04.12.2013

Autor*in

Birgitta Borghoff
Birgitta Borghoff
Strategische Erfolgsfaktoren einer Stiftung

Flexible Netzwerke, Internationalität und multidisziplinärer Teamgeist

Kulturmanagement Network Schweiz gratuliert Murielle Perritaz zur Wahl in die Geschäftsleitung sowie Übernahme der Bereichsleitung Programme bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. Birgitta Borghoff sprach mit ihr über Visionen, künftige Ziele, Kooperationen und aktuelle Herausforderungen der Schweizer Kulturförderung.
KMN: Sehr geehrte Frau Perritaz, wir gratulieren Ihnen zur Wahl in die Geschäftsleitung sowie Übernahme der Bereichsleitung Programme bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und wünschen Ihnen viel Erfolg bei dieser Aufgabe. Der Bereich Programme ist für die Führung der Aussenstellen und die Umsetzung von Austausch- und Impulsprogrammen zuständig, die dem Brückenbau zu anderen Ländern und der Förderung der kulturellen Vielfalt dienen oder Anstösse zur Entwicklung der Kulturförderung in der Schweiz geben. Wie würden Sie das aktuelle Angebot im Bereich Programme beschreiben und was erachten Sie derzeit als die drei grössten Stärken der Kulturpolitik und Kulturförderungsaktivitäten der Pro Helvetia in diesem Bereich?

MP: Zusammen mit meinem Team bin ich für die Führung unserer Aussenstellen rund um die Welt zuständig. Derzeit sind wir in Shanghai, New Delhi, Johannesburg, Warschau, Kairo mit eigenen Büros vertreten und betreiben das Centre Culturel Suisse in Paris. Weiter haben wir Vereinbarungen mit dem Istituto Svizzera di Roma, dem Swiss Institute in New York und sowie mit Swissnex in San Francisco. Ausserdem leiten wir Länderprogramme, eines in Russland, und zwei mit den Nachbarregionen der Schweiz. Weiter geht es darum, Programme umzusetzen, die sich mit kulturell relevanten Fragen beschäftigen wie beispielsweise die kulturelle Vielfalt, die Kulturvermittlung oder die digitale Kultur.

Eine grosse Stärke der Pro Helvetia ist aus meiner Sicht, wie diese auf neue kulturelle Entwicklungen reagiert. Ein aktuelles Beispiel dafür ist das Programm Mobile in Touch with Digital Creation". Eine weitere Stärke der Stiftung ist es, dass sie für Schweizer Künstlerinnen und Künstler kontinuierlich neue Netzwerke, Auftritts- und Ausstellungsmöglichkeiten erschliesst: 2010 haben wir in China mit unserem neusten Büro eine Tür zu Asien geöffnet. Dieses Jahr haben wir das Austauschprogramm "Swiss Made in Russia" mit Russland lanciert und vielleicht weniger spektakulär aber ebenso wichtig sind die aktuellen Programme mit den Nachbarregionen in Frankreich, Deutschland und Italien. Und sie ist ein verlässlicher Partner für viele Künstlerinnen und Künstler sowie Organisation in diesem Land, denn sie verfolgt und unterstützt ihre Arbeit kontinuierlich.

KMN: Wie ist der Bereich Programme bei Pro Helvetia organisiert? Welche aktuellen Kooperationen/Kooperationsprojekte mit anderen wichtigen Stakeholdern aus der Kulturszene gibt es und wie sieht die Zusammenarbeit im Einzelnen konkret aus?

MP: Wir sind ein sehr internationales und multidisziplinäres Team, das in 10 Ländern rund um den Globus verteilt ist. Alle Mitarbeitenden stützen sich auf die Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort. Die Kooperationsform hängt ab vom Programm-Typ, vom Thema des Programms und dessen geographischem Kontext. So arbeiten wir mit Partnern aus der Kultur, aber auch mit solchen aus der Politik und Wirtschaft. Wir haben es also immer mit einer ganzen Palette von Organisationen, Veranstaltern, Institutionen und Förderinstanzen zu tun. Dazu gehören auch Städte, Kantone, das Bundesamt für Kultur, die Schweizer Vertretungen im Ausland, internationalen Netzwerke usw. Dazu kommen Wissenschaftlerinnen und Experten, die uns in unserer Arbeit inhaltlich unterstützen.

KMN: Gibt es beispielhafte wirtschaftlich erfolgreiche Projektideen, Start-ups bzw. Erfolgsgeschichten, die sich aus dem Bereich Programme der Pro Helvetia entwickelt haben und über die Sie uns erzählen mögen?

MP: Der Erfolg unserer Programm-Arbeit bemisst sich nicht primär am wirtschaftlichen Erfolg sondern an den Möglichkeiten, die sie Künstlerinnen und Künstlern eröffnet. Aber es gibt Felder, wo die Wirtschaft eine entscheidende Rolle spielt für das Entstehen gewisser Kunstformen. Das gilt beispielsweise fürs Design oder die digitale Kunst. Hier versucht Pro Helvetia Joint Ventures mit der Wirtschaft zu ermöglichen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Programm GameCulture, das wir zur Frage des künstlerischen Potentials von Videospielen initiiert hatten. Wir haben verschiedene Start-Ups unterstützt, indem wir ihre Präsenz an den relevanten Messen im Ausland begleitet haben: An der Tokyo Game Show und an der Game Developers Conference präsentierte sich mit unserer Unterstützung zum Beispiel das Start-Up-Unternehmen "FaceShift", das sich auf Motion Capture-Technologien spezialisiert hat. Sie haben mit ihrem Auftritt nicht nur interessante neue Aufträge erhalten, sondern sind auch zu einem Projekt mit dem Hammer Museum in Los Angeles gekommen. Wirtschaftlicher und kultureller Erfolg können also durchaus Hand in Hand gehen.

KMN: Was erachten Sie derzeit als die grössten Potenziale bzw. Risiken des Bereichs Programme bei Pro Helvetia im Besonderen sowie des Themas Kulturförderung in der Schweiz im Allgemeinen?

MP: Unser grosses Potential sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Netzwerke, dank denen wir den Kulturschaffenden neue Begegnungen ermöglichen und ihnen neue Märkte erschliessen können, sei es geographisch, thematisch oder künstlerisch. Auf internationaler Ebene und im wechselnden politischen Umfeld enthalten solche Aktivitäten automatisch auch Risiken. Die aktuelle Situation in Ägypten ist ein gutes Beispiel dafür. Unsere Stärke ist in diesem Fall, dass wir flexibel und gut vernetzt im lokalen Kontext sind.

KMN: Wie möchten Sie die Zukunft des Bereichs Programme bei der Pro Helvetia gestalten? Was sind Ihre Visionen und prioritären Ziele? Was steht an? Gibt es neue Stossrichtungen aufgrund neuer Trends, Veränderungsbedarf oder Projektanpassungen?

MP: Es ist mir ein Anliegen, dass wir offen für Neues sind und dass unsere Aktivitäten den Bedürfnissen der Kulturschaffenden entsprechen. Zur Zeit sind wir dabei, zusammen mit anderen Bundesinstanzen die Kulturbotschaft 2016-2019 zu erarbeiten, welche auch die strategische Ausrichtung der Stiftung enthalten wird. Das ist ein langer Prozess mit verschieden Konsultationen. Nächstes Jahr werden wir mehr darüber sagen können.

KMN: Mit welchen strukturellen Veränderungen sieht sich die Pro Helvetia und damit auch der Bereich Programme möglicherweise in den nächsten Jahren konfrontiert?

MP: Kultur ist etwas dynamisches, die Kulturförderung muss es daher auch sein. Ich freue mich, diese Herausforderung mit meinen Kollegen anzunehmen.
 
Murielle Perritaz hat mehrere Jahre die internationalen Tourneen der Compagnie Philippe Saire in Lausanne organisiert. Nach einem Master Degree in European Cultural Management in Frankreich arbeitete sie von 2001 bis 2004 für das Verbindungsbüro Kapstadt und als Fachspezialistin Tanz bei Pro Helvetia. Anschliessend programmierte sie während drei Saisons als Dramaturgin für das Theaterhaus Gessnerallee in Zürich. Seit 2007 war sie Leiterin von Reso Tanznetzwerk Schweiz und baute deren Geschäftsstelle auf. In all diesen Funktionen hat sie zahlreiche Kooperations- und Koproduktionsprojekte im In- und Ausland initiiert und sich mit ihrer Vernetzungsarbeit zwischen Veranstaltern, Institutionen und Organisationen einen Namen gemacht. Murielle Perritaz war und ist auch Mitglied verschiedener Leitungsgremien wie des «international network for contemporary performing arts IETM» oder der Hochschule für Theater «Manufacture» in Lausanne. Am 1. Oktober 2013 hat sie die Leitung Programme bei der Pro Helvetia angetreten.
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