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25. Juni 2017

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Studie

jazzwerkruhr/ jazzplayseurope – eine Fallstudie

Olaf Forkel / pixelio.de

Jazzmusiker gelten oftmals als chronische Einzelgänger, als ganz auf ihre Kunst konzentrierte Individualisten, die in stetig wechselnden Formationen agieren. Doch benötigen sie dafür ein funktionierendes, im besten Fall internationales künstlerisches und organisatorisches Netzwerk. Am Beispiel des im Ruhrgebiet ansässigen Netzwerks jazzwerkruhr/jazzplayseurope soll exemplarisch gezeigt werden, wie eine europaweite Kooperation (ohne große finanzielle Mittel) in der Praxis aussehen kann.

 

»No Blah-Blah!«, weil wir seit 2007 rennen: verschlossenen Türen einrennen, gegen die Zeit rennen, voran- und hinterher rennen. »No Blah-Blah!« vor allem aber deshalb, weil wir uns als kleines Projekt getraut haben, groß europäisch zu denken und zu handeln; wir rannten, um diese einmalige Chance, die eine Kulturhauptstadt Europas mit sich bringt, optimal für die Jazzszene des Ruhrgebiets zu nutzen. 

»All that jazz« – Intro

Berlin, Paris, London und viele andere europäische Großstädte standen Kopf, als der Jazz den Weg über den Atlantik gefunden hatte. Seine Melodien, Rhythmen und Tänze waren für viele der unterhaltungskulturelle Inbegriff der »Goldenen Zwanziger« und dreißiger Jahre. 

Ein heutiger Blick auf dessen wirtschaftliche Situation fällt jedoch düster aus. Das Genre ist ein Nischenprodukt der Musikindustrie, abseits einer breiten Öffentlichkeit rezipiert. Offensichtlich wird dies anhand der aktuellen Zahlen des Tonträger- und Live-Marktes. 2011 erwirtschaftete die Musikindustrie in Deutschland mit Jazz einen Umsatz von nur 23,7 Mio. Euro.  Etwas höher waren die Umsätze im Live-Markt. Für 2011 ermittelte die GfK, dass drei Prozent des Gesamtumsatzes (ca. 2,7 Mrd. Euro) mit Jazz, Folk, Blues, Gospel und Weltmusik erwirtschaftet wurden, umgerechnet 90 Mio. Euro.  Trotz dieser schlechten wirtschaftlichen Rahmendaten kann von einer agilen, auf zahlreichen Initiativen fußenden deutschen Jazzszene gesprochen werden. Vor allem die Bedeutung dieser oftmals ehrenamtlich unterstützten und mit geringen finanziellen Mitteln ausgestatteten Jazzinitiativen soll Beispiel des Ruhrgebiets im Folgenden ausgeführt werden.

Jazz im Ruhrgebiet – ein (kurzer) Exkurs

1950 existierten in Deutschland 20 Hot-Clubs, neun davon in NRW, darunter vier im Ruhrgebiet, von denen der Hot-Club Dortmund, aus dem das über die Grenzen hinaus bekannte domicil hervorgegangen ist, der bekannteste war.

Viele Jahre agierten die lokalen Jazzszenen autark und ohne Vernetzung. Erstmals war das auf zwei Jahre angelegte Projekt »Jazz Podium Ruhr – Swingsbeats« (1999/2000) ein Versuch, sechs lokale Jazzinitiativen zwischen Moers und Dortmund zu verbinden.  Das Hauptziel war die Förderung neuer Auftrittsmöglichkeiten für regionale Bands und dank 50 geförderten Konzerten gelang es, die regionale Jazzszene in ihrer vollen Breite darzustellen.

In direkter Nachfolge gründeten ProJazz Dortmund und JOE (JazzOffensiveEssen) im Jahr 2002 jazzwerkruhr, um die vorhandenen Elemente der lokalen Szenen nachhaltig zu vernetzen und regionale Kooperationen stärker auszubauen, und dadurch die gesamte Jazzszene der Region künstlerisch, vor allem aber auch organisatorisch weiterzuentwickeln. Statt einer oftmals durchgeführten »Gießkannenförderung« setzte jazzwerkruhr von Beginn an auf eine zielgerichtete punktuelle Förderung, um über die stärkere Vernetzung von Einzelkünstlern eine weit sichtbare Plattform zur künstlerischen Entwicklung und Etablierung zu bieten, um darauf aufbauend ein größeres regionales und internationales Netzwerk spannen zu können. Denn ohne finanziell und organisatorisch gesicherte Initiativen, stetige Netzwerkforcierungen und Schaffung neuer Auftrittsmöglichkeiten ist die Gefahr immanent, dass Musiker mit Potential die Region verlassen und ihr Wohl woanders suchen. Zu dieser Thematik äußerte sich Waldo Riedl, Geschäftsführer des Dortmunder Domicil: »Wenn alle die, die in den letzten zwei Jahren weggezogen sind, hier geblieben wären, hätte ich hier in Dortmund eine wunderbare Szene.«  Andere sehen die Abwanderung vor allem durch mangelnde Unterstützung der Medien bedingt. Doch im Gegensatz dazu ist Nadin Deventer, seit 2007 Leiterin von jazzwerkruhr, der Auffassung, dass die Abwanderung von Künstlern ein vollkommen normaler Vorgang sei und zu einer Metropole dazu gehöre.  Schließlich lebten Szenen davon, ständig neue Einflüsse von Außen zu erhalten. Doch sei eine Abwanderung von talentierten Musikern nur dann zu vertreten, und für die zurückbleibende Szene nicht existenzbedrohend, wenn gleichzeitig neue Künstler das Ruhrgebiet zumindest als temporären Standort ihrer künstlerischen Aktivitäten betrachten.

Jedoch driften Anspruch und Wirklichkeit noch immer weit auseinander, wie die Finanzierung von jazzwerkruhr zeigt. Bis 2008 erhielt die Initiative durchschnittlich 30.000,- Euro pro Jahr vom Land NRW sowie den Städten Dortmund und Essen. Jedoch müssen diese Gelder jedes Jahr neu beantragt werden, was eine langfristige Planung der Netzwerkforcierungen massiv erschwert. Ein Lichtschimmer war daher das Kulturhauptstadtjahr 2010, denn dank intensiver Bemühungen im Vorfeld verdoppelte die Ruhr.2010 GmbH das Budget auf ca. 60.000,- Euro, womit 15 Projekte mit 60 Veranstaltungen durch den Zusammenschluss von 46 nationalen und internationalen Kooperationspartnern in 25 Städten in ganz Europa realisiert wurden. Durch Kofinanzierungen der (inter)nationalen Partner vergrößerte sich das Gesamtbudget im Kulturhauptstadtjahr letztlich auf ca. 200.000,- Euro, ein großer Erfolg für das Nischenprodukt Jazz. Doch der Abschluss des Kulturhauptstadtjahres bedeutete auch für jazzwerkruhr große Unsicherheit, was durch den Regierungswechsel in NRW zusätzlich verstärkt wurde. 

jazzplayseurope – die Idee

Um die Attraktivität der Region noch weiter zu steigern wurde schon 2007 die Idee geboren, verschiedene regionale Szenen in Europa in einem freien Netzwerkprojektverbund zu bündeln: jazzplayseurope. Grund für die vom Ruhrgebiet ausgehende Initiative war, dass oftmals nur den Belangen der Veranstalterseite, aber nicht den der Künstler Beachtung geschenkt wird. 

»Allzu oft ist die Förderung, Präsentation und Promotion talentierter, aufstrebender Musiker beschränkt auf lokale, maximal regionale Aktivitäten, was nicht mehr zeitgemäß ist. Um heutzutage das kreative Milieu und die künstlerische Qualität einer Region zu sichern, sowie die Professionalisierung und Qualifizierung der gesamten Szene voranzutreiben, muss über regionale Grenzen hinaus geschaut und operiert werden.« 

Nach nur fünf Jahren ist jazzplayseurope ein rechtlich loser Zusammenschluss mehrerer Jazzinitiativen, mit dem Ziel, die europaweite Etablierung von vielversprechenden, auf höchstem künstlerischen Niveau agierenden Musikern und Bands aus den Teilnehmerländern durch internationale Kooperationen und Vernetzungen nachhaltig zu fördern. 

Was sind die Ziele?

Folgende Ziele haben die Projektpartner formuliert: 

  • Durch gezielte Austausch- und Kooperationsprojekte sollen die nationalen und regionalen Grenzen Europas durchbrochen und Europa werden. 
  • Die Ergebnisse und Bestrebungen eines jeden Partners im Zusammenschluss sollen multipliziert und dadurch Synergien geschaffen werden.
  • Durch künstlerisch ambitionierte und innovative Kooperationsprojekte sollen neue künstlerische Akzente gesetzte werden; Künstlern soll eine Plattform geben werden, auf der sie sich auszuprobieren dürfen, um Neues zu schaffen.
  • Unter den gleichberechtigten Partnern auf Augenhöhe sollen transnationale  Strukturen gebildet werden. jazzplayseurope ist dabei als Marke für europäischen Spitzenjazz aus den partizipierenden Regionen zu etablieren.
  • Kulturelle Diversität soll widergespiegelt werden und die stilistische Vielfalt der partizipierenden Regionen promotet werden. 

Wer sind die Partner?

Neben dem in Dortmund ansässigen Initiator jazzwerkruhr sind inzwischen folgende Festivals und Initiativen Partner von jazzplayseurope:

a) JazzLab Series, Belgien

b) Jazztopad Festival, Polen

c) Domaine Musiques, Frankreich

d) trytone, Niederlande

e) Music Centre Slovakia, Slowakei

f) Music:LX: Information & Export Office, Luxembourg, Luxemburg 

g) JaZZus, Frankreich

Wie wird’s gemacht?

»Man finde mutige Partner, Initiativen, Spielstätten und Festivals, die einen lokalen/regionalen Musiker ihrer Wahl zu einer Künstlerwerkstatt entsenden. Man nehme dann diese sehr begabten Einzelmusiker oder Bands, die zumeist einander noch nie begegnet sind, und sperre sie – wohlwissentlich, dass eine in direktem Anschluss stattfindende Tour schon gebucht ist – für ein paar Tage in einen Proberaum.« 

So einfach, so genial: Jeder Netzwerkpartner stellt einen hochkarätigen, auf internationalem Niveau agierenden Musiker. Das erste, dezentral angelegte, sogenannte jazzplayseurope laboratory fand 2009 in Dortmund statt, ein »Blind Date« für Musiker, die sich vorher nicht kannten. Sieben unterschiedliche Typen von Musikern trafen hierbei zusammen, die nach wenigen Tagen intensiver Probenarbeit die Ergebnisse bei sechs Konzerten präsentierten. Diese enge und beabsichtigte Planung zwischen Proben- und Konzertphase hat den Vorteil, dass sich die beteiligten Künstler zwingen müssen, in kurzer Zeit zu künstlerisch qualitativ hochwertigen Ergebnissen zu kommen. Darüber hinaus wird dieser experimentelle Ansatz von allen Beteiligten mitgetragen, da der integrative Aspekt dieser Vorgehensweise für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit sehr wichtig ist. Dieses Vorgehen hat bis zum heutigen Tag Bestand und auf diese Art und Weise viele hochkarätige Musiker in neuen Konstellationen zusammengeführt. Diese Kontinuität belegt, dass das Modell jazzplayseurope im Zentrum Europas in den jeweiligen Szenen angekommen und angenommen worden ist und hat auch dazu geführt, dass jazzwerkruhr und trytone im Rahmen der NL-Ruhr-Music-Kitchen 2010 und 2011 mit dem renommierten Breslauer Festival jazztopad enger zusammenwirken, ein vor Jahren noch undenkbares Ergebnis.

Ein Modell für die Zukunft?

Obwohl jazzplayseurope noch eine vergleichsweise junge Initiative ist, stellt sich die Frage, ob diese Form der Netzwerkkooperation ein Zukunftsmodell ist, das auf andere Kunstformen übertragbar ist. Denn trotz geringer finanzieller Mittel Sichtbarkeit stetig gesteigert werden.

Positiv ist, da in der heutigen Zeit leider keine Selbstverständlichkeit, dass alle Musiker des Laboratoriums eine festgelegte Gage erhalten. Diese betrug zunächst 150,- Euro pro Musiker und Auftritt und erhöhte sich 2011 auf 200,- Euro. Die Kosten der Tournee teilen sich die Partner so auf, dass das aussendende Netzwerk die Fahrtkosten »seines« Musikers übernimmt, die Gage sowie die Unterkunft hingegen die einladende Institution finanziert. Jedoch ist diese Form des Netzwerkens nur mit hohem und meist unbezahltem persönlichen Input zu realisieren.

Doch innerhalb von nur fünf Jahren steigerten die Beteiligten das gemeinsame Budget durch gemeinschaftliche Anstrengungen und entwickelten so neue bilaterale Kooperationen. Nach anfangs nur 2.000,- Euro verfügte das dritte jazzplayseurope-lab 2011 bereits über 57.000,- Euro, um Laboratorium und Tournee zu finanzieren. 

Was dank dieser Bestrebungen nun auch für regional agierende Initiativen in den Blick rückt, sind Förderprogramme u.a. bei der EU, die eine festgelegte Kofinanzierung voraussetzen, die ein Partner allein oftmals nicht stemmen kann. Die Verbindung auf europäischer Ebene bewirkt, dass das zu beantragende Fördervolumen realistisch in die entsprechende Höhe gesteigert werden kann, die von der EU als Mindestsumme für Förderungen von europäischen Kooperationsmaßnahmen angegeben wird.

Zudem liegen die Vorteile für die Künstler auf der Hand, denn da die Kosten der Probenphasen und der anschließenden Tournee von den Partnern übernommen werden, haben viele Musiker erstmals die Chance, sich überhaupt international zu präsentieren, um damit auch ihr künstlerisches Netzwerk zu vergrößern. Eine Initiative alleine könnte sich diesen organisatorischen und finanziellen Aufwand kaum leisten, die Musiker blieben in der Region, ein dringend benötigter, häufig gewünschter und auch geforderter Austausch wäre demnach kaum realisierbar. 

Ein weiterer Erfolg für jazzplayseurope ist die leichter werdende Akquise namhafter Veranstalter, internationaler Festivals oder erstklassiger Jazzclubs wie  z.B. das BIMhuis in Amsterdam, das Jazz & Sounds Festival in Gent, die Berlin Music Week, das jazztopad-Festival in Polen sowie das slovakische Bratislava Jazz Festival, die zu den Aushängeschildern ihrer Länder gehören und zeigen, dass jazzplayseurope als Garant für höchste musikalische Qualität in der Szene stetig mehr Akzeptanz findet. 

Das vorgestellte Konzept von jazzplayseurope kann für kleine und regionale Einzelprojekte unterschiedlicher Prägung ein Zukunftsmodell sein. Voraussetzungen dafür sind ein gemeinsames Ziel sowie eine intensive Kommunikation. Jazzplayseurope ist ein positives Beispiel dafür, dass auch kleine Initiativen oder Projekte mit geringen finanziellen Mitteln europaweite Konzepte initiieren und erfolgreich durchführen können, um eine Visibilität zu erhalten – und ganz nebenbei weitere Fördergelder beantragen zu können. 

Hinweis: Die ausführliche Fassung dieses Beitrag erscheint in Kürze im KM Magazin.

Über den Autor

Prof. Dr. Martin Lücke promovierte im Fach Musikwissenschaft. Er ist Professor für Musikmanagement an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in München. Zudem ist er Buchautor und Publizist. Als Korrespondent ist er vor allem auf den Bereich Musik/Jazz spezialisiert.
 
Email: kontakt (at) klangtext.de

 

Prof. Dr. Martin Lücke
10.02.2013, Dirk Heinze
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