05.04.2019

Autor*in

Gregor Isenbort
studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Mittelalterliche und Neuere Geschichte sowie Philosophie an den Universitäten Bonn und Perugia. Er arbeitete unter anderem im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, in Museen des LVR und im Museum für Kommunikation Berlin. Seit 2013 ist er Leiter der DASA Arbeitswelt Ausstellung in Dortmund und seit 2014 Beisitzer im Vorstand des Deutschen Museumsbunds.
Kristin Oswald
leitet die Online-Redaktion von Kultur Management Network. Sie studierte Geschichte und Archäologie in Jena und Rom sowie Social Media-Marketing in Berlin. Sie ist freiberuflich in der Wissenschaftskommunikation und im Museumsmarketing mit Schwerpunkt online tätig.
Vorschau Jahrestagung Deutscher Museumsbund 2019

Von den Hütern der Objekte zu neuen Formen der Bildung

Museen proklamieren seit Langem für sich, Teil der Bildungslandschaft zu sein. Doch was und wie genau sie zu dieser beitragen (wollen), blieb lang unklar. Mit dem Fortschreiten der digitalen Wissensgesellschaft ist es nun an der Zeit, die Museen als Bildungseinrichtungen neu zu definieren und ihre Strukturen anpassen. Wichtige Ansätze dazu wird die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes 2019 liefern, die Anfang Mai im Deutschen Hygiene-Museum Dresden stattfindet.
KMN: Lieber Herr Isenbort, in diesem Jahr beschäftigt sich die Jahrestagung des Museumsbundes mit dem Thema "Bildungsplattform Museum!?". Pädagogik und die Ansprache neuer Zielgruppen sind schon seit einigen Jahren Teil der Museumsarbeit. Warum ist jetzt der Zeitpunkt, diese Aspekte zu thematisieren? Und welche neuen Herangehensweisen präsentiert die Tagung dazu?
 
Gregor Isenbort: Es ist jetzt der richtige Zeitpunkt, weil wir (der Deutsche Museumsbund) der Meinung sind, dass Museen heute mehr denn je nicht nur einen "BildungsCharakter" haben, sondern Teil unserer Bildungslandschaft sind - und sein wollen sollten. Dafür muss man sich auch damit auseinandersetzen, was eigentlich die Grundzüge dieser Bildungslandschaft sind. Wir existieren nicht nur für uns allein, wenn wir über das Thema Bildung sprechen, sondern wir sind Teil eines größeren Zusammenhangs und müssen versuchen, uns darin zu verorten. Es kann beim Thema "Bildung" nicht nur um die alte Frage nach "Museum und Schule" oder um die ewige Frage der "kulturellen Bildung" gehen. Bildung hat deutlich mehr Facetten. Deshalb haben wir in unserem ersten Panel das Thema deutlich weiter gefasst und Vertreter*innen aus Bildungspolitik, Journalismus und Soziologie eingeladen, um diesen verschwommenen Horizont schärfer sehen zu können. Hierhin gehört eine weitere Frage: Welches sind unsere neuen Zielgruppen und wie weit sind wir bereits mit ihnen gekommen? Warum erreichen wir als Museen nach wie vor oft nur einen geringen Teil der Bevölkerung? Die Frage nach der Bildung im Museum ist deshalb auch eine Frage nach dessen Relevanz im Ganzen.
 
KMN: Bildung kommt angesichts der aktuellen Veränderungen eine gesteigerte Bedeutung für den Einzelnen und die "Wissensgesellschaft" zu. Welche Rolle spielen Museen in dieser Bildungslandschaft - oder, zugespitzt gefragt, spielen sie aktuell darin überhaupt eine Rolle?
 
GI: Genau darum soll es bei der Tagung gehen. Das ist die Kernfrage. Früher konnten wir uns als Häuser von Akademiker*innen für Akademiker*innen in der Regel relativ gut verorten. Unsere Zielgruppe, das sog. Bildungsbürgertum, war mit dem Kanon vertraut und konnte sich gut zurechtfinden. Mittlerweile hat sich aber die Gesellschaft diversifiziert. Das bedeutet ganz neue Herausforderungen. Es gibt nicht nur keine einzelne, homogene Zielgruppe mehr, sondern verschiedene Gruppen. Und mehr noch: Wir müssen viel deutlicher als früher Individuen in den Blick nehmen, die sich nicht in homogene Gruppen einordnen lassen. Wir gehen im Deutschen Museumsbund davon aus, dass Museen einen eigenständigen Beitrag zur Bildung in einer vielfältigen Gesellschaft leisten können. Wir wollen zeigen, dass wir als Museen gute und andere Möglichkeiten haben, Individuen auf vielfältige Weise anzusprechen, und andere Formen der Bildung bieten können. Gleichzeitig müssen wir aber auch die eigene Heterogenität der Museumsszene im Auge behalten und zeigen, dass nicht alle alles leisten können.
 
KMN: Was bedeutet es für den Deutschen Museumsbund, den "Lernort Museum ganzheitlich zu denken", wie es in der Ankündigung zur Tagung zu lesen ist? Und wie lässt sich eine so umfassende Aufgabe in die bestehenden Strukturen mit oft geringen Ressourcen integrieren?
 
GI: Die nächste Kernfrage! Ist Bildung nur Teil der Museumspädagogik? Nein! Ganzheitliches Denken bedeutet, dass Bildung nicht nur in Einzelprojekten, partizipativen Programmen und Veranstaltungen zum Zug kommt, sondern dass auch Sammlungen und vor allem Ausstellungen Teil dieses Veränderungsprozesses sind. Bildung findet an vielen Orten und in verschiedenen Formen in den Museen und Ausstellungen statt. Den Lernort ganzheitlich zu denken heißt deshalb, die Bildung neu in den Strukturen zu verankern, sie zu integrieren. Es ist also nicht nur eine Frage von Ressourcen, sondern eine systematische Frage: Wie können wir Bestehendes und Neues in Strukturen bringen, die uns helfen, den vielfältigen Aufgaben der Museen gerecht zu werden? Dabei stellt sich natürlich die Frage, inwieweit der klassische Begriff des "Lernorts" noch richtig ist. Denn da denken wir doch meist wieder alle an Schulen, an den außerschulischen Lernort. Die Idee ist aber, dass alles, was mit unserer Arbeit, mit unseren Projekten und Ideen zu tun hat, Teil dieses Lernorts sein muss. Lernort muss inklusiv gedacht werden, nicht nach aufgesplitterten Zielgruppen, Themen oder Projekten. Und Bildung ist damit auch nicht nur Aufgabe der Museumspädagogik!
 
KMN: Im diesjährigen Programm finden sich auch einige Expert*innen aus dem Bereich Kulturmanagement oder etwa der Soziokultur. Welche Einsichten erhofft sich der Museumsbund aus solchen Impulsen für die Museumslandschaft?
 
GI: Der Deutsche Museumsbund hat immer Expert*innen aus verschiedensten Bereichen zu seinen Jahrestagungen hinzugezogen. Der Blick von außen ist wichtig. Wir möchten keine Nabelschau betreiben, es geht um Reflexion und Neuorientierung, nicht um Selbstvergewisserung. Dieses Jahr kommt den Expert*innen aber eine besondere Bedeutung zu: Wir Museen haben unseren Bildungscharakter nie wirklich grundlegend und ausdrücklich definiert. In jedem Haus gibt es dazu andere Vorstellungen und diese Vielfalt ist willkommen und wichtig. Aber es ist auch notwendig, danach zu schauen, wohin sich die Bildungslandschaft in Deutschland, aber auch in Europa entwickelt, welche Linien sich abzeichnen, welche großen Veränderungen in unseren gegenwärtigen Gemeinschaften stattfinden oder sich ankündigen. Museen können ihrem Bildungsauftrag und ihrem Selbstverständnis am besten gerecht werden, wenn sie nicht den Entwicklungen bloß hinterher laufen, sondern sie früh zur Kenntnis nehmen und selbst prägen.
 
KMN: Hinter Ansätzen von Pädagogik, Vermittlung und Bildung stehen immer auch Menschen, die diese Aufgaben übernehmen. Welche Rolle spielen die mitunter schwierigen Arbeitsumstände von Museumspädagog*innen im Rahmen der Jahrestagung?
 
GI: Die Arbeitsumstände sind in der Tat nicht immer und überall schwierig, viele Museen haben Vorbildliches geleistet. Zahlreiche Kolleg*innen aus dem Bildungsbereich haben in den letzten Jahren immens viel bewirkt. Aber Sie haben sicher Recht, dass in vielen Häusern die Bildungsarbeit zum Teil nur als zusätzliche Aufgabe mit zu wenig Ressourcen wahrgenommen werden kann. Wir möchten bei dieser Tagung aber eben nicht in ein wenig fruchtbares Jammern ausbrechen, sondern über eine neue Definition von "Bildung im Museum" einen Beitrag zum Verständnis dafür leisten, dass der Bereich ausgebaut werden kann und muss. Wir wollen auch zeigen, dass die Träger der Häuser bei ihren Stellenplänen eine größere Verantwortung für diese Aufgaben übernehmen sollten. Denn eines ist klar: Von den Museen mehr Bildung und neue Zielgruppenansprachen zu fordern, dann aber keine Expert*innen für Bildung und Vermittlung vorzusehen, ist ein Widerspruch in sich. Die Forderung muss einhergehen mit der Schaffung von Bedingungen, mit denen diese auch erfüllt werden kann. 
 
KMN: Im Moment dreht sich alles um das Thema Zukunft der Arbeit und dabei spielt Lebenslanges Lernen eine große Rolle. Entsprechend ist dieses Schlagwort auch in der Tagungsankündigung zu finden. Beziehen Sie sich dabei nur auf die Besucher*innen oder geht es auch um das Lernen bei den Mitarbeiter*innen im Museumsbereich?
 
GI: Beides. In erster Linie können und sollten Museen bei einer generationenübergreifenden Besucher*innenstruktur auch Teil eines generationenübergreifenden Bildungsangebotes sein. Wie das aussieht, ist von Haus zu Haus unterschiedlich zu definieren. Aber auch bei uns allen, die wir im Museum tätig sind, muss das lebenslange Lernen eine Rolle spielen. Das bedeutet auch: Mit ein oder zwei Fortbildungen ist es nicht getan. Lebenslanges Lernen heißt ja nicht, ab und zu mal einen Lehrgang zu besuchen, sondern es meint in erster Linie, positiv auf Veränderungen zuzugehen und daran mitzuwirken. Wenn wir in Museen Veränderung und Flexibilisierung der Arbeitswelten und der Gesellschaft von morgen als Chance begreifen, auch unsere eigene Arbeit dynamisch und kreativ zu gestalten, kommt das allen zugute: denen, deren Arbeit abwechslungsreicher und befriedigender wird, und denen, die die Ergebnisse dieser Arbeit in den Museen erleben können. Denn gerade wer sich mit der Veränderung von Gesellschaft auseinandersetzt, kann sich nicht auf alten Gewissheiten ausruhen.
 
Die Jahrestagung des Deutschen Museumsbundes mit dem Titel "Bildungsplattform Museum?!" wird vom 05. bis 08. Mai 2019 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden stattfinden und neben dem thematischen Programm auch Exkursionen, Führungen und die Frühjahrstreffen der Arbeitsgemeinschaften umfassen.
 
Tagungsgebühr 
145 € Nichtmitglieder 
95 € Persönliche Mitglieder oder Vertreter korporativer Mitglieder 
50 € Studierende, Volontäre, Bezieher von ALG I und II 
 
Die Anmeldung und die Überweisung der Tagungsgebühr muss bis spätestens 30. April 2019 (Zahlungseingang) erfolgen 
 
Alle Informationen und Anmeldung unter https://www.museumsbund.de/aktuelles/jahrestagung/
 
Das Interview führte Kristin Oswald
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