01.03.2019

Autor*in

Julia Jakob
studierte Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Weimar. Praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit bei unterschiedlichen Festivals und in verschiedenen Veranstaltungsbüros sowie als Agentin bei weim|art e. V.
Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Rückblick Jahrestagung des Fachverbands Kulturmanagement 2019

Wie viel Vielfalt will die Kultur?

Ob der deutschsprachige Kulturbetrieb dem Thema Vielfalt positiv gegenübersteht, ist eigentlich keine Frage. Und so drehte sich die 12. Jahrestagung des Fachverband Kulturmanagement im Januar in Wien vor allem um das Wie von Diversität. Zugleich zeigte sie, dass trotz aller Bekenntnis eine ehrliche Selbstkritik des Kulturbereichs hinsichtlich der Vielfalt in den eigenen Reihen oft noch aussteht.
 
Bereits der Titel der Jahrestagung 2019 „Arts & Citizenship – Towards Diversity of Cultural Expressions“ versprach ein breites Spektrum an Themen und Ansätzen. Das hatten die Organisator*innen auch so im Sinn, denn das Ziel der dreitägigen Konferenz war „eine (Neu)Bewertung der Beziehungen und Rollenverständnisse von Künstler*innen, Kulturmanager*innen, Kulturorganisationen und ausbildenden Institutionen in Hinblick auf neue Konzepte von Citizenship und gesellschaftlichem Engagement“. So hochgesteckt dieses Ziel klingt, so wichtig ist es aktuell, denn der Wert von Vielfalt wird von einem zunehmenden Teil der Gesellschaft grundsätzlich in Frage gestellt.
 
Für das Kulturmanagement ergeben sich daraus verschiedene Fragen, die die Teilnehmer*innen während der Tagung diskutierten:
 
  • Deckt Kultur die bestehende kulturelle Vielfalt tatsächlich ab – inhaltlich, bei Zielgruppen und Mitarbeiter*innen?
  • Spricht Kultur auch Menschen mit konservativen, vielfaltskritischen Werten an – oder grenzt sie sie womöglich aus?
  • Dürfen sich Kultureinrichtungen politisch positionieren?
  • Wie kann Kultur ihren proklamierten gesellschaftsprägenden Mehrwert konkretisieren?
Vielfalt der Perspektiven
 
Ihrem Diversitätsanspruch ist die Tagung selbst auf verschiedenen Ebenen gerecht geworden. Zum einen brach sie die – im Zuge von Globalisierung und Internationalisierung immer obsoleter werdenden – nationalen bzw. sprachlichen Grenzen des hiesigen Kulturmanagements auf. Beispiele und Ansätze aus unterschiedlichen europäischen Ländern machten deutlich, wie Kulturschaffende mit mit der Bedrohung kultureller Vielfalt umgehen können. Dabei zeigte sich, dass der Mehrwert von Kultur umso sichtbarer wird, je schwieriger die gesellschaftliche Situation ist. Und da der Kulturbereich im deutschsprachigen Raum hiervon lange verschont blieb, fällt es ihm heute entsprechend schwer, sich zu öffnen, zu positionieren und seine eigene Relevanz über Lippenbekenntnisse hinaus zu verdeutlichen.
 
Deutlich wurde dies schon zu Beginn der Tagung an den polarisierenden Reaktionen auf die Keynote von Helen Marriage. Sie sprach über ihr britisches Kulturunternehmen „Artichoke“, das publikumswirksame und auf Emotionen ausgelegte Kulturprojekte „with big ambitions“ umsetzt – also die Welt mit Kultur etwas besser machen und kollektive Momente schaffen möchte. Marriage stellte vor allem zwei Großprojekte aus London und Nordirland vor, wobei letzteres seine Wirkung auch auf Teile des Tagungspublikum nicht verfehlte. Die Idee hinter dem Projekt war es, die Geschichten und Gefühle von Beteiligten des Nordirlandkonfliktes zugänglich zu machen und dadurch beide Parteien wieder näher zusammenzubringen. Sie verdeutlichten, dass beide Seiten gleichermaßen Zorn, Trauer und Angst während des Konfliktes erlitten hatten und sich gegenseitiges Verzeihen sollten.
 
Während ein Teil der Tagungsteilnehmer*innen diesen Input berührend und inspirierend fand, rief er bei anderen Kritik hervor. Diese bezog sich einerseits auf Marriages Vortragsstil, der auf einem für den angloamerikanischen Raum üblichen, emotionalen Storytelling beruhte. Andererseits wurden die Projekte als zu wenig künstlerisch innovativ kritisiert. Zwar werden sie von hochrangigen Künstler*innen konzipiert und umgesetzt, folgen aber stets einer festgelegten Intention. Sie sind also Auftragskunst. Während dieser Begriff im deutschsprachigen Kulturbereich einen fahlen Beigeschmack hat, ist „art with a purpose“ im internationalen Kontext gängige und erfolgreiche Praxis. Dabei geht es nicht darum, die Qualität den Wünschen des Publikums unterzuordnen, wie es einige Teilnehmer*innen kritisierten, sondern dem Publikum hochqualitative Kunst niedrigschwellig nahezubringen und dabei Bezug zu Themen zu nehmen, die verschiedene Zielgruppen berühren.
 
Die Trennung zwischen ernsthafter und unterhaltender Kunst ist also keineswegs allgemeingültig, sondern im Gegenteil oftmals der Grund, warum die proklamierte Position des hiesigen Kulturbereichs für Diversität in der Umsetzung scheitert. Dies zeigte sich neben den Reaktionen auf Marriages Vortrag auch im Panel zu aktuellen Forschungsdiskursen. Dort machte Raphaela Henze deutlich, dass der Weg aus der Komfortzone des deutschsprachigen Kulturmanagements oftmals dort endet, wo tradierte Begrifflichkeiten und Herangehensweisen hinterfragt und – über den europäischen und nordamerikanischen Kontext hinaus – internationalisiert werden müssten. Der Begriff „Qualität“ ist hierfür ein passendes Beispiel, denn diese kann man, wie Irene Knava im Panel zu Diversität als Herausforderung für Kulturinstitutionen zeigte, neben künstlerischen Maßstäben auch wie Marriage anhand von Wirkung definieren und dabei mitunter zu gänzlich anderen Ergebnissen gelangen.
 
Vielfalt und Partizipation ja – aber bitte nur in Maßen!
 
Ein vielversprechender und bereits seit einigen Jahren diskutierter Ansatz zur Diversitätssteigerung ist Partizipation. Im Mittelpunkt steht hierbei meist die Interaktion mit dem Publikum oder auch künstlerische Prozesse, die neue Zielgruppen einbinden. Wie dies umgesetzt werden kann, zeigte die zweite Eröffnungskeynote von Michael Duscher. Er stellte sehr transparent den Bewerbungsprozess von St. Pölten als Kulturhauptstadt 2024 vor. Ein Kernanliegen ist es, das Projekt durch Partizipation mitzugestalten und bekannt zu machen. Dafür involvieren die Organisator*innen die breite Bevölkerung St. Pöltens in die Themenentwicklung der Kulturhauptstadt. Duscher betonte, dass solche Gespräche und Prozesse nicht einfach sind, weil die Hürde zur Kultur für viele trotzdem noch hoch ist. Zugleich bedeutet Partizipation auch, die Wünsche und Ideen von Menschen anzuerkennen, die keine Kulturprofis sind – und hier liegt für viele Kulturschaffende sicher die größte Schwierigkeit, wie auch Duscher betonte. Ein Ansatz sei, vorher bereits genaue Fragen vorzubereiten, um die Zahl an nicht umsetzbaren Ideen und damit auch die Enttäuschung gering zu halten. Zugleich machte Duscher klar, wie wichtig das Thema Nachhaltigkeit in einem solchen Kontext ist, um die abgebauten Hürden nicht unwillentlich wieder zu errichten. Im Fall von St. Pölten bedeutet das, dass die Stadt viele der angesprochenen Aspekte in jedem Fall weiter behandeln wird, auch wenn sie nicht Kulturhauptstadt wird.
 
Neben Teilhabe an der Programmgestaltung können Ansätze wie Crowdfunding oder Ehrenamt – jeweils diskutiert in eigenen Panels – ebenfalls dazu beitragen, Diversität im Kulturbereich zu fördern. Auch hiermit holen sich Einrichtungen und Projekte andere Meinungen ins Haus, ohne das Ergebnis genau abzuschätzen oder kontrollieren zu können. Solche Ansätze sind besonders wichtig, um sich nicht nur nach außen positiv zu Diversität positionieren, sondern auch nach innen vielfältiger werden.
 
Eine große Frage während der Tagung war deshalb, was die Auslöser für interne Veränderungen im Kulturbereich sein können. Schaut man sich aktuelle Debatten an, wird schnell klar, dass Aspekte wie Partizipation oder diversitätsorientiertes Personalmanagement oft nicht von den Institutionen selbst kommen, sondern von außen an sie herangetragen werden. Die Studienergebnisse von Birgit Mandel und Charlotte Burghardt, vorgestellt im Panel zu Kulturmanagement in der Migrationsgesellschaft, untermauern dies. Anhand einer Untersuchung der Programme deutscher öffentlicher Theater der letzten Jahre zeigten sie auf, dass hier Diversität bisher kaum über Lippenbekenntnis hinausgeht. Nur die wenigsten – etwa das Berliner Gorky Theater – lassen den klassischen Kanon hinter sich und tun sich mit nicht-europäischen oder -nordamerikanischen Autoren zusammen, um aktuelle Themen oder neue Perspektiven auf die Bühne zu bringen.
 
Auch die Panels zu Stadtentwicklung, Kulturpolitik und künstlerischer Praxis deuteten in eine ähnliche Richtung. Sie zeigten auf, dass Diversität und die Gefährdung kultureller Ausdrucksformen oft zuerst von Künstler*innen, Aktivist*innen und Akteur*innen aus Stadtentwicklung und Politik thematisiert und von dort mit zeitlicher Verzögerung in die Kultureinrichtungen getragen werden. Diese reagieren also auf gesellschaftliche Entwicklungen, prägen sie aber nur bedingt von Beginn an mit.
 
Fazit
 
Diversität ist kein neues Thema im Kulturmanagement und die Jahrestagung des Fachverband Kulturmanagement war nicht die erste, die sich diesem Feld widmete. Dennoch lässt sich eine Entwicklung feststellen, denn im Vergleich zu der Mehrheit ihrer Vorgänger thematisierte die Wiener Tagung schwerpunktmäßig nicht nur die Diversifizierung des Publikums, sondern auch der internen Strukturen des Kulturbetriebs.
 
Neben inhaltlichen Aspekten wurde die Tagung auch auf einer zweiten Ebene ihrem Diversitätsanspruch gerecht: der Interdisziplinarität. Denn Forscher*innen und Praktiker*innen aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen und Sparten hatten in den unterschiedlichen Formaten Gelegenheit, miteinander ins Gespräch zu kommen. Diese Bandbreite ist aufgrund des Themas besonders wichtig, denn zu Diversität existieren allein im Kulturbereich vielfältigste Denk- und Herangehensweisen, sodass Austausch zwischen den Akteur*innen für erfolgreiche Umsetzungen und Kooperationen unumgänglich ist.
 
Doch gerade angesichts der lobenswerten Bandbreite an Formaten und Herangehensweisen war es zum einen schade, dass konkreten Cultural Expressions und einer diversen Teilnehmerschaft der Tagung selbst nicht mehr Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Beides hätte den theoretischen Input sicherlich aufgelockert. Zum anderen wären Überschneidungen zur gleichzeitig stattfindenden internationalen student conference wünschenswert gewesen. Denn für die heranwachsende Generation von Kulturmanager*innen gerade aus dem nicht-europäischen Raum ist das Thema Diversität oft selbstverständlicher. Ihre Sichtweise hätte viele Diskussionen der Fachverbandskonferenz bereichern können.
 
Trotzdem lässt sich aus der Fachverbandstagung 2019 insgesamt eine positive Bilanz ziehen. Zwar steht das deutschsprachige Kulturmanagement in puncto Diversität vielfach noch am Anfang, doch sind die Hürden in einem großteils von öffentlichen Strukturen abhängigen Kultursektor auch besonders hoch. Doch beginnt der Weg wie so oft mit einer Bewusstmachung und hier sind die ersten Schritte bereits gegangen.