28.05.2018

Themenreihe Ländlicher Raum

Autor*in

Maria Gebhardt
studierte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis in Hildesheim und Paris. Sie ist als Geschäftsführerin des Landeszentrum Spiel & Theater Sachsen-Anhalt e.V. tätig und begleitet dort sowohl die Freien darstellenden Künste als auch das Schaffen der Amateur- und Schultheater sowie der Theaterpädagog*innen im Flächenland Sachsen-Anhalt.
Tagungsrückblick "Perspektiven für Theater in der Provinz"

Künstlerische Vielfalt und kulturelle Teilhabe als Programm?

Der ländliche Raum ist nicht automatisch provinziell. Partizipation ist ein eigener künstlerischer Ansatz. Und wer hat eigentlich auf die Kulturschaffenden von außen gewartet? Diese Ansätze diskutierte die Tagung Perspektiven für Theater in der Provinz.
Die Tagung versammelte Akteure aus Amateurtheater, Freien Darstellenden Künsten, Vertreter*innen von Gastspielhäusern, Tourneetheatern, Stadt- und Landesbühnen sowie deren Interessensvertretungen vom 13. bis 14. April 2018 am Landestheater Schwaben in Memmingen. Die Einstimmung auf das Thema ereilte die Autorin bereits vor Beginn des Programms die letzte Stunde der Anreise zum Veranstaltungsort führte per Schienenersatzverkehr in Kontemplation durch weite, offene Landschaften.
 
Gleich zu Beginn erinnerte Prof. Dr. Wolfgang Schneider an die gesellschaftlich verabredeten rechtlichen Rahmenbedingungen kultureller Teilhabe und künstlerischer Partizipation auf internationaler Ebene (Völkerrecht Kultur, Menschenrecht Teilhabe) und appellierte an die Beachtung der vollständigen Terminologie der Theaterlandschaft in Deutschland, wie sie im Abschlussbericht der Enquete-Kommission Kultur in Deutschland festgehalten wurde: Demnach ist das Zusammenspiel aus Landesbühnen, Stadttheatern und Freien Bühnen, wie Ensembles, Amateur- und Tourneetheatern, ebenso wesentlich wie die Rückbesinnung auf den Menschen im Fokus von Produktion, Rezeption und Vermittlung. Der Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim und Initiator der Tagung nahm damit bereits einige Diskussionen der folgenden 24 Stunden vorweg.
 
Der Deutsche Bühnenverein und die INTHEGA Gesellschaft führten als Mitveranstaltende in ihren Grußworten maßgeblich die Relevanz der Landesbühnen, der Gastspiel- und Tourneetheater für die Versorgung der Fläche mit kulturellen Angeboten an. Der Bund der Theatergemeinden, der Bundesverband Freie Darstellende Künste und der Bund deutscher Amateurtheater hingegen brachen eine Lanze für die Beachtung der bereits vorhandenen vielfältigen Aktivitäten in der Fläche und mahnten eine nicht-defizitäre Wahrnehmung an weder der Produzierenden noch des Publikums. Bereits hier zeigte sich, welche unterschiedliche Perspektiven auf Theater in der Provinz derzeit bestehen.
 
Besonderheiten ländlicher Räume verstehen
 
Beate Kegler und Dr. Thomas Renz ebneten in der Folge den Einstieg in das Tagungsthema. Kegler erinnerte an die Vielfalt der Ausprägungen ländlicher Räume sowie an den öffentlichen Auftrag zur Herstellung gleichwertiger Verhältnisse dieser Räume untereinander und im Vergleich zum urbanen Raum. Sie betonte den Fokus der Akteure auf das Tun statt auf dessen Darstellung verwies darauf, dass verbindlicher Sozialstrukturen zwischen Akteuren und ihrem Publikum und etablierte Orte für das ehrenamtliche Engagement als Ankerpunkte gerade in strukturschwachen Gebieten entscheidende erfolgsbestimmende Komponenten seien es also hier noch stärker als in der Stadt feste Ansprechpartner und Einrichtungen brauche.
 
Renz auf der anderen Seite fokussierte die Frage nach Messbarkeit kultureller Teilhabe. Die Empfehlung, nach Beteiligung und Multiplikatoraspekten als Kriterien zu fragen, führte die kulturpolitisch eröffnete Debatte auf konkrete Managementaspekte der Evaluierung zurück. Die das manageriale Handeln bestimmende Logik jedoch wie sie sich auch in den Fragen nach Barrieren und fehlenden Motivationen des Publikums widerspiegelt, an Theater teilzunehmen fokussiert bisher vor allem auf Theatergehende als Rezipierende und kaum als aktives Gegenüber, z.B. einer zeitgenössischen Programmgestaltung und Vielheit (Diversität) in Personal und Struktur.
 
Das Tagungsprogramm fokussierte in der Folge die Aspekte der Akteure, der Publika, der Kooperationen sowie der Perspektive auf kulturpolitische Setzungen als die maßgeblichen für die Entwicklung des Theaters im ländlichen Raum. So sollen die jeweils in den Panels konkretisierten Antworten gebündelt werden doch wie so oft zeigt sich auch: interessante Ideen und Anregungen finden sich im Zwischen, in den Pausen, bei den Teilnehmenden des Publikums und ihrer Interaktion mit den Redner*innen.
 
Das Panel der Akteure und der Frage nach ihrem kulturpolitischen Auftrag bildete die Breite der Aufträge und Selbstverständnisse ab: die Schaffung von Foren (Lagerfeuern) für ein Publikum als wesentlichem Gegenüber der Kunstproduktion; die Schaffung überdauernder Identifikationsorte und deren Chance auf langfristige Begleitung von gesellschaftlichen Diskursen sowie die Versorgung mit kulturellem Angebot im Spagat zwischen eigenen künstlerischen Vorstellungen und den Erwartungen eines (möglichen) Publikums. Auch zeigte die Runde die Diskussionsnotwendigkeit der Relevanz von Theater : Schwierig gestaltete sich spätestens ab diesem Zeitpunkt die Varianz des anwesenden Publikums und ihrer (künstlerischen) Selbstverständnisse: es herrschte kein Konsens darüber, was unter Publikumsorientierung zu verstehen wäre, ob eine Beteiligung (im Sinne einer Partizipation und weniger als einer bloßen Interaktion) des Publikums in bzw. an Theatern überhaupt erforderlich wäre. Bedauerlicherweise wurde die dabei wesentliche Frage der basalen individuellen Zielsetzung eines Theaters egal ob frei, als Gastspielhaus oder Feste Bühne nicht gestellt.
 
Der Provinz Theater bringen?
 
Vielleicht lautet die Antwort , dass Theater mehr anschlussgebende Strukturen sein sollten. Das schien zumindest das Podium zu meinen, das sich der Frage der Kooperationspartnerschaften widmete. Wesentlich sei ein Bewusstsein dafür, dass die Menschen dort [in der Provinz] nicht auf euch gewartet haben, dass sich auch in strukturschwachen Regionen Netzwerke und Knotenpunkte gebildet haben, deren Missachtung letztlich nur zu Misserfolg von neuen Projekten führt, die nicht an gegebenen Vertrauensstrukturen ansetzen, so wussten Thorsten Weckherlin und Franziska Weber (Landestheater Tübingen) sowie Reinhard Simon (Landesbühne Schwedt) aus ihren Erfahrungen zu berichten. Und: Dass Vorhaben im ländlichen Raum ebenso wie Projektvorhaben in urbanen Strukturen einen Anspruch darauf haben, nur aus Interesse an der künstlerischen Auseinandersetzung mit einem Thema zu agieren, und nicht darüber hinaus zwingend auch weitere gesellschaftliche Ansprüche erfüllen müssen (integrierend wirken, strukturfördernd, etc.), insistierte Naemie Zoe Keuler (Landesverband Amateurtheater Baden-Württemberg).
 
Besinnen wir uns auf den Grundauftrag von Theaterstrukturen zurück, Kunstproduktion zu ermöglichen für alle Publika vor Ort, zeigt sich: Während im urbanen Raum die Vielfalt der möglichen Interessengruppen und der wirtschaftliche Zwang eine Diversität des Programms zwingend notwendig machen, liegt die Herausforderung im Ländlichen darin, verschiedene, räumlich getrennte heterogene Gruppen nicht durch ein gemeinsames Angebot versorgen zu können. So wächst die Herausforderung, das Publikum anzubinden und zum verlässlichen Partner werden zu lassen. Als Erfahrung aus der freien Theaterarbeit betonte Michael Kranixfeld, ein Akteur des Künstlersyndikats gefährliche Liebschaften, die Notwendigkeit für Theater, Komplizen zu finden und zu halten und sich individuell sicht- sowie dadurch auch persönlich angreifbar zu machen, wenn auch im Rahmen einer strukturgebenden Institution. Sich als Institution nicht nur als Anbieter eines Programms zu verstehen, sondern immer auch als Mittler allerdings ohne erzieherische oder andere in Machtverhältnissen begründete Haltungen , ist gerade in ländlichen Räumen Aufgabe der Theaterschaffenden. Dabei ist es der echten Entwicklung eines fachlich versierten Gegenübers zuträglich, das Publikum an Projektformaten zu beteiligen, ohne es zugleich als festes Publikum zu binden. Michael Grill von den Theatergemeinden München betonte in diesem Zusammenhang die Herausforderung, dass es gerade im Lokaljournalismus aufgrund grassierender Deprofessionalisierungstendenzen immer seltener möglich sei, fachlich fundierte Kritik der Presse als Vermittlungsinstrument nutzen zu können. Klare Abwägungen müssten diesbezüglich von Kulturakteuren getroffen werden, um nur diejenigen Kanäle zu bedienen, aus denen auch tatsächlich Feedback zu erwarten wäre.
 
Fazit
 
Als aktuelle Perspektive auf Theater in der Provinz lässt sich vor allem festhalten, dass die Frage der Aufträge, der Relevanz von Kooperationen und Publikum keine von Stadt oder Land ist, sondern die Herausforderungen verschieden fokussiert werden. Für die künftigen Perspektiven eines Theaters in der Provinz zeigte die Tagung, dass Kulturakteure im ländlichen Raum sich stärker selbsttätig ins Bewusstsein des Publikums rücken und öffentliche Diskussions- und Diskursräume erschließen müssen, die dann erst gesellschaftlich gestützte Dringlichkeit entstehen lassen. Die Akteure müssen dafür kämpfen, aus Gründen der Qualität betrachtet und gefördert zu werden und nicht aus Defizitbereinigung. Und: Verschiedenartige Instrumente (Kunstproduktion, soziokulturelle Formate, theaterpädagogische Arbeit, etc.) sollten nicht hinsichtlich ihrer Zielstellungen und Möglichkeiten verschränkt, sondern für ihre jeweilige Fähigkeit nutzbar gemacht werden.
 
Wesentlich scheint die regelmäßige Überprüfung der eigenen Setzungen, der Blick auf die gewachsenen Beziehungen. Diesen Auftrag von der inhaltlichen Ebene auf die strukturelle Führung zu übertragen und zu einem ständigen Prinzip werden zu lassen, sollte das Handeln bestimmen. Reinhard Simon der Uckermärckischen Bühnen Schwedt richtete den Betrieb seiner Bühne auf die Verbindungen mit Polen aus, Thorsten Weckherlin am LT Tübingen nutzte die Möglichkeiten einer konkreten Zusammenarbeit mit Akteuren der Freien Szene, um den ländlichen Raum mit einem Angebot zu versorgen, das dessen individuellen Ansprüchen gerecht wurde, Sybille Broll-Pape vom ETA Hoffmann Theater Bamberg konzentrierte ihr Wirken auf die Vermittlung verschiedener Formen durch den Inhalt und dessen unbedingte Verankerung in und Schaffen für die Stadt. Sie haben authentische Antworten auf die Herausforderungen des ländlichen Raums gefunden, die ihnen durch Erfolg Recht gaben.
Kommentare (0)
Zu diesem Beitrag sind noch keine Kommentare vorhanden.