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20. Oktober 2017

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Hintergrundbericht

Audience Empowerment. Ein angemessener Umgang mit der Flüchtlingsthematik im Kulturmanagement

© Fotolia/ madpixblue

Das Thema „Flüchtlinge“ ist kein temporäres Thema mehr. Schon seit Längerem beschäftigen sich im Kulturbereich immer mehr Akteure, Kulturpolitiker und Kulturbetriebe mit der Frage, welche Herausforderungen das Thema Flüchtlinge an ihre Arbeit stellt. Dabei muss klar festgehalten werden, dass der Kulturbereich nicht prädestiniert ist, Lösungen für Fragen wie Integration oder Willkommenskultur anzubieten. Er kann aber Begegnung erzeugen, Austausch und Dialog, ganz ohne wie auch immer geartete Erfolgserwartungen. In diesem Gestaltungsspielraum, der eigentlich aus vielen Zwischenräumen besteht, ist auch das Kulturmanagement gefragt. Hauptziel dabei sollte der Ansatz einer gegenseitigen Ermächtigung sein, bei der alteingesessene und neue Kulturakteure gemeinsame Positionen formulieren – auf Augenhöhe. Also kein Audience Development, sondern ein „Audience Empowerment“, bei dem aus einer Kümmer-Haltung eine kollaborative Haltung aller Beteiligten wird.

Tiefgreifende Veränderungen

Laut Angaben des Bundesamtes für Migration und Integration wurden allein im Monat März 2015 32.054 Asylanträge in Deutschland gestellt. Diese Menschen, von denen erwartungsgemäß viele bleiben werden, werden die deutsche Gesellschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit in ähnlicher Weise verändern wie in den fünfziger und sechziger Jahren die Ankunft der Gastarbeiter. Dabei steht die große Frage im Raum, wie und auf welche Weise diese Menschen als Partner für kulturelle Teilhabe verstanden, empfangen und angesprochen werden – eine humanitäre und gesellschaftspolitische Aufgabe, die viele Chancen bietet, auch für den Kulturbereich und das nicht im Sinne einer neuen potenziellen „Publikumsmasse“, die leere Kulturräume füllt, sondern im Sinne eines Entdeckens von kulturell diversen Ideen, ästhetischen Impulsen und vielfältigen Formen transkultureller Partizipation.

„Flüchtlinge“ – ein Labelwort?

Max Frisch hatte 1965 über die Gastarbeiter geschrieben: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ Es ist auch heute eine Aufforderung, sich von der anonymen Betitelung „Flüchtling“ zu verabschieden und die Menschen und ihre Relevanz für das kulturelle Leben in Deutschland und Europa zu sehen. Bislang zeigt sich, dass häufig kulturelle Projekte und Ansätze „über“ Flüchtlinge sprechen, diskutieren, debattieren oder „für“ Flüchtlinge Veranstaltungen planen und durchführen. Was ist aber bekannt über die vielen kreativen, künstlerischen, organisationalen Potenziale, die in deutschen Flüchtlingsheimen brach liegen, weil die meisten von den dort lebenden Kreativen, Wissenschaftlern und Künstlern keine Chance haben, zu arbeiten oder ihre Kreativität zur Verfügung zu stellen? Ein umfassend integrativer und transkultureller Ansatz muss auf einem „Agency“-Prinzip und einem zeitgemäßen „Audience Empowerment“ beruhen, bei dem es darum geht, Menschen Selbstorganisation und Selbstrepräsentation zu ermöglichen.

Handlungsmöglichkeiten für das Kulturmanagement

Das bedeutet für das Kulturmanagement, ein heißes Eisen anzufassen: nämlich innerhalb der Flüchtlingsszenen nach geeigneten Partnern zu suchen und bereit zu sein, sich selbst in diesem Prozess zu verändern. Der Soziologe Mark Terkessidis hat für diesen verändernden Kooperationsprozess den Begriff „Kollaboration“ gestärkt. Das heißt nicht, wie häufig im Bereich des Audience Development und der Kulturellen Bildung der Fall, Angebote bereit zu stellen, die für Bestehendes neue Zielgruppen gewinnen wollen. Es geht vielmehr um die Offenheit, das eigene Selbstverständnis zu hinterfragen und sich auf die Suche nach einem neuen „Community Building“ zu machen. Das bedeutet, den Mut zu haben, über künstlerische Positionen und Qualität zu streiten. Aktionen wie der Bau der „Ecofavela“ durch das Künstlerkollektiv Baltic Raw auf Kampnagel in Hamburg weisen in eine spannende Richtung. Hier werden die Ideen, Bedürfnisse, Positionen der Flüchtlinge miteinbezogen; es geht um eine „Community“, in der künstlerische Gespräche überhaupt erst entstehen können. Auf Kampnagel hieß das konkret: das Bauen einer Unterkunft, gemeinsam konzipiert mit Flüchtlingen, die als Wohn- und Kreativraum dient.

Leider ist zu beobachten, dass bei vielen Festivals und Bühnenproduktionen, die sich derzeit mit dem Thema beschäftigen, keine „Flüchtlinge“ im Publikum sitzen. Der Grund dafür ist nicht fehlender Wille, sondern fehlende Schnittstellen zu den entsprechenden Einrichtungen. Es mangelt an der Organisation der „Zwischenräume“ zwischen Kulturakteuren und sozialen Einrichtungen, zwischen Kultur- und Migrationspolitik.

Das Andere betonen oder das Gemeinsame?

Bislang hat sich das Kulturmanagement in Deutschland zu diesen Fragen nur marginal positioniert. Noch immer wird viel über interkulturelle Bezüge und Herausforderungen gesprochen, aber wenig (wissenschaftlich fundiert) über einen transkulturellen Agency-Ansatz, bei dem es nicht darum geht, verschiedene Kulturen irgendwie in Kontakt miteinander zu bringen, sondern darum, gemeinsame Plattformen für einen transkulturellen Austausch zu finden. Nicht die Aufmerksamkeit für das „Andere“ allein sorgt für Nähe, sondern gerade die Formulierung von Gemeinsamkeiten. Bei dem gemeinsamen Wissen anzusetzen, ist möglicherweise weniger spektakulär als Inszenierungen von Flüchtlingsbiografien auf der Bühne. Aber es führt zu einem längerfristig und tiefer gehenden Dialog. Diesen Dialog zu gestalten, zu begleiten, seine Potenziale und seinen Reichtum zu entdecken, zählt zu den großen gegenwärtigen Herausforderungen an das Kulturmanagement – mit der klaren Maßgabe, die eigenen Grenzen in diesem Prozess deutlich wahrzunehmen.

Für das Kulturmanagement bedeutet dies vor allem:

  • Potenzialanalysen von gleichwertigen Formen des Austausches mit Kreativen aus den Flüchtlingsszenen
  • Kollaborative künstlerische Prozesse mit Künstlern von „hier und dort“ in Gang zu setzen 

  • Aufbau von Kommunikationsstrukturen zur Migrationspolitik und zu den entsprechenden Flüchtlingsunterkünften 

  • Unterstützung bei der Qualifizierung von Multiplikatoren aus den entsprechenden Flüchtlingsszenen und den langjährig bestehenden Kulturvereinen in Deutschland (etwa aus Syrien, Irak, Tunesien etc.) 

  • Stärkung eines Kulturmanagements als „Zwischenraum-Management“9 

  • Handeln im Kontext von „Community Building“ und „Audience Empowerment“-Maßnahmen 


Ausblick

Kriege, Vertreibungen, ethnische und religiöse Konflikte bestimmen die politische Landkarte. Das führt zu gewaltigen Migrationsbewegungen, die einen dauerhaften Einfluss auf die europäischen wie außereuropäischen Gesellschaften haben werden. Für den Kulturbereich bedeutet dies, Kernkompetenzen deutlicher zu formulieren. Weder Theater noch Museen, noch soziokulturelle Zentren können in einem sozialen Sinn als Integrationsfaktoren wirken. Das muss ausdrücklich gesagt sein, um keine falschen Erwartungen zu wecken. Die Inanspruchnahme von Kunst für Integration bleibt ein illusionärer Wunsch, der bei allen Beteiligten nur zur Enttäuschungen führen kann. Kulturmanageriale Ansätze können auf sensible Weise Zwischenräume ausloten, bei denen Künstler und Kreative aus unterschiedlichen Kulturkontexten Neuland miteinander betreten. Diese Chance bietet der Dialog mit den Kulturschaffenden, die mit Flüchtlingsstatus in Deutschland leben. Ihre Kompetenz, ihr Wissen, ihre Sichtweisen kennen zu lernen, führt wesentlich weiter als die generalistischen Ansätze in der Kultur, sich mit dem Thema „Flüchtlinge“ ganz allgemein zu beschäftigen. Zielführender wäre eine neue Ausrichtung auf ein Audience Empowerment.

Prof. Dr. Gernot Wolfram arbeitet als Publizist und Kulturwissenschaftler in Berlin. Er lehrt Medien- und Kulturmanagement an der Macromedia Hochschule. Er ist zudem Referent zu Themen der Kultursoziologe an der Bundeszentrale für Politische Bildung in Berlin. 2014 veröffentlichte er gemeinsam mit Raphaela Henze das Buch „Exporting Culture. Which role for Europe in a Global World?“ Springer Verlag.

Dieser Beitrag erschien in ausführlicher Form zuerst im KM Magazin 5/2015.
 

Weitere Beiträge zu diesem Thema:


  • Einführung in Equity, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung im Kulturbereich
  • KM Magazin März 2014 zum Thema »Inklusion« 

  • Studie zu interkulturellem Audience Development in öffentlichen Kulturinstitutionen 

  • Konferenzbericht »Interkulturelle Parallelwelten« zur Jahrestagung des Fachverbands Kulturmanagement 2015 

  • Bericht zu Diversity Management im Kulturbetrieb
Gernot Wolfram
08.04.2016, Kristin Oswald
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