14.10.2020

Buchdetails

Das subjektive Museum: Partizipative Museumsarbeit zwischen Selbstvergewisserung und gesellschaftspolitischem Engagement
von Susanne Gesser, Nina Gorgus, Angela Jannelli
Verlag: Transcript Verlag
Seiten: 234
 

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Autor*in

Cindy Bleser
studierte u.a. Kunstgeschichte und Kulturmanagement in Trier, Paris und Hamburg. Sie hat in diversen Museen als freie Mitarbeiterin in der Kunstvermittlung und als Journalistin gearbeitet und liebt es, andere für neue Kulturprojekte zu begeistern. Zurzeit ist sie in der Kulturkommunikation tätig.
Buchrezension

Das subjektive Museum

Der partizipative Ansatz in der Museumsarbeit ist kein neues Phänomen und wird dennoch weltweit sehr unterschiedlich ausgelegt. Welche Erfahrungen Museumsschaffende dabei machen, diskutiert "Das subjektive Museum" mit Blick auf die portugiesisch-brasilianische Soziomuseologie.
 
Subjektivität und Partizipation

Die Publikation, herausgegeben von Susanne Gesser, Nina Gorgus und Angela Jannelli und 2020 bei transcript erschienen, basiert auf Beiträgen der internationalen Tagung "The Subjective Museum? The impact of participative strategies on the museum". Diese fand vom 26. bis 28. Juni 2017 im Historischen Museum Frankfurt in Kooperation mit der  Universität Lusófona in Lissabon statt. Der Titel des Sammelbandes bringt zum Ausdruck, dass es sich bei Museen keineswegs um objektive Institutionen handelt, denn letztendlich beruht die Museumsarbeit auf einzelnen subjektiven Entscheidungen von Kurator*innen und weiteren Museumsmitarbeiter*innen. "Das subjektive Museum" will aber zeigen, dass diese Subjektivität auch auf andere Perspektiven außerhalb des Museums ausgeweitet werden kann, wenn in partizipativen Projekten auch andere Stimmen laut werden.

Dazu werden partizipative Museen und Ausstellungen aus Europa (Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien, Schweden und den Niederlanden) sowie die Position der Soziomuseologie aus Portugal und Brasilien besprochen und um Statements anderer europäischer Museumspraktiker*innen ergänzt. Die Publikation konzentriert sich dabei hauptsächlich auf stadtgeschichtliche und kulturhistorische Museen, die sich allein von ihrer Ausrichtung her für partizipative Ansätze mit Beteiligung der Bevölkerung eignen. Die Beiträge werden vier großen Oberkapiteln zugeordnet:

1. Museen und ihre gesellschaftliche Relevanz,
2. Kulturerbe aushandeln. Bedingungen und Akteur*innen,
3. Partizipative Museumsarbeit und lokale Identität und                      
4. Subjektives Resümee und Ausblick.
Es gibt unterschiedliche Interpretationen des Begriffes "Partizipation". So fassen ihn die Beiträge des Sammelbandes mit einem sehr hohen Grad der Beteiligung auf. Dabei lösen sich Besucher*innen aus ihrer passiven Rolle als Rezipienten und beteiligen sich als aktiv Mitgestaltende an musealen Auswahl-, Vermittlungs- und Gestaltungsprozessen.          
      
In Deutschland wurde erstmals in den 1970er Jahre die Forderung nach "Kultur für alle" laut. Die sogenannte Neue Museologie war gekennzeichnet durch eine Ausweitung und Diversifizierung von Museumsangeboten, besonders mit pädagogisch-didaktischer Ausrichtung. Es wurde auch verstärkt die direkte Mitwirkung der lokalen Bevölkerung gefordert. Exemplarisch für diese Entwicklung weltweit sind die Nachbarschaftsmuseen in den USA, die Community-Museen in Südamerika und vor allem das damals in Frankreich entwickelte "Ecomuseum". Allen ist gemeinsam, dass die musealen Aktivitäten in die lokale Gemeinschaft integriert sind und dazu beitragen sollen, die lokale Entwicklung zu fördern, also die Museumsarbeit insgesamt zu demokratisieren.

Eine Stadt aus der Sicht ihrer Bewohner*innen

Die Herausgeberinnen des Bandes gehen zunächst von ihrer eigenen Arbeit im Historischen Museum in Frankfurt (HMF) aus. Bereits in den 1960er-Jahren experimentierte dieses mit innovativen Ansätzen in der Museumsarbeit. Der damalige Museumsdirektor wollte das Museum mit einer neuen Dauerausstellung zu einer "Bildungsstätte für alle Schichten" machen. Das Museum wollte dabei einen kritischen Blick auf die Geschichte werfen und bezog auch normalerweise ausgelassene Themen wie Arbeitergeschichte, Alltagskultur und persönliche Biographien mit ein. In der "Frauen-Ausstellung" von 1980 standen im HKMF erstmals Teilhabe und Partizipation im Vordergrund.

Von 2008 bis 2017 fand im HMF eine umfassende Neukonzeption vom Fachmuseum für Geschichte hin zum Stadtmuseum für seine Bewohner*innen statt, das individuelle Perspektiven auf die Stadt integriert. Das Museum verfügt mit "Frankfurt Jetzt!" über eine ca. 600 Quadratmeter große Fläche für wechselnde Stadtlabor-Aktivitäten. In diesen realisiert es zusammen mit Frankfurter*innen Ausstellungen und Projekte, die zeigen, wie diese ihre Stadt sehen und erleben.

Überhaupt spielen vor allem subjektive Erfahrungen und Emotionen der Beteiligten eine Bedeutung in der partizipativen Museumsarbeit, die so zur Beziehungsarbeit wird. Angela Jannelli macht in ihrem Text klar, dass emotionale Betroffenheit eine große Motivation für die Beteiligung an einem partizipativen Projekt sei, führt dazu jedoch keine konkreten Beispiele auf.

Die Position der Soziomuseologie
 
2016 erhielt das HMF eine Förderung durch das Programm "Fellowship Internationales Museum" der Kulturstiftung des Bundes. Im Rahmen dieses Programmes konnte die brasilianische Museologin Érica de Abreu Gonçalves, die an der Lusófona Universität in Lissabon promovierte, 18 Monate am HMF arbeiten und die partizipative Arbeit des Museums untersuchen. In diesem  Kontext wurde auch die internationale Tagung mit einem starken Fokus auf der brasilianischen Position der Soziomuseologie organisiert.

Mário Moutinho und Judite Santos Primo von der Universität Lusófona erklären die Soziomuseologie in ihrem Beitrag als "eine interdisziplinär angelegte und prozesshaft funktionierende Praxistheorie, die gesellschaftliche Veränderung zum Ziel hat." Das Museum ist dabei ein politischer Akteur der gesellschaftlichen Entwicklung und integriert eine lokale Community mit deren Ansichten und Problemen in die Museumspraxis. Die Museen entwickeln sich damit weg von der traditionellen Museologie mit Ausstellungen basierend auf historischen Objekten.

Dass eine solche Entwicklung nicht ohne Konflikte einhergeht, schildert Marcelo Cunha: Erinnerungen und Repräsentationen der schwarzen Bevölkerung in San Salvador de Bahia in Brasilien werden von Museen oftmals unzureichend dargestellt, indem Geschichten von Gewalt, Rechtlosigkeit und Widerstand ausgeklammert werden. Die Soziomuseologie könnte dabei helfen, die stereotypen Bilder zu überdenken und zu neue Ausstellungsformen anzuregen.

Gemeinschaftsbasierte Projekte

Im Oberkapitel "Partizipative Museumsarbeit" geht es um konkrete Umsetzungen der Teilhabe von Bürgern in Stadt- und Regionalmuseen. Nina Gorgus geht noch einmal im Detail auf die frühen subjektiven Museumspraktiken am HMF ein. Für die Ausstellung "Frauenalltag und Frauenbewegung 1890-1980" wurde zum Beispiel erstmals die Methode der "Oral History" angewandt, indem die persönlichen Erinnerungen von Zeitzeuginnen miteinbezogen wurden. Åsa Stenström beschreibt das Västerbottens Museum in Schweden als ein regionales Haus, in dem jeder Einzelne mit seinem lebenslangen "subjektiven Rucksack" an Geschichten und Gefühlen zur Sammlung beitragen kann. Das Museum stellte bei einer Analyse seiner Sammlungen fest, dass die ausgestellten Objekte zwar viele messbare Daten hergaben, aber dass es durch ein Fehlen an persönlichen Erinnerungen und Erfahrungen keine subjektive Kontextualisierung dieser Objekte gab. Für das erste partizipative Projekt "Das demokratische Museum" im Jahr 2003 involvierte das Museum die lokale Bevölkerung bei Fragen, zu denen es im Archiv keine Antworten gab. Seit 2015 läuft das Projekt "Priorität: Minorität", dass sich um die Sicht von schwedischen Minoritäten auf die Gegenwart dreht. Eine Ausstellung dazu, die im November 2017 eröffnet wurde, bestand zunächst aus einem fast leeren Raum und wurde erst nach und nach mit Erinnerungen und Objekten der Minoritäten gefüllt.

Andere Museen und Projekte gehen noch weiter und nutzen den partizipativen Ansatz, um kulturhistorische und politische Gegebenheiten anzuprangern. Die Jamaikanerin Imani Tafari-Ama war ebenfalls Fellow im Rahmen des Programmes "Fellowship Internationales Museum" und dabei Kuratorin einer Ausstellung im Schifffahrtsmuseum Flensburg. Sie zeigt das verdrängte koloniale Erbe der Stadt Flensburg im Rumhandel auf und fordert darüber Wiedergutmachungen für die Nachfahren der ausgebeuteten afro-karibischen Sklaven. Die Museologin Giuliana Tomasella berichtet von einem Museum in der Favela in Brasilien, das auf Eigeninitiative der Bevölkerung entstand und als Ort der Erinnerung, aber auch des Widerstandes zu sehen ist.

Fazit

Die Publikation dreht sich um die Reflexion der Bedeutung von Subjektivität im Museum. Da Subjektivität unterschiedliche individuelle Positionen meint und damit sehr breit gefächert ist, wäre es interessant gewesen, auch die Grenzen der Subjektivität zu diskutieren. Die Statements liefern zusätzliche Reflexionen über den Begriff, wirken aber trotz interessanter Perspektiven zum Teil sehr losgelöst von den Hauptkapiteln.

Außerdem bleibt eine der Eingangsfragen, inwieweit Museen ihre Deutungshoheit und Professionalität zugunsten von Subjektivität aus dem Publikum aufgeben, ungeklärt. Wenn das Fellowship-Projekt und die Tagung dem HMF zudem dabei helfen sollten, ihre eigene Position zu überprüfen, so wäre drei Jahre danach in dieser Publikation eine Reflexion über mögliche Auswirkungen der Beiträge auf die weitere Arbeit im Museum wünschenswert gewesen.

Reflexion ist überhaupt das passende Stichwort: Ein Großteil der Beiträge reflektiert die Partizipation nur theoretisch und zählt Projekte auf, stellt sie aber nicht anschaulich genug dar. Erst zum Schluss werden einige konkrete Umsetzungen mit interessanten Beispielen vorgestellt, die soziale Mission und Verantwortung der Museen aufzeigen.

Als guter Überblick über internationale Positionen der Partizipation ist die Publikation wichtig und empfehlenswert. Ebenso dient sie als deutschsprachige Einführung in die bisher wenig bekannte Soziomuseologie.

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