24.10.2018

Autor*in

Julia Jakob
studierte Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Weimar. Praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit bei unterschiedlichen Festivals und in verschiedenen Veranstaltungsbüros sowie als Agentin bei weim|art e. V.
Rückblick auf den TRAFO Ideenkongress

Kultur unter Leuten auch auf dem Land

Wer Kultur in ländliche Regionen bringen will, stößt oft auf Hindernisse: Demografische Besonderheiten des ohnehin schon geringen Publikums, eigene Hierarchien im Dorfleben und ausbaubedürftige Infrastrukturen. Hürden, die schon Juli Zeh eindrucksvoll in „Unterleuten“ beschrieben hat. Wie diese Situation verbessert werden kann, wurde Ende September auf dem TRAFO Ideenkongress diskutiert.
Etwa 57 Prozent der Deutschen leben in ländlichen Räumen. Um die Bevölkerung in Dörfern und kleinen Städten zu stärken, braucht es Ideen und Lösungen. Damit sich die Kultur stärker daran beteiligt, veranstalteten die Kulturstiftung des Bundes und ihr Programm „TRAFO – Modelle für Kultur im Wandel“ einen „Ideenkongress zu Kultur, Alltag und Politik auf dem Land“ vom 19. bis 21. September 2018 in Halle (Saale). Das Programm TRAFO unterstützt Transformationsvorhaben, die exemplarisch für die Herausforderungen von Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen stehen. Ziel ist es, mit den regionalen AkteurInnen Veränderungsprozesse zu gestalten und das gewonnene Wissen über erfolgreiche Modelle einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln.

Bei dieser Thematik kann man an das fiktive Dorf Unterleuten, das Juli Zeh in ihrem gleichnamigen Gesellschaftsroman 2016 erschaffen hat, und das dort beschriebene Spannungsfeld zwischen Stadt und Land denken: „Die Welt wurde in Städten erfunden, verwaltet, regiert und dekoriert. Also sollten die Irren mit ihrem Irrsinn auch in den Städten bleiben. Kein Schwein interessierte sich für Unterleuten, wenn es darum ging, Breitbandkabel zu verlegen, verarmte Rentner zu unterstützen oder eine Arztpraxis zu eröffnen.“ Davon ausgehend kann man sich nun fragen, wie hilfreich ein Ideenkongress für die Bewältigung der Probleme des ländlichen Lebens ist, solange die Städte der Mittelpunkt des Denkens sind. Kann eine solche Tagung sich diesen Belangen annehmen, ohne dabei als Fachdiskurs mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit in die Fettnäpfchen der Provinz zu treten?

Um nicht nur über „das Land“ zu sprechen, sondern wirklich mit dessen AkteurInnen zu kommunizieren, war die Tagung interdisziplinär angesetzt. Vom Bienenzüchter über die städtische Kulturbeauftrage bis hin zum Geschäftsführer eines bundesweiten Verbands bestanden die 400 TeilnehmerInnen aus unterschiedlichste Beteiligten, die ihre Perspektiven und Ansätze miteinander austauschen konnten. Widersprüchliche Positionen und Überzeugungen waren von Veranstalterseite explizit gewünscht.

Die Qual der Wahl

Auf diesen interdisziplinären Austausch baute bereits der „Schwarzmarkt für nützliches Wissen und Nicht-Wissen“ am Vorabend der Tagung auf. Unter dem Titel „Wie vom Land sprechen?“ widmete er sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in ländlichen Regionen. Dabei war es den VeranstalterInnen wichtig, individuelle und persönliche Perspektiven aufzuzeigen, anstatt mit einem Fachdiskurs zu starten. Während des Schwarzmarktes teilten 60 ExpertInnen in insgesamt 168 Gesprächen á 30 Minuten ihr Wissen mit dem Publikum. Dieses konnte entweder Einzelsitzungen als InterviewerInnen buchen oder sich per Kopfhörer in bestimmte Gespräche zuschalten. Die Themen waren dabei sehr vielfältig: von Gesundheitsvorsorge über Innovationen in der Landwirtschaft bis hin zu Gothic-Kultur und Dörfernachbildungen bei Minecraft. Mit diesem ausgefallenen Format wurde der Kongress einerseits seinem Anspruch gerecht, einen realitätsnahen Querschnitt des Alltags in ländlichen Räumen abzubilden. Dabei wurde deutlich, dass das Land kein reines Lokalthema ist. Andererseits wurden die Teilnehmenden leider schon hier von dem sehr breiten Angebot erschlagen. Um dem entgegen zu wirken, konnte man über das „Schwarzmarktradio“ pro Durchlauf nur sechs der parallel laufenden Gespräche hören. Das Zufallsprinzip konnte sich hier allerdings positiv oder auch negativ auswirken. Dabei wäre es hilfreich gewesen, den zugegebenermaßen recht komplizierten Ablauf vorab klarer zu kommunizieren. Dennoch ist der Mut der VeranstalterInnen zu einem solchen Format absolut begrüßenswert.

An den folgenden Kongresstagen fanden Vorträge und parallel laufende Themenräume statt. Inhaltlich ging es dabei jeweils um folgende Themen:

In „Perspektive Land“ wurden die Ursachen, Wirkungen und Gestaltungsmöglichkeiten für Wandlungsprozesse in ländlichen Räumen aus kultureller und gesellschaftspolitischer Perspektive beleuchtet. Um beispielsweise die Demokratie zu stärken und mehr Offenheit zu schaffen, plädierte Hanka Giller (Stadtverwaltung Saalfeld) für im Alltag verankerte Beteiligungs- und Bildungsprozesse anstatt befristeter Projekte oder plakativer Maßnahmen. Eine wichtige Aufgabe, die man nur vor Ort angehen kann, wie Timo Reinfrank (Amadeu Antonio Stiftung) deutlich machte, und die auch der Lokaljournalismus unterstützen müsste. Aufgrund fehlender Kompetenzen ist dieser darauf bisher aber nur unzureichend vorbereitet, wie Benjamin Piel (Mindener Tageblatt) ehrlich einräumte.

Der Themenraum „Neue Aufgaben“ startete mit einem Input aus der Raum- und Kulturforschung. Rainer Danielzyk (Leibniz Uni Hannover/Akademie für Raumforschung und Landesplanung) hob die Vielfalt der ländlichen Räume in Deutschland hervor und dass diese urbane Lebensqualität brauchen, ohne die Stadt aufs Land zu bringen. Wie die Kultur dabei wirken kann und welch große Rolle ehrenamtliches Engagement dabei etwa im Vergleich zu den „zeitlich begrenzten und aufwändig zu beantragenden Projekte“ der Kulturstiftung spielt, erklärte die Ethnologin Juliane Stückrad (Büro für angewandte Kulturforschung). Daran anschließend stellten vormittags AkteurInnen verschiedene Themen und Ansätze an sechs parallelen Thementischen vor, um darauf aufbauend am Nachmittag die neuen Aufgaben der ländlichen Kulturorte und deren Umsetzung zu beleuchten. Die Ergebnisse wurden abschließend in einem Podiumsgespräch zusammengefasst und diskutiert. Auch hierbei ging es um partizipative Formate, um die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Gleichzeitig sei es wichtig, dass Förderung und Vernetzung der Kultur in ländlichen Räumen von den lokalen Gegebenheiten aus gedacht werden müssen.

Am Freitag wurden die Themenräume von einem Vortrag zu kleinen Systemen von Dirk Baecker eingeleitet. Dieser deckte einige gesellschaftliche Verhaltensmuster auf, welche für die Arbeit im Kultursektor nicht zu unterschätzen sind: Das Leben in ländlicher Regionen ist geprägt von minimaler Heterogenität. Dadurch können Außenstehende nicht wissen, wie viel Andersartigkeit die AkteurInnen vor Ort tatsächlich aushalten und verarbeiten können oder was sie so stört, dass sie fluchtartig den Raum verlassen. Auf dieses Nicht-Wissen kann man sich allerdings einstellen, was Baecker als große Hilfe hervorhob.. Bei „Kleine Städte“ wurden daran anschließend zunächst die wirkmächtigen Schwarz-Weiß-Vorstellungen von kleinen Städte und ihre Bedeutung für die umliegenden Regionen beleuchtet. Am Nachmittag gaben WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen Einblicke in Theorie und Praxis von Gebietsreformen und deren Bedeutung für die lokale Politik.

Parallel dazu entwarfen im Thesenraum „Kulturförderung“die Teilnehmenden an sechs gleichzeitig stattfindenden Thesentischen Positionen für eine ländliche Kulturförderung. Diese wurden im Anschluss stellvertretend von VertreterInnen der Kulturpolitik diskutiert. Auch hier wurde die Forderung nach Vertrauen in die AkteurInnen vor Ort ausgesprochen, denn nur diese könnten die Bedarfe erkennen. Die Länder seien in der Pflicht, stärker regionale Kulturentwicklungspläne zu fördern und entsprechende Maßnahmen für die einzelnen Regionen abzuleiten. Allgemeingültigkeit sei keine Lösung.

Ähnlich wie beim Schwarzmarkt am Vorabend war es hier schwer, sich für einen Themenraum zu entscheiden, hatten doch alle eine Relevanz für das gesamte Thema. Aus diesem Grund wäre es wünschenswert gewesen, die Abschlussgespräche als Fazit des Tages vor dem gesamtem Plenum stattfinden zu lassen. Glücklicherweise wurden viele Vorträge und Podiumsgespräche auf Video mitgeschnitten und sind online einsehbar. Nichtsdestotrotz wurde zudem - wie in der Kultur üblich - an vielen Stellen vor allem über das zwar wichtige Was geredet, anstatt das Wie und klare Ziele zu formulieren.

Mehr als nur nette Sidekicks

„Wem die Diskussionen in großer Runde zu grundsätzlich sind“, hieß es in der Einführung des Tagungsprogramms, „der sei zu den ‚Ideen am Tisch’ eingeladen“. Bei diesen wurden ausgewählte Projekte vorgestellt, die die Herausforderungen ländlicher Räume bereits auf verschiedenste Weise angehen. Neben Best Practices (z.B. „Künstlerstadt Kalbe“ oder „Dorfkino einfach machbar“) wurden auch erst kürzlich gestartete Projekte (z.B. das Weiterbildungsprogramm „Kultur Land Bilden“ für KulturakteurInnen) sowie gescheiterte Projekte vorgestellt. Hier wurde das Wie an wirklich originellen Beispielen gezeigt und übertragbare Ansätze vermittelt. „Kultur Land Bilden“ stieß auf besonders große Resonanz, da die Professionalisierung von EhrenämtlerInnen nicht nur in thüringischen Provinzen ein Thema ist, sondern bundesweit nach diesem Beispiel angegangen werden kann, wenn man das Konzept an die jeweiligen Bedürfnisse anpasst. Insgesamt fanden all diese Ideen auch beim Publikum großen Anklang, sodass der etwas saunaartige Raum unterm Dach nicht alle Interessierten aufnehmen konnte. Wenngleich die Atmosphäre „dem heimischen Küchentisch“ ähneln sollte, schien dieser wirklich relevante Teil der Tagung leider als etwas stiefmütterlich behandelt.

Etwas mehr Beachtung fanden die künstlerischen Perspektiven des Kongresses. Zum einen konnte man sich durch das Projekt „Fundus“ der Künstlerin Antje Schiffers führen lassen und zum anderen in die von ihr eigens für den Kongress gemalten „Kulissen“ anschauen. Beide Projekte sollten die Perspektiven auf das Thema Land verbildlichen. Darüber hinaus gab es mit der TRAFO-Blaskapelle unter der Leitung von Christian Grässlin ein kongresseigenes Projektensemble von Laien- und ProfimusikerInnen aus TRAFO-Regionen, dessen zum Teil eigens für den Kongress komponierte Stücke von den Traditionen der jeweiligen Räume inspiriert waren. Das Ensemble trug außerdem zur allgemeinen Auflockerung des gesamten Kongresses bei – etwa wenn die MusikerInnen zu Beginn oder Ende eines Panels Passagen aus dem Star-Wars-Soundtrack spielten oder sich zu spontanen Jam-Sessions auf dem Volkspark-Gelände zusammenfanden.

Rückreise mit mindestens drei guten Ideen im Gepäck?

Insgesamt bot die Tagung wahnsinnig viel Input und vielfältigste Eindrücke. Am grundlegendsten ist vielleicht die Erkenntnis, dass es im Vergleich zu den Städten auf dem Land noch wichtiger ist, für den Erhalt kultureller Angebote zu kämpfen, da sie kulturelle Eigenheiten besonders bewahren. Sie nachträglich wiederzubeleben, ist schwierig. Bestrebungen zu ökonomischen Einsparungen, wie in Form von Gemeindegebietsreformen, müssen deshalb stärker auf ihre tiefgreifenden Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt, das kulturelle Leben und die Lebensqualität der Bevölkerung befragt werden. Diese Themen auf den Tisch zu bringen, sollten Kulturschaffende nicht nur den lokalen KulturpolitikerInnen überlassen.

Vor allem die Gespräche fernab der großen Diskussionsrunden trugen zu wichtigen Erkenntnissen bei, wenn es etwa darum geht, wie man die wichtigsten AkteurInnen ländlicher Räume erreicht oder Personen zusammen bringt, die sonst nichts miteinander zu tun haben (wollen). Am besten sei hier die direkte Kommunikation auf Augenhöhe. Diese funktioniere besonders gut, wenn man Vereinstreffen oder Stammtische besucht und versucht, ein Teil der Gemeinschaft zu werden – natürlich ohne diese mit dem „städtischen Irrsinn“ zu belasten, wie es auch Juli Zeh beschreibt. Damit bot der Ideenkongress trotz der Kritikpunkte entsprechende Impulse und gute Möglichkeiten zur Vernetzung.