30.05.2011

Themenreihe Berufsbild

Berufsbilder im Kulturbereich

Kulturpolitikforscherin

In dieser Serie stellen wir in Interviewform Fach- und Führungskräfte aus den verschiedenen Berufsbildern des Kulturmanagements vor. Heute: Anja Lungstraß, MA, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der österreichischen kulturdokumentation. internationales archiv für kulturanalysen in Wien.
KMN: Können Sie uns Ihre wichtigsten beruflichen Stationen beschreiben? Welche haben Sie auf besondere Weise geprägt?

Anja Lungstraß: Ich wollte immer was mit Büchern machen und nach dem Studium (Germanstik, Psychologie und Buchwissenschaft/post graduate) war ich einige Jahre für verschiedene Literatur-, Kunst- und Sachbuchverlage in den Bereichen Lizenzen, Vertrieb, Pressearbeit und Veranstaltungen in München, Berlin und Wien tätig. Prägend war zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn vor allem der Hanser Verlag in München, ein bedeutender Player im Buchhandel mit tollen AutorInnen. Dort habe ich viel über die Mechanismen des Literaturbetriebs und des Buchmarktes gelernt; mehr Verantwortung konnte ich dann bei Folio übernehmen, einem Verlag mit einem kleinen, feinen Kunst- und Sachbuchprogramm in Wien.
Nach der Geburt meiner beiden Kinder hatte ich einen Motivationsknick und den Wunsch nach neuen beruflichen Herausforderungen. Um die Richtung zu finden, in die es weitergehen sollte, absolvierte ich den Kulturmanagement-Zertifikatskurs im Institut für Kulturkonzepte in Wien. Eine glückliche Fügung und das gute Netzwerk des Instituts führten mich zur österreichischen kulturdokumentation, wo ich seit einigen Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig bin. Hier verbinden sich Interessen und Fähigkeiten, deren Enden vorher für mich lose in der Luft hingen: Kunst und Kultur, Politik und Gestaltung von Prozessen und die Analyse, Beschreibung und Verbesserung von Strukturen und Abläufen. In der angewandte Kulturforschung beschäftigen wir uns mit Kulturpolitik auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene und untersuchen, analysieren, beforschen und beschreiben die Bedingungen unter denen Kunst und Kultur entstehen und gefördert (oder auch behindert) werden.

KMN: Welche Aufgaben fallen in Ihren derzeitigen Tätigkeitsbereich? Welche erfüllen Sie dabei mit besonderer Freude?

Anja Lungstraß: Ich bin für die Dokumentation und die Bibliothek zuständig, hier stehen die Bücher immer noch im Mittelpunkt: wir sammeln als einzige Bibliothek in Österreich Publikationen, vor allem sog. graue Literatur, das sind z.B. Protokolle, Diskussionspapiere, Berichte, unveröffentlichte Studien usw. Unsere Themen sind Kulturpolitik, Kulturadministration, Kunst- und Kulturfinanzierung, Kulturforschung, Kulturtheorie, Kreativwirtschaft, Beschäftigung und Recht im Kulturbereich, Kulturelle Vielfalt, die Situation von KünstlerInnen, Kulturelles Erbe usw. Vor allem betreiben wir aber kulturpolitische Grundlagenforschung und erstellen Studien, Evaluierungen, Konzepte und Expertisen. Im Auftrag der Stadt Wien haben wir z.B. eine umfang¬reiche Datenbank über die Kunst im öffentlichen Raum in Wien erstellt, auf deren Basis das Buch Wem gehört die Stadt? erschienen ist. Für die UNESCO haben wir eine Bestandaufnahme zur Kulturellen Vielfalt in Österreich durchgeführt und derzeit erarbeiten wir im Auftrag des Ministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur eine Studie zur Bedeutung der Kultur für die Regionalentwicklung und die EU-Strukturfonds. Spannend ist das jährliche update des österreichischen Kulturpolitik¬profils, das im Compendium des Europarats auf www.culturalpolicies.net abrufbar ist. Hier werden die Bedingungen für Kunst und Kultur in 42 europäischen Ländern dargestellt, wofür wir jedes Jahr die aktualisierte Version für Österreich erarbeiten.

KMN: Welche Aspekte Ihrer Ausbildung waren für Ihre berufliche Laufbahn hilfreich? In welchen Bereichen müssten Hochschulen in ihrem Ausbildungsprogramm nachjustieren?

Anja Lungstraß: Ich bin zwar froh, dass ich zunächst frei von berufspraktischen Zielen studieren konnte, denn so habe ich mich mit vielen anregenden Themen befassen können und ein umfassendes Wissen über Literatur-, Kultur- und Geistesgeschichte erworben - so viel Freiheiten hat ein/e StudentIn heutzutage sicher kaum noch. Aber die Germanstik hatte (und hat) nicht zu Unrecht den Ruf der Brotlosigkeit und irgendwann kam natürlich der Moment, an dem ich mich entscheiden musste, wie das alles nun zu einem Beruf werden sollte. Dabei hat die Uni uns damals eigentlich keine Hilfestellungen gegeben. Das Zusatzstudium Buchwissenschaft gab es nur an einer Universität - glücklicherweise bin ich zufällig darauf gestoßen, so dass ich mir berufspraktische Grundlagen aneignen konnte.

KMN: Gab es Situationen in Ihrer Karriere, in denen Sie das Gefühl hatten, das Ziel nicht mehr zu erreichen? Welchen Rat können Sie jungen KulturmanagerInnen in solchen Situationen mit auf den Weg geben?

Anja Lungstraß: Schwierig war die Situation nach der Geburt meiner beiden Kinder. Nach einer beruflichen Pause gibt es vor allem für Frauen oft Hindernisse beim Wiedereinstieg in den Beruf. Ich habe mein Leben trotzdem als Kontinuität begriffen und auch die so genannten soft skills wertgeschätzt, die ich (nur) als Mutter erwerben konnte: eine neue Art von Belastbarkeit, Flexibilität, Kreativität, Konfliktlösungskompetenzen Derart ausgerüstet und mit dem Weiterbildungsangebot zum Kulturmanagement des Instituts für Kulturkonzepte war dann auch die Rückkehr in den Beruf schön und spannend. Ich bin nicht davon überzeugt, dass man jedes einmal gesetzte Ziel auf Biegen und Brechen erreichen muss. Ziele können sich ändern, wenn man unterwegs ist und nur wenn man auch mal nach rechts oder links ins Dickicht abbiegt kann man unerwartete Entdeckungen machen.

KMN: Geben Sie dem Nachwuchs Hoffung! Gibt es eine Begebenheit, eine kurze Anekdote, bei der Sie heute noch kopfschüttelnd denken Was habe ich mir damals bloß dabei gedacht?!

Anja Lungstraß: So richtig schief gegangen ist einmal eine Veranstaltung in Berlin. Ich hatte für eine Buchpräsentation (Das Geld-Lexikon) einen Saal in der Deutschen Bundesdruckerei, die in Deutschland die Geldscheine druckt, gebucht und ihn für teures Geld mit 80 Sesseln bestuhlen lassen. Es kamen nur 8 Menschen, von denen einer der Autor und zwei weitere VerlagsmitarbeiterInnen waren. Das war richtig schrecklich. (Vielleicht hätte sich aber eher der Verleger die Frage stellen sollen, was er sich dabei gedacht hat, dieses Buch zu publizieren ...) So geht es eben manchmal, dass man die Zielgruppen nicht richtig definiert und einschätzt. Darin liegt ja gerade die Kunst des Kulturmanagements und mit der Zeit und mit mehr Erfahrung lernt man, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.