23.04.2008

Autor*in

Bernhard Schulz
Fachbeitrag

"Der Sammler geht voran!"

Das Verhältnis der Deutschen zu den Sammlern von Kunst und Kunstschätzen ist ebenso spannungsreich und durchaus ambivalent wie das Verhältnis von Sammler und Museum. Unser Autor Bernhard Schulz, langjähriger Kulturredakteur des Berliner "Tagesspiegel", skizziert anhand aktueller Beispiele die komplexe und für die Museumslandschaft immer wieder virulente Problematik.
In jüngerer Zeit hat sich die Aufmerksamkeit der kunstinteressierten Öffentlichkeit mehr und mehr auf Privatsammler gerichtet. Deren Schätze sind es, um die die Museen buhlen und die die öffentliche Hand zu unerwarteten Anstrengungen bewegt. Für die dauerhafte Beherbergung der Sammlung Brandhorst bewilligte der Freistaat Bayern ein eigenes Gebäude, das derzeit in unmittelbarer Nachbarschaft der Pinakothek der Moderne entsteht und zu dieser in eine auch architektonische Idealkonkurrenz tritt. Aber es geht nicht allein um bauliche Vorleistungen. Mit der Dauerleihgabe der Sammlung zeitgenössischer Kunst, die Friedrich Christian Flick innerhalb weniger Jahre zusammengetragen hat, sahen sich die Staatlichen Museen Berlin in die Kontroverse um das Erbe eines historisch belasteten Unternehmers, des Vaters des Sammlers, gerückt, die bis hin zum Bundeskanzler zu Stellungnahmen herausforderte.

Inzwischen hat Flick 166 Arbeiten aus seiner riesigen, noch nie in Gänze gezeigten Sammlung dem Hamburger Bahnhof als der Zweigstelle der Nationalgalerie für Gegenwartskunst übereignet und damit anfängliche Befürchtungen, der Sammler suche nur nach einem günstigen Aufbewahrungsort seiner Schätze, eindrucksvoll widerlegt.

Im Gegensatz zu dem bei Flick erhobenen Vorwurf der Geschichtsklitterung war die weiter zurückliegende Leihgabe und spätere Überlassung der Sammlung von Heinz Berggruen als Akt moralischer Anerkennung der deutschen Geschichtsaufarbeitung verstanden worden, der gegenüber das finanzielle Engagement der Stiftung Preußischer Kulturbesitz für die nicht unerheblichen Wünsche des Leihgeber-Stifters völlig in den Hintergrund trat. Dass es demgegenüber auch Sammler gab und gibt, die durch den wie auch immer begründeten Abzug zuvor unbefristeter Leihkonvolute einzelne Museen in die Krise stürzten, blieb fast immer von lediglich lokalem Interesse.

"Der Sammler geht voran", dieser mit Blick auf den legendären Großsammler Peter Ludwig geprägte Satz des damaligen Kölner Museumsdirektors Gert von der Osten aus dem Jahr 1969 bildet seither das Leitmotiv für die Bestimmung des Verhältnisses von Sammler und Museum. Nie hatten und noch weniger haben in unseren Tagen Museen die Mittel, die aktuellen Entwicklungen der Kunst sogleich sammelnd zu begleiten und zu dokumentieren. Das Urteil des Sammlers, geronnen in der von ihm geschaffenen Kollektion, mündet in das übergreifende Urteil, das die Kunstgeschichtsschreibung fällt und die Erwerbungsbestrebungen der Museen leitet. Doch mit Peter Ludwig trat zugleich jener neue Typus von Sammlern hervor, der sich mit der Überlassung seiner Schätze nicht bescheidet, sondern aktiv auf die Museumspolitik Einfluss nimmt. Die seither und in jüngster Zeit vermehrt gestellte Problemfrage lautet: Wie weit darf sich der Sammler ins Rampenlicht stellen, ohne die Integrität des Museums zu überschatten oder gar zu beeinträchtigen?

Um diese Kernfrage die sich in vielfältige Unterfragen aufgliedern ließe drehen sich die Probleme, die in den zurückliegenden Jahren vermehrt aufgetreten sind. Es mag sein, dass die erhöhte Häufigkeit von Irritationen zwischen Museen oder den sie tragenden Kommunen und in die Öffentlichkeit hineinwirkenden Sammlern mit der erfreulichen Zunahme des Sammelns und speziell des Mäzenatentums zu tun hat. Es liegt allerdings zugleich an einer erhöhten Sensibilität der Öffentlichkeit für die Spannungen, die sich aus dem Zusammentreffen von privater und öffentlicher Sphäre beinahe zwangsläufig ergeben. Nicht so sehr die bis auf die wenigen Beispiele vollkommener Philanthropie unvermeidliche Tatsache solcher Konflikte ist Anlass zur Nachdenklichkeit, als vielmehr deren unzulängliche Bearbeitung.

Es gibt wie vielerorts in unserer angeblich so mitteilungsorientierten Gesellschaft ein Kommunikationsproblem. Das betrifft die private wie die öffentliche Seite; die öffentliche darf es jedoch dabei nicht bewenden lassen. Museen wie alle anderen Kulturinstitutionen müssen deutlich machen, welches ihre Aufgaben sind und unaufgebbar bleiben; was sie sich wünschen und erhoffen; und was sie der privaten Seite anbieten können, um zu einem fruchtbaren Miteinander zu gelangen. Das klingt furchterregender, als es, reduziert auf die konkrete Situation, zuallermeist ist. Denn den Antrieb des Sammelns und Bewahrens teilen die Museen mit den Privatsammlern, wie ja die Museen überhaupt aus dem persönlichen, seis auch kulturell und historisch vermittelten Sammeltrieb hervorgegangen sind. Und im Übrigen weiter hervorgehen, betrachte man nur die Vielzahl von Sammlermuseen, die in den zurückliegenden Jahren in Deutschland entstanden sind und die als dauerhaftes Bekenntnis zur öffentlichen Zugänglichkeit von Kunst eine höchst erfreuliche Bereicherung der Museumslandschaft bilden. Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden, neben der renommierten Kunsthalle durch den amerikanischen Architekten und ausgewiesenen Museumsbaumeister Richard Meier errichtet, ist das glückliche Beispiel einer Nachbarschaft, in der die Möglichkeiten des Privathauses die Arbeit der öffentlichen Einrichtung befruchten und beide Institutionen ihren Gewinn ziehen ...

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