05.12.2018

Autor*in

Julia Jakob
studierte Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Weimar. Praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit bei unterschiedlichen Festivals und in verschiedenen Veranstaltungsbüros sowie als Agentin bei weim|art e. V.
Anja Schwarzer
studierte in Halle und Sarajevo Interkulturelle Europa- und Amerikastudien sowie das Fernstudium Betriebswirtschaftslehre der FernUni Hagen. Unter anderem betreute sie als wissenschaftliche Assistenz die Beratung der Arbeitsgruppe Kulturkonzept der Landeshauptstadt Erfurt. Derzeit studiert sie den Master CrossMedia an der FH Magdeburg-Stendal.
Rückblick auf den KulturInvest!-Kongress 2018

Effizient oder ästhetisch? Das ist die Frage!

Am Beispiel des Kulturmanagements zeigt sich, dass künstlerische Kreativität und ökonomisches Denken keine Gegenspieler, sondern zusammenwirkende Werte sind. Welche Auswirkungen dieses Mit- statt nur Nebeneinander mit sich bringt, wurde auf dem KulturInvest!-Kongress 2018 diskutiert.
Unter dem Motto „100 Impulse im Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Effizienz“ lud die Causales Gesellschaft für Kulturmarketing und Kultursponsoring GmbH am 12. und 13. November 2018 zum zehnjährigen Jubiläum des KulturInvest!-Kongresses ein. Das Kongressprogramm spannte dabei einen weiten Bogen, der in der Tagungsankündigung unter der Frage „Welche Auswirkungen hat das Spannungsfeld von Ästhetik und Effizienz auf das Zusammenwirken von Kultur, Wirtschaft, Öffentlicher Hand und Medien?“ zusammengefasst wurde. Diese Weite zeigte sich auch in den Vorträgen der 100 ReferentInnen in 10 Themenforen. Das war einerseits gut, um die Vielschichtigkeit des Themas aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass Leistung und künstlerischer Anspruch sich nicht zwingend ausschließen müssen.

So griffen beispielsweise die Eröffnungskeynotes die positive Wechselwirkung von Kreativität und passenden Strukturen auf. Den Bezug zum Tagungsort Berlin stellte dabei Dr. Stefan Franzke, Geschäftsführer von Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH, her. Dabei hob er unter anderem hervor, dass die Berliner Clubszene mit dem Berghain unter den Top-10 der weltweiten Clubkultur und Berlins Kreativwirtschaft mit dem Fokus auf Games und Design europäischer Marktführer ist. Im Anschluss hielt Brigitte Biehl, Professorin an der hdpk, eine Keynote zur Wirtschaftsästhetik. Dabei machte sie deutlich, dass Kunst und Ästhetik die Wirtschaft inspirieren, und münzte diesen Ansatz auf das Kulturmanagement um. Ihre Kernaussage: Auch ManagerInnen - ob in Kultur oder Wirtschaft - müssen bis zu einem gewissen Grad KünstlerInnen sein, denn Bereiche ihrer Tätigkeit zählen durchaus mit zur künstlerischen Arbeit – man denke an die Rolle von Kreativität im Marketing oder von Raumästhetik bei der Veranstaltungsplanung. Wenngleich der Bezug zum Thema hierbei klar war, ist diese Erkenntnis nicht wirklich überraschend.

Andererseits ist es bei einem derart umfassenden Themenfeld schwierig, einen roten Faden auszumachen, um den Überblick zu behalten und festzumachen, welche Aspekte für die tägliche Arbeit im Kulturbetrieb wirklich bedeutend sind. Hierbei wirkte es leider so, als wäre der verdiente Anspruch des Kongresses, einer der größte Branchentreffs im deutschsprachigen Kulturbereich zu sein, größer als der, verwertbares Know-how zu vermitteln. Wirklich nah am täglichen Schaffen schienen laut Tagungsprogramm zunächst vor allem die Foren zu Transformation, Digitalisierung, Kultursponsoring, Kulturtourismus und kultureller Bildung.

Bezüglich der Location hielt der Kongress in jedem Fall sein Versprechen, für „innovatives Vorausdenken, lebendige Debatten und erfolgreiche Lösungsansätze von materiellen und immateriellen Investitionen in Kultur“ zu stehen. Die Jubiläumsausgabe fand erstmals im RADIALSYSTEM V in Berlin statt – ein altes Pumpwerk am Spreeufer, an dem ursprünglich Wassermassen zirkulierten, während es heute kreative Ideen sind, wie Andrea Thilo in ihrer Eröffnungsmoderation beschrieb. Allerdings war es mitunter schwierig, sich trotz der guten Ausschilderung nicht zu verlaufen. Der Journalist Ole Löding beschrieb diesen Umstand in einem Tweet mit: „Das Radialsystem ist wie Berlin. Dauernd verläuft man sich und trifft andere hoffnungslos Verirrte, jeder Weg dauert länger als gedacht, an vielen Türen ist kein Hineinkommen und Sichtbeton rules.“ Dennoch boten die Räumlichkeiten genügend Platz für die Vielzahl an Panels und ebenso für die Verleihung der Awards im Rahmen der Kulturmarken Gala am Abend des ersten Tagungstages.

Against all odds

Besonders spannend, aber leider parallel stattfindend, waren die Vorträge in den Panels „Digitalisierung“ und „Transformation“. In letzterem begeisterte vor allem die Keynote der Flying Steps. Stefan Lechermann (Head of Booking/ Prokurist) und Vartan Bassil (künstlerischer Geschäftsführer) stellten hierbei ihr neues Projekt „Bilder einer Ausstellung“ vor, das unter der Schirmherrschaft der Neuen Nationalgalerie läuft. Im Zuge dessen zeigten sie, welche Transformation ihre Company mit #classicmeetsbreakdance und weiteren internationalen Shows seit 2010 erfahren hat: Entgegen aller Prognosen des Scheiterns, die den Flying Steps bei ihrem ersten Projekt noch prophezeit wurden, waren ihre Vorhaben so erfolgreich, dass neben der Tanz- mittlerweile auch die Musikproduktionen zum festen Tagesgeschäft zählt. Eine schöne Inspiration, um mit mehr Mut eigene Projekte anzugehen.

Daran schloss Jan Kalbitzer (Leiter des Zentrums für Internet und seelische Gesundheit der Berliner Charité) mit einem ebenso unterhaltsamen und verständlichen Vortrag zum gesunden Umgang mit technischem Fortschritt und Veränderung an. Er gab unter anderem Einblicke in einen Online-Test der DAK zur Internetsucht, der bei ihm selbst ein niederschmetterndes Ergebnis erbrachte: Sein Internetkonsum sei so hoch, dass ihm das Testergebnis riet, professionelle Unterstützung zu suchen. Grundlage für diese Diagnosen waren durchaus banale Fragen. So würden wohl nur wenige die Aussage "Ich kann mir ein Leben ohne Internet bzw. Computer nicht mehr vorstellen" verneinen, vor allem, wenn es dabei auch um den Arbeitskontext geht. Wenngleich die Testergebnisse keine zuverlässige Aussage über die psychische Verfassung geben konnten, machte das Beispiel deutlich, wie wenig bisher über die "Gefahren" des Internets bekannt ist. Um hier Licht ins Dunkel zu bringen, klärte Kalbitzer wissenschaftlich fundiert darüber auf, dass es so etwas wie eine Internetsucht faktisch nicht gibt. Facebook, Twitter, Instagram und Co. erzielen laut Kalbitzer nicht dieselbe Wirkung wie Heroin, sondern sind eine temporären Leidenschaften. Dennoch schloss er eine Techniksucht nicht grundsätzlich aus, nur braucht es dazu viel mehr als einen Großteil des Tages online zu verbringen. Wenngleich dieser Vortrag sehr spannend und informativ war, stellt sich jedoch (nicht nur in diesem Fall) die Frage, welche Relevanz es in Bezug auf das Kulturmanagement gibt.

Dass wir für digitale (Transformations-)Prozesse einen sinnvollen und nachhaltigen Fahrplan brauchen, machte Jörn Hartwig (D-Lab GmbH) in seinem Vortrag im Digitalisierungspanel deutlich. Quintessenz war, dass in digitalen Welten bisher zu schnelle Lebenszyklen vorherrschen, obwohl es eigentlich hochkomplexe Systeme bräuchte. Kultureinrichtungen dürfen hierbei nicht erwarten, dass mit der Einführung einer neuen App alles besser wird. Stattdessen müssen sie sich über die Bedarfe ihrer digitalen NutzerInnen bewusst werden und welche Prozesse damit verbunden sind – Prozesse, die auch in der digitalen Welt ihre Zeit brauchen. Was für jeden neuen Ansatz im Kulturbereich gilt, trifft also auch hier zu: Kulturbetriebe müssen sich intensiv mit ihren BesucherInnen beschäftigen, um erfolgreich zu sein.

Darüber hinaus wurde am Beispiel dieser Keynotes auch deutlich, wie abhängig die Präsentation von der Vortragsweise ist. So kamen Vorträge wie die genannten drei beim Publikum offenbar besser an als abgelesene Fachdiskurse, was nicht zuletzt an der sehr publikumsnahen und authentischen Art der Vortragenden lag. Auch sehr wissenschaftliche Themen erscheinen so viel praxisorientierter und frischer.

99 Erkenntnisse, (k)eine zum Personal

Die Erkenntnisse aus den besuchten Vorträgen könnten noch um viele weitere ergänzt werden. Allerdings fiel auf, dass es bei einigen Themen in den verschiedenen Panels eine gewisse Redundanz gab. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass Themenfelder separiert wurden, die eigentlich zusammen gehören. Trotz der Fülle an Panels wurde jedoch eines sofort deutlich: ein Panel zum Personal fehlte leider. Dabei ist dieses Thema zur Zeit nicht grundlos ein echtes „hot topic“, wandelt sich doch der Arbeitsmarkt Kultur derzeit grundlegend. Zudem sind die MitarbeiterInnen von den Auswirkungen des Spannungsfeldes zwischen Kunst und Wirtschaft und dessen Veränderungen direkt betroffen und müssen sie aktiv mitgestalten. Wie wichtig dieses Thema aktuell im Kulturbetrieb ist, zeigt die Tatsache, dass zeitgleich zum KulturInvest die Museumsmanagement-Tagung zum Thema „Erfolg durch Personal“ in Hamburg stattfand.

Dennoch wurde das Thema in einem Vortrag von Julia Frohne (Professorin für Kommunikationsmanagement, Westfälische Hochschule) berücksichtig. Unter dem Titel „Traumjob Kultur – wie kann er halten, was er verspricht?“ zeigte sie die Erwartungen und Erfahrungen von BerufsanfängerInnen im Kultursektor – die vornehmlich der Generation Y angehören – und wie ArbeitgeberInnen damit umgehen können. Grundlage hierfür war eine Studie, die gemeinsam mit Kulturpersonal und Kultur Management Network durchgeführt wurde und zeigt, dass Kultureinrichtungen sich heute mehr denn je bemühen müssen, um gute MitarbeiterInnen zu finden und zu halten. Wenngleich dieser Vortrag vor allem für die ArbeitgeberInnen gedacht war, verwunderte die sehr geringe Zahl von Führungspersonen unter den Teilnehmenden. Möglicherweise war der Zeitpunkt des wirklich interessanten und relevanten Vortrags ungünstig, fanden doch parallel Abschlussgespräche in einigen der anderen Panels statt. Umso größer war das Interesse der BerufsanfängerInnen, die sich wahrscheinlich gern mit der Arbeitgeberseite generationsübergreifend ausgetauscht hätten.

Schweigen ist Silber, (miteinander) reden ist Gold

Neben dem generationsübergreifenden Aspekt wäre auch in diesem Jahr mehr Zeit für Austausch wünschenswert gewesen. Denn angesichts des sehr gemischten Publikums hätte es viel Potential für produktive Gespräche gegeben. Hierfür bräuchte es neben längeren Fragerunden und Kaffeepausen vor allem mehr dialogische und partizipative Formate, die zur Interaktion anregen. Da in diesem Jahr in vielen Keynotes die vorgesehene Redezeit überschritten wurde, schrumpfte die ohnehin schon knappe Gesprächszeit noch zusätzlich. Um dem entgegenzuwirken, könnten entweder die Diskussionszeit und/oder die Pausenzeit verlängert werden.

Damit die Teilnehmenden neben wichtigen Kontakten auch neues Know-how für ihre tägliche Arbeit mitnehmen, wäre außerdem ein enger abgestecktes Themenfeld wünschenswert. Dabei müsste gar nicht die Anzahl der Panels reduziert werden, sondern lediglich der Fokus geschärft, um den roten Faden und damit auch einen Überblick zu gewährleisten. Ebenso könnte es helfen, die Vorträge und Podiumsgespräche als Videomitschnitte nach dem Kongress für Interessierte online zur Verfügung zu stellen. Den Blick in die Zukunft gerichtet, wären zudem mehr Interdisziplinarität, Diversität und „Um die Ecke denken“ wünschenswert. Die notwendigen Ansätze dafür wurden bereits gelegt. Nun heißt es, Themen wie Games, Design, Personal oder Diversität nicht nur in den Eröffnungsreden unterzubringen, sondern deren Aktualität im Kulturbetrieb der Zukunft mit Keynotes und Beispielen zu festigen.

Denn insgesamt wurde auch in diesem Jahr deutlich, wie wichtig es ist, KulturmanagerInnen aus unterschiedlichen Sparten und Themenfeldern an einem Ort zu versammeln. Ein Potenzial, das nicht verschenkt werden darf.