24.06.2019

Autor*in

Julia Jakob
studierte Musikwissenschaft und Kulturmanagement in Weimar. Praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit bei unterschiedlichen Festivals und in verschiedenen Veranstaltungsbüros sowie als Agentin bei weim|art e. V.
Berit Ohlendorf
studierte Kulturwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Leuphana Universität in Lüneburg. Seit Oktober 2018 studiert sie Kulturmanagement an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar. Praktische Erfahrungen sammelte sie bisher durch ihre Mitarbeit in verschiedenen Kultureinrichtungen, u.a. bei der Neuen Philharmonie Frankfurt sowie beim Ensemble Modern.
Rückblick Kinder zum Olymp!-Kongress 2019

Wer kultur(ver)erbt hier eigentlich was?

Kulturelles Erbe muss vermittelt werden, damit es erhalten bleibt. Doch wem gehört es eigentlich in Zeiten des demographischen Wandels und von Diversität? Wer ist dafür verantwortlich, es zu bewahren? Und wie kann bei Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für Kulturerbe entstehen? Erfahrungen, Ideen und Möglichkeiten dazu, die wurden beim diesjährigen "Kinder zum Olymp!"-Kongress vorgetragen und diskutiert.
Zum neunten Mal kamen in diesem Jahr Akteur*innen aus der Kulturvermittlung, Vertreter*innen aus Politik und Wissenschaft sowie Künstler*innen zusammen, um sich über die Vermittlung von Kunst und Kultur auszutauschen. Den Rahmen dafür stellten Vorträge, Podien sowie praxisnahe und interaktive Foren, in denen alle Teilnehmer*innen zur Diskussion aufgefordert waren.

Treffpunkt war vom 5. bis 7. Juni 2019 das Deutsche Nationaltheater in Weimar, in das die Kulturstiftung der Länder, die Kulturstiftung des Bundes und die Bundeszentrale für politische Bildung geladen hatten. Für das diesjährige Thema "Meins?! Kulturerbe und kulturelle Bildung" bot das geschichtsträchtige Haus, das sich mit verschiedenen Aktionen und Formaten für den Erhalt der Demokratie einsetzt, die passende Kulisse. So plädierte Intendant Hasko Weber seiner Begrüßungsrede dafür, der nächsten Generation zuzuhören und zu überlegen, was für diese "kulturelles Erbe" bedeute. Und auch seine Fragen: "Wofür lohnt es sich eigentlich zu leben? Und welchen Anteil haben wir daran, dass die Welt ist, wie sie ist?" gaben Anregung für die vielseitigen Diskussionen der folgenden zwei Tage.

Kultur erben

Prinzipiell waren sich alle Teilnehmer*innen einig, dass Kultur und Kulturerbe allen gehöre. Dabei wurde mehrfach dessen lokale und zugleich globale Identität hervorgehoben. Hellmut Seemann, scheidender Generaldirektor der Klassik Stiftung Weimar, zitierte dazu Goethe, um zu betonen, dass Kunst der ganzen Welt, nicht einer Nation zugehörig ist. Daran erinnerte auch Thomas Krüger von der Bundeszentrale für politische Bildung im Zusammenhang der historischen Verschiebungen der nationalen Grenzen in Europa. Statt es einem Land zuzuordnen, müsse kulturelles Erbe transnational betrachtet werden, wie Markus Hilgert, Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder, bekräftigte. Dafür müsse auch das Kulturerbe der in Deutschland lebenden Minderheiten in den Fokus gerückt und vermittelt werden .

Kulturerbe vermitteln

Hilgert betonte zudem die Notwendigkeit kultureller Bildung, die die Gesellschaft widerstandsfähiger macht, auch gegen Populismus, denn die Relevanz von kulturellem Erbe sei auch außerhalb des Kultursektors spürbar, sei es in der Entwicklungs-, Wirtschafts- oder der Sozialpolitik. In einer Migrationsgesellschaft und im Zuge der Globalisierung reicht die kunsthistorische Bedeutung kultureller Objekte allein nicht mehr aus, um langfristiges Interesse zu schaffen, wie Teresa Darian von der Kulturstiftung des Bundes es auf den Punkt brachte. Ihr Aufruf, die Vermittlung in Museen finanziell und personell besser auszustatten, ernster zu nehmen und sichtbarer zu machen, wurde mit großem Beifall im Publikum unterstützt.
Als Beispiel stellte die Professorin Barbara Welzel von der TU Dortmund das Projekt "Kulturelles Erbe interkulturell" vor, das anhand objektbasierten Storytellings gesamtgesellschaftliche Perspektiven der Teilhabe am kulturellen Erbe eröffnet und dabei das Gemeinsame wie das Teilende gleichermaßen fokussiert. Dazu werden Akteure aus unterschiedlichsten gesellschaftlichen Handlungsfeldern miteinander in Gespräch gebracht.

Dass es wichtig sei, die Zivilgesellschaft einzubeziehen, betonte auch Hilgert mehrfach. Denn nachhaltige Ansätze zum Erhalt von Kulturgut entstünden nicht durch reine Expertendiskurse. Damit schloss er an die Gedanken von Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, zur Kulturerbevermittlung an. Sie forderte neben mehr Humor vor allem mehr Diversität und Inklusion in Kultureinrichtungen. Während der Fokus vor ein paar Jahren noch auf den Institutionen lag, verlagere er sich immer mehr auf die Besucher*innen. Dazu gehöre auch, diese als Expert*innen der Zielgruppe aktiv in den Planungsprozess einzubeziehen, um Teilhabe wirklich zu ermöglichen und größere Perspektiven einzunehmen. Dass das natürlich nicht immer konfliktfrei möglich sei, räumte Meijer-van Mensch ehrlich ein. Für letzteres brauche es zudem eine stärkere Zusammenarbeit der kulturellen Institutionen.

Kulturerbevermittlung verantworten

Wie selbstverständlich ist es nun für Kultureinrichtungen, die Vermittlung kulturellen Erbes zu verantworten? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Forum II der parallel stattfindenden Workshops. Diese folgten dem World Café-Konzept, bei dem fünf bis sechs Referent*innen nach einem Impulsvortrag durch die Moderator*innen ihre Projekte kurz vorstellten. Im Anschluss nahmen sie jeweils an einem Tisch Platz, um mit interessierten Teilnehmer*innen in ein konstruktives Gespräch zu kommen. Die Teilnehmenden hatten dabei in Forum II die Möglichkeit, von den folgenden Kulturvermittlungsprojekten drei näher kennenzulernen und zu diskutieren:
 
  • Ästhetische Forschung als Ermächtigungsstrategie im Umgang mit kulturellem Erbe am Beispiel von "Wilhelm Tell -Versuche” am Stellwerk Weimar, Vincent Kresse und Stephan Mahn
  • [Probe]Räume: ausstellen, vermitteln, partizipieren - generationsübergreifend Museum neu entdecken, Mirjam Koring und Constanze Schröder, Märkisches Museum Berlin
  • Wie stellt man einen seelenlosen Stahlbolzen aus? Oder: Jugend diskutiert, was kulturelles Erbe ist, Birte Stüve, Deutsches Schifffahrtsmuseum Bremerhaven
  • "Dans la cave -l ́enthusiasme!" - Das Museum als lebendige Baustelle, Dr. Ivalu Vesely, Jugendbauhütte Lübecke
  • Das Händel Experiment: ein ARD-Projekt zum musikalischen Erbe, Ekkehard Vogler, MDR Klassik
Neben diesem gelungenen Format können auch die transparenten Einblicke der Vermittler*innen in ihre Projekte besonders positiv hervorgehoben werden. So machten die Theatervermittler Vincent Kresse und Stephan Mahn zum einen deutlich, warum das Jugendtheaterstück "Wilhelm Tell - Versuche" so erfolgreich war: weil sie den mitwirkenden Jugendlichen absolute Freiheit gelassen haben, das Stück nach ihren Vorstellungen umzusetzen - auch wenn am Ende aus Schillers Original nur zehn Sätze verwendet wurden. Die Hauptsache ist, dass sich die Jugendlichen mit diesem Stück Kulturerbe auseinandergesetzt und die Relevanz für sich daraus erschlossen haben. Zum anderen gaben Kresse und Mahn ehrlich zu, warum sie das Projekt "Hacking Bauhaus" nicht wie geplant umsetzen konnten: Die Jugendlichen hatten einen Bauhaus-Jubiläums-Overload und damit kein Interesse an einem Technik-Kunst-Labor. Das Stellwerk hatte ihre Interessen schlicht falsch eingeschätzt. Umgesetzt wurde das Projekt letztlich dennoch - nur eben anders. Auch diesen Mut zum Ausprobieren und Abweichen vom eigentlichen Plan müssen Kultureinrichtungen haben, wenn neue, vielversprechende Vermittlungsformate gefunden werden sollen.

Im Gesamtfazit wurde deutlich, dass sowohl die Referierenden als auch die Teilnehmer*innen eine gemeinschaftliche Kulturerbevermittlung am sinnvollsten finden. Für Kultureinrichtungen heißt das, Multiplikatoren in Schulen anzusprechen, wenn sie Kinder und Jugendliche erreichen wollen. Damit verteilt sich auch die Verantwortung für die Vermittlungsarbeit, wenngleich das nicht heißen darf, dass ein*e Akteur*in sich der Verantwortung entziehen darf.

Ebenso kamen die Foren zu dem Schluss, dass selbstverständlichere Formate geschaffen werden müssen, die auf Nichtwissende abzielen, ohne diese zu diffamieren. Teresa Darian forderte dazu auf, Vermittlungsangebote auch für Erwachsene nutzbar zu machen. Denn ohne Fachhintergrund wissen diese mitunter ebenso wenig über "ihr" Kulturerbe, wie Kinder und Jugendliche. Das Rad müsste dazu nicht einmal neu erfunden werden: Wissenssendungen für Kinder wie "Die Sendung mit der Maus" oder "Wissen macht Ah" sind dafür gute Beispiele. Prinzipiell kann die Rolle von Kultureinrichtungen im Vermittlungsgame mit den Worten Vincent Kresses auf den Punkt gebracht werden: "Wozu werden wir öffentlich gefördert, wenn wir nicht auch ALLE erreichen wollen?"

Kulturerben - oder: Gebt den Kindern das Kommando!

Und wozu eine Tagung, deren Ziel ist, Kinder und Jugendliche aktiv an kulturellem Erbe teilhaben zu lassen, ohne sie aktiv ins Tagungsgeschehen einzubinden? Nachdem viel darüber in der Theorie gesprochen wurde wie wichtig partizipative Strategien sind, hatten am Freitag nun endlich junge Kulturschaffende das Wort auf der Bühne. Leider wurden den jüngsten von ihnen (15 bis 17 Jahre alt) keine Kongress-relevanten Fragen gestellt, obwohl sie dazu sicher sehr wichtige und richtige Ideen hätten beitragen können.

Aber vielleicht braucht es hier auch keine weiteren Worte: Am Abend zuvor hatten sie die die Kongressteilnehmenden mit ihrem szenischen Konzert "expEARience CARMEN" musikalisch verzaubert und mitgerissen (Instant-Gänsehaut beim Darüberschreiben!). Das STEGREIF.Orchester demonstrierte dabei zusammen mit den Weimarer Stadtstreichern ein gelungenes Beispiel für interaktive Kulturvermittlung. Zusammen spielten sie ihre eigene Version der "Carmen Suite" von Georges Bizet - ohne Noten, ohne Schuhe, mal im Laufen, mal im Liegen und im kompletten Großen Haus des Deutschen Nationaltheaters verteilt. Das Kernanliegen des STEGREIF.Orchesters ist, die Konventionen des klassischen Musikbetriebs aufzubrechen, ohne das kulturelle Erbe der klassischen Musik zu untergraben. Diese interpretieren sie neu, verbinden sie mit anderen Stilen und machen die Musik so für sich und das Publikum zugänglicher. Der Leiter des STEGREIF.Orchesters, Juri de Marco, verglich dazu die Werke seines Orchesters mit gecoverten Popsongs. Wie auch für Kresse und Mahn bedeutet Kulturerbe zu vermitteln für ihn, es zu verändern und erfahrbar zu machen. Dabei zeigte sich auch, wie Humor, Freude und Ernsthaftigkeit auf die Bühne gebracht werden - und wie Kinder und Jugendliche daran aktiv teilhaben können.
 
Alles in allem - so war man sich am Ende des Kongresses einig - muss die Vermittlung einen Bezug  zwischen dem kulturellen Erbe und der Gegenwart herzustellen, mit dem sich die Kinder und Jugendliche frühzeitig identifizieren können. Denn prinzipiell hinterfragen sie nicht, ob etwas Kulturerbe ist oder nicht, es muss lediglich in irgendeiner Art und Weise für sie erfahrbar gemacht werden. Dann steht dem Interesse, dem Verantwortungsbewusstsein und damit dem Erhalt des Kulturerbes nichts im Wege. Und wer weiß: Vielleicht steht auch schon bald der Olymp auf der Liste des UNESCO-Welterbe.
 
Impressionen des Kinder zum Oymp!-Kongresses 2019
 
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