04.06.2018

Autor*in

Hilmar Hoffmann
war von 1970 bis 1990 Kulturdezernent in Frankfurt und initiierte in dieser Zeit unter anderem das Frankfurter Museumsufer. Von 1992 bis 2001 war er Präsident des Goethe-Instituts in München. Er lehrte an verschiedenen internationalen Universitäten und war Autor mehrerer Bücher. Hilmar Ho ffmanns bekanntestes Werk, Kultur für alle, erschien erstmalig 1979.
Alexandra Vogt
absolvierte ihren Bachelor in Europa-Studien an der TU Chemnitz und anschließend in Passau den Master »Kulturwirtschaft«.
Zum Tod von Hilmar Hoffmann

Kultur für alle – quo vadis?

Wer Kultur für alle sagt, meint Hilmar Hoffmann. In seinem Buch Kultur für alle (1979) übersetzte er seine Forderung, Kulturangebote der gesamten Stadtbevölkerung zugänglich zu machen, in Maßnahmen und Anleitungen für Kulturpolitiker. Im Jahr 2016 hat er im Gespräch mit uns die Wirkung dieser Forderung Revue passieren lassen.
Seit den 70er Jahren hat sich die Gesellschaft in vielen Bereichen grundlegend verändert: Ist das Konzept einer Kultur für alle überhaupt noch zeitgemäß? Oder ist es noch immer nur ein zwar verändertes aber passiv zu konsumierendes Angebot, geprägt von Direktoren und Intendanten? Müssen Kulturinstitutionen nicht vielmehr zulassen, dass ihr Publikum aktiv mitgestaltet?

Herr Professor Hoffmann, ist eine Kultur für alle von den Kulturschaffenden und Entscheidern im Kulturbereich wirklich gewollt? Ist das überhaupt notwendig?

Das Buch Kultur für alle war ein Buch, das ich vornehmlich für Stadtparlamentarier und Kulturpolitiker zu jener Zeit verfasst habe. Bis dahin existierten keine relevanten theoretischen Vorgaben oder Leitfäden für deren praktische Kulturarbeit. Ich wollte Argumente anbieten, um den im Buch aufgelisteten Defiziten einer planlosen Kulturpolitik besser begegnen zu können. Dabei waren meine Adressaten nicht nur die 90 Prozent Bildungsschicht, sondern auch die sogenannten bildungsfernen Schichten, die mit ihren Steuern letztlich die Museen, Bibliotheken und Theater mitbezahlt haben. Auch dieser immer noch weit überwiegende Teil unserer Gesellschaft hat ein Grundrecht zur Teilhabe an Bildung und Kultur daran hat sich bis heute nichts geändert. Ein Bürgerrecht als Verfassungsrecht liegt aber immer noch in weiter Ferne, weil die Länderkulturminister so ihre wohlgehütete Allmacht verlieren würden.

Kulturinstitutionen haben für viele immer noch Barrieren, die häufig unüberwindlich sind. Zumindest bieten die Institutionen kaum Hilfen an, mit denen Sperren und Schwellenangst überwunden werden können. Im Museum heißt es immer noch: Die Kunstwerke werden still betrachtet, im Theater gilt die ungeschriebene Regel, sich in Abendgarderobe zu werfen, in der Pause gibt es überteuerte Getränke. Wie schätzen Sie das ein?

Diese Frage kann ich objektiv nur aus der Perspektive meiner zwanzigjährigen Erfahrung als Kulturdezernent der Stadt Frankfurt beantworten: Wie Bildungsbarrieren abzubauen wären, dazu sollte das Buch Kultur für alle als Wegweiser dienen. Die erste Forderung richtete sich an die Kultusministerkonferenz. Die von Ihnen genannten Sperren und Schwellenängste müssen schon im Schulalter abgebaut werden, und zwar indem musische Fächer und ästhetische Bildung in die Schulcurricula als Pflichtfächer festgeschrieben werden. In seinen Briefen zur ästhetischen Erziehung des Menschen begründete bereits Friedrich Schiller, dass es nicht genüge, den Menschen mit einem tabellarischen Verstand und mit mechanischen Fertigkeiten auszurüsten, sondern dass auch musische und ästhetische Bildung früh zu vermitteln sind. Schiller beklagte, dass der Nutzen das falsche Ideal der Zeit sei, dem alle Kräfte frönen und alle Taten huldigen sollen. Und auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst aber kein Gewicht (1793). Sie sehen, dieser Bedarf der kulturellen Bildung ist in seiner Brisanz schon sehr alt und hat nichts an Aktualität verloren! Kulturinstitutionen sollten daher vermehrt Pädagogen einstellen, um die in der Schule vernachlässigte kulturelle Bildung nachzuholen. Auch die Volkshochschule könnte in ihren Kursen für den zweiten Bildungsweg ästhetischer Erziehung und musischer Bildung größere Aufmerksamkeit widmen. In allen Museen Frankfurts wurden daher schon 1971 Museumspädagogen fest angestellt. Der Austausch mit den Schulen ist hier optimal und wer den Ansturm der Schulklassen, ob im ehrwürdigen Städel oder im populären Filmmuseum, mit eigenen Augen und Ohren miterlebt, bekommt das begeisterte Echo der Schüler zu spüren. Ein tolles Erlebnis! Und was Sie als negative Beispiele für Theaterbesuche heranziehen: Das gilt heute sicher nicht mehr, statt Smoking sehen Sie selbstverständlich Opernliebhaber in Jeans und ohne Krawatte.

Sie schlagen in Ihrem Buch alternative Formen der Kultur vor, die diese dem breiten Publikum näherbringen sollen. Wir haben das Gefühl, dass solche Angebote auch 30 Jahre später nur einzelne Leuchttürme sind, aber die klassischen, unzugänglichen Formen immer noch die Kulturlandschaft dominieren. Woran liegt das?

Kultur für alle beschreibt den Anspruch, dass alle am Kulturangebot gleichberechtigt teilhaben können. Der Zugang zu welchen Kulturmedien auch immer hat aber zur Voraussetzung, dass einer die Gesetze zu deren Wahrnehmung, also ästhetische Erziehung, in der Schule hat erlernen können. Solange die Schulen ihren Pflichten, musische Fächer ins Curriculum aufzunehmen, nicht nachkommen, solange das Bürgerrecht auf Bildung und Kultur nicht gesetzlich verankert ist, wird dieses Manko kaum geringer werden. Deshalb haben wir die Volkshochschule 1971 kommunalisiert. Sie hat es dann mit einem festen Etat geschafft, entsprechende Kurse mit großer Nachfrage als Erfolg zu vermelden. Auch die meisten Museen bieten entsprechende Abendkurse an. Neben den Leuchttürmen und klassischen Formen ist Frankfurt aber auch die erste Stadt, die schon in den frühen siebziger Jahren ein breites Netz für die sogenannte freie Szene gespannt hat. Fünf Millionen stehen dafür im Etat, nicht gerechnet die Kosten für das Künstlerhaus Mousonturm. Hier haben die zur Professionalität gereiften internationalen Eliten des Free-Jazz, des Avantgarde-Tanztheaters und der unabhängigen Off-Theater ihre unkonventionellen Formen ausgebildet, also für ein nichtakademisches, aber intelligentes Publikum. Sie fragten mich, woran es liegt, dass immer noch die Leuchttürme und klassischen Formen die Kulturlandschaft dominieren: Nun, in Frankfurt jedenfalls besucht mindestens die Hälfte der kulturaffinen Bevölkerung diese Produktionen der nichtinstitutionellen Szene, wozu auch die vielen Frankfurter Privattheater gehören oder die 30 privaten Galerien. Für Experimente der darstellenden Künste im Depot in Bockenheim interessieren sich beide Schichten, hier sorgen klassische Formen in avantgardistischer Brechung ebenso für full house wie die Fans des Pop und anderer Formen moderner Kunstäußerungen.

Sie forderten, dass das Kulturangebot für alle zugänglich gemacht wird. Dieses Kulturangebot wird dem Publikum aber von einer Intendantenebene quasi vorgesetzt und es soll an diesem vorgefertigten Programm teilnehmen. Wäre es nicht sinnvoller, das Publikum selbst bestimmen zu lassen, was es sehen will, um mehr Menschen zu erreichen? Was denken Sie, wäre das heute mit all den Kommunikationsmöglichkeiten nicht eigentlich möglich? Und wäre das nicht der Weg für die Realisierung einer Kultur für alle?

Dem Publikum wird nicht quasi vorgesetzt, was es sehen soll: Das Schauspiel Frankfurt war das erste Theater, das per Magistratsbeschluss die Mitbestimmung am Theater eingeführt hat und wir waren im Jahr 1971 sehr dazu bereit. Auch auf Druck der jüdischen Gemeinde haben wir 1985 keine Zensur beim Fassbinderstück Die Stadt, der Müll und der Tod ausgeübt, wobei wir uns auf Artikel 5,3 des Grundgesetzes beriefen: Eine Zensur findet in Deutschland nicht statt. Bei einer nachgeholten Generalprobe, zu der 30 Feuilletonisten auch des benachbarten Auslands eingeladen waren, war deren aller Reaktion mit dem Freispruch verbunden, dass es sich bei der Inszenierung von Dietrich Hilsdorf nicht um eine antisemitische Intervention gehandelt habe. Auch einige Privattheater wie etwa das Willy Praml Theater in Frankfurt füllen ihre Sitze mit einem Publikum, das sich gern provozieren lässt, um anschließend mit den Darstellern darüber zu diskutieren oder zu streiten. Viele der 60.000 Studenten der Universitäten und der Fachhochschulen machen einen Großteil unserer Besucher aus, auch sie gilt es, in unser Programm Kultur für alle einzugemeinden. Ein Publikum, das mitredet, ist also durchaus erwünscht und auch schon Realität. Außenstehende wirklich mitbestimmen zulassen, halte ich jedoch nicht für sinnvoll, da Entscheidungen in Kultureinrichtungen auch immer an ein limitiertes Budget gebunden sind und Bürger hierfür nicht verantwortlich sind.
 
Dieses Interview führte Alexandra Vogt. Es erschien zuerst in der Sonderausgabe des Magazins von Kultur Management Network zu "Teilkultur".