05.02.2021

Themenreihe Digitale Formate

Autor*in

Louise Engel
studierte Wirtschaftswissenschaften in Stuttgart und war im Marketing sowie im Innovations- und Projektmanagement verschiedener Organisationen tätig. Aktuell studiert sie Kultur- und Medienmanagement in Hamburg, bewegt sich zwischen Klassik, Pop und zeitgenössicher Musik und wünscht sich eine offenere und inklusivere Kulturlandschaft.
Isabel Neuendorf
hat ihren Bachelor of Arts in Kunstgeschichte mit Rechtswissenschaften im Nebenfach an der Universität Bonn absolviert. Nach Stationen im Registrar- und Ausstellungsmanagement studiert sie jetzt im Master Kultur- und Medienmanagement an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Ihre Schwerpunkte liegen im Bereich Kommunikation, Institutionsanalyse und Strategie.
Lehren aus der Corona-Pandemie

Bildschirm statt Bühne

Die Coronakrise hat deutlich gemacht, dass Kultur im digitalen Raum durchaus Platz hätte. Einiges davon funktioniert bereits gut, manches ist jedoch noch ausbaufähig. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Themenreihe Digitale Formate

Mit dem ersten coronabedingten Lockdown im März 2020 wurde für die Kulturbranche der Pause-Button gedrückt. Für Kulturbetriebe und Künstler*innen stellte sich dabei die Frage: Wie können sie dennoch weiter künstlerisch aktiv sein und Kontakt halten mit Publikum, Fans und Kulturbegeisterten? Schnell verlagerten sich viele Kulturangebote in den digitalen Raum und Streaming war häufig das Mittel der Wahl. Doch wie hat das die Kulturrezeption in der Corona-Krise verändert? Mit welchen Herausforderungen sehen sich Publikum, Künstler*innen und Kulturbetriebe konfrontiert? Und wie werden digitale Kulturangebote von den Nutzer*innen angenommen? Dazu haben wir einige Eindrücke gesammelt.

Unersetzbar? Der Live-Moment

Seien es Schwingungen von realen Instrumenten, die körperliche Erfahrung, das Tanzen auf einem populären Konzert, die Gemeinschaft mit anderen Zuschauer*innen und der Kontakt zwischen Publikum und Künstler*innen, die Betrachtung des Originalwerks, die Atmosphäre eines Raumes - all das kann ein analoges Kulturerlebnis charakterisieren. Dieses beginnt jedoch schon früher, etwa: bei der Fahrt zum Museum, dem Fertigmachen vor dem Theater oder dem Anstehen vorm Einlass. Bei digitalen Kulturan- geboten fällt für viele der befragten Nutzer*innen daher ein Gefühl weg, das man schwer in Worte fassen kann: der Live-Moment. "Aufführungen leben von der Möglichkeit der Zuschauer*innen, auf der Bühne Dinge zu entdecken - das ist bei Streams weniger gegeben", so ein*e Nutzer*in über Theaterstreams. Ein*e andere*r Befragte*r kritisiert außerdem, Streams würden die Eindrücke einer Theaterproduktion oder eines Konzerts verzerren.

Kulturschaffende sprechen währenddessen von Atmosphäre, Aura und Gemeinschaft, die im Zuge des analogen Besuchs von Ausstellung, Theater oder Konzert das Erlebnis prägen. Sie berichten von der immensen Bedeutung der Visitor Journey bei analogen Veranstaltungen und geraten ins Schwärmen, wenn sie über die magische Macht des Live-Moments sprechen. So auch der Trompeter Simon Höfele: "Ich rede nicht einfach nur von dem Fakt, wie viele Leute applaudieren oder ob es euphorisch ist oder nicht, sondern wenn man beispielsweise auf die Bühne kommt und merkt, ob die Stimmung gut ist oder nicht, bevor man einen einzigen Ton gespielt hat.” Um im digitalen Raum eine Alternative für diesen magischen Moment zu schaffen, formulierte Alina Buchberger, Dramaturgin auf Kampnagel in Hamburg, die Frage: "Wie kann man sich nahe fühlen, trotz dieses Bildschirms, der uns trennt?"
Dass es sich für Kulturschaffende lohnt, darauf individuelle Antworten zu finden, zeigt ein Blick auf die Vorteile digitaler Kulturangebote für sie und das Publikum. Formen von Barrierefreiheit und Zugänglichkeit können etwa im digitalen Raum durch die Natur des Formats besser gewährleistet werden: Viele Nutzer*innen schätzen die Möglichkeit, sich Streams und Ausstellungen anzuschauen, wo und wann sie wollen, sie flexibel in den eigenen Alltag einzubinden, ohne am Ort des Geschehens zu sein. Durch Untertitel im Stream können auch Hörgeschädigte an Theater teilhaben und virtuelle Ausstellungen können für Gehbehinderte den Zugang zur Kunst erleichtern. Auch für Kulturschaffende eröffnet die Flexibilität des digitalen Raumes neue Perspektiven durch digitale Kollaborationen. So berichtet Simon Höfele: "Beispielsweise kann man mit jemandem zusammenspielen, der sich in Miami oder Singapur befindet. Gerade dadurch bekommt die Klassikbranche sicher einen sehr heftigen Schub in die richtige Richtung, was Digitalisierung, neue Konzertformate oder einfach frische Ideen angeht."

Nicht trivial: Die technische Ausstattung

Damit diese Vorteile der Streaming-Angebote jedoch wirklich ausgeschöpft werden können, brauchen sowohl die Nutzer*innen als auch die Künstler*innen und Kulturbetriebe eine entsprechende technische Ausstattung.

Von Nutzer*innen wurde dabei oft bemängelt, dass beispielsweise unvorteilhafte Schnitt- und Kameraperspektiven bei Konzert- oder Theaterstreams das Erlebnis beeinträchtigen, oder Bild- und Tonqualität nicht ihren Ansprüchen an Kulturgenuss entsprechen. Auch bei virtuellen Ausstellungen waren technische Aspekte Teil der Kritik: "Das Kunstwerk ist immer nur so groß, wie mein Computerbildschirm" ist ein praktisches wie einleuchtendes Problem. Generell sollten sich  Kulturschaffende  dessen  bewusst sein, dass die technische Umsetzung durchaus die Wahrnehmung der Kunst prägt und verändert. Auch der Aspekt der Barrierefreiheit und des breiteren Zugangs spielt in diese Beobachtung mit rein: Für den optimalen Kulturgenuss sind für das Publikum die richtige Ausstattung an technischen Endgeräten, sowie ein leistungsfähiger Internetanschluss unerlässlich.

Für Kulturschaffende bedeutet das, technische wie fachliche Hürden gleichermaßen zu überwinden. Dabei fielen gerade bei den untersuchten Kulturbetrieben die zahlreichen Vernetzungen auf vertikaler und horizontaler Ebene innerhalb der Organisation auf. Digitale Kulturangebote und Kommunikation erfordern starke Teams mit entsprechendem Know-how, zusätzliche finanzielle Ressourcen und ausreichend Zeit, sowie einen soliden internen Dialog - einzelne Mitarbeiter*innen des Hauses können das allein nicht stemmen. Dabei ist auch die juristische Komponente hinsichtlich urheberrechtlichen Fragen, der Verwertung und der Speicherung von Daten, elementar. Benjamin Doum, Online-Redakteur der Bundeskunsthalle, berichtete im Frühjahr 2020 von der Herausforderung, als Ausstellungshaus einen 360° Grad Rundgang anzubieten. Rechtliche Fragen zu Sonderausstellungen mit externen Leihgaben seien dabei nicht nur zeit-, sondern auch kostenintensiv.

Für Solokünstler*innen stellt das Streamen jedoch noch eine ganz besondere Herausforderung dar. Ihre Streams sind häufig eine One-Person-Show, bei der sie zusätzliche Rollen wie Moderation und Technik übernehmen. Entsprechend müssen sie während des Streams auf die Technik vertrauen, wie einige Musiker*innen berichten.

Darauf kommt es an: Der Mehrwert

Unstrittig ist, dass digitale Kulturangebote nicht erst seit der Corona-Pandemie entwickelt werden. Doch durch den Lockdown und der neuen Dringlichkeit, Kultur zumindest vorübergehend ausschließlich digital zu leben, schien das Angebot digitaler Kulturangebote schnell aus allen Nähten zu platzen. Fast jede Kulturinstitution streamte und die Posting-Frequenz schoss in die Höhe. Doch was treibt Künstler*innen und Kulturbetriebe an, ihren Teil zum aktuell immensen Angebot an Kultur-Streams beizutragen? Demian Kappenstein, Schlagzeuger des Duos ÄTNA schätzt daran, "dass man das, was man sonst macht, nämlich Musik aufnehmen und Musik für Menschen spielen, irgendwie weiter machen kann." Man bleibe in der Tätigkeit und "roste als Spielender nicht ein". Auch Sam Baisch, Bassist der Band Rikas, unterstreicht die Bedeutung des Kontakts mit Fans und Publikum, der durch Livestreams aufrechterhalten werden kann: "Eine Aktion, um  eine Nähe zu den Fans zu finden." Christoph Koch, Leitung Presse bei der Bayerischen Staatsoper und Projektleiter des Streaming Formats STAATSOPER.TV, kommentiert diesen digitalen Kontakt wie folgt: "Letztlich ging es in den vergangenen Wochen auch darum, immer wieder ein Lebenszeichen zu setzen: ‚Wir sind für Sie da!‘" Doch trotz des vermeintlichen Überangebots scheint die Resonanz zu stimmen. "Auf unseren Kanälen passiert mehr Kommunikation, wir interagieren vermehrt mit dem Publikum und unsere Kanäle sind interaktiver geworden", so Mariia Vorotilina, zuständig für das Social Media Marketing auf Kampnagel. Demian Kappenstein berichtet zudem von verstärktem Interesse durch Booking-Agenturen. Auch Sam Baisch war von den Reaktionen im virtuellen Publikum positiv überrascht und fand es selbst aufregend, das erste Mal Konzerte im Stream statt auf der Bühne zu spielen.

Um ein aufregendes und mitreißendes digitales Kulturangebot zu schaffen, das sich auch von der Konkurrenz abhebt, zeichnet sich ein Faktor als besonders entscheidend ab: Der Mehrwert. Das kann eine optimierte Sicht auf die Theaterbühne sein, detaillierte Aufnahmen von Musiker*innen in Konzertstreams, oder neue Perspektiven auf Ausstellungen durch Augmented Reality. Die Nutzer*innen waren sich einig, dass digitale Angebote erst dann einen Mehrwert bieten, wenn sie eine neue Dimension eröffnen und die Möglichkeiten des digitalen Raumes ausschöpfen. Diesen Anspruch teilt auch Alina Buchberger: "Oft beschreibt man neue Formate im digitalen Raum als leichte oder schnelle Form, für die man nicht viel investieren muss. Ich sehe, dass diese Arbeit Ressourcen, Zeit und eine eigene künstlerische Idee und Form benötigt. Es reicht nicht, ein Produkt, was im Analogen stattgefunden hätte, eins zu eins in das Digitale zu übersetzen." Eigens für den digitalen Raum kuratierte Inhalte, weiterführende redaktionelle Aufbereitung oder kreative, auf den digitalen Raum ausgelegte Inszenierungen schaffen die Möglichkeit, Kultur auf eine Art und Weise zu erleben, die über den analogen Kontext hinausgeht.

Zudem ist Mehrwert sicherlich einer der Kernbegriffe, wenn man nach der Motivation für Streaming und digitale Kommunikation bei Kulturschaffenden fragt. Der Begriff ringt dabei immer wieder mit den vermeintlichen Polen von Digital und Analog: Eine produktive Spannung zwischen der Suche und Neugierde nach innovativen Formaten, einer neuen Kulturrezeption und der Sehnsucht nach dem analog Vertrauten. Der Lockdown hat dabei viele Kulturschaffende für digitale kulturelle Experimente motiviert und neue Wege für Kultur im virtuellen Raum geebnet. Doch dieses Kapitel scheint damit noch lange nicht abgeschlossen zu sein: "Allein technisch ist noch so viel mehr möglich. Dieses Potential gilt es auszuloten und nutzbar zu machen", so Benjamin Doum. Auch für die Bayerische Staatsoper geht die virtuelle Reise weiter: "Mein Team und ich sind immer auf der Suche nach neuen, spannenden Formaten und so ist der Bereich noch lange nicht ausgeschöpft", so Christoph Koch.

Und jetzt?

Digitale Angebote werden nicht besser als analoge, solange sie den Besucher*innen nicht etwas neues, eigenes vermitteln. Solange man digital und analog als Gegensatzpaare denkt oder ein Wertigkeitsgefälle mit diesen Begriffen verbindet, ist Forschung, Diskurs und Kontakt über und mit digitalen Kulturangeboten nicht zufriedenstellend. Ihre zunehmende Relevanz mit und ohne Corona-Kontext fordert Kulturschaffende dazu auf, analoge und digitale Besucher*innen gleichwertig zu betrachten und in ihren Bedürfnissen zu verstehen. Benjamin Doum, sagte dazu: "Als Online-Redakteur plädiere ich dafür, dass wir gar nicht so sehr die Besucher*innen, die tatsächlich vor Ort sind, eine Karte kaufen und physisch die Kunst wahrnehmen, von den User*innen im Netz trennen, die nicht zwingend den Weg zu uns finden, aber im Sinne einer Customer Journey trotzdem einen gewissen Weg mit uns gehen. (...) Es erweitert die Grenzen, man erreicht mehr Leute. (...) Das ist ein großer Gewinn fürs Image, der nicht zwingend zu einem sofortigen Kauf von Tickets führen muss, auf lange Sicht aber sicher förderlich ist.” Analoge wie auch digitale Besuchende sind demnach für die Häuser äquivalent.

Streaming und Kulturrezeption muss daher dialogisch zwischen Nutzer*innen und Kulturschaffenden beleuchtet werden. Denn sowohl im analogen als auch im digitalen Raum sind dies zwei Positionen, die sich gegenseitig inspirieren, konstruktiv kritisieren, gemeinsam lernen und zusammen die Begeisterung und den Wert von Kultur tragen.
 
 
Dieser Beitrag erschien zu erst im Kultur Management Network Magazin "Gestern, heute, morgen". Die Erfahrungswerte beruhen auf den Ergebnissen der explorativen Studie "Digitale Kulturangebote im Kontext der Corona-Pandemie - 20 Gedanken aus dem Neuen Normal”, die die Autorinnen im Rahmen ihres Masterstudiums an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg veröffentlicht haben. Dazu befragten sie sieben Produzent*innen von digitalen Kulturangeboten in den Sparten Konzert, (Musik-)Theater und Ausstellung über Expert*innen- Interviews sowie 137 Nutzer*innen über einen Fragebogen, um einen multiperspektiven Zugang zu bekommen.

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