18.07.2018

Autor*in

Julia Jakob
studierte Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Weimar. Praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit bei unterschiedlichen Festivals und in verschiedenen Veranstaltungsbüros sowie als Agentin bei weim|art e. V.
Samantha Nowara
studierte Kulturwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität zu Berlin und an der Université Paris Dauphine. Praktische Erfahrung im Kunst- und Kulturbereich konnte sie während ihres Studiums als Praktikantin der Galerie Sexauer sammeln. Nach einigen Auslandsaufenthalten studiert sie seit Oktober 2017 Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar im Master.
Rückblick SyncTank für Studierende 2018

Attitude, Baby!

Dass der Kulturbereich als Arbeitgeber und Leidenschaft vor einem großen Wandel steht, zeigt sich gerade dann, wenn junge KulturmanagerInnen auf alte Strukturen treffen. Wichtige Einblicke in deren Perspektiven lieferte der zweite SyncTank für Studierende, der vom 29. Juni bis 1. Juli in Weimar stattfand.
Empowerment, Baby!
 
Generationskonflikte gibt es in jedem gesellschaftlichen Bereich, auch im Kulturbetrieb. Die Antworten der Generationen auf die Frage "Welches Management braucht die Kultur?" - Kernthema des diesjährigen SyncTanks - machen dessen Bipolarität zwischen inhaltlicher Kreativität und struktureller Verkrustung umso deutlicher. Denn junge KulturmanagerInnen haben völlig andere Erwartungen an den Umgang mit Themen wie Digitalisierung, Globalisierung oder zeitgemäße Arbeitsweisen. Was muss sich hier ändern, damit Kultureinrichtungen ein attraktives Arbeitsumfeld für den Nachwuchs werden und damit dieser die Kultur in die Zukunft bringen kann? Diese Kernfragen wurden bei der zweiten Runde der Denkfabrik und des Netzwerks SyncTank diskutiert.
 
Dieses wurde 2016 von Weimarer Studierenden ins Leben gerufen, um dem Kulturmanagement-Nachwuchs ein eigenes Forum zu bieten und Kultur aktiv mitzugestalten. Dabei ist der SyncTank keine klassische wissenschaftliche Nachwuchstagung, sondern will mit dem Format des Barcamps vor allem freien, praxisnahen Austausch fördern. Als Projekt und mit seinen Themensetzungen zeigt er dabei, worauf es jungen KulturmanagerInnen ankommt: Empowerment. Strukturen, die die Meinungen des Nachwuchses ernst nehmen, ihm ein Stimme und die Möglichkeit geben, die eigenen Ideen umzusetzen und die von vielen Kultureinrichtungen und verbänden bisher sträflich vernachlässigt werden.
 
Der Veranstaltungsort 2018 hätte dafür nicht besser gewählt sein können: Die Weimarer Other Music Academy ist ein neues soziokulturelles Zentrum, das sich selbst als Empowerment Center versteht. Als solches will es eine inklusive Gesellschaft fördern, in der die unterschiedlichsten Menschen eingeladen sind, Kultur und ihre eigene Rolle darin aktiv mitzugestalten.
 
Impulse, Baby!
 
Zum Einstieg gaben drei Experten in kurzen Keynotes Einblicke in den Status Quo des Kulturbetriebs:
 
  • Stefan Frucht, Leiter des Siemens Arts Programms, zum Thema Kollaboration
  • Benjamin Andrae, Geschäftsführer des Philosophia Verlags, zum Thema Change Management
  • und Christian Holst, Experte für digitale Kommunikation im Kulturbereich, zum Thema Digitalisierung
Hierbei wurde deutlich, dass nur wenige der Teilnehmenden im Rahmen ihres Studiums bisher mit diesen aktuellen und heiß diskutierten Kulturmanagement-Themen in Kontakt gekommen sind eine klare Kritik an die Studiengänge! Entsprechend hatten sie großen Diskussionsbedarf.
 
Einen kontroversen Einstieg lieferte Frucht mit seinem Plädoyer für weniger Angst vor einer Kommerzialisierung des Kulturbetriebs und der Gefährdung der künstlerischen Freiheit durch Sponsoring. Fördernde Unternehmen, so betonte er, mischen sich in der Realität zumeist nicht in den Inhalt der Projekte ein. Weiterhin sei in der Fördermittelakquise Einfühlungsvermögen gegenüber den Bedürfnissen des Kooperationspartners wichtiger als das Anpreisen des eigenen Projekts. Dennoch darf es hier natürlich nicht an Überzeugung fehlen. Das gilt auch für das Thema Change Management, wie Andrae deutlich machte. Er und auch Holst betonten, dass Veränderungen vor allem eine Strategie und internes Know-how brauchen. Bestes Beispiel ist hierfür die Digitalisierung. Laut Holst erfordert der Umgang mit dieser mehr als nur Hauruck-Denken und ein technisches Verständnis, das viele Kulturbetriebe noch vermissen lassen.
 
All diese Themen strategisches und unternehmerisches Denken, Einfühlungsvermögen und die Anerkennung auch anderen als künstlerischen Wissens bleiben in vielen Kulturmanagement-Studiengängen außen vor. Jeder der drei Schwerpunkte hätte demnach ein eigenes Tagungsprogramm füllen können, weshalb der Bogen im Vergleich zu Tagungen der alten Kulturmanagement-Hasen manchmal recht weit gespannt wurde. Dennoch konnte als Quintessenz festgemacht werden, dass das Kulturmanagement der Zukunft mehr Emotionen, aber auch mehr Unternehmertum braucht und endlich anfangen muss, zeitgemäß zu kommunizieren.
 
Interaction, Baby!
 
Wenngleich die Anzahl der TeilnehmerInnen angesichts der Relevanz des Hauptthemas eher überschaubar ausfiel, war deren Diversität umso größer: Studierende aus dem Bereich des Kulturmanagements und der Kulturvermittlung waren ebenso vertreten wie jene aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen und künstlerischen Praxisfächern. Aus dieser Mischung ergab sich die Vielzahl an Diskussionsthemen, die in insgesamt 21 Barcamp-Sessions besprochen wurden. Sie beschäftigten sich u.a. mit:
 
  • Arbeitsmarkt-relevanten Themen, wie Männerquote, Generation Y oder Zeitmanagement
  • dem Zusammenspiel von Kultur und Wirtschaft durch verschiedene Managementformen
  • Trends, wie der digitalen Transformation oder Kulturflatrates
  • verschiedenen Konzepten der Kulturvermittlung
Entsprechend dem Barcamp-Format wurden die Themen von den TeilnehmerInnen selbst vorgeschlagen, um dann während der Sessions zu brainstormen, zu diskutieren und Erfahrungen auszutauschen. Aufgrund der strengen Zeitvorgabe und der freien Themenwahl blieben viele Sessions zwar ohne konkretes Ergebnis, lieferten aber durchaus wichtige Impulse für die TeilnehmerInnen.
 
Damit spiegelt das Format einen wichtigen Anspruch des SyncTanks wider: Miteinander ins Gespräch zu kommen und sich zu verbinden. Dieser Gedanke fand sich auch beim gemeinsamen Essen und Konzertbesuchen wieder. Dabei kann das studentische Projekt KlangRausch als wichtiges Beispiel für das heranwachsende Kulturmanagement gesehen werden.
 
KlangRausch vereint als ein innovatives Konzertformat klassische Musik mit anderen Genres in entspannter Atmosphäre. Mit diesem Konzept sollen die musikalischen Horizonte erweitert und auch Musik jenseits der Charts mittels Kreativität und Offenheit für ein breiteres und jüngeres Publikum zugänglich gemacht werden.
 
Durch die unterschiedlichen Backgrounds konnten sich die TeilnehmerInnen über ihre Studiengänge austauschen und diese hinterfragen. Hierbei wurde besonders deutlich, dass sich die Studierenden mehr Flexibilität und Kooperation vonseiten der jeweiligen Institute wünschen und dass sich auch der Fachverband Kulturmanagement für junge Formate und Themen öffnen sollte. Würde diesem Wunsch nachgekommen, wäre damit die erste Hürde des Generationskonfliktes genommen.
 
Zum Schluss: Business, Baby?
 
Das Engagement der Keynote-Speaker und die Begeisterung des jungen SyncTank-Publikums zeigten, wie fruchtbar verschiedene Generationen des Kulturmanagements miteinander arbeiten, diskutieren und voneinander lernen können. Wünschenswert wären für die Zukunft weitere neue Formate und mehr Veranstaltungen, die generationsübergreifenden Austausch ermöglichen.
 
Dass es daran und am Empowerment mangelt, machten die Gespräche und die eher geringe TeilnehmerInnenzahl durchaus deutlich: Trotz aller Begeisterung ist der KulturmanagerInnen-Nachwuchs auch sehr zurückhaltend und könnte stärker an Lösungen für aktuelle Herausforderungen mitarbeiten, anstatt wie viele Vertreter der vorherigen Generationen vor allem problemorientiert zu denken. Dafür müssten Mut und Eigeninitiative in der Ausbildung und den ersten Arbeitserfahrungen stärker gefördert werden. Die Leidenschaft und das Engagement kann nur Früchte tragen, wenn die Studiengänge ihre Lehrinhalte praxisorientiert ausrichten, aktuelle Probleme einbeziehen und die Studierenden ermuntern, Lösungsansätze dafür zu entwickeln. Denn was nützt einem die tollste Kulturtheorie, wenn man nicht weiß, wie man eigentlich finanzielle Unterstützung für ein Projekt bekommt?
 
Impressionen des SyncTank 2018 - © Robert Schwabe (Bild 1, 2, 4, 5), Marc Eppler (Bild 3), Samantha Nowara (Bild 6)