28.09.2018

Autor*in

Laura Bettag
ist Referentin für Sonderprojekte und Qualitätsmanagement am Nationaltheater Mannheim. Sie studierte Kulturmanagement, promovierte mit einer qualitativen Studie zur Autobiografie-Forschung im Bühnentanz und veröffentlichte wissenschaftliche Beiträge aus den Bereichen strategisches Kulturmanagement, Theatergeschichte sowie der Tanz- und Musikwissenschaft.
Buchrezension

Oper, Publikum und Gesellschaft

Der Opernbereich gilt quasi als der Inbegriff von „Hochkultur“, im positiven wie im negativen Sinne. Wie sich das auf die Beziehung zum Publikum auswirkt und welche historischen Grundlagen diese hat, zeigt Karl-Heinz Reubands jüngste kultursoziologisch-empirische Publikation im Verbund mit ökonomischen, politischen und medienwissenschaftlichen Aspekten.
 
Zauberwort Zuschauerperspektive
 
Karl-Heinz Reuband, inzwischen emeritierter Spezialist für Methoden der empirischen Sozialforschung, publiziert seit 2003 im Feld der Kulturnutzerforschung. Er schließt mit seinem neuen Sammelband die Forschungslücke der Nutzerorientierung in der jüngeren Geschichte der deutschen Opernhäuser. Das Buch besteht aus zwölf nahezu ausschließlich empirischen Originalarbeiten zu den grundlegenden Bedingungen einer Nachfragerforschung im Opernbereich: die Existenz von Opernhäusern in der deutschen Theaterlandschaft, ihre Zugangsbedingungen im bürgerlichen Zeitalter, Nutzungsmotive und Bedürfnisse seitens des Publikums bis heute sowie externe Einflussfaktoren der Nutzungserwartungen. Die Autoren des Bandes gehen dabei von einem Begriff von Oper als „unmöglichem Kunstwerk“ nach Bie (1913) sowie von einem soziologischen Verständnis von „Hochkultur“ aus, das den Opernbesuch gemäß Bourdieus „Die feinen Unterschiede“ als Faktor individueller und gesellschaftlicher Macht und Machterhaltung in den Mittelpunkt stellt.
 
Aus der virtuosen Anwendung von Instrumentarien der deskriptiven Sozialforschung gewinnt der Band Erkenntnisse, die durch große Datenmengen und Langzeitstudien gestützt sind. Darüber hinaus ist es ihm ein Anliegen, den Bedürfnissen und Erwartungen des Publikums vor dem Hintergrund asymmetrischer Machtverhältnisse in puncto Auswahl von Spielplan und Inszenierungsstil eine Stimme zu verleihen.
 
Einordnung in den Diskurs des Kulturmanagements
 
Die Publikumsforschung und vor allem die Nachfrage der Kulturnutzer erfährt angesichts der gesamtgesellschaftlichen Diskussionen um den demographischen Wandel und die Fördersummen der öffentlichen Hand für Kunst und Kultur steigende Aufmerksamkeit (Glogner-Pilz 2012). Insbesondere im Bereich der Oper als finanz- und personalintensivster Theatersparte gibt es eine Vielzahl an soziodemografischen, ökonomischen, einstellungs-, motiv- und wirkungsbezogenen Fragestellungen. Ihnen widmet sich Reuband auf Basis seiner langjährigen Erfahrung im Bereich quantitativ ausgerichteter Benutzerforschung.
 
Bei allen Verdiensten dieses Ansatzes bedürfte es zukünftig des Brückenschlags zur qualitativen Sozialforschung, ohne den es nicht zu neuen Forschungsfragen kommen wird. Solche insbesondere für die Theaterpraxis zielführenderen qualitativen Ansätze gibt es bereits (z.B. Jobst, Boerner 2013). So können beispielsweise mündliche Besucherbefragungen von Theaternutzern inhaltliche Einschränkungen bei den Antworten verringern, wie sie etwa bei Multiple-Choice-Fragebögen vorkommen. Zugleich gibt es gerade bei solchen Verbaldatenerhebungen die Tendenz, nicht oder sozial erwünscht („social desirability bias“) zu antworten. Jedoch können Theatermacher ihre Nachfrager so besser kennen lernen und alternative Strategien für ein inspirierendes und häufigeres Opernerlebnis entwickeln.
 
Henne oder Ei?
 
Es scheint naheliegend, dass der Herausgeber populäre Überzeugungen und Zusammenhänge aufgreift, die in der Bevölkerung und Politik grassieren. Vor allem seit den 2000er Jahren bestehen zahlreiche Vorbehalte gegen die (teuerste) Kultursparte Oper und demzufolge ein möglichst wissenschaftlich fundierter Legitimierungsbedarf. Insbesondere der Vorwurf der „Überalterung“ trifft die Existenzberechtigung der Opernbetriebe ins Mark. Entsprechend fragt Reuband im Vorwort, „ob die Überalterung ein allgemeines, zeitunabhängiges Muster des Opernbesuches widerspiegelt, oder ob es sich um ein Zeichen des Niederganges, der Folge von Erosionserscheinungen in der jüngeren Generation handelt“? Schließlich modifiziert er die Reizthemen zu Forschungsfragen wie: „Spiegelt sich in den soziostrukturellen Veränderungen des Opernpublikums ein opernspezifischer oder eher ein allgemeiner kultureller Wandel wider?“ Solche Fragekonstellationen können trotz seiner ausführlichen Interpretationen weder zu eindeutigen Antworten noch zur Diskursstiftung führen.
 
Reuband und seine Kollegen ermitteln den Status Quo im retrospektiven Vergleich anhand soziodemografischer Operationalisierbarkeit von Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Erwerbstätigkeitsstatus sowie Musikgeschmack und Opernerleben. Der Befund: Die Operngänger sind älter geworden und ihr Altersdurchschnitt übersteigt den Bevölkerungsdurchschnitt. Reuband lässt dabei jedoch außer Acht, dass die Deutschen an sich nicht nur älter werden, sondern auch anders altern als früher. Seine salomonische Schlussfolgerung: Die Zukunft der Oper wird nicht nur von der Entwicklung des klassischen Musikgeschmacks, sondern auch von der Entwicklung der kulturellen Bildung, dem Lebensstil der nachwachsenden Generationen und dem Stellenwert abhängen, den Oper und klassische Konzerte darin einnehmen (S.186).
 
Dieses Beispiel verdeutlicht die emotionalisierenden Implikationen, auf die es Reuband und seinem Autorenteam ankommt. Sie vermögen beim Leser durchaus Widerspruch zu provozieren und Gedankenspiele in Gang zu setzen.
 
Regietheater als Ärgernis
 
Reuband scheut sich nicht, das Reizthema Besucherzufriedenheit im Sinne einer Konsumentenhaltung als abhängig vom Inszenierungsstil zu betrachten. Dabei kritisiert er vor allem das Regietheater und stellt dessen Wirkmacht, soziale Ungleichheit mindern oder ein gesellschaftskritisches Bewusstsein schaffen zu können, deutlich in Frage. Reuband weist auf empirischer Basis nach, dass es entgegen aller Behauptungen durch aktualisierende und das Geschehen auf der Bühne verfremdende Inszenierungen nicht gelungen sei, jüngere Menschen anzusprechen, ein breiteres Publikum zu adressieren oder die Demokratisierung der Hochkultur durch das Eventhafte zu verwirklichen. Jedoch verschweigt er nicht, dass selbst Gegner des Regietheaters ihr Urteil über dessen Einfluss nicht überwiegend negativ fällen. Zwar bewerten nur 9% dieser Gruppe die Aufführungen mit „sehr gut“, aber noch 44% mit „gut“ (S. 333). Reuband gesteht ihnen Aufgeschlossenheit für „Andersartiges“ (S. 330) zu.
 
Reubands relativiert diese wiederholt spürbare Abneigung gegen das inzwischen flächendeckend präsente Regietheater als deutsche Entwicklung nach dem Zusammenbruch von 1945. Fritz Trümpis (S.53-90) lesenswerter Aufsatz über den Wiederaufbau des Operngebäudes der Wiener Staatsoper verweist hingegen darauf, dass dies einen wesentlichen Baustein der deutschen Nachkriegs-Theatergeschichte in Deutschland darstellt: Einerseits war man um die Wiedererlangung von Kontinuität in der deutschen Geistesgeschichte durch den Wiederauf- oder Neubau von Theatern bemüht, andererseits wurden diese mit der utopischen Herkulesaufgabe belegt, gesinnungsgewandelte Demokraten hervorzubringen. Ohne Zweifel hat das deutsche Theaterleben trotz dieses enorm hohen Anspruchs eine integrative Wirkung auf die heute noch maßgebliche deutsche Wertegemeinschaft erzielt.
 
„Hochkultur“ - ein zukunftsfähiger Begriff?
 
Können auch in Zukunft Operninszenierungen und ihre Rezeption wenn nicht Motoren, so doch Seismografen gesellschaftlicher Entwicklung sein? Dies ist nicht auszuschließen, wenn auch der Opernbesuch als Teilhabe an der „Hochkultur“ im Bourdieuschen Sinne zu kurz griffe. So muss der Opernbesuch heute nicht mit passiver Teilhabe an Hochkultur in Verbindung gebracht werden. Zwar werden vielschichtige Bildungs- und Teilhabechancen auch von der Sparte Oper angeboten, erzwingen lässt sich deren Nutzung in einer die Kunstfreiheit schützenden, grundgesetzlichen Ordnung jedoch nicht. Aktivierende Vermittlungsangebote werden sicher auch von Reuband bejaht, wenngleich er dafür kein Forschungsdesign bereithält. Vorerst gilt für die Kultursoziologie also: „Bei jedem Opernbesuch entsteht nolens volens genau jene interpretative Gemeinschaft, die durch gemeinsame Bedeutungswelten entsteht und eine Oper zu dem macht, was sie ist: ein soziales Geschehen“ (Höflich, S. 282).
 
Empfehlung
 
Das Buch ist für Kulturmanager im Opernbereich zu empfehlen, die sich für die rare Kombination aus historisch gewachsenen Rezeptionsbedingungen und einer Anwendung deskriptiver Methodik interessieren. Die fachterminologische Überlast der Darstellung liefert teils ernüchterndes, aber durchaus erwartbares Wissen über Opernbesuchende. Deren ästhetische Affinität steht der Moderne des 20. Jahrhunderts und postmodernen Strömungen offener und belastbarer gegenüber als bisweilen angenommen. Als vielfach totgesagtes Opernpublikum lebt es sich derzeit länger und besser. Die Befunde des Bandes zur Attestierung gesellschaftlicher Relevanz von „Oper“ sind ein profunder Einstieg für diejenigen, die im eigenen Haus das Rezeptionsverhalten ihrer Besucher erforschen möchten.
 
Literatur
 
Glogner-Pilz, Patrick (2012): Publikumsforschung. Wiesbaden. S. 7-13.
 
Jobst, Johanna; Boerner, Sabine (2013): Die Bewertung eines Theaterbesuchs aus Zuschauerperspektive. Eine empirische Analyse zum Einfluss persönlicher Merkmale. In: Jahrbuch Kulturmanagement 2013, S.191-222.

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