scheinausbildungsverhältnis. Im Gegensatz zu Dr. Susanne Köstering, Geschäftsführerin des Museumsverbandes Brandenburg, die im Namen des Deutschen Museumsbundes ein Grußwort sprach, begrüße der AK Volontariat den Anstieg an Volontariatsstellen in Deutschland nicht, denn dies bedeute nicht auch mehr Mitarbeiter*innenstellen. Diese Entwicklung entspräche nicht dem tatsächlichen Personal- und Kompetenzbedarf des Museumsbereichs, sondern führe nur zu mehr prekären Anstellungsverhältnissen bei gleichbleibend schlechten Übernahmechancen. Der Applaus im Saal unterstützt die Position des AK Volontariat.
 
Alle Evaluationen der vergangenen Jahre können auf der Seite des AK Volontariat des Deutschen Museumsbundes eingesehen werden.
 
Fazit
 
Bei allem Facettenreichtum war allen Vorträgen ein starker Fokus auf Multiperspektivität und gesellschaftliche Verantwortung gemein. Damit Museen nicht an Relevanz verlieren, müssen sie verschiedene Perspektiven auf ihre Arbeit, ihre Sammlung und die Gesellschaft, die sie widerspiegeln, zulassen. Digitalisierung und damit verbundene Tools sind dabei strategisches Hilfsmittel, aber kein Ziel an sich. Pausengespräche und intensive Diskussionen zeigten, dass die aktuelle Volontär*innengeneration kritisch auf die Institution Museum blickt und sich nicht scheut, aktuelle Debatten und eine Haltung dazu in ihre Arbeit einfließen zu lassen. Entsprechend wurden gerade die Vorträge und Workshops mit besonderer Begeisterung aufgenommen, die für eine gewisse Risikofreudigkeit im Umgang mit Institution und Publikum plädierten. Für den Museumsnachwuchs gehört die Zukunft mutigen Experimenten, die Multiperspektivität und Reibung zulassen, nicht dem Hoffen auf bessere Politik. 
 
Dank gilt an dieser Stelle allen voran Laura Ebert, Organisatorin der Tagung, sowie den Mitgliedern des AK Volontariat. Die Bundesvolontariatstagung 2020 findet in Dresden statt.
 
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