15.10.2018

Autor*in

Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Rückblick Symposium zur Zukunft kleiner Stadtmuseen

Wider den Anachronismus

Kleinen Stadt- und Heimatmuseen neue Relevanz geben: Diesem schwierigen Thema nahm sich ein Symposium im Stadtmuseum Werne an und diskutierte, wie trotz eingeschränkter Mittel aus „verstaubten Sammelstuben“ Häuser für die Stadtgesellschaft werden können.
Geht es um die Bedeutung von Kultureinrichtungen, werden oft große Worte gebraucht. „Stadt- und Heimatmuseen sind wichtige Institutionen, die einen großen Beitrag zur lokalen Identität und zur Ausbildung eines Heimatgefühls leisten“ und „zu gesellschaftlichen Veränderungen beitragen“, las es sich denn auch in der Ankündigung für das Symposium „Neue Relevanz. Zur Zukunft kleiner Stadtmuseen“. Jemand, der den mitunter recht bedeutungsschwangeren Duktus des Kulturbereichs nicht kennt, mag sich da fragen: Ist das tatsächlich so? Und das ist durchaus berechtigt.
 
Doch egal, ob man solchen Formulierungen zustimmt, ernst nehmen sollte man sie in jedem Fall. Denn was sie vor allem zum Ausdruck bringen, ist ein Wunsch nach mehr Relevanz auf Seiten der kleinen Museen. Die Zeiten der Selbstreferenzialität scheinen zusammen mit der finanziellen und ideellen Unterstützung der Träger ihrem Ende entgegen zu gehen. Und die damit verbundenen Existenzängste bewirken auch positive Veränderungen! Eine solche ist, dass sich am 21. September über 60 Vertreter*innen kleiner und mittlerer lokaler Museen im beschaulichen Werne trafen (und noch deutlich mehr gern teilgenommen hätten), um über die Zukunft ihrer Häuser zu sprechen. Aktuell spielen diese bei Fachtagungen und –diskussionen und auch für die Mehrheit der Menschen oft nur eine untergeordnete Rolle. Daran wollten die Organisator*innen - das Stadtmuseum Werne, die Zukunftsakademie NRW, die Landesinitiative StadtBauKultur NRW und der Fond Stadtgefährten der Kulturstiftung des Bundes - etwas ändern.
 
Formate als das A und O
 
Schon die Formate des Symposiums ließen hierbei viel erwarten. Anstatt einer Aneinanderreihung von Vorträgen von Vertreter*innen erfolgreicher Museen standen Produktivität und Austausch im Mittelpunkt: Nach einem Impulsvortrag bestand der Tag vor allem aus Workshops und Möglichkeiten zum Austausch. Der Impuls war dabei durchaus wichtig, denn darin zeigte der immer motivierende Holger Simon auf, dass auch viele große Häuser ihre eigene Relevanz nicht definieren können. Zudem machte er anhand zahlreicher Beispiele deutlich, dass gerade Museen mit regionalem Bezug viel mehr sein können als Sammelstuben, nämlich Lern- und Gemeinschaftsorte für ihr Umfeld - und zwar auch ohne großes Budget. Dank seiner launigen Rundumschau entließ er die Teilnehmer*innen mit einem Kopf voller Ideen in die Kurzpräsentationen (Pecha Kucha) erfolgreicher Projekte und die Workshops.
 
Im ersten Workshop beschäftigte sich Stefanie Kinsky, Social Media Expertin vom C/O Berlin, zusammen mit den Teilnehmer*innen damit, wie kleine Museen die sozialen Medien für sich nutzen können. Im zweiten Workshop zeigte die freie Museumsberaterin Gülay Gün auf, wie Stadt- und Heimatmuseen neue, diverse Zielgruppen ansprechen können. Und im dritten Workshop vermittelten Sarah Stella Bäcker und Irene Kriechbaum von der Gestaltungsagentur studioachtviertel, wie man mit einfachen Mitteln wirkungsvolle Ausstellungsinszenierungen umsetzen kann.
 
Dabei machten alle drei Workshops ein grundlegendes Problem kleiner Museen deutlich: Die meist nur wenigen Mitarbeiter*innen sind in Personalunion für fast alle Museumsbereiche zuständig. Im Gegensatz zu großen Häusern gibt es also keine Spezialisten für Marketing, Vermittlung, Management oder Forschung. Stattdessen müssen sich die Allrounder mit vielen Aspekten gleichzeitig beschäftigen. So kennen sie zwar durchaus die Grundlagen von Outreach-Ansätzen, digitaler Kommunikation oder Szenografie. Jedoch bleibt ihnen oft kaum Zeit, sich vertiefend darin einzuarbeiten.
 
Dies führt zu verschiedenen Schwierigkeiten, die die drei Workshops für ihr jeweiliges Thema deutlich zutage brachten. So dürfen gerade kleine Museen von Seiten ihrer Träger noch immer sehr häufig keine sozialen Medien oder eigene Websites bespielen - zu groß ist die Angst vor Kontrollverlust. Das Fazit von Stefanie Kinsky zu ihrem Workshop lautete deshalb: Erst wenn sich starre Verwaltungsstrukturen ändern, können kleine Museen ihre Aufgaben erfüllen und sich aus ihrer Lähmung befreien. Und in Bezug auf die Ansprache neuer Zielgruppen zeigte der Workshop von Gülay Gün, wie schwierig es für viele Museumsmitarbeiter*innen ist, eine Verbindung zwischen den aktuellen Themen ihrer Stadt und ihrer musealen Arbeit aufzubauen und sich die Vielzahl der möglichen Zielgruppen und Kooperationspartner vor Augen zu führen.
 
Etwas für jeden
 
Nun kann ein solches Symposium in einstündigen Workshops natürlich keine Lösungen für all diese Probleme kleiner Museen entwickeln. Dennoch haben sich Ansatzpunkte herauskristallisiert, mit denen man ihre Relevanz in ihrem jeweiligen Umfeld durchaus verändern kann:
 
  1. Raus aus dem Museum! Holger Simon formulierte das in seinem Vortrag so: „Das Stadtmuseum kann die Stadt bespielen, sie ist das größte Exponat und liegt unmittelbar vor der Haustür.“ Der Ansatz dahinter ist, einen Perspektivwechsel hin zu den Themen und Menschen der Stadt zu vollziehen.
  2. Rein ins Museum! Das bezieht sich auch nicht auf Museumsbesucher*innen. Vielmehr geht es darin, die Museumsräume günstig für andere Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen, um neue Menschen auf das Museum aufmerksam zu machen und die Zugangsbarrieren zu senken.
  3. Das Rad muss nicht neu erfunden werden! Anstatt frustriert auf die Ressourcen großer Möglichkeiten zu schauen, kann man sich an diesen orientieren und vielversprechende Ideen übertragen. Zu vielen Vermittlungs- und Kommunikationsformaten gibt es bereits ausführliche Erfahrungsberichte und günstig wiedernutzbare digitale Tools, auf denen man aufbauen kann.
  4. Kooperation, Kooperation, Kooperation! Museen müssen nicht alles selbst machen. Dabei liegen die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit nicht nur im Finanziellen, sondern können fast alle Probleme eines Museums umfassen. Eine Voraussetzung dafür ist, offen bei der Stadtgesellschaft um Hilfe zu bitten. In diesem Zusammenhang kann man dann von den Unterstützern auch etwas über deren Erwartungen an das Museum erfahren.
  5. Vielstimmigkeit zulassen! Museen gelten als Experten in Bezug auf historische Gegebenheiten. Aber niemand erwartet von ihnen, auch Alltagsexperten zu sein. Um stadtgesellschaftliche Themen abzubilden, brauchen sie deshalb Wissen über individuelle Lebensgeschichten. Dafür müssen sie jedoch ihre Deutungshoheit zugunsten multiperspektivischer Darstellungen loslassen und den Menschen eine eigene Stimme verleihen. Sie werden es ihnen danken.
  6. Bei den eigenen Prozessen beginnen! Viele kleine Museen leiden unter der Bürokratie ihrer Träger. Doch bei ihren internen Abläufen haben sie trotzdem Gestaltungsmöglichkeiten. Diese gilt es kreativ zu nutzen und eine Flexibilität zu schaffen, die schnellere Anpassung zulässt - sei es durch modulare Ausstellungen oder durch das Loslassen eingefleischter, aber womöglich störender Prozesse.
  7. Ohne Digitales geht es nicht! Das gilt auch für die Kommunikation mit lokalen Zielgruppen, besonders wenn es um Nicht-Besucher*innen geht. Aber keine Angst, dafür ist es weder notwendig, eine Vielzahl an Kanälen zu befüllen, noch braucht es drei Beiträge am Tag. Wichtiger ist, sich genau zu überlegen, wen man erreichen will. Und auch hier kann Hilfe von außen viel bewirken.
All diese Punkte machen eines klar: Relevanz definiert sich heute gerade für Stadt- und Heimatmuseen weniger über rein wissenschaftliche Objektpräsentationen im eigenen Haus als über die Verknüpfung mit dem eigenen Umfeld. Sie definiert sich über Antworten auf Fragen, die an der Basis der Existenz kratzen: Was würde passieren, wenn man ein bestimmtes Heimatmuseum schließt? Wer würde es vermissen? Und was wären die Alternativen für die Sammlung, das Gebäude, die Stadt? Wenn - wieder mit großen Worten - in der Broschüre zum Symposium zu lesen ist, Museen müssten Ankerpunkte der Stadtgesellschaft werden und die Zukunft der Menschen mitgestalten, dann heißt das vor allem eins:
 
Sie müssen sich von ihrer eigenen Vergangenheit und von historischen Kontexten als Hauptbetrachtungsgegenstand lösen und diese vielmehr als Werkzeug sehen, gesellschaftliche Verhältnisse zu reflektieren und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Denn dass kleine Museen so stark an Relevanz eingebüßt haben, liegt nicht nur an den äußeren Umständen. Es liegt auch an zu wenig Kreativität, wenn es darum geht, aus der Not eine Tugend zu machen. All die vorgestellten Ansatzpunkte zeigen, dass Relevanz weniger eine Frage des Geldes ist als eine der Strategie, der Freiräume und Perspektivwechsel. Nur dann können Stadt- und Regionalmuseen ihren Anachronismus abschütteln.