09.06.2017

Themenreihe Festivalmanagement

Autor*in

Klaus Seltenheim
Klaus Seltenheim ist Koautor der Studie Kulturtourismus in Tirol. Chancen und Widerstände in einer Alpenregion. Er arbeitet für ein internationales Kinder- und Jugendtheaterfestival und studierte Sport-, Kultur- und Veranstaltungsmanagement.
Rückblick Festival-Symposium Discover New Horizons

Nachhaltig durch und durch

Festivals reißen Barrieren zwischen RezipientInnen und KünstlerInnen ein und erreichen mit ihrem Wandeln zwischen Kulturbegriffen neue Publika. Wie nachhaltig sie dabei sind, fragte die zweite Auflage des Symposiums Discover New Horizons vom 3. bis 5. Mai 2017 an der FH Kufstein. Die dabei vorgestellten Case Studies förderten zahlreiche kulturmanageriale Herausforderungen zu Tage.
Die FH Kufstein und Verena Teissl, dortige Professorin für Kulturmanagement, konnten als Veranstalter für die zweite Auflage des Symposiums neben dem Goethe-Institut auch den Tourismusverband Kufsteinerland als Partner gewinnen. In der Bearbeitung der Fragestellung mischten sich klassische Elemente wie Keynotes und Lectures mit diskursiven Formaten für ExpertInnen untereinander, die aber auch für einen Wissensaustausch mit Studierenden sorgten.
 

Kultur und Tourismus (k)ein Widerspruch

Das Symposium wurde mit einer Zukunftswerkstatt exklusiv für Kultur- und Tourismusorganisationen zum Motto Festivaltourismus in Tirol: Gemeinsam Potenziale entdecken eröffnet. Obwohl Kultur- bzw. Festivaltourismus oft als Möglichkeit verstanden wird, regionale Entwicklungspotenziale freizulegen, wird Kultur in Tirol bisher nicht als solches strategisches Feld gesehen. Natur und Sport sind die dominanten Faktoren in dieser hochtouristischen Destination. Unter diesem Aspekt erläuterte Ulrich Fuchs, Programmdirektor der Kulturhauptstädte Linz (2009) und Marseille-Provence (2013), im größeren Zusammenhang des Kulturhauptstadtprogramms, wie der Aufbau nachhaltiger Beziehungen zwischen Kultur und Tourismus erfolgreich gestaltet werden kann. Wie das Beispiel Linz zeigt, können dadurch auch schwierige Themen wie das Erbe des Nationalsozialismus für TouristInnen interessant werden.

Im Anschluss beschäftigten sich die TeilnehmerInnen mit Kooperations- und Unterstützungsangeboten von Seiten der Österreichwerbung für Kulturschaffende sowie mit Nachhaltigkeitsstrategien als gemeinsamem Ziel von Kultur und Tourismus. Dabei können mit Punkten wie Werbung, Vernetzung und Kommunikation sehr rasch gemeinsame Interessen bedient und die Zusammenarbeit gestärkt werden. Nachhaltigkeit dient dabei als inhaltliche Klammer interpretiert, die beide Seiten an einem gemeinsamen Strang ziehen lässt.

Die anschließende Eröffnungskeynote des Symposiums Cultural festivals: A new success formula for regional development von Elisabeth Mayerhofer eröffnete den Blick von außen, von der eng mit Kultur und Festivals verbundenen Destination Wien, und verdeutlichte die Breite des Feldes.

Gelebte Diversität?

Filmforscherin Tanja Krainhöfer legte zu Beginn des zweiten Tages eine gleichermaßen spannende wie einzigartige Analyse der Berlinale vor: Sie untersuchte über 10.000 Filme unter anderem auf die Diversität der Produktionsländer und auf ihre Kategorisierung innerhalb des Festivals, um die Frage The Berlinale an unristricted window? beantworten zu können. Dabei versuchte sie, dem weltoffenen Image der Berlinale auf den Grund zu gehen: Welche Länder kommen dort nicht als Filmproduzenten vor? Wie ausgeglichen sind Geschlechterverhältnisse in den gezeigten Werken und wie spiegeln sie sich in den Produktionsverhältnissen wider? Wie hoch ist der Anteil an Filmen aus den neuen deutschen Bundesländern? Wie viel Platz bekommen Filme von oder über in Deutschland lebende Minderheiten? Die Antwort lautete stets: Diversität ja, unrestricted window nein. Eine Erkenntnis, die sich auch auf andere Kulturbereiche etwa Theaterproduktionen oder Orchesterprogramme und zusammensetzungen übertragen lässt. In der anschließenden Diskussion wurde hervorgehoben, dass solche Widersprüche von kleinen und mittelgroßen Festivals bereits aufgegriffen werden und einen Diskurs zwischen den Festivals etablieren, der zu einer steten Weiterentwicklung des Filmfestivalzirkus auf inhaltlicher und struktureller Ebene führt.

Wie lässt sich Nachhaltigkeit umsetzen?

Abseits des akademischen Diskurses über Fragen kultureller Nachhaltigkeit zeigte das Symposium konkrete und gleichsam unterschiedliche Beispiele, wie in der Praxis dieser Begriff interpretiert wird. Das zweimal jährlich stattfindende Tollwood Festival in München verstand sich von Beginn an wenn auch hinter den Kulissen als politischer Akteur im Kampf für eine Kultur der Nachhaltigkeit. Die Hartnäckigkeit der VeranstalterInnen in Sachen Müllvermeidung führte sogar zu einem behördlichen Umdenken in München, wie Stephanie Weigel, Direktorin des Sustainability Managements, ausführte. So wurde etwa die Vorschrift zur Verwendung von Wegwerfgeschirr in ein für sämtliche Veranstaltungen der Stadt gültiges Verbot verwandelt. In Privatbesitz, aber nicht in erster Linie auf Gewinn ausgerichtet, haben die BetreiberInnen den Kampf für ökologische Nachhaltigkeit ausgeweitet. Die von Tollwood initiierte Plattform Artgerechtes München setzt sich etwa für die Etablierung einer im Einklang mit Natur, Mensch und Tier stehenden Landwirtschaft ein. Das Festival übersetzt dabei gewollt oder ungewollt Michel de Certeaus soziologische Theorie der Kunst des Handelns die den Zusammenhang zwischen unbewussten Alltagshandlungen, bewusstem Konsum und Identitätsbildung veranschaulicht auf ebenso kluge wie subversive Art und Weise in die Praxis.

Neben diesem traditionell-ökologischen Verständnis von Nachhaltigkeit zeigt die Initiative LOCPO Local Operators Plattform einen kultur- und gesellschaftspolitischen Zugang auf. Dieses Netzwerk von KulturakteurInnen primär aus ehemaligen osteuropäischen Ländern nimmt sich der Nachhaltigkeit des Kulturhauptstadtprogramms der Europäischen Union an. Als Local Operators können im deutschen und österreichischen Diskurs KulturarbeiterInnen, KulturmanagerInnen, KulturforscherInnen und KünstlerInnen außerhalb traditioneller Kulturinstitutionen bezeichnet werden. Ihr Ziel ist es, europäische Kulturhauptstädte ab dem Bewerbungsprozess dabei zu unterstützen, die von der EU geforderte Nachhaltigkeit des Titeljahres auch zu leben.

Die damit verbundenen Herausforderungen müssen laut Szilvia Nagy in einem breiteren Kontext gesehen werden. So trägt zeitgenössische Kulturarbeit in Ländern ohne lange demokratische Tradition dazu bei, eine lebendige und mutige Zivilgesellschaft aufzubauen, die sich aktiv in gesellschaftliche und politische Prozesse einmischt. Dieser im internationalen Kontext als Cultural Agency bezeichnete Ansatz kann den Diskussionen um die gesellschaftliche Relevanz von Kultur beitragen, braucht dafür aber spezielle Kompetenzen und auf das jeweilige Land zugeschnittene kulturmanageriale Herangehensweisen.

Neue Horizonte für KulturmanagerInnen

Das Symposium bildete darüber hinaus ein breites Spektrum kulturmanagerialer Aspekte innerhalb der Nachhaltigkeitsdebatte ab. Die gezielte Ansprache von VertreterInnen des Tourismus kann dafür als Beispiel genannt werden: Obwohl Kultur kein genuines touristisches Interessensgebiet in Tirol ist, erarbeitet sie sich zusehends einen Stellenwert als Nahversorgerin, deren lokale soziale Funktion erkannt und gefördert wird. Festivals tragen diesem Verständnis folgend dazu bei, die Lebensqualität zu steigern, und bieten Raum für Innovationen und gesellschaftliche Diskurse.

Die präsentierten Fallstudien berührten sowohl das praktische als auch das theoretische Feld kultureller Nachhaltigkeit im Festivalkontext. Inspirierende Beispiele wie das Tollwood Festival zeigen, dass es in den Händen Kulturschaffender liegt, eine nachhaltige Kultur zu etablieren und als Lobby einer solchen aufzutreten. Dabei vertritt Tollwood für sich selbst den Anspruch, neue Wirklichkeits- und Lebensmodelle nicht nur mittels Kunst an das Publikum zu kommunizieren, sondern sie selbst vorzuleben. Ebenso zeigte LOCOP auf in welch sensible gesellschaftlichen Bereiche Kulturmanagement reicht. Sich dessen bewusst zu sein heißt, daraus konkrete Handlungsanleitungen für die tägliche Praxis zu entwickeln ein Anspruch, der etwa in Hinblick etwa auf Diversität oder faire Arbeitsbedingungen für die MitarbeiterInnen von Kultureinrichtungen von vielen Einrichtungen nach wie vor nicht umgesetzt wird.

Aus operativer Sicht wurde deutlich, dass Festivals große Herausforderungen in der Umsetzung mit sich bringen. Fragen der sozialen Sicherheit der FestivalarbeiterInnen, die Auswirkungen auf den etablierten Kulturbetrieb oder ihre Anziehungskraft für touristische bzw. destinationsbildende Begehren waren Teil der Debatten.

Auch Fragestellungen in der Vermittlung festivalspezifischer Inhalte in Lehrgängen, Studienrichtungen etc. wurden diskutiert. Der Auf- und Abbau temporärer Strukturen, das Phänomen des Peakings im Personalwesen oder Schwierigkeiten im Wissenstransfer bezogen auf das Organisieren biennaler Festivals können hier genannt werden. Die Diskussion darüber verblieb in Fragestellungen und eröffnete damit einen konkreten Ansatzpunkt für eine weiterführende Auseinandersetzung mit diesen Thematiken.

Als Wehrmutstropfen bleibt die geringe Anzahl an TeilnehmerInnen. Trotz guter Erreichbarkeit aus nahegelegenen Ballungszentren zeigte sich, dass Angebote wie das Symposium in der Peripherie nach wie vor schwierig zu etablieren, allerdings gerade dort auch sehr wichtig sind. Zugleich entstand daraus der Vorteil, dass der Austausch umso intensiver stattgefunden hat. Das Symposium entwickelte so ein wenig seinen eigenen festivalesken Charakter: Ein Laboratorium, in dem Neues aufgegriffen, Ideen ausgetauscht und vor allem viel Motivation für die eigene Arbeit und das eigene Denken gewonnen werden konnte.

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