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19. November 2017

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Hintergrundbericht

Museum für alle, oder: Die Renaissance der Sinne

Nelson de Arellano: ArteConTacto Tastführung im Museum auf Abruf, Wien. 2010

Die Virtualisierung unserer Welt brachte eine schleichende Reduktion unserer Sinne auf den visuellen Kanal mit sich. Dennoch hat sich in vielen Bereichen gezeigt, dass es durchaus eine neue Lust am Berühren und Begreifen gibt – denken wir nur an die allgegenwärtigen Touch-Screens.

Auch in der Kunst- und Wissensvermittlung hat die Einbeziehung aller Sinne große Wirkung gezeigt. Technische, historische und naturhistorische Museen haben auf diesem Gebiet viel weniger Berührungsängste als die klassischen Tempel der Kunst. Dort gilt immer noch die Devise »Bitte nicht berühren« – und das sogar bei ausdrücklich interaktiv konzipierten Exponaten. 

Das erschwert die langfristige und umfassende Integration aller Besucherschichten und den Abbau von Barrieren, insbesondere für das blinde und sehbehinderte Publikum, im Kulturbetrieb und -tourismus. Während führende Institutionen (vor allem in Ländern wie den USA, England und Frankreich) die Einbeziehung blinder und sehbehinderter Menschen zum fixen Bestandteil der barrierenfreien Kunstvermittlung gemacht haben, sind diese Ansätze im deutschsprachigen Raum noch eher spärlich gesät. Es gibt immer wieder Tastführungen, insbesondere bei Ausstellungen, deren Schwerpunkte im Bereich Skulptur und Plastik liegen. Andere „visuelle Künste“ sind jedoch nur mit speziell gestalteten Utensilien vermittelbar. Das heißt einerseits gute – also für alle verständliche – Beschreibungen der Werke, andererseits tastbare Materialien. Nach Kosten geordnet sind dies: taktile Diagramme auf Papier, Reliefs und freistehende Objekte. Letztere können Architekturmodelle und sogar Übertragungen von zweidimensionalen Bildern in dreidimensionale Figuren sein, die entweder händisch gemacht, oder auf maschinell (etwa auf 3D-Druckern oder Fräsmaschinen) hergestellt werden. 

Reliefs bieten hier den Vorteil, dass klassische bildliche Kompositionen – also eine Figur im Vordergrund und eine Landschaft im Hintergrund – dargestellt werden können, wie das Projekt Taktile Gemälde im Kunsthistorischen Museum Wien gezeigt hat. Diese, vom Wiener Forschungszentrum VRVis durchgeführte Umsetzung von Gemälden in Reliefs wurde mittlerweile von mehreren hundert sehbehinderten Besuchern ertastet. Auf diesem Gebiet ist wohl noch einiges Potential zu erwarten, etwa in der automatischen Umwandlung von Bildern in Reliefs oder in der kostengünstigeren Herstellung. 

Tatsächlich gibt es nämlich immer noch großen Bedarf an Methoden und Techniken, deren Flexibilität und Kosten es erlauben würden, auch Wechselausstellungen barrierefrei zu zeigen. Das Projekt ArteConTacto etwa basiert auf der Erstellung von kostengünstigen Materialien (Mappen in Form von Umhängtaschen, Baumwoll-Handschuhe, Tastdiagramme, einfache MP3-Spieler), um die Öffnung des Museums für alle Besucherschichten, einschließlich blinder und sehschwacher Menschen zu ermöglichen. Diese Materialien sollten immer in enger Zusammenarbeit mit den Betroffenen entwickelt und mehreren Testphasen unterzogen werden, bevor sie zur Anwendung kommen. 

Auf solche Weise adaptierte Ausstellungen, Monumente und Museen müssen natürlich entsprechend publik gemachte werden, denn viele der bisher ausgeschlossenen Besuchergruppen (eben zum Beispiel die sehbehinderten Menschen) trauen sich nur langsam in die ohnehin als elitär verschrienen Kulturinstitutionen. In der »Datenbank Touristische Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland« werden etwa Angebote dokumentiert, bei denen die speziellen Belange blinder und hochgradig sehbehinderter Touristen ausdrücklich berücksichtigt wurden. Hier findet man Ausflugsziele, Ausstellungen, Restaurants, Unterkünfte und Veranstaltungsangebote, die beispielsweise mit Informationen in Blindenschrift, Tastobjekten, qualifizierten Assistenzangeboten oder Leitsystemen aufwarten. 

Viele Museen jedoch machen im Bereich Barrierefreiheit immer noch »Dienst nach Vorschrift«: Das Haus selbst wird den gesetzlichen Vorgaben gemäß angepasst, etwa mit Rampen und Braillebeschriftungen, die Exponate und Ausstellungen jedoch nicht – eine grobe Fehleinschätzung des gesellschaftlichen und kulturellen Wertes der Maßnahmen. Denn neben einer beträchtlichen Imageaufwertung stellen diese auch das Rüstzeug für die Anforderungen der zukünftigen kulturellen Landschaft dar – Stichwort demografischer Wandel: Wie die Gesellschaft wird auch die durchschnittliche Museumsbesucherin und der Museumsbesucher immer älter, und viele dieser Menschen haben Einschränkungen in Bezug auf Mobilität, Sensorik und Aufnahmevermögen.  

Barrierefreiheit betrifft also nicht nur behinderte Menschen allein, sondern auch Senioren, vorübergehend oder chronisch Kranke, und Familien mit kleinen Kindern. Die Schaffung von Barrierefreiheit ist demnach im Interesse aller Menschen und nicht nur einer bestimmten Personengruppe mit besonderen Anforderungen. Ein vielgebrachtes Rechenbeispiel ist, dass eine barrierefrei zugängliche Umwelt für rund 10 % der Bevölkerung zwingend erforderlich, für rund 30 - 40 % notwendig und für 100 % komfortabel ist. Oder, wie es die Design for All Philosophie ausdrückt: Wenn man es geschafft hat, eine bestimme Situation oder ein Produkt für Menschen mit besonderen Anforderungen zu verbessern, hat man gleichzeitig die Nutzbarkeit für alle verbessert. 

Vorhandene Materialien können bei einer solchen Adaptierung durchaus zur Anwendung kommen und ergänzt werden. Audioführungen etwa sollten um eine Wegbeschreibung zum Museum ergänzt werden und von der Museums-Webseite heruntergeladen werden können. Hintergrundinformation können teilweise direkt übernommen werden, während formale Beschreibungen an die für Anforderungen spezieller Besucherschichten angepasst werden sollten. Wenn diese Adaptierungen darüber hinaus dem Design for All Ansatz folgen, ist deren bessere Annahme durch alle Besucherschichten garantiert. 

Links der erwähnten Projekte: www.databus.dbsv.org, www.vrvis.at, www.khm.at, www.artecontacto.org, www.designforall.org  

Moritz Neumüller ist freier Kurator in Wien und Barcelona und Initiator der ArteConTacto Kunstvermittlung. Andreas Reichinger ist Dissertant und Leiter des Projekts „Taktile Gemälde“ am VRVis Wien. 

Moritz Neumüller und Andreas Reichinger
12.04.2011, Dirk Heinze
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