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19. November 2017

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Hintergrundbericht

Innovative Museums- und Besucherforschung

© Draiochtanois - Fotolia.com

Am Beispiel des Schweizerischen Nationalforschungsprojektes eMotion. Ein Beitrag von Martin Tröndle (1), Korrespondent, mt@kulturmanagement.net und Volker Kirchberg (2), Stéphanie Wintzerith (3), Karen van den Berg (4), Steven Greenwood (5)

eMotion – mapping museum experience ist ein transdisziplinäres Forschungsprojekt in den Bereich Besucher- und Museumsforschung, Medienkunst und Kunstforschung sowie der kunstwissenschaftlich-kuratorischen Praxis. Im Zentrum des Interesses steht die Wirkung des Museums und seiner Objekte auf das Erleben der Museumsbesucher. Es vereint Psychologen, Soziologen, Kunsttheoretiker, Besucherforscher, Museumspraktiker, Künstler sowie Kunst- und Kulturmanager. eMotion ist ein Forschungsprojekt des Instituts für Design- und Kunstforschung der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW. Es wird durch den Schweizerischen Nationalfonds und Ubisense gefördert. 

Momente der Kunstwerdung 
eMotion bewegt sich im Wirkungsdreieck von Kunstgegenstand, Kunstbetrachter und Rezeptionskontext. Die Interdependenzen dieser Momente werden seit Beginn der theoretischen Auseinandersetzung mit der musealen Präsentation von Kunst aus unterschiedlichen Perspektiven erörtert. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr hierbei seit der idealistischen Kunsttheorie das Verhältnis von Kunstwerk und Betrachter. Der Betrachter wurde zunehmend nicht mehr als rein passiver Rezipient, sondern als aktiver Gestalter des Kunstereignisses angesehen, der Rezeptionsvorgang selbst nicht mehr linear und statisch, sondern mehrdimensional und dynamisch; die »Kunstwerdung« (Boris Groys) ereignet sich im Moment der Rezeption. (6) Die »Kunstwerdung« kann als die sich im Moment, individuell ereignende Produktion von »sinnlichem Sinn« (Gottfried Boehm) beschrieben werden. (7) Diese Produktion von sinnlichem Sinn (Gumbrecht führt auch den Begriff der Präsenz ein, um einen Paradigmenwechsel weg von der hermeneutischen »Sinnkultur« hin zu einer »Präsenzkultur« zu vollziehen. (8) stellt sich beim Museumsbesuch von Zeiten ein. Man geht durch die Räume, vorbei an einigen Werken die einen scheinbar »kalt« lassen und plötzlich bleibt man stehen, ist verwundert und gefangen von der Erfahrung des Werkes. Um diese flüchtigen Momente der Kunstwerdung, also das »Kraftfeld Museum« besser zu verstehen, werden im Rahmen des Projekts neuartige Erhebungs- und Darstellungsmethoden angewandt und miteinander kombiniert. Dazu werden eigens bild- und tongebende Verfahren entwickelt und der Katalog bisher üblicher sozialwissenschaftlicher Erhebungsmethoden und Darstellungsformen erweitert. Wissenschaftliche und künstlerische Forschungs- und Darstellungsmethoden ergänzen sich gegenseitig. Zur Anwendung kommen die Tracking-Technologie, die Messung der Herzrate und des Hautleitwerts, das Experiment, empirische Erhebungsmethoden sowie die Sonifikation und die Installation. 
 
Was passiert 
Museumsbesucher, die an dem Projekt teilnehmen wollen, erhalten mit ihrer Eintrittskarte ein Armband, das verschiedene Messgeräte enthält. Damit wird u.a. der Weg aufgezeichnet, den der Besucher geht; wie lange er vor einem Objekt stehen bleibt; die Gehgeschwindigkeiten; wann und wie stark er emotional angesprochen und wann und wie stark er kognitiv angesprochen wird. Diese quantitative Datenmenge wird durch individualisierte, qualitative Befragungen ergänzt, um eine angemessene Interpretation des Datenmaterials zu ermöglichen. Zudem werden verschiedene Interventionen im Museum als künstlerisch-wissenschaftliche Experimente durchgeführt. 
 
Transdiziplinarität als Prinzip 
Jürgen Mittelstraß versteht Transdisziplinarität als ein Forschungs- und Wissenschaftsprinzip, das »... überall dort wirksam wird, wo eine allein fachliche oder disziplinäre Definition von Problemlagen und Problemlösungen nicht möglich ist bzw. über derartige Definitionen hinausgeführt wird« (Mittelstraß 2005). Solch ein Wissenschaftsprinzip scheint für Kunst- und Kulturmanagements mit seiner Praxisorientierung besonders geeignet. Denn die praktischen Probleme des Kunst- und Kulturmanagements halten sich zumeist nicht an die engen Grenzen wissenschaftlicher Disziplinen. Transdisziplinarität bedeutet, dass Ansätze, Methoden und Anregungen aus den anderen Disziplinen die eigene Denkweise beeinflussen, zum Nachdenken/Hinterfragen anregen und letztlich zu neuen, gemeinsamen methodischen Lösungen führen. Methodische Anreize entstehen im Team, mit denen die »routine-Methoden« der Besucherforschung hinterfragt werden können. Die Rahmenbedingungen und Anforderungen des Projektes sowie die erwarteten Ergebnisse, die den Forschungspartnern für die Auswertung zur Verfügung stehen sollten, sind eine Herausforderung. Die Verknüpfung der drei Datenquellen Ortung/Emotionen&Kognition/Fragebögen stellt die Besucherforschung vor einer neuen Aufgabe. Die Auswertung der Daten insbesondere öffnet neue Perspektiven, für die ebenfalls methodische Überlegungen und Weiterentwicklungen notwendig sind. 
 
Zudem begreift transdisziplinäres Arbeiten die Künste und die Wissenschaften als je unterschiedliche, aber gleichrangige Formen der Wissensproduktion und macht Methoden der Kunstforschung für Erkenntnisprozesse fruchtbar.(9) Transdisziplinarität bedeutet, den methodischen Pluralismus zu integrieren, künstlerische und wissenschaftliche Erkenntnis- und Darstellungsweisen zu verbinden – dies erscheint insbesondere für das Kunst- und Kulturmanagement ein gewinnbringender Pfad. 
 
Der künstlerische Forschungsanteil von eMotion ist von der Interaktiven Kunst, der Performance, der Medienkunst und der Sound Art geprägt. Aus der Perspektive der Design- und Kunstforschung interessieren bei eMotion vor allem die Prozesse der bild- und tongebenden Verfahren und deren Nachvollziehbarkeit. Bei dem verfolgten transdisziplinären Forschungsansatz geht es nicht primär darum, ein Kunstwerk zu schaffen, sondern die künstlerischen Methoden zur Erforschung und Repräsentation im Bereich der Museumsforschung und den Methoden und Bedingungen des Ausstellens und Zeigens zur Anwendung zu bringen. Kunstforschung führt Entwurfskompetenzen und wissenschaftlichen Diskurs in einem forschenden Prozess zusammen: Entwurf wird zur Methode, um Unsichtbares und Flüchtiges erfahrbar und gleichzeitig produktiv für Designinnovationen zu machen. Durch die Methoden der Kunstforschung soll das sozialwissenschaftlich-empirische Methodenrepertoire erweitert und ergänzt werden. 
 
Erwartete Resultate 
Aus Sicht der Besucherforschung ist die Aufnahme der Emotionen bahnbrechend. Die Museumssoziologie der letzten Jahre (empirisch ausgerichtet v.a. im anglo-amerikanischen Raum) spricht zwar von der Bedeutung »object experience«, »cognitive experience«, »social experience«, und »introspective experience«, Wert wird aber vor allem auf die »cognitive experience« und die »social experience« gelegt. Die ästhetische Erfahrungen, also die »Momente der Kunstwerdung« sind zwar schon von Museumssoziologen zum Thema empirischer Studien gemacht worden, können aber mit dem entwickelten Methodeninstrumentarium weitaus differenzierter analysiert werden als dies bisher je möglich war. 
 
Die Resultate dieser multidisziplinären und multimethodischen Studie können zu einer ganzheitlichen Darstellung der Wechselwirkungen von Kunst und Rezipienten führen, die sowohl Relationen zwischen Exponat und Rezipient wie auch zwischen Rezipient und sozialen Kontexten (Erfahrungen, Erwartungen und andere Kontextvariablen) umfassen. Damit würde die Rezeptions- und die Besucherforschung ihre disziplinären Ghettos verlassen und artifizielle disziplinäre (psychologische vs. soziologische vs. kunsttheoretische) Grenzen der Betrachtung dieses Forschungsthemas verlassen. Zudem kann diese Studie für die (angewandte) Museumslandschaft exemplarisch zeigen, dass Besucherstudien weitaus mehr sein können (und sollten) als eine (allein marketingrelevante) Abfrage typischer sozio-ökonomischer und medienrelevanter Informationen. 
 
eMotion ermöglicht Kuratoren und Kunsttheoretikern ein vertieftes Verständnis für die Wirkungsweise von Kontext und Werk im Museum. Das Forschungsprojekt liefert Erkenntnisse für eine nachhaltige Kunstvermittlung und das Museumsmanagement. 
 
Die Durchführung der Feldforschung findet vom 4. Juni 2009 bis zum 12. Juli 2009 im Kunstmuseum St. Gallen statt.
 
 
1 Projektentwicklung und –leitung, Institut Design- und Kunstforschung, Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel 
2 Lehrstuhl für Kulturvermittlung und Kulturorganisation, Leuphana Universität Lüneburg & Basica Forschungsinstitut 
3 Besucherforscherin, Karlsruhe 
4 Lehrstuhl für Inszenatorische Praxis, Zeppelin University Friedrichshafen 
5 Medienkünstler, Institut Design- und Kunstforschung, Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel 
6 Im 20. Jahrhundert knüpfen die einflussreichsten Rezeptionstheorien der unterschiedlichen geisteswissenschaftlichen Disziplinen an dieser Grundannahme des konstruktiven Kunstrezipienten an: im Bereich der Kunstgeschichte z.B. Erwin Panofsky 2002, Wolfgang Kemp 1992 und Boris Groys 1999 unter den Soziologen vor allem Pierre Bourdieu 1991 und 1999, in der Kunstphilosophie z.B. Umberto Eco 1973. 
7 Boehm, Gottfried (1980): Bildsinn und Sinnesorgane. In: Neue Hefte für Philosophie, Nr. 18/19, S. 118- 132. 
8 Gumbrecht, Hans Ulrich (2004): Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz, Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Martin Tröndle, Volker Kirchberg, Stéphanie Wintzerith, Karen van den Berg, Steven Greenwood
21.01.2009, Birgitta Borghoff
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