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22. August 2017

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Porträt

Nach dem Filmfestival ist vor dem Filmfestival. Ein Einblick in die österreichischen Filmfestivals Diagonale und Tricky Women

© The Airscreen Company (Christian Kremer) - Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

Jährlich ziehen 43 Filmfestivals über 250.000 BesucherInnen in die Kinosäle Österreichs. Sie können dabei auf ein vielfältiges Angebot zurückgreifen, das – wie die Diagonale in Graz oder Tricky Women in Wien – auch Filmprogramme umfasst, die eher im Nischenbereich anzusiedeln sind. Der Vergleich zeigt, dass beide Festivals trotz unterschiedlicher Größe und Ausrichtung mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

Dieser Beitrag gehört zur Reihe „Festivalmanagement“ von Kulturmanagement Network.

Das seit 1993 unter dem Titel Diagonale bestehende Festival hat sich auf den österreichischen Film spezialisiert. Sein Anspruch besteht darin, diesen in seiner ganzen Bandbreite darzustellen – seien es experimentelle und historische, Lang- und Kurzfilme oder Dokumentar- und Spielfilme. Seit 1998 findet die Diagonale jährlich in Graz statt, seit zwei Jahren wird sie zudem von einem Duo geleitet, Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber, die beide sowohl die Festivalleitung als auch die Geschäftsführung innehaben. Beiden ist es wichtig, die bestehende Qualität der Diagonale aufrecht zu erhalten und einen roten Faden durch das ganze Programm zu spinnen.

Abb. 1: Eröffnungsparty der Diagonale 2011 © Martin-Stelzl

Tricky Women wurde 2001 gegründet und seit Anbeginn von Waltraud Grausgruber und Birgitt Wagner kuratorisch sowie organisatorisch geleitet. Gezeigt werden Animationsfilme, die ausschließlich von Frauen produziert und gestaltet werden. Das Programm ist von politischen Filmen geprägt, die Themen weiblicher Lebensrealitäten in all ihren Facetten aufgreifen. Tricky Women zeigt Filme, die sonst vielleicht eher nicht auf einem Festival gezeigt werden, und ist aus der Nische Animationsfilm nicht mehr wegzudenken – vor allem als einziges Format mit einer dezidiert feministischen Ausrichtung.

Organisationstalente

Im Frühjahr, während die FestivalbesucherInnen noch von einem Kinosaal in den nächsten eilen, wird im Hintergrund bereits für das nachfolgende Jahr gearbeitet. Umso wichtiger ist es für die Festivalleitungen, eine funktionierende Struktur hinter sich zu haben, denn das Team schwillt während der Festivalzeit radikal an, um anschließend wieder radikal zu schrumpfen. Dabei bieten Filmfestivals in Österreich ca. 500 Personen einen Arbeitsplatz, der jedoch leider meist sehr prekär gestaltet ist, manchmal auch ohne Bezahlung.

Trotz dieser Schwierigkeit versuchen sowohl die Diagonale als auch Tricky Women eine gewisse Kontinuität beizubehalten, auch wenn sie ihr Team teilweise nur für die Festivalzeit beschäftigen können. „Wünschenswert ist, gleich nach einem Festival mit dem bestehenden Team weiterzuarbeiten, aber es bricht fast immer eine Säule weg“, bemerkt Sebastian Höglinger von der Diagonale und spricht damit auch den Wegfall von Wissen an sowie die Notwendigkeit, jedes Jahr neue MitarbeiterInnen einzuschulen. Während die Geschäftsführung der Diagonale, die auch für die Kuration zuständig sind, im Bereich der Organisation auf Unterstützung zurückgreifen kann, sind die Leiterinnen von Tricky Women für alle anfallenden Belange zuständig und können nur wenige Aufgaben auslagern. „Wir achten aber darauf, dass alle Beteiligten unserem Budget entsprechend bezahlt werden“, betont Waltraud Grausgruber.

Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber müssen zudem mobil sein, schließlich haben sie sowohl in Wien als auch in Graz ein Büro. Diese Aufteilung hat sich bewährt, denn so kann mit der in Wien angesiedelten Filmbranche und gleichzeitig mit dem Festivalort Kontakt gehalten werden. Ab dem Spätherbst, wenn das Team langsam wieder wächst, finden wöchentliche Teamsitzungen statt, bei denen die Kuratoren auf digitale Kommunikationskanäle setzen, die die Arbeit erleichtern. Auch auf einer kommunikativen Ebene macht die Aufteilung auf zwei Standorte Sinn: Von Wien aus erfolgt die Presse- und Redaktionsarbeit, hier finden sich auch die großen Medienhäuser Österreichs. In Graz ist die Marketing- und Sponsoringabteilung angesiedelt, die eng mit den lokalen Unternehmen zusammenarbeitet. „Diese Regionalität ist bewusst gewünscht. Wir möchten die regionale Szene ansprechen, mit lokalen Kulturvereinen und -Einrichtungen zusammenarbeiten“, so Peter Schernhuber. Eine Initiative, die sich auszahlt, und die durch die Auszeichnung des Projekts Diagonale #denktweiter bei der Green Events Austria Gala 2017 in der Kategorie Kulturveranstaltungen noch verstärkt wird.

Publikumsmagnete
Ausschlaggebend für den Besuch eines Filmfestivals ist die Möglichkeit, Filme zu sehen, die eher nicht im regulären Kinoprogramm zu finden sind, aber auch die Stimmung vor Ort, die thematische Ausrichtung und ein generelles Interesse für das Medium Film – so ergab eine vom Forum österreichischer Filmfestivals (FÖFF) durchgeführte Studie für das Jahr 2016. Sie benennt damit Eigenschaften, die auch auf die Diagonale und Tricky Women zutreffen.
Zentraler Festivaltreffpunkt von Tricky Women ist seit einigen Jahren das Metro Kinokulturhaus in Wien. „Es ist zwar etwas kleiner“, meint Waltraud Grausgruber, „jedoch kann so wirklich ein Austausch stattfinden. Und dann besteht auch die Möglichkeit, mit den anwesenden Künstlerinnen in Kontakt zu kommen, sich zu vernetzen und rege auszutauschen.“ Ergänzt wird dies durch ein Vermittlungsprogramm, das u.a. Workshops beinhaltet, in denen das Publikum selbst einen Trickfilm gestalten kann.

Abb 2: Das Metro Kinokulturhaus vor der Verleihung der Tricky Women Awards 2017 © Evelyn Rois

Mit wesentlich größeren Dimensionen hat es die Diagonale zu tun, die die gesamte Stadt Graz bespielt. „Graz hat eine funktionierende Innenstadt und die einzelnen Spielstätten sind zu Fuß erreichbar“, beschreibt Sebastian Höglinger die Vorzüge. Neben diesen Aspekten, die wesentlich zur Stimmung beitragen, ist es vor allem die Stadtpolitik, die das Filmfestival organisatorisch und finanziell unterstützt. Der Nachteil ist jedoch, dass das Archivmaterial mangels passender Projektoren nicht in allen Kinos gezeigt werden kann. Wünschenswert wäre deshalb, dass eine solche Kinoausstattung nicht auf Wien beschränkt bliebe.

Finanzprobleme

Die größte finanzielle Säule für alle Filmfestivals in Österreich stellen öffentliche Subventionen dar. Auf Planungssicherheit können die einzelnen Festivals jedoch trotzdem nicht bauen. Die Tendenz geht in Richtung vieler kleinerer Förderungen von unterschiedlichen Stellen – eine Fleckerlteppichfinanzierung.

„Wir haben seit zehn Jahren das gleiche Budget. Wenn uns dann eine Säule wegbricht, können wir nicht mehr so weiterarbeiten wie bisher“, beschreibt Waltraud Grausgruber die prekäre Situation von Tricky Women. Die Aufstellung der Finanzierung nimmt entsprechend viel Zeit in Anspruch, die dann bei den anderen Aufgaben eingespart werden muss. Eine Bewerbung für eine EU-Förderung wäre zwar vielleicht sinnvoll und könnte zu Erfolg führen, jedoch ist das Prozedere äußerst umfassend und kann aus Ressourcengründen nicht durchgeführt werden.

Auch die Diagonale kämpft jedes Jahr erneut um die Finanzierung, hat aber zu ihrem Vorteil ein besseres politisches Standing. Es ist von öffentlichem Interesse, dass es ein Festival des österreichischen Films gibt, und auch die Stadt Graz möchte, dass jährlich viele Menschen nach Graz kommt und die regionale Wirtschaft beleben. Feministische Festivals müssen sich da schon eher mit der Frage auseinandersetzen, ob sie denn überhaupt eine Relevanz besäßen. Dazu kommt die Schwierigkeit, Sponsoringgelder zu akquirieren, denn potentielle SponsoringpartnerInnen argumentieren oft, dass es doch sehr unfair sei, Männer auszuschließen.

Fazit

Mit Tricky Women und der Diagonale hat Österreich zwei Filmfestivals, die für Qualität stehen und jedes Jahr aufs Neue mit hohen Besuchszahlen rechnen können. Obwohl sie von außen wie temporäre Veranstaltungen wirken, wird im Hintergrund kontinuierlich bereits am Folgejahr gearbeitet bzw. das Vorjahr abgeschlossen. Trotz der inhaltlichen, strukturellen und organisatorischen Unterschiedlichkeit zeigen sich auf der organisatorisch-administrativen Ebene einige Gemeinsamkeiten, deren wohl größte gemeinsamer Nenner die Liebe zum Film, der Anspruch an qualitativ hochwertiges Kino und ein beständiges Ringen um Finanzierung sind. Letzteres sollte im Auge behalten werden, denn ein weiteres, großes Filmfestival, das Kino unter Sternen in Wien, hat verkündet 2017 wegen mangelnder Finanzierung nicht stattzufinden.

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Ulli Koch
07.08.2017, Julia Jakob
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