23.06.2017

Themenreihe Soziokultur

Autor*in

Leonie Krutzinna
studierte Skandinavistik und Literaturwissenschaft an der Georg August-Universität Göttingen.
Soziokulturelle Vermittlungsarbeit

Eine Leerstelle für Kultur in Würzburg

Wie gestaltet sich Kulturarbeit in Einrichtungen, die chronisch unterfinanziert und auf öffentliche Zuwendungen angewiesen sind? Um unbürokratische Lösungsstrategien bemüht sich die Soziokultur in Würzburg. Dort setzt man auf Vermittlungsarbeit durch bürgerschaftliches Engagement und zeigt, wie Freizeit und Kulturmanagement Hand in Hand gehen.
Das Jugendkulturhaus Cairo ist ein klassizistischer Bau, am Mainufer gelegen. Im Bauch die Soziokultur möchte das Cairo junge Menschen infizieren, zur Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben aktivieren. Und mit Turnschuhen und Hoodie kommt auch Steffen Deeg nicht besonders autoritär daher. Den diplomierten Sozialpädagogen und Kulturmanager würde man eher hinter den Turntables vermuten als am Schreibtisch. Im Cairo ist er mittlerweile seit über 15 Jahren im Leitungsteam und managt die administrativen Belange des Hauses.

Die Soziokultur im Bauch: das Cairo in Würzburg @ Johanna Karch

Kulturarbeit mit Verwaltungsbürokratie

Seitdem die Stadt 1987 die Trägerschaft übernommen hat, heißt es von offizieller Seite Jugendkulturhaus Cairo. Als Kurzform aber einfach Cairo, sonst hört es sich zu sozialdemokratisch an, habe ich mir sagen lassen, fügt Deeg augenzwinkernd an. Kultur soll also frei sein und kein politischer Auftrag, nicht per Parteiprogramm verordnet werden. Es ist ein Spagat zwischen städtischer Verwaltungsbürokratie und praktischer Kulturarbeit, den Deeg täglich vollbringt.

Auf einer von zwei pädagogischen Planstellen managt er rund 60 Ehrenamtliche, die vor allem im Event- und dem Workshopbereich aktiv sind und ohne deren freiwillige Arbeit nichts im Cairo möglich wäre. Rund 160 Veranstaltungen und Workshops werden jährlich auf die Beine gestellt. Das Cairo bietet den Würzburger Ehrenamtlichen größtmögliche Autonomie und die Freiheit, eigenen Interessen und Neigungen nachzugehen. Dadurch steigt die individuelle Identifikation mit den Projekten und die Motivation der Freiwilligen, ihre Freizeit für kulturelle Aktivitäten aufzubringen.

Kultur soll kompetent machen

Kulturförderung durch Kompetenzvermittlung heißt das in Verwaltungssprache. Deeg kann es mitreißender benennen: Cultural Streetworking. Die Basis für die pädagogische Arbeit im Cairo stellt das Kinder- und Jugendhilfe-Gesetz dar. Demzufolge müssen Kommunen in den Bereichen Erziehung, Sport, Bildung und Kultur Angebote zur Förderung und Entwicklung von Kindern und Jugendlichen schaffen. Kulturarbeit ist eine Kann-Leistung, Jugendarbeit eine Muss-Leistung, sagt Deeg. So ist es kein Nachteil, dem Sozial- und nicht dem Kulturreferat unterstellt zu sein.

Er selbst versteht sich als Kulturermöglicher: Wir versuchen die Meisterleistung hinzukriegen, einen Raum zu bieten, in dem man sich selbst betätigen kann und vielleicht auch etwas für seine spätere Profession lernt. Und wir versuchen, das Bewusstsein unserer Besucher zu schärfen, damit sie zwischen rein konsumorientierten, inhaltsleeren Angeboten und Kultur und Erlebnis unterscheiden können. Der sozialpädagogische Impuls ist spürbar, aber er drängt sich nicht auf: Wir sind Partner, keine Erzieher. In seiner Freizeit möchte ja keiner erzogen werden, dessen ist sich Deeg bewusst.

Hoodie-Kulturmanager: Steffen Deeg @ Johanna Karch

Die Ehrenamtlichen sind die Hauptbezugsgruppe für die Kulturarbeit im Cairo. Sie sind in mehrfacher Hinsicht Multiplikatoren, aber auch Vermittler und Vorbilder, indem sie über persönliche Kontakte den Besucherzulauf garantieren und immer neue potenzielle Ehrenamtliche aktivieren. Um diese Kulturmultiplikatoren intensiv zu betreuen, finanziert die Stadt hauptamtliches Personal. Das Engagement der Ehrenämtler lässt sich auf diese Weise kanalisieren. Anders als in anderen soziokulturellen und autonomen Zentren muss im Cairo niemand die Klos putzen oder Zigarettenkippen im Hof zusammenfegen.

Nur Ehrenamt ist unredlich

900 Meter weiter, über die Alte Mainbrücke, tut man sich schwer mit dem Begriff des Ehrenamts. Die städtischen Jugendzentren müssen von Hauptamtlichen geleitet werden, alles andere ist unredlich, bestätigt Muchtar Al Ghusain die städtische Vergabepolitik.

Als Leiter des Kultur-, Schul- und Sportreferates weiß er, wie es um die Personalsituation in vielen ehrenamtlichen Bereichen bestellt ist. Seit 2006, als die Referate zusammengelegt wurden, gibt es in Würzburg keinen ausschließlichen Kulturreferenten mehr. Al Ghusain begrüßt diese Entscheidung, denn so wächst die Kultur nicht als Orchidee am Rand. Als studierter Pianist kennt er die hermetische Hochkultur und weiß nur zu gut um die Beihilfebedürftigkeit der Institutionen.

Doch er erfährt auch, dass andere Disziplinen nicht ohne Neid auf die Personalstrukturen in Theatern, Museen, Bibliotheken, Archiven und Musikschulen schielen. Debatten wie die um das Bonner Bürgerbegehren Weniger Oper, mehr Vielfalt zeigen, was passiert, wenn dieser Neid zum emotional aufgeladenen Politikum wird. Dann werden Kitas gegen Künstler ausgespielt und Schwimmbäder gegen Beethoven.

Auch Würzburg hat Haushaltspläne, auch Würzburg setzt auf Institutionenförderung. Und der Kuchen will nicht nur unter Sport, Schule und Kultur verteilt werden. Viele Millionen Euro fließen in Museen und Theater, wenige Tausend in die Taschen der freien Szene. In Würzburg hat man deshalb nicht nur auf Ebene der politischen Gremien erkannt, dass es fruchtbar ist, die Belange von Jugend, Kultur und Sport in einem größeren Kontext von Wissenschaft und Bildung zu diskutieren.

In Würzburg sind die Tische rund

Dazu setzt man sich in der fränkischen Barockstadt gern um einen runden Tisch. Man ist bereit interdisziplinär, kooperativ und konstruktiv an einem gemeinsamen Ziel zu arbeiten, um sich inmitten der omnipräsenten Hochkultur bemerkbar zu machen. Der runde Tisch der jungen Kultur trifft sich im Stadtteil Zellerau, dem einstigen Arbeiterviertel Würzburgs. Hier wird das ehemalige Bürgerbräu-Gelände kulturell urbar gemacht. Ein Theater gibt es, ein bürgerschaftlich betriebenes Café, Coworking Spaces, Veranstaltungs- und Ausstellungsräume, eine Kneipe und ein Kino, das genossenschaftlich betrieben wird.

Unabhängig von Sparte und Trägerschaft entwarf die junge Kultur Konzepte, was sich hier und über das Brauerei-Gelände hinaus gestalten lässt: Graffiti und Transition Town, Filmkunst neben DaWanda, der Altpunker vom Tresen der Kellerperle und der Disco-Hipster von der MS Zufriedenheit. Dazwischen Steffen Deeg, der managerstreng die Uhr im Blick hat und mit Besonnenheit die erhitzten Gemüter beruhigt, wenn doch einmal Streitthemen aufkommen. So eines ist zum Beispiel die GEMA oder fehlende Plakatierflächen für die Veranstalter.

Hier wird kulturelles Brachland urbar gemacht: das Bürgerbräu-Gelände in Zellerau @ Johanna Karch

Die jungen, meist frei und ehrenamtlich organisierten Kulturinitiativen suchen und finden in Würzburg Freiflächen, um ihr kreatives und stadtplanerisches Talent einzubringen. Mit Erfolg ist das beispielsweise der Künstlerin Manou Wahler gelungen. Sie startete 2013 anlässlich des Europastadt-Jubiläums mit ihrem Projekt Streetmeet ein Fassadenkünstlertreffen und initiierte durch (Hingucker-)Kunst an verkümmerten Bauten einen Dialog zwischen Kunstschaffenden und der breiten Öffentlichkeit. Zusammen mit dem Würzburger StraMu, Europas größtem Straßenmusikfestival wurde daraus ein erfolgsversprechendes Joint Venture aus Musik und Gestaltungskunst, entstanden aus dem Traum, durch ein schöneres Stadtbild zugleich ein schöneres Stadtleben möglich zu machen.

Leerstellen für Kreativität

Es ist nicht nur das kulturelle Erbe, das einer Stadt Strahlkraft gibt. Das Cairo mit einer guten bis sehr guten Auslastung kann, anders als so mancher Hochkulturbetrieb, kaum über mangelnden Zulauf klagen. Zurückzuführen ist das auf die Fähigkeit der Einrichtung, sich flexibel an BesucherInnen anzupassen, neue Strömungen und Trends aufzuspüren, zu absorbieren und nutzbar zu machen.

Die soziokulturellen Bestrebungen der 1970er Jahre sprießen nicht nur in Würzburg sondern tragen überall Früchte. Politisches Bewusstsein ist nicht länger die Aufgabe der Subkultur, neue engagierte Zielgruppen formieren sich auch an der Oberfläche und sind in Form von Streetart, Critical Mass oder Urban Gardening im Stadtbild sichtbar. Es geht darum, den öffentlichen Raum zurückzuerobern, um die Leerstelle, die es braucht, um Kreativität und Selbstbestimmung ihren nötigen Platz einzuräumen. Denn das ist eben auch die Aufgabe der Kultur: Wir wollen nichts bewahren, sondern Neues entstehen lassen.

Die ausführliche Version dieses Portraits erschien zuerst im KM Magazin Freizeit.