07.03.2014

Autor*in

Leonie Krutzinna
studierte Skandinavistik und Literaturwissenschaft an der Georg August-Universität Göttingen.
Kontinuierliche Inklusion

Das Schauspiel Leipzig entwickelt Angebote für Menschen mit Sehbehinderung

Mit der Inszenierung Emilia Galotti feierte das Schauspiel Leipzig am 6. Dezember 2013 eine außergewöhnliche Premiere: Als einziges Sprechtheater in Deutschland bietet es fortan monatlich eine Vorstellung mit Live-Audiodeskription für BesucherInnen mit Sehbehinderung an. Für Kulturmanagement Network sprach Leonie Krutzinna mit Matthias Huber, der das Angebot am Schauspiel Leipzig dramaturgisch betreut.
KMN: Angenommen ich bin blind und möchte in Leipzig ins Theater gehen ...
Huber: Dann können wir hier einen Service anbieten, den es zum Beispiel im Museum schon lange gibt, nämlich einen Audioguide. Der Unterschied ist nur, dass hier alles während der Vorstellung live eingesprochen wird.

KMN: Das heißt ich sitze mit einem Knopf im Ohr im Theatersessel und mir werden die Bühnenvorgänge beschrieben?
Huber: Genau. Eigentlich geht es aber schon früher los: Wir bieten ca. 90 Minuten vor Stückbeginn eine Bühnenführung an, damit die Menschen sich haptisch mit dem Bühnenbild und der Bühnendimension vertraut machen können. Danach geben wir den Blinden und Sehbehinderten noch eine extra Einführung, während der sie zum Beispiel Kostümteile abtasten können.

KMN: Das ist provokativ gesprochen viel Aufwand für eine kleine Zielgruppe.
Huber: Ja, aber es lohnt sich! Wir sind ein Stadttheater, unsere Aufgabe hier am Schauspiel Leipzig ist es, Theater für die Stadt zu machen und das bedeutet, möglichst vielen Menschen den Zugang zum Theater zu ermöglichen. Das bedeutet auch, dass unser Angebot barrierefrei ist. Und selbst, wenn man nur auf eine kapitalistische lohnt es sich-Auslegung hinauswill, lohnt sich der Aufwand: Wenn man eine Audiodeskriptionsanlage hat, lässt sie sich auch für Simultanübersetzung nutzen. Oder wenn im November das euro-scene-Festival ist, haben wir den technischen Grundstock und müssen nicht so viel mieten.

KMN: Wie kam die Idee auf, am Schauspiel Leipzig Audiodeskriptionen anzubieten?
Huber
: Der Impuls ging von Enrico Lübbe, dem Intendanten aus. Er hat in Wien inszeniert und mitbekommen, dass es an einem Wiener Theater einen Abend mit Audiodeskription gibt und kam dann sofort mit dem Vorschlag auf uns zu. Hier in Leipzig war es uns gerade nach den letzten fünf Jahren als Centraltheater ein ganz großes Bedürfnis, wieder mehr in die Stadt hinein zu horchen und das Schauspielhaus stärker in der Stadt zu verankern.
 
KMN: Welche Hürden mussten dafür genommen werden?
Huber
: Wir mussten uns damit befassen, was das Ganze kostet und wie das Projekt umsetzbar ist. Das war ein langer, steiniger Weg. Als städtischer Eigenbetrieb erhält das Schauspiel Leipzig schon Zuschüsse. Weitere Fördergelder konnten wir nicht bekommen. Deshalb haben wir letztendlich ein Minimalbesteck von 25 Empfängern und die Anlage angeschafft. Durch Sponsoren und Spenden hoffen wir irgendwann über 80 Empfänger zu verfügen.

KMN: Lassen sich die Kassen allein durch Spenden und Sponsoring füllen?
Huber
: Ein Empfänger kostet 400 . Das ist schon eine Menge Holz. Man darf allerdings nicht vergessen, dass es nicht nur um die Technik geht, sondern auch um das Personal, das extra geschult werden muss. Unsere Angestellten im Schauspielhaus können das zeitlich nicht leisten, außerdem braucht man Spezialwissen für die Erstellung des Skriptes und das Kommentieren während der Inszenierung.

KMN: Die konkrete Umsetzung ist also outgesourced.
Huber:
Genau, wir betreuen die Umsetzung zwar dramaturgisch, aber wir haben uns mit der Firma audioskript in Berlin zusammengekoppelt, die in dem Bereich federführend ist. Die haben sechs Mitarbeiterinnen angelernt, die die Audiodeskription bei uns selbstständig durchführen. Da es ein längerfristig angelegtes Projekt ist, brauchten wir Leute vor Ort und mit einem gewissen Theaterkontext. Wichtig ist, dass sie um die Mittel zur Beschreibung wissen. Man muss das, was auf der Bühne stattfindet, entschlüsseln können und entscheiden, was wichtig ist. Und man muss vor allen Dingen wertfrei beschreiben können. Das ist die größte Herausforderung.
 
KMN: Was ist denn wesentlich für eine Übersetzung von Bildern? Muss man während der Regiearbeit schon mitdenken, wie die Inszenierung für ein sehendes und ein nicht sehendes Publikum funktioniert?
Huber:
Nein, das spielt bei der Erstellung der Inszenierung überhaupt keine Rolle. Die Kolleginnen kommen erst am Schluss dazu und müssen das, was inszeniert wurde, auseinandernehmen. Es wäre fatal, wenn die Schauspieler sich kontrollieren müssten und nicht ihren Impulsen nachgehen könnten. Deshalb funktioniert es auch nur mit der Live-Einsprache. Der Mensch, der dann für die Audiodeskription zuständig ist, muss auf spontane Änderungen reagieren können. Wenn er seine Informationen nicht untergebracht hat, muss er sie an anderer Stelle unterbringen.

KMN: Würde sich prinzipiell jedes Stück für Audiodeskription eignen?
Huber
: Erst mal ja. Emilia Galotti kommt dem als relativ purer, nüchterner Abend sehr zupass. Wenn unglaublich viel auf der Bühne passieren würde, mit vielen Figuren, die alle unterschiedliche Sachen machen, wird es wesentlich komplizierter.

KMN: Ist es den Übersetzerinnen überlassen, wie sie die Geschehnisse vermitteln?
Huber
: Sie haben ihren Fahrplan und bekommen von uns auch die letztgültige Fassung und eine DVD mit dem Generalprobenmitschnitt. Auf dieser Grundlage bauen sie ihr Skript und notieren sich, was sie wann und wo sagen. Deswegen kooperieren auch die Sehenden mit einer blinden Autorin, die die Aufgabe hat, zu überprüfen, ob das, was gesagt wird, etwas erzählt und funktioniert oder ob man es anders beschreiben muss.

KMN: Läuft ein Theaterabend anders ab, wenn im Publikum Sehende und Nichtsehende sitzen?
Huber
: Die Sehenden sehen, dass Nichtsehende da sind. Sie realisieren, dass es etwas Normales ist, dass Blinde ins Theater gehen, das ist der allergrößte Effekt. Es wird ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass Blinde und Sehbehinderte an der Kultur teilhaben können, dass sie nicht auf ihre Begleitung angewiesen sind. Das unterscheidet uns gerade von dem, was bisher angeboten wurde: Wir wollten nicht zwei Mal in der Spielzeit ein Blinden- und Sehbehinderten-Happening machen und alle in Reisebussen herankarren.

KMN: Wie ist die Resonanz seitens der Blinden?
Huber
: Ganz gut. Es sind nicht immer alle Empfänger weg, aber mit etwa 15-20 Personen sind wir bei einem ganz guten Schnitt. Größtenteils sind sie total erleichtert. Sie freuen sich, angenommen zu sein und Theater erleben zu dürfen. Viele kommen auch in Begleitung, aber dann geht es eben darum zu zweit ins Theater zu gehen und nicht darum, auf jemanden angewiesen zu sein. Man kann zum Beispiel auch mit Hund kommen, das wird auch bei der Platzwahl berücksichtigt. Auch die, die noch schemenhaft etwas sehen, bekommen Plätze in den vorderen Reihen.

KMN: Sind diese BesucherInnen ohnehin schon theateraffin? Oder erreicht man auch eine Zielgruppe, die vielleicht noch nie im Theater war?
Huber
: Man macht es den Leuten einfacher zu kommen und insofern glaube ich, dass man auch andere erreicht. Letztendlich ist es wie beim Theater generell: Man muss schauen, dass man die Schwellenangst senkt. Es geht nicht nur darum, dass hehre Stoffe höchst deklamatorisch oder intellektuell abgehandelt werden und man als Normalsterblicher gar keinen Genuss daran haben könnte.

KMN: Welches Feedback bekommt die Initiative innerhalb des Theaterbetriebs?
Huber
: Es haben schon einige bei uns angefragt, Dresden zum Beispiel, Duisburg, Recklinghausen. In Bielefeld gibt es auch Audiodeskription, allerdings nur zwei, drei Mal im Jahr bei ausgewählten Vorstellungen. Bei audioskript kann man auch eine Audiodeskriptionsvorstellung einkaufen. Dann kümmern die sich um alles: Sie erstellen das Skript, sprechen es ein, bringen die Anlage mit usw. Aber dieses Angebot vor Ort selbst zu machen und vor allem jeden Monat anzubieten, das ist etwas Spezielles, was andere Theater aufhorchen lässt.

KMN: Nach Emilia Galotti kommt jetzt Kabale und Liebe in Audiodeskription. Bleibt es bei Klassikern?
Huber
: Nein, wir machen nicht nur alte Stoffe. Unsere einzige Vorgabe ist, dass das Stück auf der Großen Bühne inszeniert werden muss, denn die Live-Sprecherinnen sitzen in der Videokabine hinter dem Publikum mit freier Sicht auf die Bühne. Man kann es nicht auf der Hinterbühne machen, da müssten wir extra eine Kabine bauen und die ganze Anlage, die Sendeteile usw. müssten umgebaut werden.

KMN: Herr Huber, dann wünschen wir dem Schauspiel Leipzig viel Erfolg mit seinem neuen Publikum und vielen Dank für das Gespräch.