14.06.2014

Autor*in

Joachim Sauer
Kommentar

Atypische Beschäftigung im Kulturbereich

Die Themen Entgrenzung und ständige Erreichbarkeit haben wir bereits in unserem aktuellen Magazin mit dem Themenschwerpunkt Freizeit beleuchtet. Joachim Sauer, Präsident des Bundesverbands der Personalmanager (BPM), berichtet nun für Kulturmanagement Network über die berufliche Situation von Freelancern im Kulturbereich und zeigt mögliche Alternativen auf.
2007 erhielt eines der bekanntesten Berliner Museen den Goldenen Raffzahn, einen Schmähpreis, der für unfaire Praktika verliehen wird. Eine ausgebildete Historikerin sollte ein halbes Jahr unentgeltlich für das Museum arbeiten und die Nutzungsrechte an ihren Arbeitsergebnissen komplett abtreten. Urlaub und Krankengeld waren nicht vorgesehen. Ein Leuchtturm der deutschen Kulturlandschaft beschäftigt zu prekären Konditionen.

Derartige Beschäftigungsbedingungen sind in der Kulturwirtschaft keine Seltenheit. Geringe Kulturbudgets und ein nicht nachlassender Zustrom an motivierten AbsolventInnen geisteswissenschaftlicher Studiengänge schaffen ein Umfeld, in dem Arbeitgeber ihren Einfluss auf dem Bewerbermarkt voll ausspielen können. Während andere Branchen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben und Nachwuchskräfte bereits im Hörsaal umworben werden, gestaltet sich der Berufseinstieg für GeisteswissenschaftlerInnen häufig schwieriger. So hatten nach einer Befragung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) ein Jahr nach Studienabschluss nur etwa 40 Prozent der AbsolventInnen einen regulären Job. Da die Sachkostenetats in Kultureinrichtungen häufig fix sind, wird der Rotstift an die Personalkosten angesetzt. Tätigkeiten im Kulturbereich, die früher sozialversicherungspflichtige Beschäftigte mit unbefristeten Verträgen erledigten, werden heute oftmals an freie MitarbeiterInnen vergeben. Auf diese Weise entfällt nicht nur der Kündigungsschutz, sondern auch und die Pflicht des Arbeitgebers, Sozialabgaben zu entrichten.

Aufgrund des Mangels an adäquaten Stellen müssen sich Kulturschaffende und KulturmanagerInnen deshalb häufig in unsicheren Arrangements einrichten. Ob als Volontäre, MinijobberIn oder ProjektmitarbeiterIn auch hier sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Die meist projektbezogene Förderung im Kulturbereich verstärkt den Trend zu befristeten Jobs. Mangels Alternativen entscheiden sich einige GeisteswissenschaftlerInnen für den Weg in die Selbstständigkeit und bieten ihre Dienste als Freelancer an. Dabei bleibt allerdings häufig die soziale Absicherung auf der Strecke. Selbstständige müssen die Kosten der sozialen Sicherung selbst tragen. Nach Angaben der Künstlersozialkasse, die nur selbstständige KünstlerInnen und PublizistInnen aufnimmt, betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen ihrer Versicherten 2013 rund 14.600 Euro. Unter diesen Bedingungen fällt es schwer, auch noch privat für die Rente vorzusorgen. Die Selbstständigkeit verspricht zwar größere Selbstbestimmung und kreative Selbstverwirklichung, hat jedoch auch Schattenseiten: die starke Abhängigkeit von der Auftragslage, das instabile und oftmals geringe Einkommen sowie die starke zeitliche Beanspruchung. Zudem lassen sich Arbeits- und Privatleben bei freien Kulturschaffenden oder Kulturmanagern immer weniger voneinander trennen.

Die Entgrenzung von Arbeit ist jedoch nicht nur in der Kreativwirtschaft ein Top-Thema. Aus meiner Arbeit im Präsidium des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) ist mir die Diskussion vor allem unter dem Stichwort ständige Erreichbarkeit wohlbekannt. 2012 forderte die damalige Bundesministerin von der Leyen beispielsweise eine Beschränkung der Erreichbarkeit von ArbeitnehmerInnen durch Handy und E-Mail. Die Gewerkschaften legten mit der Forderung nach einer Anti-Stress-Verordnung nach. Globale Verbote helfen uns aber nicht weiter. Stress wird von jedem anders empfunden. Viele Menschen schätzen Arbeitsmodelle, die ihnen Flexibilität abverlangen dafür aber auch ein großes Maß an Freiheit zugestehen.

Freischaffende Künstler und Kulturmanager, die sich nach stabileren Arbeitsbedingungen sehnen, steht immer noch der Weg in die Privatwirtschaft offen. Zwar gibt es kaum Stellenausschreibungen, die sich direkt an GeisteswissenschaftlerInnen richten, doch problemorientiertes Denken und die Fähigkeit zum Wissensmanagement sind auch in Unternehmen gefragt. Beschäftigte in der Kulturwirtschaft zeichnen sich zudem besonders häufig durch eine hohe intrinsische Motivation aus. Allerdings müssen GeisteswissenschaftlerInnen in der Privatwirtschaft ihre Nische finden und ihr Profil entsprechend der Anforderungen des Arbeitsmarktes schärfen sei es im Projektmanagement, in der Öffentlichkeitsarbeit oder in betriebswirtschaftlichen Fragen.

Zuletzt sei noch ein Appell an die Kulturinstitutionen dieses Landes gerichtet, trotz angespannter Haushaltslage solide Personalarbeit zu leisten. Sicher ist es im Kulturbereich nicht möglich, exorbitante Boni zur Mitarbeiterbindung auszuschütten. Viele personalpolitische Instrumente verschlingen jedoch kein Vermögen. Eine aufrichtige Feedback-Kultur und flexible Arbeitsmodelle tragen manchmal mehr zum Employer Branding bei als aufwendige Personalmarketingkampagnen.
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