12.07.2018

Autor*in

Tom Schößler
ist kaufmännischer Geschäftsführer der Weserburg Museum für moderne Kunst in Bremen. Zuvor war er Verwaltungsleiter im Theaterhaus Stuttgart. Er studierte Betriebswirtschaft in Stuttgart und Madrid und Kulturmanagement in Ludwigsburg. Zudem arbeitet er freiberuflich als Finanz- und Marketingberater für verschiedene Kulturbetriebe sowie als Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen.
Dirk Schütz
ist Geschäftsführer von Kultur Management Network und der Kulturpersonal GmbH. In den Bereichen Führung, Personalmanagement und Organisationsentwicklung arbeitet er als Berater, Coach und Trainer und unterrichtet als Dozent an Kulturmanagement-Studiengängen im deutschsprachigen Raum.
Rückblick Jahrestagung des Deutschen Museumsbunds 2018

Museen auf dem Weg zu Cultural Leadership

Es mangelt dieser Tage nicht an gesellschaftlichen und politischen Streitthemen, zu denen auch Museen Stellung beziehen sollten. Oder lieber doch nicht? Sollten sie Haltung zeigen? Die diesjährige Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes zeigte, wie wichtig diese Fragen auch für das Kulturmanagement sind.
Die jährliche Tagung des Deutschen Museumsbundes (DMB) ist ein Fixpunkt im Kalender vieler Museen und Kulturschaffender. In diesem Jahr trafen sich die Mitglieder des größten deutschen Museumsverbands vom 6. bis 9. Mai in Bremen. Mit über 400 Teilnehmenden war der Veranstaltungsort prall gefüllt, was zusammen mit den sommerlichen Temperaturen für eine durchaus dichte Atmosphäre sorgte. Vielleicht war es auch das Thema, das einige Gemüter erhitzte.
 
Aber ist die Frage nach Werten und Haltung überhaupt relevant für das Kulturmanagement? Sie sollte es sein, schlicht und ergreifend weil emanzipiertes Personal und verantwortungsbewusste Führungskräfte ihr Gewissen nicht an der Pforte abgeben sollten. Zudem bieten solche Fragen wichtige Kontexte für die Orientierung in und Weiterentwicklung von Kulturorganisationen.
 
Der Präsident des DMB, Eckart Köhne, versuchte in seiner Einführung das Feld abzustecken, das zunächst sehr weit gefasst schien. Museen seien Schutzräume, so Köhne, Plattformen und Orte der Reflexion. Partizipation wurde als Wert genannt und kulturelle Bildung als zentrale Aufgabe. Postkoloniale Fragen und Provenienzforschung seien aktuelle und bisweilen brisante Herausforderungen. Die gesellschaftliche Anerkennung und hohe Glaubwürdigkeit der deutschen Museen sei ein geeigneter Ausgangspunkt, um diese Herausforderungen anzugehen und Wertefragen zu diskutieren. Dem Thema angemessen schloss Köhne seine Einführung mit den Worten Suchen wir gemeinsam.
 
Haltung zeigen
 
Bereits die ersten beiden Vorträge setzten Ausrufezeichen. Jurgen Kaube, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ging mit durchaus launigen Statements der Frage nach, wer eigentlich die Werte definiert, für die Museen stehen. Sein Vorschlag: Freiheit, Unbefangenheit und Nachdenklichkeit sollten die drei zentralen Werte sein, nach denen Museen agieren. Nicht wenige Teilnehmer dürften dankbar gewesen sein, dass Kaube die Schwierigkeiten der Wertefrage überhaupt aufriss. Denn sie wird nicht nur innen und außen gestellt, sondern Werte stehen sich mitunter sogar gegenseitig im Weg. Beispielhaft richtete Kaube den Blick auf die historischen Museen: Es könne kein Wert darin liegen, eine eindeutige Richtigkeit der Vergangenheit zu suchen. Im Gegenteil, Museen müssten eine Resistenz dagegen entwickeln, eindeutigen historischen Sinn produzieren zu wollen. Das wiederum entbinde jedoch kein Museum davon, jede Ausstellung auch als eine Werteentscheidung zu verstehen.
 
Mit besonderer Spannung wurde der Vortrag von Pawel Machcewicz erwartet, der als Direktor des Weltkriegsmuseum Danzig von der polnischen Regierung seines Amtes enthoben wurde. Machcewicz hatte sich geweigert, die Dauerpräsentation als polnische Heldengeschichte zu inszenieren. Er berichtete dem Publikum am eigenen Beispiel, wie schnell und drastisch politische Einflussnahme auf Museen einwirken kann und was passiert, wenn man sich nicht beugt. Die unangenehme Frage aus dem Plenum: Wie sah die Unterstützung aus der internationalen Museumsszene aus? Die Antwort war diplomatisch formuliert und doch ernüchternd: Trotz weltweiter Verbandsstrukturen blieb der Aufschrei aus der Museumswelt und damit ein Bekenntnis zur Haltung weitgehend aus.
 
Die nahtlos anschließende Frage, wie politisch ein Museum sein darf, wurde durch einen Impuls von Leontine Meijer-van Mensch, Programmdirektorin im Jüdischen Museum Berlin, angestoßen, und zog sich sodann durch die gesamte Tagung. Museen, so Meijer-van Mensch, müssen Haltung beziehen, Mut zeigen, Reibungsfläche sein, Diskurse aushalten, Dialoge initiieren. Mitsprache des Trägers im Fall des Jüdischen Museums ist nachvollziehbarerweise schnell die Diplomatie des Bundes im Spiel muss dabei nicht immer gleich Einmischung sein. Im Vergleich zu Polen müsste man sagen: zum Glück. Michel Foucaults Ruf nach reflektiertem Ungehorsam dürfe durchaus auch in Museen gehört werden, so Meijer-van Mensch. Da gerade das Jüdische Museum immer wieder in heikle Besuchersituationen komme, bezog sie eine klare Haltung, indem sie eingestand, dass nicht alle BesucherInnen willkommen sein könnten. Das sorgte für ein gespaltenes Plenum, welches allerdings mehrheitlich dafür zu sein schien, Haltung zu zeigen. Dass Museen im Umkehrschluss nicht mehr uneingeschränkt Orte für alle BürgerInnen sind, war eine konsequente, ehrliche und zugleich verstörende Erkenntnis der Tagung. Sind sie also nur noch Orte für viele?
 
Werte leben
 
Dass Fragen nach Werten, Haltung, politischer Stellungnahme usw. zugleich Führungsfragen sind und bestenfalls von allen Stakeholdern getragen werden sollten, kristallisierte sich schnell heraus. Ein entsprechendes Panel leitete Klaus Vogel ein. Er musste als Direktor des Deutschen Hygiene-Museums Dresden für die aktuelle Rassismus-Ausstellung eine ganze Reihe von Werteentscheidungen diskutieren und treffen. Denn letztlich steht die Führungsetage des Hauses für die Entscheidungen gerade.
 
Für das Kulturmanagement ist der Umgang mit derlei komplexen Fragen durchaus relevant. Speziell im Kontext von Cultural Leadership also der Führungskultur in und der gesellschaftlichen Positionierung von Kultureinrichtungen muss über Werte gesprochen bzw. eine Diskussion über diese geführt werden. Leider fehlten dafür im Rahmen der Jahrestagung die wichtigsten Gesprächspartner: die MitarbeiterInnen. Ihre Sichtweise fiel stattdessen unter den Tisch und hätte sicher einen wichtigen Impuls für die Diskussion über Werte und Führungsarbeit in Museen geliefert. Denn, wie Klaus Vogel eingangs sagte, unter den TeilnehmerInnen der Tagung würde sich sicher jeder als partizipativ in der Führung darstellen. Der Realitätsabgleich dieser Selbsteinschätzung und damit der Ausgangspunkt für Überlegungen zur Entwicklung von Führungskräften im Museum blieb jedoch aus.
 
Eine dankbare Abwechslung zum Standardformat `Impulsvortrag mit anschließender Podiumsdiskussion bot der Ideen-Slam. Fünf kurze Vorträge aus unterschiedlichsten Museen besonders eindrücklich: Ralf Raths vom Deutschen Panzermuseum Munster gaben Einblicke in die Erfahrungen, die mit Werte- und Haltungsfragen bereits gemacht wurden. Auch Raths hat es vermehrt mit unerwünschten Besuchern zu tun und bezieht gegenüber diesen stets Haltung, wenngleich unter anderen Vorzeichen als das JMB.
Das letzte Panel leitete Hanno Rauterberg ein, stellvertretender Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitung Die Zeit. Er zeichnete das Bild eines offenen Museums, das keinen Anspruch auf Deutungshoheit erhebt, Werte eher verhandelt als vertritt und Partizipation als Wert in den Mittelpunkt des eigenen Handelns stellt. Dadurch gefährde sich das offene Museum zwar zugleich selbst, aber steht so gewissermaßen durch seine Offenheit für Mut, Haltung und Kunstfreiheit. Pikant wurde es in der anschließenden Podiumsdiskussion: Dort saß u.a. der Direktor der Bremer Kunsthalle, Christoph Grunenberg, der für die Ausstellung Der blinde Fleck von Rauterberg heftig kritisiert worden war. In der Ausstellung wurden u.a. Werktitel bzw. darin enthaltene Begriffe, die heute nicht mehr zeitgemäß sind, unkenntlich gemacht. Die von Köhne eröffnete Suche war im produktiven Diskurs angekommen.
 
Fazit
 
Es ist dem Museumsbund hoch anzurechnen, trotz spürbarer Unsicherheit die Diskussion über Werte und Haltung angestoßen zu haben. Sie ist überfällig. Die Museen legen dadurch eine Selbstreflexion an den Tag, die nicht in allen Sparten des Kulturbetriebs zu erkennen ist. Die Diskussion wird freilich durch den Reflex vieler Museumswissenschaftler verlangsamt, zunächst alle Begriffe einwandfrei definiert haben zu wollen, bevor über sie geredet werden kann. Bei den vielschichtigen sozialen Konstrukten Werte, Haltung, political correctness usw. würde das wahrscheinlich ewig dauern. Bemerkenswert also, dass man mit dem anfängt, was bereits passiert.
 
Anhand der vielen Praxisberichte wurde auch sichtbar, dass es keine Blaupause für den Umgang mit Problemen und Konfrontationen zu Werten und Haltung geben kann. Vielmehr ist die Entscheidung, wann und wie Haltung gezeigt wird, immer kontextabhängig. Damit muss wieder das Stichwort Cultural Leadership genannt werden. Zum einen zeigte die Tagung, dass Mut zu Haltung Teil des Anforderungsprofils an Führungskräfte in Museen sein sollte, denn wirklich schwierige Entscheidungen der (politischen) Haltung erfordern ein enormes Maß an Mut, im Zweifelsfall die Konsequenzen zu tragen. Und es zeigte sich, dass es zu echter Partizipation (Museum und Besucher, Leitung und Mitarbeiter) vielerorts noch ein weiter Weg ist. Das offene Museum braucht auch offene Führung.
 
Schließlich müsste die Rolle der Kulturpolitik vertiefend erörtert werden. Kritik seitens der Museen sollten die Träger aushalten und den Museen zugleich den Rücken stärken, wenn diese möglicherweise heikle Entscheidungen treffen. Nur so können Museen zu den eingangs erwähnten Diskursorten werden.
 
Tagungsimpressionen
 
 
Bild 1-4 © Volker Beinhorn/ Bild 5 © Tom Schößler