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20. Oktober 2017

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Bücher

Buchrezension: Kommunale Kulturpolitik. Strukturen, Prozesse und Netzwerke

Langfristiges Planen und selbstbestimmtes Arbeiten sind der Wunsch vieler Kulturmanager. Um ihre Vorstellungen in kommunale kulturpolitische Prozesse einzubringen, müssen sie die Mechanismen, Strukturen, Kommunikations- und Denkweisen der dortigen Akteure verstehen. Dafür bietet Kilian Lembkes Buch einen empfehlenswerten praxisnahen Einstieg.

Kulturpolitik fristet innerhalb der Politikwissenschaft nach wie vor ein Nischendasein, wenn auch das Interesse – insbesondere durch Nachwuchswissenschaftler – in den letzten Jahren zugenommen hat. Die Randstellung verwundert indes nicht, da die Beschäftigung mit vermeintlich „härteren“ Politikfeldern wie Wirtschafts-, Finanz‑, Sicherheits-, Umwelt-, Energie-, Gesundheits- oder Sozialpolitik bessere Startbedingungen für eine Karriere sowohl innerhalb der Wissenschaft als auch außerhalb bietet.

Kilian H. Lembke legt nun mit seiner 2017 im transcript Verlag veröffentlichten Dissertationsschrift einen wichtigen Beitrag zur Erforschung kommunaler Kulturpolitik mit politikwissenschaftlichen Methoden und theoretischen Ansätzen vor. Sein Untersuchungsgegenstand ist die Stadt Norderstedt, die, angesiedelt im Speckgürtel Hamburgs, zu den finanziell besser ausgestatteten Kommunen Deutschlands gehört. Wie dem Titel der Fallstudie zu entnehmen ist, intendiert die Arbeit die Ergründung von Strukturen, Prozessen und Netzwerken in der Kulturpolitik dieser Kommune. Die Gliederung orientiert sich am klassischen Aufbau einer empirischen Untersuchung: Auf begriffliche und einordnende Vorbemerkungen folgt eine Beschreibung der theoretischen und methodischen Konzeption, bevor die ausführlich Analyse und Diskussion der Ergebnisse zwei Drittel des Buches einnimmt.

Herangehensweise

Für die Untersuchung bedient sich Lembke theoretischer Elemente aus dem von Renate Mayntz und Fritz Scharpf konzipierten akteurzentrierten Institutionalismus. Dieser basiert auf der Annahme, dass Handlungen und Entscheidungen aus spezifischen Handlungssituationen, Akteurspräferenzen und -konstellationen sowie aus institutionellen Rahmenbedingungen hervorgehen, die sowohl ermöglichend als auch aus limitierend wirken können. Diesen Ansatz kombiniert der Autor mit der politikethnographischen Mikro-Policy-Analyse. Sie versucht die Funktionsweise von Politikfeldern anhand der eingeübten Gewohnheiten der beteiligten Akteure und deren Innenperspektive, durch z. B. längere teilnehmende Beobachtungen, zu verstehen. Der akteurzentrierte Institutionalismus gibt also das grobe Analyseraster vor, wobei aus dem reichhaltigen Angebot des analytischen Ansatzes vorwiegend auf Akteurstypen und -konstellationen und nur untergeordnet auf Interaktionsformen zurückgegriffen wird. Durch die Mikro-Policy-Analyse wird dagegen der Fokus auf Mikrostrukturen und -prozesse zur Erfassung der kleinteiligen politischen Praxis und des politischen Alltags gelegt.

Die Verbindung ist für den Untersuchungsgegenstand gut gewählt. Die Erkenntnisse können dabei neben Politik- und Kulturmanagementforschern auch Kulturschaffenden helfen, die Automatismen und Gewohnheiten von Kulturpolitikern zu verstehen. Gleichwohl hätte eine konsequentere und tiefgründigere Verzahnung beider Analyseansätze einen noch größeren Mehrwert bringen können; künftige Untersuchungen sollten daran anknüpfen.

Methodisch nähert sich Lembke dem Untersuchungsgegenstand über ein breites und gut abgestimmtes Fundament an, bestehend aus teilnehmender Beobachtung, Experteninterviews, qualitativ-quantitativer Netzwerkerhebung mithilfe des Net-Map-Verfahrens, Dokumentenanalysen und einer kleinen Primärdatenerhebung. Dabei stellt der Leitfaden der Interviews zwar eine Operationalisierung der Forschungsfragen dar. Allerdings bleibt unklar, inwiefern die Konzepte der theoretischen Ansätze konkret in der Erhebung genutzt wurden.

Für die Experteninterviews wurden zehn kulturpolitische Akteure ausgewählt, „die sich als zentrale Akteure des kulturpolitischen Netzwerks durch teilnehmende Beobachtung und eine Wortführeranalyse“ (S. 83) herausgestellt haben – sechs Mitglieder des Kulturausschusses sowie vier Leitungspersonen von drei öffentlich-kommunalen Kulturakteuren und einem Kulturverein. Die Auswahl nach dem Kriterium der Relevanz ist nachvollziehbar, gerade weil Lembke eine Kommune mittlerer Größe untersucht und sich vornehmlich auf die inneren, kleinteiligen Prozesse und Strukturen des Kernnetzwerks konzentriert. Dennoch ist zu bedenken, dass sich aufgrund der Verbindung der Relevanz mit der vergleichsweise geringen Größe der Stichprobe nur die Wahrnehmung eines engen kulturpolitischen Kerns zeigt. Die ergänzende Einbeziehung eines größeren Spektrums von Vertretern weiterer Akteursgruppen des kulturpolitischen Netzwerks hätte die Aussagekraft und die Reichweite der Ergebnisse erhöht.

Erkenntnisse

Die konzise geschriebene und flüssig zu lesende Untersuchung bestätigt wesentliche Erkenntnisse kulturpolitischer Studien: Kulturpolitik ist vornehmlich fiskalisch orientiert und zeichnet sich durch eine aktive Verwaltung und eine passive politische Volksvertretung aus. Die Verwaltung fungiert als Scharnier zwischen geförderten Einrichtungen und den politischen Vertretern der Kommune. Sie fungiert dabei als Bezugspunkt für beide Akteursgruppen, die sonst kaum kommunikative Verbindungen oder Kooperationen aufweisen.
Das Politikfeld vereint Akteure mit unterschiedlichen begrifflichen Verständnissen (siehe z. B. das Spektrum zwischen weitem und engem Kulturbegriff). Dies spiegelt sich allerdings nicht in einer aktiven Gestaltung oder in der Kultur(förder-)praxis wider. Zudem bestimmt ein Netzwerkkern weniger zentraler Politikakteure den Diskurs, akkumuliert politische Macht und zeigt sich resistent gegenüber strukturverändernden Impulsen, Ansätzen und Diskussionen. Für die kommunale Ebene ist zudem der Befund interessant, dass der Oberbürgermeister, obwohl er oberflächlich nicht im kulturpolitischen policy-Netzwerk aktiv ist, im Hintergrund die Fäden zieht und eine sehr relevante Rolle in der Politikformulierung und Prozesssteuerung besitzt.

Fazit

Die sehr lesenswerte Studie Lembkes, die sich sowohl an Studierende und Forschende aus der Politikwissenschaft als auch an Praktiker aus Kulturpolitik und Kulturmanagement richtet, eröffnet eine Forschungsperspektive, die hoffentlich von weiteren Forschenden aufgenommen wird. Kulturpolitik ist ein lohnendes Forschungsfeld, insbesondere da noch unzählige weiße Flecken auf Untersuchungen warten und sich adäquate methodische und theoretische Zugänge noch in der Erprobungsphase befinden. Lembke formuliert dementsprechend in seinem Ausblick, dass „eine Diskussion und kritische Analyse“ (S. 209) seines methodischen Vorgehens und theoretischen Ansatzes notwendig seien, dass ein vergleichendes Forschungsdesign für weitere Untersuchungen wünschenswert sei und dass eine detaillierte Kulturstatistik als Datengrundlage für Forschungsarbeiten wie auch für politisches Handeln unabdingbar sei.

Michael Flohr ist Politikwissenschaftler und promoviert an der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt zur Kulturpolitik in Thüringen.

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Michael Flohr
06.10.2017, Julia Jakob
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